Die Sowjetmacht knüpfte bei der Kooperation
von Bauernwirtschaften daran an. Sie war mit der feierlichen
Vergabe des nun verstaatlichten Grund und Boden an staatlich
gelenkte Kooperativen verbunden. Auch eine Art Obschtschina, vom
Staat instrumentalisiert.
Die Geschichte bleibt relevant. Die Duma tat
sich mit dem neuen Gesetz schwer. Es wurde erst in vierter Lesung
angenommen. Seine Gestaltung entspricht nicht dem Verlangen der
radikalen Reformer nach totaler Vermarktung von Grund und Boden.
Die landwirtschaftlich genutzten Großflächen sind vorläufig aus
dem Verkehr genommen.
Trotzdem kommt auch dieses Gesetz manchen lange
vorgetragenen Wünschen entgegen. Darunter denen des Bankkapitals.
Es drängte schon lange darauf, Grund und Boden handelbar und
somit auch beleihbar zu machen. Die Bauernwirtschaften sollten
ihre Felder und Wiesen als Sicherheit anbieten dürfen. Und die
Banken diese behalten, wenn die Schulden nicht bezahlt werden
können.
Auch die Industrieinvestoren wollten das
Gesetz. Früher durften sie eine Fabrik kaufen, aber der Boden,
der zu den Werkhallen gehörte, blieb ihnen verwehrt. So fehlte
ihnen die Sicherheit. Oder sie taten so als ob.
Allerdings wird erwartet, dass die
Ausführungsbestimmungen den Verkauf von Grund und Boden an
Ausländer verbieten.
Der vor einem Jahr sanft gestürzte Zar Boris
Jelzin machte mehrere Anläufe, ein Gesetz über die Grund- und-
Boden-Privatisierung durchzusetzen, um seine westlichen
Gönner auch hierin zufrieden zu stellen. Im letzten Augenblick
kuschte er aber. Verständlicherweise, da sein Ansehen im Lande
ohnehin stark lädiert war.
Sein Nachfolger Putin kann sich das Gesetz
leisten. Er ist beliebt. Seine harte Hand.
Trotzdem wirbelt das neue Gesetz viel Staub
auf. Bezeichnenderweise verweigerte ihm die Dumafraktion der
Agrarier die Unterstützung. Die Abgeordneten verließen die Duma.
Für die Zeit der Abstimmung.
Putin wird es überleben.
27.1.01
2.Russische
Befindlichkeit
PRISTAWKIN
ÜBER KRIMINALITÄT
Im
Russischen Haus in Berlin stellte sich
Anatoli Pristawkin, ein in den Perestroikajahren viel (insbesondere
in der DDR) gelesener Schriftsteller, den Fragen des Publikums. Vor kurzem
machte er in Russland Schlagzeilen, da er seine Stimme gegen Auflösung
des von ihm geleiteten Begnadigungsausschusses erhob. Jetzt sollen die
russischen Gouverneure, denen selten ein mitleidendes Herz bescheinigt
wird, die todgeweihten Verbrecher
begnadigen. Pristawkin aber
erhielt als Trost das Ehrenamt des Präsidentenberaters.
Er
schockte das Publikum mit aussagekräftigen Daten. In Russland sitzen
zehnmal mehr Menschen ein als im übrigen Europa insgesamt (umgerechnet
pro Kopf der Bevölkerung ). Bis zu zwanzig Prozent der Russen hat
mindestens einmal aus dem Blechnapf gefressen.
Die
Ursachen der hohen Kriminalität? Die
traditionelle Grausamkeit der Staatsmacht, die den Menschen verbiesterte.
Auch die Verwahrlosung der Kinder (Dazu im Archiv die Seite "Matrjoschka
liest"). Diese wächst. Zur Zeit leben in Russland drei bis fünf
Millionen auf der Straße.
Ein Mehrfaches von der Menge unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In
dem Milieu breiten sich Drogenkonsum
und Alkoholmissbrauch aus.
Anatoli
Pristawkin kämpfte verzweifelt für die Abschaffung der Todesstrafe in
Russland. Zwar gelang es ihm nicht, den Widerstand der Staatsmacht zu
brechen, trotzdem wurde seit 1996 kein Todesurteil mehr vollstreckt. Bravo
dem Dichter, der nicht nur träumt! Die Holzpuppen verneigen sich tief vor
ihm.
WIE
EIN SATIRIKER RUSSLAND SIEHT
Er
heißt Wladimir Woinowitsch, lebt in München und Moskau. In seinem
neuen Buch vergleicht er die ehemaligen Sowjetmenschen
mit Tieren im Zoo. Gorbi hat die Käfige im Zoo geöffnet,
alle sind in die Freiheit gekommen, freuten sich und und tollten
rum. Besonders die Raubtiere. Die Grasfresser haben aber
schnell gemerkt, dass sie jetzt mehr bedroht sind, da
früher die Gitter immerhin einen gewissen Schutz vor den
Fleischfressern boten, die jetzt ungezügelten Appetit
entwickelten und das nachholen wollten, was ihnen früher entging. Deswegen
wollen manche Grasfresser zurück in die Käfige,
aber die gibt es nicht mehr.
Anm.:
Über Putins Beitrag zum Schutz der Grasfresser lesen Sie, wenn Sie oben
(in der horizontalen Reihe) die mittlere matrjoschka
anklicken.
DER
GLÄSERNE RUSSE
In
Moskau ist eine neue Zeitung im Handel. Ihr Name „Hinter Glas“ wurde
einer Fernsehsendung entliehen, die dem deutschen „big brother“ ähnlich
ist und in Russland Furore
machte. Sie geht in der Freude am Schlüssellochgucken noch ein
Stück weiter (auch die intimsten Bettvorgänge werden
preisgegeben). Der Bombenerfolg der Sendereihe animierte die
Zeitungsverleger. In der ersten Ausgabe sind aber Berichte zu lesen, die
nicht nur Voyeuren etwas
bieten. So der Beitrag „Wir sind alle hinter Glas“. Demnach werden 11
Prozent aller Bürger Russlands ständig von Geheimdiensten beobachtet. 32
Prozent verweilen täglich nicht weniger als zwei Stunden unfreiwillig
„hinter Glas“. Die Geräte
lassen sich in viele unauffällige Gegenstände einbauen, z.B. in Zahnbürsten.
Wenn ein beobachtungswürdiger Russe eine neue Wohnung bezieht, muss er
damit rechnen, dass mindestens zwei versteckte Kameras zur Ausstattung gehören.
Wenn er im alten Domizil
lebt, besorgen Klempner oder
Designer in Zivil die Dienstleistung. Auch die Durchsuchung von Wohnungen
in Abwesenheit der Hausherren steht auf der Tagesordnung.
„Meine
Wohnung ist voll von derlei Gerätschaften“, klagt der berühmt berüchtigte
Chef der „Liberaldemokratischen“ Partei Russlands ( NPD-Freund)
Wladimir Shirinowski, „Kaum hab’ ich welche rausgerissen, sind schon
neue da. Man lebt eben hinter
Glas“.
Anm.
Der Geheimdienstexperte des matjoschka- teams, Iwan Matrjoschkin, Esq.,
äußerte
dazu: „In der Sowjetzeit lebten ca. 100
Prozent hinter Glas. Jetzt weniger als ein Drittel. Wenn das kein
Fortschritt der Freiheit bedeutet, lege ich mein, von höchster Stelle
verliehenen Titel „Esquire“ nieder. Außerdem: Wenn man nichts zu
verbergen hat, nimmt man das Leben hinter Glas gelassen.“
12.12.01
BLAGOWESCHTSCHENSK.
Die Stadt liegt am Amur im Fernen Osten
Russlands, ganz dicht an der chinesischen Grenze.
Der für das deutsche Auge etwas schwierige
Name der Stadt heißt übersetzt die Stadt der frohen Kunde. Er
wird auf die Vorkommnisse im 17. Jahrhundert zurückgeführt, als
die russischen Kosaken zu dem Amur vorrückten und das Land,
früher unter chinesischer Kontrolle, dem russischen Reich
einverleibten.
Jetzt schlagen die Chinesen zurück. Auf ihre
chinesische Art und Weise. Indem sie die dünnbesiedelte Region
infiltrieren.
Sie kommen legal, zumeist aber illegal als
Händler, Schmuggler, Handwerker und sogar Heiratswilligen. Sie
nutzen die Käuflichkeiten der Behörden, das Elend der
Bevölkerung und die Sehnsucht der Mädchen, unter die Haube zu
kommen. Notfalls auch unter eine chinesische.
Der Handel (und der Schmuggel) über die Grenze
hilft den 250 000 Einwohnern, über die Runden zu kommen.
Ansonsten fällt die Stadt durch nichts auf.
