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RUSSLAND IN DER GESCHICHTE
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Unter anderem: e2.Eine Russin als Wohltäterin in Weimar EDER
VERGLEICH HINKT
In einigen deutschen Medien wird die Besetzung Iraks mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 verglichen. Der Vergleich hinkt meint unser Chronist Iwan Matrjoschkin, Esq. Der Fall der Berliner Mauer und der
Sturz des DDR-Regimes wurden durch die ostdeutschen Bürger selbst
herbeigeführt. 1989 obsiegte ihr Willen zur Freiheit, wie auch ihr
Verlangen nach Überwindung
der Konfrontation auf deutschem Boden, die eine Folge der
Nachkriegsspaltung Europas war. Sie
erreichten ihre Ziele mit friedlichen Mitteln. Und selbst. Niemand hat
ihnen das Gewünschte auf Bajonetten
gebracht. Und keiner hat sie nach dem Mauerfall gehindert, ihr Leben
selbst einzurichten. Auch die sowjetischen Truppen nicht, die in der DDR
stationiert wurden, aber nach dem Fall der Berliner Mauer und der
deutschen Wiedervereinigung aus Ostdeutschland, übrigens zum
Unterschied von den Truppen der Westmächte in Westen des Landes,
abgezogen wurden. Deswegen
tut der Vergleich zwischen dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und
der Besetzung des Iraks im Jahr 2003
den Ostdeutschen Unrecht. Aber auch den
Russen tut der Vergleich Unrecht. Denn 1989
haben sie bereits der früher von der Sowjetunion ausgeübten
Einmischung in fremde Angelegenheiten
abgeschworen. Sie haben,
wollen wir es hoffen, für immer damit gebrochen,
anderen Völkern vorzuschreiben, welche
Lebensweise und Regierungsform diese haben sollen. Über
die Vorgehensweise der USA
und Großbritannien im Irak ist es leider nicht zu sagen. Diese
entspricht eher dem Usus, dem die Stärkeren in der Welt schon immer
folgten, und zwar den Schwächeren ihren Willen aufzuzwingen. Insofern
wurden die guten Vorsätze von 1989 verraten, als es schien, die Welt
gehe daran, ein anderes, besseres Kapitel ihrer Geschichte zu schreiben.
Deshalb trifft die Parallele zwischen dem Fall der Berliner Mauer und
den Ereignissen im Irak
keinesfalls zu. Kein
Wunder, dass das Ansehen der USA und Großbritanniens, wie es die
Umfragen und nicht aufhörenden Protestdemonstrationen in Deutschland
zeigen, stark gesunken ist. Deshalb
leuchtet ein, warum einige deutsche Kollegen in der Geschichte
ihres Landes nach Ereignissen suchen,
die für schmeichelnde Vergleiche
mit dem Vorgehen der USA und Großbritannien im Irak zu gebrauchen sind.
Aber anscheinend gibt die Geschichte dafür nicht viel her. Und die
Kollegen müssen zur Geschichtsklitterung greifen.