Zwar votierten seine Wähler mehrheitlich für kommunistische
Bewerber um die Pöstchen in der Verwaltung, aber im
postkommunistischen Russland ist das keine große Ausnahme.
Vor wenigen Tagen nun geriet die Stadt in die
Schlagzeilen. Und zwar dadurch, dass hier die örtliche Abteilung
der neonazistischen Partei "Die russische nationale
Einheit" alle anderen politischen Gruppen zurückschlug.
Obwohl- oder vielleicht auch deswegen- die Equipe sich ganz
einschlägig gibt. In Uniform mit kaum abgewandelten Hakenkreuzen,
Hitlergruss und entsprechender Phraseologie.
Am 9.Mai, dem Tag, an dem in Russland der Sieg
über Hitler gefeiert wird, legte eine Abordnung am Denkmal für
die gefallenen Rotarmisten einen Kranz mit Hakenkreuz nieder.
Über eine solche Revanche lacht der Führer in der Hölle!
Allerdings hätte er den Slogan der braven
Burschen "Russland den Russen!" wohl nicht akzeptiert.
Die Erfolge der Nazinachahmer in
Blagoweschtschens werden zum Teil darauf zurückgeführt, dass der
reichste Unternehmer der Stadt Migulja sie großzügig fördert.
Sinnfälligerweise ist Migulja Besitzer der größten Bierbrauerei
der Region.
Die Wiedererstehung der Hitlerei ausgerechnet
in Blagoweschtschensk. In der Stadt, deren Name der Führer sicher
nicht aussprechen konnte. Und die etwa 15.000 Werst von der
ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" liegt.
Da wundert sich die Holzpuppe. Und
weiß nicht,
ob sie lachen oder weinen soll.
8.11.00
DIE MENSCHENRECHTE IN RUSSLAND: WER BEDROHT
SIE?
Putins Regime. Meint Sergej Kowaljew, ein
Menschenrechtsaktivist, der nicht allein in Russland wegen zu viel
Eifer schief angesehen ist. Ein von ihm geleiteter Verein
versammelte sich in Moskau, um die Menschenrechtssituation in
Russland zu erörtern. Nach Kowaljows Meinung ist sie sehr
prekär. Die sich etablierende Macht sei mit den demokratischen
und liberalen Werten genuin unvereinbar. Ihr Bild von Law und
Order hätten Putin und seine Equipe von der Lubjanka (ein Platz
in Moskau, wo der Gebäudekomplex der politischen Polizei steht)
in den Kreml mitgenommen. Ihre Vision sei der Polizeistaat, wo die
Legislative keine Bedeutung hat und das Individuum der Obrigkeit
ausgeliefert ist, fasste Kowaljow in seinem Vortrag zusammen.
Nach seiner Meinung bestehe das Schlimmste
darin, dass die meisten Russen, vom Gerede über die Freiheit
enttäuscht, der starken Hand keinen Widerstand leisten. Vielmehr
geben sie sich ihr masochistisch hin und drängen Putin, weiter zu
machen. Die Opposition sei zusammengeschrumpft und zerstritten.
Diskussionsteilnehmer warfen dem Westen vor,
der Demokratie in Russland nur verbale Anerkennung gezollt zu
haben. Dagegen genossen Staatsmänner wie Jelzin und Putin, die
höchstens eine demokratische Fassade wollten, politisch und
finanziell Unterstützung. Jetzt sei der Schlamassel da: Das
heutige Russland lasse sich mit Deutschland anno 1932 durchaus
vergleichen. Wurde das Ergebnis der vielgepriesenen Transformation
des Sowjetsystems etwa absichtlich herbeigeführt?
Polit.ru. 21.1.01
MENSCHEN OHNE VORURTEILE (ZU DEN NEUESTEN
MEINUNGSUMFRAGEN IN RUSSLAND)
Siebzig Jahre lang (1918 bis etwa 1988) war die
Geheimpolizei in Russland (bzw. in der SU) für jede öffentliche
Kritik tabu. Was sie auch anstellte, in der Presse wurde sie, wenn
überhaupt, nur lobend erwähnt. Erst Perestroika und Glasnost
änderten das. Iwan-Normalverbraucher wurde schwarz auf weiss,
bzw. auf dem Bildschirm eine erschreckende Geschichte des Terrors
vorgeführt.
Wer aber damit rechnete, die Entlarvungswelle
löse einen lang wirkenden Schock aus und mache den Russen den
Geheimdienst suspekt, der hatte auf Sand gebaut. Nach jüngsten
Umfragen des WZIOM, dem führenden russischen
Meinungsforschungsinstitut, billigen 44 Prozent der Russen das in
letzter Zeit erfolgte Vorrücken der Geheimdienstler in höchste
Staatsämter. Bedenken äußerte die Minderheit (35 Prozent ).
Die Befragten über vierzig, die es besser
wissen müssten, schätzen die Qualitäten der russischen James
Bonds besonders hoch. Sie sind entschieden dafür, das Geschick
Russlands den "Männern mit heißen Herzen und sauberen
Händen", so der Gründer des sowjetischen Geheimdienstes
Dzershinski, anzuvertrauen. Je höher der Bildungsgrad und der
Wohlstand der Befragten, desto höher die Akzeptanz.
Bemerkenswert auch ein anderes Ergebnis der
Oktoberumfragen. Die meisten Befragten (48 Prozent) sprachen sich
dafür aus, die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, der Regie
des Privatkapitals zu entziehen. Nur eine Minderheit fürchtet
sich vor der staatlichen Kontrolle im Medienwesen.
Logischerweise bleibt die Popularität von
Präsident Putin unverändert hoch. Trotz seiner
Geheimdienstvergangenheit und seines Vorgehens gegen die
Medienzaren. Oder vielleicht gerade deswegen?
Polit.ru, 23.11.00
MOSKAU: WENIG BROT, VIEL SPIELE
Polit.ru bringt die Ergebnisse der jüngsten
WZIOM-Umfrage. Traurige Resultate: Jeder zweite Russe meint, seine
Lebensqualität gehe weiterhin zurück, Rechtsschutz existiere nur
in flotten Sprüchen Putins von der Diktatur des Gesetzes, der
Militärdienst der Söhne sei gefährlich und sinnlos geworden. In
den letzten zehn Jahren wurde jeder Dritte polizeilich oder
gerichtlich belangt und dabei, wie vier von fünf meinen,
ungerecht behandelt.
Die Lebenslust scheint aber trotzdem
ungebrochen zu sein. An der Moskwa läuft z.Z. eine
"Theaterolympiade", eine Volksshow von nie gesehenem
Ausmaß. Auf dem Platz vor dem Bolschoi Theater wurde ein
künstlicher See angelegt: der "Schwanensee" aus dem
berühmten Ballett. Alle Theater zeigen neue Aufführungen. Viele
Schauspielertruppen gehen auf die Strasse und spielen gratis.
Berühmte Theaterleute aus der ganzen Welt geben sich die Klinken
der Luxushotels in die Hand. In den Gaststätten gibt es
rauschende Feste.
Das Motto heißt shoking. Zwar hängen an den
Seilen quer über die Strassen stilisierte Porträts des
berühmten russischen Dramatikers, Anton Tschechow ("Drei
Schwestern", "Onkel Wanja", "Die Möwe").
Er verkörperte die Tradition der dezenten Zurückhaltung und
althergebrachten Anständigkeit des russischen Intellektuellen.
Auch rein äußerlich: mit Kneifer, gepflegtem Spitzbärtchen,
einer Fliege am weißen, gestärkten Hemd. Dennoch wetteifern
seine Urenkel auf der Bühne und in den Printmedien in der
Darstellung der Ausgelassenheit. Die Lieblingssujets der Newcomer,
die um ihren Platz im Establishment ringen: Drogensucht, sexuelle
Perversionen, Mord. Wenn ans klassische Welterbe angeknüpft wird,
dann nur, um es hemmungslos zu modernisieren.
Das alte Rom, kurz vor dem Ende? Das Festgelage
während der Pest?
24.4.01
SHIRINOWSKI SCHOß WIEDER DEN VOGEL AB
Der Chef der russischen Freien Demokraten (mit
der zahmen FDP wenig gemeinsam) reichte in der Duma eine
Gesetzesvorlage ein, wonach den Russen die Vielweiberei
ermöglicht werden soll. Allerdings soll die Zahl der Ehefrauen
auf vier begrenzt werden und der Ehemann muss einen Ärztebefund
über seine Zeugungsfähigkeit vorlegen. Der Zweck der
Vielweibereizulassung bestünde darin, der Gefahr des weiteren
Absinkens des Anteils der ethnischen Russen in der Russischen
Föderation vorzubeugen. Denn die muslimischen Völkerschaften
Russlands (etwa 20 Prozent der Bevölkerung) produzieren dank der
nach dem Koran zulässigen Vielweiberei viel mehr Kinder als die
monogamen Russen.
Gazeta.ru. 30. 9.2000
Anm.v.M.: Als überzeugte Frauenrechtlerin
verurteilt die Holzpuppe die Gesetzesinitiative des russischen Enfant terrible, der mit seiner von Kennerinnen stark
angezweifelten Lendenstärke prahlt.
Liebe Matrjoschka,
der Gesetzentwurf des Herrn Schirinowski (sieh
den folgenden Bericht.-M.) ist genial, aber sollte ergänzt
werden. So durch die schlagartige Erhöhung der Löhne der
russischen Ehemänner. Manch eine Frau kann einen Ehemann arm
machen (weiß dies aus Erfahrung), erst recht drei.
Dann darf gegen die Geschlechtergleichheit
nicht verstoßen werden Wie wäre es mit Vielmännerei für
Frauen? Drei Gatten - Haupt -Lieblings -u. Nebengatte?
Ja, manche russischen Politiker kommen schon
auf skurrile Gedanken. Sogar in der Zeit, wo die Vernunft mehr
denn je gefragt wird.
M.-Freund
RAF IN RUSSLAND?
In Moskau wurde Eduard Limonow verhaftet, der
berühmt berüchtigte Schriftsteller und Anführer einer radikalen
Zwergpartei, die sich national-bolschewistisch nennt. Zusammen mit
Gesinnungsgenossen soll er umfangreiche Waffenlager angelegt
haben, gewissermaßen als Vorbereitung zur Machtübernahme in
Russland. Limonow und Co. schließen nämlich einen Einsatz von
Gewalt und Terror zur "Bolschewisierung" Russlands nicht
aus.
Obwohl sie behaupten, es gehe ihnen um die
Abschaffung des Kapitalismus und die Absicherung der
Unabhängigkeit Russlands und der Begriff Bolschewismus eher auf
Linkstendenzen schließen lässt, vermittelt die eingehendere
Lektüre von Limonows Pamphleten den Eindruck, die verschworene
Gemeinschaft schöpft ihre Inspirationen aus der Ecke von
Mussolini und Goebbels. Limonows Anhänger kündigen
Protestaktionen gegen seine Verhaftung an.
Nach Gazeta.ru 16.04.01
EIN RUNET-AUTOR (A.KABAKOW) ÜBER DIE
BEFINDLICHKEIT DER RUSSEN
Wie ich den Sommer verbrachte
Zu meiner Zeit begann mit dieser Frage in den
mittleren Schulklassen ein Pflichtaufsatz, der das Schuljahr
einläutete. Der letzte Satz lautete in der Regel: "Müde,
aber zufrieden kamen wir zu Hause an."
Mittlerweile kommen wir nach den Sommerferien
nicht mehr zu Hause an. Denn das Land ändert sich in der Regel so
schnell und stark, dass wir es nicht wiedererkennen. Auch nach
einem Sommer nicht.
Wir haben uns auch daran gewöhnt, unsere
Müdigkeit nicht wahrzunehmen und sind selten mit etwas
zufrieden...
Aber zurück zum Schulbeginn. Eingeschult
wurden jene, die 1993 zur Welt kamen, im Jahr des letzten
russischen Aufstands, sinnlos wie immer, aber glücklicherweise
nicht so grausam wie die vorangegangenen. In die zehnte Klasse
kamen diejenigen, die noch unter der Sowjetmacht eingeschult
wurden. Somit trennt uns von der Zeit, die uns jetzt
prähistorisch scheint, nicht mal eine Schulgeneration.
Das, was sich in den zurückliegenden drei
Sommermonaten ereignet hat, würde in ruhigen Zeiten für ein
ganzes Lebens ausreichen. Bei einer solchen Intensität des
Geschehens begreift man erst hinterher, dass das Gewesene restlos
und für immer vorbei ist.
Jeden September hat man sich früher erzählt,
wie der Sommer war. "Und dann bin ich mit Freunden über den
Fluss ans andere Ufer geschwommen..."
Das Flüsschen heißt Stiks und viele Freunde
sind inzwischen am anderen Ufer.
Sicher verändert sich die ganze Welt schneller
als früher. Nehmen wir nur die Entwicklung der Computer und des
Internets, die in alle Poren des Lebens eingedrungen sind. In Russland aber gesellen sich noch einige Kleinigkeiten dazu, wie
beispielsweise die Ablösung der Gesellschaftsordnung und der sich
anschließende Schlag nicht nur auf die gegenwärtige eingefahrene
Lebensweise, sondern auch auf alte nationale Traditionen. Wohin
man blickt, überall Reste von Eckpfeilern, Ruinen der
Vorstellungswelt, schnell hochgezogene Neubauten von Meinungen und
Sitten.
Nehmen wir als Beispiel die Wohnung. Früher
war sie ein Traum oder ein Fluch. Jahrzehntelanges Warten auf die
Zuweisung, Intrigen, Familiendramen. Jetzt braucht man nur Geld,
um eine Wohnung zu haben. Für die Wohnung bezahlt man heute nicht
mehr mit Ehre und Gewissen, Anbiederung an die Gewerkschaftsbosse,
mit dem suchenden Blick in Richtung Chef. Die Wohnung hat eben
einfach ihren Preis. Sie hat nichts Sakrales mehr, unterscheidet
sich in nichts vom Auto, Fernseher oder von Jeans, nur ist sie
teurer... Man kann sich tausendmal sagen, dass es Zeit ist, sich
daran zu gewöhnen, aber die Genetik, nicht nur das Gedächtnis,
rebellieren. Und ein Leben ohne Defizit wird eben nicht als normal
empfunden. Was muss im Bewusstsein (noch mehr im Unterbewusstsein)
der Menschen vor sich gehen, die einen derart radikalen Einschnitt
der Beziehungen zu den Dingen erleben mussten? Dass wir alle noch
nicht verrückt geworden sind...
Niemand berichtet uns nie mehr von den
Arbeitserfolgen, stellt uns keine Mustermenschen mehr vor, die
Medien reden uns nicht mehr ein wie schön das Vaterland ist,
dafür werden wir ständig über Morde, Einbrüche und Erdbeben
unterrichtet! Was nutzt uns nun die Freiheit des Wortes? Wir
leiden unter Schwindsucht und werden dauernd mit kalten und nassen
Tüchern behandelt...
Jeder Gegenstand, jede Erscheinung, jeder Prozess wurden auf den Kopf gestellt, nein, eher umgekehrt, aber
wir haben sie doch ständig als Kopfstehende in Erinnerung! Wir
haben unser Leben doch ganz anders begonnen, und ungefähr die
Hälfte der jetzigen Bevölkerung hat den größten Teil ihres
Lebens ganz anders gelebt.
Unsere gegenwärtige Befindlichkeit ist schwer
zu definieren. Ich würde es mit den Worten "landesweite
Neurose in schwerer Form" tun. Und niemand kümmert sich um
die Kranken. Vor uns werden keine Unannehmlichkeiten verheimlicht,
was jeder Arzt aber empfehlen würde, man gibt uns keine Zeit für
Spaziergänge im Krankenhauspark und auch nicht für
Mittagsschlaf. Wir bräuchten Beruhigungstee, statt dessen die
nächste Sonderausgabe der Nachrichtensendung.
Die Volksgesundheit kann man nur bewundern.
Die, die vor uns das Glück hatten – die noch
das Jahr 1917 und die folgenden ruhmreichen Jahre erlebten- waren
doch in einer einfacheren Lage. Die Bourgeoisie und die verkommene
Intelligenz warteten auf die nächtlichen Besuche der Lederjacken,
und das lenkte sie stark von dem durch den allgemeinen Umbruch des
Lebens ausgelösten Stress ab. Die Kulaken, angefangen bei
Fünfjährigen, wurden in Taiga und Tundra verbannt. Frost und
Hunger ließen ihnen keine Zeit für nervöse Reaktionen. Das
Proletariat schaufelte Baugruben und glaubte solange an die lichte
Zukunft, bis es t zusammen mit dem Schubkarren tot umfiel. Und
niemand hatte Zeit, über den Bruch mit der Vergangenheit
nachzudenken. Alle versuchten, zu überleben. Eine Ausnahme
bildeten lediglich einige Weißgardisten, aber die Verdammten
genossen das Leben in ihrem Paris und versuchten, den alten
Phantomen nachzuhängen.
Der größte Teil von uns wird jetzt nicht
erschossen, nicht enteignet, nicht zum Holzfällen in die Taiga
verschickt. Und die Bevölkerung, die nicht abgelenkt wird von
ihrem eigenen Nervensystem, dreht durch. Man braucht sich doch nur
umzuschauen in seiner Umgebung.
Wir alle brauchen Heilung. Diejenigen, die die
Machtgewaltigen verrückt gemacht haben, und auch die vom
schnellen Geld berauschten. Die, die sechzehn Stunden am Tag
arbeiten und die Arbeitslosen. Diejenigen, die nichts unternehmen,
um uns aus diesem Jammertal herauszuführen, und die neuen
Materialisten, die bereits ihr menschliches Wesen eingebüsst
haben.
Man kann natürlich auf die Heilung verzichten
und auf ein Wunder hoffen. Schnupfen vergeht bekanntlich von
selbst in einer Woche, bei intensiver Heilung nach 7 Tagen. Doch
ich befürchte, wir haben keinen Schnupfen. Und wenn wir alles
schleifen lassen, holt uns der Teufel.
10.09.2000
EIN MOSKAUER LITERAT BESINNT SICH AUF DIE
REALITÄT
Er heißt Alexander Kabakow und schreibt für
Gazeta ru:
In letzter Zeit fällt mir immer wieder ein
ausgeleiertes Zitat ein. Wie oft schon fragte ich mich, wie der
Dichter die Situation für viele Jahre hinaus vorhersehen konnte,
als er hellseherisch schrieb: "Wir leben, ohne unter uns das
Land zu spüren..."
Es musste erst der Oktober des Jahres 1993
kommen, damit wir begriffen, dass wir, die zu allem bereit sind,
nur um eine Rückkehr der Sowjetmacht zu verhindern, eine kleine
Minderheit im Land sind. Auf einmal wurde uns damals klar: Die
Kommunisten waren in der SU Volksmacht. Wie sie behaupteten und
wir nicht glauben wollten. Welche Ergebnisse alle späteren
"demokratischen" Wahlen auch brachten, echte Demokratie
herrschte in Russland, als es Wahlen ohne eine Wahl gab. Als man
am Wahltag um sechs Uhr in der Frühe zum Urnengang aufstand,
danach in einem Gärtchen hinterm Kulturpalast mit einer
mitgebrachten Flasche Selbstgebrannten und der vom Büfett im
Wahllokal gekauften, kaum genießbaren Wurst feierte. Und jene
wenigen Prozente, die uns 1996 vor dem Sieg der Werktätigen
bewahrten, spiegelten in keiner Weise die Wirklichkeit. So richtig
überzeugend war es erst im März dieses Jahres, als den lahmen
und vorsichtigen Kommunistenchef der viel sowjetischere Kandidat
vom KGB besiegte.
Doch wir lernen wohl niemals. Wir spüren unser
Land unter uns auch heute nicht. Und wenn wir die Stimme des
Volkes hören, dann nur als dumpfes Getöse, ohne einzelne Worte
zu verstehen...
Hierzu ein Bericht von einer Unterhaltung mit
einem Mann von der Straße. Sie setzte bei der Nationalhymne an,
denn im Autoradio wurde gerade berichtet, der Petersburger
Gouverneur Alexandrow könne zwar noch die alte sowjetische Hymne,
nicht aber die neue russische. Der Mann steckte sich eine
Zigarette an, stierte stur geradeaus, plötzlich trat er wie
verrückt das Gaspedal seines klapprigen "Wolgas" und
äußerte sich in dem Sinne, dass es Scheiße ist, darüber zu
diskutieren. Alle sangen die sowjetische Hymne von der
unverbrüchlichen Union und es gab die Union. Jetzt ist es
schlimmer als im Puff.
Das weitere Gespräch verlief nach dem
üblichen Muster, meine Argumente brauche ich also gar nicht
anzuführen. Sein Teil des Dialogs sagt alles: Klar, Wurscht gibt’s
jetzt an jeder Ecke, aber scheiß drauf, wenn sie keiner kaufen
kann. Ich hab eine Tante in der Gegend bei Tula, die haben schon
lange kein Brot mehr gesehen. Unter Breshnew hatten wir immer
Wurst. Unser Nachbar hat im Lebensmittelgeschäft die Lieferungen
ausgeladen, da haben wir zu Feiertagen immer Kochschinken mitgehen
lassen. Alle hatten volle Kühlschränke. Und wer kauft das jetzt
? Nur die Schwarzärsche aus dem Kaukasus. Früher brachten sie zu
Neujahr Mandarinen und verkauften sie zu überhöhten Preisen ,
jetzt ist ganz Moskau in ihrer Hand. Klar, gebaut wird, aber
scheiß drauf, alles nur Bankhäuser, und wir wohnen immer noch in
dem Loch in der Vorstadt, wie vor vierzig Jahren. Und renoviert
wurde schon ewig nicht. Und was zeigt die Glotze? Amerikanische
Filme und Musik... Und Beresowski lochen sie auch niemals ein, und
auch die anderen nicht, die dem Volk alles gestohlen haben. Aber
unsrem Nachbarjungen brummten sie acht Jahre auf, weil er sich mit
so einem kaukasischen "Schwarzarsch" geprügelt hat. Der
andere kriegte nichts und er acht Jahre. Unsere eigenen Sachen
sind viel besser, verkauft werden aber nur die aus der Fremde...
Jetzt platzte ich beinahe vor Wut, denn sein
"Wolga" hielt das Tempo nicht durch, machte ein paar
Sprünge und hätte fast seinen Geist aufgegeben, doch er riss das
Lenkrad herum und wir stuckerten weiter, überholt von
Straßenkreuzern und ausgedienten Volkswagen. "Aha, unsere
Autos sind also auch besser?" fragte ich. "Früher haben
unsere eigenen Leute sie zusammengebaut. Mein Wolga hat 28 Jahre
auf dem Buckel. Jetzt stehen im Autowerk die Vietnamesen am
Fließband, und die machen Scheiße! Meinen Wolga würde ich nie
gegen eine Importmarke eintauschen. Hab‘ das ganze Frühjahr an
ihm herumgebastelt".
Ich gab auf. Er punktete in allen Positionen,
weiter zu streiten, war sinnlos. Er lebte in seiner Welt. Da war
alles gut, da gab es die echte Volksmacht, Renten wurden
ausgezahlt, Gagarin in den Himmel geschossen, zu Feiertagen
Lebensmittelpakete verteilt und an Wochentagen konnte man alles
unter dem Ladentisch haben, das Parteikomitee legte die
Warteschlange für Wohnungs- und Autosuchende fest, Bestarbeiter
durften in die Tschechoslowakei fahren und der Frau ein paar
Strumpfhosen kaufen, für sich selbst eine Steppjacke, das war das
richtige Leben. Kein Scheißkerl aus dem Ausland überholte ihn
mit seinem Straßenkreuzer, die Verkehrspolizei hat ihn höchstens
mal an den Straßenrand gedrängt, damit die Bonzenlimousinen
vorbeirauschen konnten. Aber das kränkte ihn nicht, denn darin saßen genau solche wie er,
bloß mit viel mehr Glück im Leben.
Auch Faulpelze, auch Diebe, auch versoffene Kerle, eben solche
wie er, nur Chefs, so fühlte er es doch. Da war alles richtig
eingerichtet. Genau so wie er es selbst eingerichtet hätte. Wenn
er hochgekommen wäre, würden die Verkehrspolizisten andere an
den Straßenrand quetschen und er säße im Bonzenwagen...
"Wann bist Du eigentlich geboren,
Chef?" fragte ich. "Sechzig". "Und woher hast
Du den "Wolga" Baujahr 72?" "Vom Vater. Bekam
er auf der Arbeit zugeteilt." "Und wieso weißt Du so
genau, was zu Breshnews Zeiten war" bohrte ich fast schreiend
weiter. Du bist ja zu Breshnews Zeit erst ein Kind gewesen, das
die Windeln vollgeschissen hat , Du, fuck you...!!!"
Er rauchte wortlos, zerkrümelte dann ein
Mundstück im vollen Ascher und sagte:" Was gibt’s da zu
erinnern, das weiß doch jeder. Früher war das Leben gerecht, und
jetzt? Was Du verdient hast, ist deins. Nur das, keine Kopeke
mehr. Ist das ein Leben?".
Damit war alles klar. Sie singen immer noch
ihre Hymne, hoffen auf ihre Gerechtigkeit. Umfragen zeigen, 70%
sind für sowjetische Musik. Und zum ersten Mal seit zehn Jahren
scheint es ihnen, es gebe Hoffnung.
So erreichten wir in unversöhnlicher
Klassenfeindschaft das Ziel. Dort erhielt er meinen Fünfziger und
sauste ab in seine lichte Zukunft.
21.11.00
BILDER AUS DEM VOLKSLEBEN AUS PERM
( Anm v. m.: Perm- eine Industriestadt westlich
des Urals).
1.An der Bushaltestelle. Eine Riesenschlange.
Ein stattlicher Herr im exquisiten bodenlangen Ledermantel sticht
aus der Menge einfacher Leute ab. Der überfüllte Bus kommt. Mit
aller Gewalt quetschen sich noch ein paar Menschen hinein. Als
Letzter versucht ein schlottriger Obdachloser in zerschlissener
Wetterjacke, sich in die gepresste Volksmasse hineinzuwinden. Der
Fahrer lässt die Tür offen und wartet, bis der arme Schlucker es
schafft oder auf den Bürgersteig fällt.
Da packt der stattliche Herr im Ledermantel,
der seine teure Zigarre zu Ende geraucht hat, plötzlich den
Obdachlosen am Kragen und schleudert ihn einige Meter weit von der
Bustür, schiebt mit der Kraft seines gewaltigen Körpers die
Passagiere enger zusammen und stellt sich in die freigeräumte
Lücke.
Die Tür schlägt zu. Der arme Schlucker
winselt vor Schmerz, flucht, was das Zeug hält. Dann sieht er, dass ein großes Stück vom teuren Ledermantel des stattlichen
Herrn aus der zugeschlagenen Bustür heraushängt. Rasch kramt
er sein Taschenmesser hervor und zerschneidet sichtlich begeistert
den Mantel des Beleidigers. Er schneidet ziemlich lange und
produktiv, denn der Bus steht immer noch, weil der Fahrer diese
gerechte Volksrache im Rückspiegel genüsslich beobachtet und
Zeit lässt, sie zu Ende zu führen...
2. Auf dem Bauernmarkt. Eine in teurem Pelz
gehüllte Dame sucht an Verkaufstischen sorgfältig Obst aus. Ein
Jeep fährt vor. Heraus springt ein ortsbekannter Dieb in
Trainingshosen. Selbstvergessen knackt er Sonnenblumenkerne
zwischen den Zähnen. Die Schalen spritzen nach allen Seiten wie
Scheiße von Vögelchen am Himmel. Der Dieb drängelt sich zum
Stand, wo die feine Dame einkauft. Eine Schale landet auf den
Pelz.
Die Dame nimmt mit ihrem Spitzentuch die
Schale, als wäre es eine Kakerlake oder eine Wanze und wirft sie
in den Müllcontainer. Mit dem Tuch zusammen, versteht sich.
Der Dieb reagiert sofort. Mit dem rechten Fuß
versetzt er der Dame einen Stoß, nicht stark, aber theatralisch
Dann zieht den rechten Sportschuh aus und schmeißt ihn in
denselben Müllcontainer. Auf einem Bein hüpft zum Jeep, springt
rein und schleudert auch den linken Schuh aus dem Fenster.
(Wladimir Tutschkow. Vesti. ru. 16.12.2000)
DIE RUSSISCHE WANDERLUST
Durch Vermittlung eines deutschen Freundes
erhielt die reiselustige Matrjoschka eine bebilderte Email aus
Nowosibirsk. Der Absender heißt Stanislaw, Beruf- Geologe. Da er
des Deutschen nicht mächtig ist, schrieb er Englisch. Hier
Fragmente seiner Email. Zuerst aber seine Abbildung.

I hardly write in English, therefore my letter
is short. The frosts almost didn’t touch us, because we were
close to the border of a Great Polar Anticyclone. Only 9 days the
temperature was lower than –40 degrees Centigrade, from the 30th
of December till 8th of Januarys. The lowest temperature was –48оС.
And in Kemerovo (it is in 250 km on Northeast from Novosibirsk) a
frost stood almost 3 weeks and reached –57оС. The
border of an anticyclone was almost tangible and placed between
Rubtsovsk, where
temperature was -39оС and East Kazakhstan, where the
temperature was -8оС and the strong blizzard occurred.
The difference between MAX and MIN
temperatures, on distance of 80 kilometers, was thirty degrees.
Snows this year has dropped out more than three annual norms, and
on Altay it is even more, so houses there were overlapped above
than roof. The automobile connection interrupted, in Novosibirsk
area, on short time. But such frosts are not so large events in
our life, though some discomfort we have, of
cause. But the life does not stop.
After taking a trauma , I could not traveling
on a bicycle to Western Europe in the summer. I reached only the
Volga river, near Ulyanovsk city (Simbirsk – the birthplace of
our pastfurer Lenin). Else our institute’s expedition (and me)
has visited foothills of East Sayan in Irkutsk area, in august
2000, and of cause, I spend my vacation on the Lake Issyk-Kol. I
didn’t climb on mountains because I was afraid of my injured
leg.
Anm. v. m. Die Strecke, die der Absender per
Drahtesel trotz seines lädierten Beins zurücklegte, ist
schätzungsweise kaum kürzer als die von Berlin bis Lissabon.
13.2.01
3.
Armut und Reichtum in Russland
PUTINA
GING MIT CHODORKOWSKIJ EIN VERHÄLTNIS EIN
Unter
diesem gewollt
anzüglichen Titel brachte eine
skandalumwitterte Runet-Zeitung einen Bericht, wonach sich die in
jeder Hinsicht tugendhafte
Ludmila, Ehefrau des russischen Präsidenten, mit einem russischen
Ölmagnaten eingelassen hätte. Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken.
Von dem Draufgänger Michail Chodorkowskij will sie nur eins: Er
soll ein wunderbares
Gut am Schwarzen Meer im Nordkaukasus, das er sich
in Jelzins Ära unter die Nägel gerissen hat, zurückgeben. Sie
wolle es für
den Urlaubsspass „auf dem Bauernhof“ nutzen, berichtet die Runetquelle.
Der Oligarch, auch ein Naturfreund,
ist wütend. Unter seinesgleichen wirbt er um Unterstützung. Wohin
kommt das reformorientierte Russland, wenn alles, was unter Putins Vorgänger
dem Staat geraubt wurde, zurückerstattet werden soll? - fragt er empört,
allerdings nicht ganz genau in dieser Formulierung.
Nach seinem Verständnis verliere dann rückwirkend die
stattgefundene Systemtransformation
ihren höheren Sinn.
Nun,
das letzte Wort hat gewiss der Ehemann. Gerade in diesen Tagen bewies er,
dass er nicht nur als Ringkämpfer versteht, wie man jemanden auf dem
Teppich umwirft. Und zwar, als er den russischen Eisenbahnminister
Akssjonenko feuerte, der zu dem
Clan der Nutzniesser der Reform gehört,
unter Jelzin geradezu allmächtig geworden.
Andererseits
soll Putin ein richtiger Macho sein, der seiner Frau
Einmischung in Staatsangelegenheiten verwehrt. Schade, meinen die
neun Holzpuppen, richtig so, meint dagegen Iwan Matrjoschkin, Esq., der
verzweifelt gegen die weibliche Übermacht kämpft.
EIN
GESCHENK VON VÄTERCHEN FROST
In diesem Jahr
finden Moskauer Kinder unter dem
Tannenbaum ein besonderes Geschenk. Ein vom Oberbürgermeister der
russischen Hauptstadt Juri Luschkow bestelltes und bezahltes Märchenbüchlein.
Es
ist ein Märchen besonderer Art. Ein Märchen, das die ganze Geschichte
der Menschheit erfasst. Von der Weltschöpfung bis zu unseren Tagen.
Vor
allem aber die Rolle Russlands in der Geschichte.
Eine
märchenhafte Rolle. Eine heroische Rolle.
Der
Märchenerzähler (vielmehr die Märchenerzählerin, als diese wurde eine
rührige, vielleicht ein wenig zu rührige Schriftstellerin ausgemacht)
will, dass die Kinder mit Stolz auf ihr Vaterland aufwachsen. Etwa nach
dem Motto, ich bin stolz, ein Russe zu sein.
So
kommen im Märchen die sieghaften russischen Recken und die
geschlagenen fremden
Übeltäter Russlands vor. Vorsichtshalber setzt die Märchenerzählerin
die Recken nicht mit realen Personen der russischen Geschichte gleich.
Mann kann ja nie wissen, wer
morgen seinen Lorbeerkranz noch trägt.
Die
Übeltäter sind dagegen mit Rang und Namen vorgestellt.
Z.B. ein gewisser Adolf, der Russland vernichten wollte. Ein
anderer „smei- gorynitsch“, also
die feuerspeiende Schlange, die in der russischen Folklore die
Rolle des Weltübels übernimmt, heißt hier Napoleon. Auch ihn ereilt die
wohlverdiente Abreibung.
Die
ewig mit dem Bestehenden und Erreichten unzufriedenen Runet- Kritiker
verweisen hämisch darauf, dass vieles in der russischen Geschichte
ausgelassen ist. Zum Beispiel: die Elektrifizierung des ganzen Landes
unter Lenin, die Erschließung der Atomenergie unter Stalin und die
Herstellung der verfassungsmäßigen Ordnung in Tschetschenien unter Putin.
Es wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass bald die zweite Auflage
erfolgt und die Lücken schließt.
Eine
durchaus berechtigte Hoffnung, weil die erste Auflage nur 10 000 Exemplare
zählt. Viel zu wenig, um allen Moskauer Kindern eine gehörige Portion
Vaterlandsstolz einzuimpfen.
Die
ganz gehässigen Kritikaster äußern, dass die Moskauer Stadtregierung
besser täte, das Geld in die Renovierung der Kitas zu stecken. Das hätte
der Erziehung im patriotischen Sinne viel mehr genutzt.
Das
sind selbstverständlich ganz
kleine Pinscher, wie ein deutscher Politiker ihre deutschen Geistesbrüder
einmal titulierte. Ihnen sei angeraten,
die Erfahrungen der Sowjetzeit zu studieren. Diese haben
gezeigt, dass die erfolgreichste Methode,
den Schwierigkeiten zu
begegnen, darin besteht, Märchen zu erzählen. Oder ganz vulgär ausgedrückt,
X für Y auszugeben.
Die
Holzpuppen möchten aber auch daran erinnern, dass echte, nicht von oben
bestellte russische Märchen nie dem chauvinistischen Dünkel verfielen.
Im Gegenteil, sie legten ein Wort für die
Demut ein. Und gaben den Kindern die Erkenntnis auf den Weg, dass
nicht unbedingt die Arroganz der Stärke
siegt.
Es
wäre schöner, lägen solche Märchen unter dem Tannenbaum in den
Moskauer Wohnungen. Aber offensichtlich hat Luschkow dafür kein Geld.
WERDEN DIE KALININGRADER LEBEN WIE
KÖNIGSBERGER?
In den nächsten zehn Jahren nähert sich der Wohlstand im Kaliningrader Gebiet (ehem.
Ostpreußen) dem in den
Ostseestaaten und wird etwa dreimal höher sein als in Russland.
Das erklärte der russische Vizepremier Viktor Christenko in
Luxemburg. In diesem Zusammenhang wies er auf ein Sonderprogramm
der russischen Regierung zur Entwicklung der Wirtschaft im ehem.
Königsberg hin.
M.meint: gut und schön.
Bloß warum sollen die
übrigen Russen dreimal schlechter leben als die in Kaliningrad
(Königsberg)? Und was, wenn sie sich auf die Beine machen und
nach Kalinigrad ziehen? Oder wird K. von Russland nicht nur durch
das litauische Gebiet, sondern auch durch einen Stacheldrahtzaun
abgeschirmt? Was würde dann der nächste Schritt sein?
16.4.01 Nach Vesti.ru
ADEL
Im Haus der russischen Kultur und Wissenschaft
in der Berliner Friedrichstrasse fand eine ungewöhnliche Begegnung
statt. Keines der dort oft praktizierten Treffen mit russischen,
bzw. deutschen Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern u.s.w.,
sondern eins mit der Russischen Orthodoxen Kirche. Repräsentiert
durch hohe Kirchenhierarchen und ihrem Gefolge. Alle in schwarzen
Kutten. Alle freundlich, kontaktfreudig, jovial.
Die Kirchenleute kamen aus Moskau, vom
Patriarchen Alexij dem Zwoten direkt. Sie brachten eine
Ausstellung der Kirchenkunst mit. Und zahlreiche Musiker. Es war
sehr lustig.
Und es wurde gegessen! Denn die orthodoxe
Kirche wollte vorführen, wie die Mönche in den russischen
Klostern tafeln.
Nicht schlecht, wie sich die eingeladenen
Berliner (M. war selbstverständlich dabei) überzeugen konnten.
Fleisch gab es allerdings nicht! In keiner
Inkarnation. Da ist die russische orthodoxe Kirche unerbittlich.
Fleisch essen sei eine Sünde. Auch wenn es nur eine simple
Bockwurst ist.
Fischessen ist aber fromm. Natürlich wenn es
Edelfisch ist. Zum Beispiel Lachse und Störe. Am besten leicht
gesalzen.
Und Kaviar. Rot und schwarz. Es gab viel davon.
Schuft ist aber, der denkt, an den reich
gedeckten Tischen herrschte primitive Völlerei. Nein, so war es
nicht!
Das hob ein eloquenter Mann in schwarzer Kutte
hervor. Geistreich setzte er den Gästen auseinander, dass
zwischen der Kultur eines Volkes und seinem Gotteskult ein enger
Zusammenhang bestehe. Nicht von ungefähr enthalte das Wort Kultur
das Wort Kult. Und zur Kultur gehöre auch Esskultur.
Darum gleiche das Haus der russischen Kultur an
diesem Tag der Kirche, der reichgedeckte Tisch einem Altar und der
Kaviarverzehr einem Gebet, schlussfolgerten die Gäste. Mit gutem
Gewissen verzehrten sie die Kirchengaben. Wie Heuschrecken!
Die Stimmung hob auch die Anwesenheit der
Repräsentanten des russischen Adels. Darunter der Fürst Andrei
Kirillowitsch Golizyn, Präsident der russischen Adelsversammlung
in Moskau, nicht mehr jung, aber noch sehr rüstig. Und die
majestätisch aussehende Großfürstin Leonida Georgiewna. Aus dem
Hause Romanows. Was allerdings nicht von allen Nachkommen der
russischen Zarendynastie so gesehen wird.
Ach, diese dynastischen Fehden!. Sie hinderten
die Gräfin N., Freunden dieser site gut bekannt, das Fest mit
ihrer Anwesenheit zu beehren. "Mit Romanows tafele ich
nicht!" sagte die Gräfin, die den russischen Thron diesen
streitig macht. Ihr Freund und Beschützer, der persische Prinz
M., tadelte ihr Verhalten mit den Worten:" Lieschen, mach
keinen Stunk!". Sie ließ sich nicht umstimmen.
Dafür kam ein echter deutscher Aristokrat,
Herzog Hugo von Oldenburg. Also aus einem Geschlecht, das mit dem
russischen Adel tausendfach verwandt und verschwägert war. Wie
übrigens viele Adelsgeschlechter Deutschlands, angeführt von den
Hohenzollern.
Wie schade, meint Matrjoschka, dass Deutschland
jetzt nicht mehr von Leuten mit gutem Stammbaum, sondern von
Proletariern regiert wird. Von all den Schröders und Fischers,
die sich kaum an ihre Opas erinnern können. Sonst wären
Deutschland und Russland (wenn auch dort nicht ein Putin, sondern
zum Beispiel die Gräfin N. regierte) echt befreundet. Oder
führten einen Krieg gegeneinander. Je nachdem...
Matrjoschka merkt, sie ist wieder in die
Politik abgerutscht und redet Unsinn. Das sind die Nachwehen des
Festes, wo der russische Kirchenwein Kagor floss. Sehr süffig...
So muss der Bericht aus dem Haus der russischen Kultur, Berlin,
Friedrichstrasse, abgebrochen werden. Schade...
5.12.00
DOLCE VITA IN MOSKAU
Die Moskauer lebten schon immer besser als die
anderen in Russland. So war es, so blieb es. Das bestätigt die
neue statistische Erhebung des Moskauer Bürgermeisteramtes.
Danach lebt nur jeder dritte Moskauer unter der Armutsgrenze. Außerhalb der Hauptstadt ist die Rate viel höher.
Das Bürgermeisteramt bescheinigt jedem
Moskauer, dass er im Jahr ...
62,2 kg Brot,
2,5 kg Gurken und Tomaten,
19,6 kg Zucker,
1 kg Kekse,
12,4 kg Rindfleisch,
4,4 kg Schweinfleisch,
13,3 kg Fisch,
8 kg Quark,
3,29 kg Salz
verspeist.
Auf einen Tag umgerechnet ergibt das:
172 g Brot,
36 g Fisch,
13 g Schweinefleisch,
7 g Gurken und Tomaten...
Nicht viel...
Dem Oberbürgermeister Luschkow fiel der hohe
Salzverbrauch unangenehm auf. Was salzen sie denn, fragte er und
ließ wissen, die Salzration könne ruhig um 400 g herabgesetzt
werden.
Ein anderes Ärgernis: über fünf Meter Klopapierverbrauch täglich. Bei der Nahrung!
In der Statistik fehlt leider ein Hinweis
darauf, was ein Moskauer namens Beresowski im Jahr
konsumiert...z.B. an Hummern.
16.9.2000
DAS RUSSISCHE WUNDER
(Ein Matrjoschka-Leser-Brief)
Auf den ersten Blick stellen die Statistiken
aus Moskau, die Matrjoschka angeführt hat, den Leser vor eine
schwierige Frage. Wie überleben die Moskauer, wenn sie so wenig
zu beißen haben? An sich hätten sie schon längst an Skorbut
sterben müssen. Bei dem bisschen Grünzeug am Tag!
Doch wer sich in Russland einigermaßen
auskennt, weiß die Antwort. Die Statistiken der Moskauer
Stadtregierung erfassen nämlich nur die im normalen Handel
erworbenen Lebensmittel. Aber die Russen haben sich den Umständen
angepasst. In der Sowjetzeit waren es die leeren Regale in den
Geschäften. Heute ist es das fürchterliche Missverhältnis
zwischen den Preisen und den Löhnen.
Es gibt wenig Moskauer Familien, die keinen
Gemüsegarten außerhalb haben. Die meisten ernten ihre
Kartoffeln, Gurken und Tomaten, sammeln Pilze, angeln Fische,
pflücken Beeren. Und halten sich damit über Wasser.
Daher die auffällig hohen Mengen Salz in der
Statistik ( Konservierung von Gemüse und Pilzen) und Zucker
(Konservierung von Beeren).
Die Russen sind nicht klein zu kriegen! Sie
verstehen sich zu helfen. Auch nach Einführung der heilbringenden
Marktwirtschaft durch die Herren Beresowskis.
Ein Russlandreisender.
18.9.2000
MATRJOSCKA-TEAM AUF DER INTERNATIONALEN
TOURISMUSBÖRSE
Es war schon ein Erlebnis, als
m+m+m+m+m+m+m+m+m+m-n die Internationale Tourismus Börse in
Berlin, genauer gesagt, die russischen Stände, aufsuchten. Ihnen
sprang der Fortschritt der russischen Tourismus-Industrie förmlich
ins Auge. Fünf-Sterne- Hotels, exotische Landschaften,
ausgefallenste Vergnügungen stehen dem Kunden offen. Einschließlich eine Reise zum Nordpol auf dem stärksten
Atomeisbrecher der Welt.
Ein exklusives Vergnügen, gewiss. Die
Veranstalter heben es hervor. Auch damit, dass sie den
Interessenten dringend empfehlen, vor Eintritt der Reise eine
Lebensversicherung abzuschließen.
Die Tour kostet eine Kleinigkeit von 20 Mille
pro Person und in USD.
Nicht jeder kann es sich leisten.
Allerdings sind auch weniger amüsante Reisen
nicht jedermanns Sache in Russland, sagte die zornige Matrjoschka,
die immer ein Haar in der Suppe findet. Bei den
Durchschnittslöhnen von etwa 100 USD pro Monat muss er schon
lange suchen, bis er ein passendes Angebot findet.
Die reiselustige Matrjoschka entgegnete, sie
hätte als junges Mädchen ganz Russland kreuz und quer
abgewandert, ohne viel Geld ausgeben zu müssen. Mit
Gleichaltrigen hätte sie gezeltet, am Lagefeuer gekocht und
gesungen, gesungen...
Damals durften sich allerdings die Ausländer
in Russland nicht breit machen, sagte die geschichtsbewusste
Matrjoschka. Sie wurden als Spione in spe behandelt. Nur in
wenige, besonders präparierte Städte reingelassen, durften sie
sich nur unter strenger Aufsicht bewegen. Und wenn einer seine
Kamera in Stellung brachte, dann musste er schon aufpassen, dass
vor der Linse keine Eisenbahnbrücke auftauchte, denn sonst lief
er Gefahr, nicht ganz freiwillig Gegenden aufsuchen zu müssen,
die nicht im Angebot von Intourist standen.
Jetzt aber gibt es in Russland nirgendwo
Auflagen für die zahlenden Gäste. Geh, wohin du willst, knipse,
was, du willst. Und auch ein kleines amouröses Abenteuer ist
erlaubt.
Und die Mafia?- fragte die mitteilsame
Matrjoschka eine sehr nette Dame am Intourist-Stand.. "Es
wird nicht so heiß gegessen, wie (in der deutschen Presse)
gekocht ", sagte die Russin mit süffisantem Lächeln. Wohin
unsere Gäste auch kommen, ob nach Moskau und Petersburg, um
Kunstschätze zu genießen, oder nach Tuwa an die mongolische
Grenze, um den Lamaismus zu studieren, Bären zu jagen oder Störe
zu angeln, brauchen sie um ihre Sicherheit nicht zu bangen.
Ähnliche Auskünfte gaben andere distinguierte
Damen, die an sich schon den Sieg der abendländischen
Zivilisation in Russland verkörperten.
Als sich die weiblichen Puppen darüber nicht
ohne Neid unterhielten, leistete sich der grobe Matrjoschkin
seinen nächsten Fauxpas. "Seht ihr denn nicht, was für
Vögelchen das sind? fragte er. "Alles Mätressen
hochgestellter Beamter! Seltener ihre Ehefrauen oder
Töchter." "Woher willst du das wissen?" fragten
die unangenehm berührten Matrjoschkas zurück. "In Russland
weiß jeder, wo der Hase läuft, sagte er. " Ein Bisschen
Englisch oder Französisch, schlimmstenfalls Deutsch, ein
ansprechendes Outfit und vor allem eine starke, behaarte Hand im
Verborgenen- und schon ist der lukrative Posten vergeben."
Die Puppen überführten Matrjoschkin der
Voreingenommenheit. Er wurde daran erinnert, dass er zum
wiederholten Male den Auftrag des Medienkonzerns "www.Matrjoschka-online.de"
vernachlässigt habe. Ihm wurde nämlich aufgetragen, zahlreiche
Holzpuppen zu fotografieren, die die russischen Stände
schmückten. Stattdessen richtete er seine Kamera auf Wodka-
Flaschen, die auch als Schmuck neben den Puppen standen. Das wäre
noch halb so schlimm, hätte er dabei nicht darauf insistiert, den
Inhalt der Flaschen probieren zu dürfen, wobei er sich auf den
angeblichen Usus der deutschen Kollegen berief. Die russischen
Damen sind aber nicht mehr so naiv, dass sie einem solchen Quatsch
glauben, abgesehen davon, dass Männer wie Matrjoschkin bei ihnen
nichts mehr zu suchen haben. So rächte sich der Zurückgewiesene
mit der Verbreitung rufschädigender Gerüchte.
Im Domizil des Konzerns bestand Matrjoschkin
auf der Veröffentlichung und folglich Bezahlung der einzigen
Aufnahme, die er mitgebracht hat. So kann sich der geneigte Leser
selbst davon überzeugen, was für einen miesen Pressefotographen
unser Team hat.
Von einer Leserin haben wir folgendes erhalten:
Hölzern, frech und ohne Takt,
dass einen das Grauen packt.
Kasatchatchok und ras dwa tri-
Matrjoschka, die lernt es nie.
Wie ein Flöckchen, rein und zart,
das ist nicht der Russen Art.
Mit dem Hammer und der Sichel
immer auf den deutschen Michel.
Lasst den armen Kerl doch leben,
dieser kann Euch so viel geben:
Freundschaft und Beständigkeit,
Witz und schlichte Herzlichkeit.
Anm. v. m.:Daraufhin wurde der Rat der Matrjoschkas
zusammengetrommelt. Er beschloss, allen Lesern kundzutun:
"Wir lieben sie. Alle. Alle Menschen in der Welt!".
12.12.2000
Eine erbauliche Geschichte zum 1. Mai, dem Tag
der Solidarität aller Unterdrückten
Als in Kemerowo (Sibirien) die Gouverneurswahl
stattfinden sollte, initiierte der aussichtsreichste Kandidat die
Aktion "Mama finde mich!" Es ging darum, ins Heim
abgegebene Kinder für ein paar Tage in normale Familien zu holen.
Ein Schriftstellerkollege empörte sich:
"Kannst Du Dir vorstellen, wie den Kindern zumute ist, wenn
sie in die Heime zurück müssen?" fragte er. "Bittere
Tränen werden fließen."
"Wenn sie in den Heimen bleiben",
sagte ich darauf, "haben sie nicht einmal etwas, weswegen sie
heulen können. Ich bin bereit, jeden Schweinehund zu wählen,
wenn er, aus welchen Gründen auch immer, etwas vorschlägt, was
einem unglücklichen Kind ein wenig Freude macht."
Tatsächlich führte die PR-Aktion "Mama,
finde mich!" dazu, dass einige Kinder nicht nur für ein paar
Tage abgeholt, sondern danach auch adoptiert wurden. Hurra! Von
mir aus sollen die Wahlen jeden Monat stattfinden. Hauptsache,
dass es jemandem davon besser geht.
Besonders Kindern.
Mehr Sinn sehe ich in der Demokratie, wie sie
bei uns ausgeübt wird, nicht.
...Einmal betrat ich das Gelände eines
Kinderheims und fragte ein kleines Mädchen auf dem Hof, wie ich
den Direktor finde. Es bot sich an, mich zu ihm zu bringen. Ich
wollte wissen wie das Mädchen heißt.
"Raten Sie mal!"
"Nadja."
"Nein, Marina. Aber wenn Sie wollen, bin
ich eben Nadja."
Wir gingen ins Haus. Marina fragte, ob sie mich
an die Hand nehmen darf. "Natürlich", sagte ich. Nach
ein paar Schritten fragte sie, ob sie auch meine andere Hand
nehmen darf.
"Wie sollen wir dann gehen, so an beiden
Händen angefasst."
"Wir müssen ja nicht gehen, wir bleiben
einfach stehen. Ich weiß, dass Sie nicht mein Papa sind,"
sagte das Mädchen und stockte: "Oder sind Sie doch mein
Papa?"
"Nein."
"Hab ich`s doch gewusst!"
Wir standen mitten im Flur und hielten und an
den Händen. Das Mädchen fragte mich noch, ob es mir Briefe
schreiben dürfe. Nur schreibe. Anschicken werde ich sie
nicht."
"Du kannst sie ruhig abschicken. Ich
schreibe dir zurück."
Ich gab dem Mädchen meine Adresse und meine
Telefonnummer. Doch es hat mir nie geschrieben und mich nicht
angerufen.
Bis zu diesem Tag hielt ich mich für einen
anständigen Menschen. Danach werde ich den Gedanken nicht los,
dass ich ein Schwein bin.
Ein anderes Mal lernte ich zwei kleine
Scheibenputzer kennen. Ich fragte sie, wo sie denn wohnen. Sie
waren bereit, es mir zu zeigen und stiegen in mein Auto.
"Aber nicht klauen, okay!" sagte ich.
"Unseren Bekannten stehlen wir nie
was", gab der Ältere mit Nachdruck von sich. "Außerdem
haben wir Deine Taschen schon geprüft. Ist nichts drin. Hast das
Geld herausgenommen!"
Wieder fühlte ich mich wie ein Schwein, denn
ich habe das Geld tatsächlich herausgenommen, bevor ich die
Wagentür öffnete.
Wir fuhren zu einer Müllhalde und sie zeigten
mir einen aus Obstkisten gezimmerten Verschlag. Hier wohnten sie.
"Seid Ihr zufrieden mit der Unterkunft?" Sie schauten
mich an, als hätten sie einen Idioten vor sich.
"In dieser Scheiße leben?"
"Warum geht Ihr dann nicht in ein
Heim?"
Ein Junge klopfte an die Hütte, dass sie
wackelte:" Hier haben wir wenigstens eine Ecke für
uns!"
Dumm, weil überflüssig, zu sagen, dass auch
ein Kind seine Ecke braucht. Dumm, weil überflüssig, zu sagen,
dass jemand ein Schwein ist, auch wenn er sich nicht als ein
Schwein fühlt. Es ist aber so.
Anm. von M.: Die Holzpuppe weiß nicht, ob so
etwas wie die russische Seele tatsächlich existiert. Sie weiß
aber, dass die Aufzeichnung aus Gazeta.ru auch von einem Tolstoi
oder Dostojewski stammen könnte. Sie wäre dann beein druckender
geschrieben, im Kern jedoch mit derselben Aussage. Also existiert
die russische Seele vielleicht doch. Also ist sie noch nicht tot.
2. Anm. von M.: Um die Straßenkinder in
Russland kümmert sich u.a. der Deutsch-Russische Austausch e.V.
mit Hauptsitz in Berlin.
Email: dra.berlin@contrib.com
30.4.01
ALLE MOSKAUER HUNDE ERHALTEN AMTLICHE AUSWEISE
Die Ausweise sind aus Plaste, enthalten alle
Daten des Vierbeiners und Hinweise auf den Besitzer. Auch
herrenlose Hunde erhalten die Plastikkarten. In dem Falle wird als
Besitzer der kommunale Dienst der Moskauer Stadtregierung
geführt.
Die Ausweise sind gebührenpflichtig (einmalig
etwa 10 DM). Trotzdem sind die Hundefreunde happy. Sie feiern den
Sieg über die Willkür der Hundefänger. Diese waren
jahrzehntelang ihr Alptraum. Bewaffnet mit langen eisernen
Fangstöcken, fuhren sie in der Stadt herum. Offiziell sollten sie
nur herrenlose Hunde aufgreifen. Aber sie scherten sich wenig um
die Vorschrift. Jeder Hund lief Gefahr, in ihre furchtbaren
Käfige zu gelangen und dem grausamem Tod geweiht zu sein. Wenn
sich der Besitzer nicht rechtzeitig mit Schmiergeld einfand.
Jetzt wird von der Öffentlichkeit der nächste
Schritt gefordert: implantierte Chips in die Haut des Hundes! Wie
in hochzivilisierten und hundefreundlichen Ländern Europas.
Die Moskauer Regierung befürwortete die
Forderung. Leider erwiesen sich die Moskauer Betriebe nicht
imstande, die Miniaturspeicherzellen zu erschwinglichen Preisen zu
produzieren. Es wird erwogen, mit Bitte um Hilfe an die
Weltöffentlichkeit heranzutreten. Es geht um 6-8 Millionen USD
für den Kauf der Chips im Ausland.
Peanuts. Wenn jeder Hundefreund im Westen zehn
Pfennig spendet, haben alle Hunde in Moskau ihre Chips.
Die Hundefreundlichkeit der Moskauer
Stadtregierung wird auf Juri Luschkow zurückgeführt. Der
Moskauer OB, vor kurzem mit dem Doktor- Haass-Preis in Berlin
ausgezeichnet (siehe der Link auf der mitteilsame M.), hat ein
Herz für Hunde. Wie verlautet, für die Menschen auch.
Insbesondere für ältere. So dürfen die Rentner in der
Hauptstadt die öffentlichen Verkehrsmittel gratis nutzen. Und von
der Oberbürgermeisterei werden ihre kargen Renten (im Schnitt
kaum die Hälfte des Existenzminimums) ein wenig aufgestockt.
Allerdings wird Luschkow auch einiges
vorgeworfen. U.a. das Beibehalten der strengen polizeilichen
Meldepflicht in Moskau. In der Sowjetzeit war diese ein wirksames
Mittel zur umfassenden polizeilichen Überwachung der gesamten
Bevölkerung des Landes und der Beschneidung der Reisefreiheit.
Jetzt geht es angeblich nur darum, Moskau vor unerwünschten
Besuchern freizuhalten.
Wie dem auch sei, die Meldepflicht für Hunde
ist ein anderes Kapitel. Daran gibt es nichts auszusetzen.
Der Matrjoschka-Rat begrüßt die Einführung
der Hundeausweise in der russischen Hauptstadt und entrichtet dem
breitschultrigen, untersetzten und jovialen OB seinen aufrichtigen
Dank für Humanisierung des Hundelebens in Moskau. Weiter so, Herr
Luschkow!
17.2.01
WORÜBER
SICH DIE MOSKAUER AUFREGEN:
Beresowski
gibt nicht auf
Der
russische Tycoon Boris Beresowski, Günstling des ehemaligen russischen
Präsidenten Jelzin und erbitterter Feind Putins, trat der Partei „Das
liberale Russland“ bei. Der
Vorsitzende der Splitterpartei, Sergej Juschenkow,
rechtfertigte die Aufnahme Beresowskis. Obwohl als
Steuerhinterzieher und Betrüger auf der Fahndungsliste der russischen
Staatsanwaltschaft, dürfe er nicht abgewiesen werden, da die Partei
jeden nimmt, der rein will. Eine liberale Partei eben. Warum Beresowski
schleunigst in den
politischen Rat der Partei gewählt worden ist, konnte der liberale
Politiker nicht begründen. Er äußerte nur, Beresowski sei beim Aufbau
einer „echten“ Opposition unverzichtbar.
Tatsächlich?
Im
Runet wird immer öfter behauptet, Russland drohe eine neue Finanzkrise
wie die von 1998. Das Kartenhaus der russischen Wirtschaftserholung
wackele. Der Stoss soll vom zu erwartenden Absturz der Erdölpreise
kommen. Dann würde sich rächen, dass die hohen Einkünfte der letzten
Jahre nicht für die Erneuerung der
Ausrüstungen genutzt wurden. Auch der Westen hätte dabei
beigemischt, da der Druck in der Schuldenfrage und andere Tricks einer
Erholung der russischen Industrie entgegengewirkt haben.
Eine
neue Shirinowski- Überraschung
Der
faschistoide Populist, durch seine wütenden Angriffe auf die USA berüchtigt,
vollzog einen überraschenden Paradigmawechsel. Noch vor kurzem
behauptete er, die Terrorakte vom 11. September seien das gemeinsame
Werk der amerikanischen und israelischen Geheimdienste gewesen,
darauf gerichtet, Russland und die islamische Welt der
gegenseitigen Vernichtung auszuliefern. Jetzt rühmt er das famose
Zusammenwirken der USA und Russland in Afghanistan, erinnert an den
gemeinsamen Kampf beider Länder gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg
und vergleicht die Einnahme von Kabul mit der Eroberung Berlins
1945. Bei aller Kuriosität von Shirinowskis Ansichten wird ihm
im politischen Moskau eine gute Nase bescheinigt.
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