Traurig, aber wahr. Es bleibt zu hoffen, dass die kommenden Ereignisse im und um den Irak das angeknackte Ansehen der USA und Großbritanniens in Deutschland auf eine andere Art und Weise wiederherstellen. Und zwar dadurch, dass ihre Handlungen dem internationalen Recht und den Interessen des irakischen und der anderen involvierten Völker, der ganzen Völkergemeinschaft nicht zuwiderlaufen. Geschieht es, dann entfällt die Notwendigkeit der Geschichtsklitterung, wie sie in den angeführten Beispielen betrieben wurde. 10.4.03 Der
Tag des Soldaten wird in Russland in Erinnerung an den ersten Sieg
der Roten Garden über die Feinde der kaum geborenen Sowjetmacht (23.Februar
1918) gefeiert. Damals erkannten die proletarischen Revolutionäre, dass ihr
Traum, die reguläre Armee abzuschaffen und durch die Bewaffnung des ganzen
Volkes zu ersetzen, um dem staatlichen Militarismus ein für allemal den
Garaus zu machen, wirklichkeitsfremd war. Zur Realität zurückzufinden
halfen ihnen übrigens Generäle
des deutschen Kaisers, die ihre Armeen in das von den Wirren zerrüttete
Russland tief hinein marschieren ließen. So ging die junge Sowjetregierung mit Volldampf daran, unter der Führung eines gewissen Lew
Trotzki eine Kriegsmaschinerie aus
dem Boden zu stampfen. Einige Jahrzehnte später wurde diese zu einem
Leviathan, der alle Ressourcen der Sowjetunion fraß, aber den Feinden großen
Respekt abverlangte. Vor allem nach der Stalingrader Schlacht 1942-1943, wo
die Rote Armee der Wehrmacht Paroli
bat. Nun,
die Revolution mit Rückwärtsgang, üblicherweise Perestroika genannt, ging
an den russischen Streitkräften nicht spurlos vorbei. Dies ist
am Krieg gegen
tschetschenische Freischärler (auch Banditen genannt) spektakulär
geworden. Allerdings soll es jetzt anders werden. Vor wenigen Tagen
versprach das der Oberste Chef
der russischen Armee, Oberstleutnant W.W. Putin. Auf einer
Offizierskonferenz in Moskau hörte er
bittere Klagen der Armeeangehörigen. Offiziere beklagten sowohl
den kläglichen Zustand der Armeearsenale, als auch
das Elend der eigenen Existenz. Ihr Sold reiche nicht aus, um sich
einen zivilen Anzug anzuschaffen und eine Familie halbwegs zu ernähren.
Ihre Frauen ziehen unter die Obhut
der Eltern zurück. So werden die braven защитники
Отечества
zwangsläufig Singles, was ihre Kampfmoral
nicht gerade stärkt. Wenn
es schon den Offizieren so ergeht, ist leicht vorzustellen, wie fröhlich
das Leben der einfachen Muschkoten ist. Um satt zu werden, müssen sie
mitunter in fremden Gemüsegärten komplizierte Manöver ausführen. Das
Soldatendasein in Russland wurde zum Alptraum der
jungen Männer und ihrer liebenden Mütter. Wie auf der oben erwähnten
Konferenz lauthals beklagt, treten die Wehrpflichtigen ihren Ehrendienst
mit unüberwindbarem Widerwillen an. Daraus erwuchsen seltsame
Zwischenfälle. Wie kurz vor dem diesjährigen Soldatenfest, als ein junger
Bursche drei seiner Kameraden und
anschließend sich
selbst erschoss. Ein Ereignis, das den Chef der russischen Raketentruppe in
Trab setzte. Es ging nämlich um eine Patrouille in einem Raketenstützpunkt.* Wladimir
Putin versprach, die missliche Lage grundlegend zu ändern. Die Streitkräfte
sollen moderne Waffen, die Offiziere mehr Sold erhalten. Ob der Präsident
sein Versprechen hält, steht allerdings in den Sternen: auch er kann das
fehlende Geld nicht herzaubern. Dafür
wird eine andere, zwar nicht von ihm, sondern von seinem
Verteidigungsminister versprochene Wohltat zweifelsohne realisiert. Gemeint
ist die Rückholung des fünfzackigen roten
Sterns auf die Armeestandarten. Ob allerdings
die Soldaten und Offiziere, das altbewährte Siegessymbol vor Augen,
den knurrenden Magen vergessen, ist ungewiss.
Zu
Putins Ausführungen ist noch etwas hinzuzufügen. Die vielbeschworene
Terroristengefährdung stellte er hinter die Gefährdung Russlands durch
nicht näher definierte martialische fremdländische Kräfte zurück.
Das zeugt vom strategischen Denken des Oberstleutnants. Und von seinem
Realitätssinn. Deshalb
schlägt unser Team vor, WWP einen
höheren militärischen Rang zu verleihen. Seine Vorgänger im Kreml
leisteten sich das Vergnügen, auf der Rangleiter sehr hoch aufzusteigen.
Einer ernannte sich schlichtweg zum Generalissimus. Nun,
WWP muss nicht gleich Generalissimus werden. Sein Stalingrader Sieg steht
noch bevor. Wie wäre es mit
Marschall? Aber
wir wissen, W.W. Putin ist nicht nur tüchtig, sondern auch bescheiden. Das
matrjoschka- Team zögert deswegen nicht, unter den anderen aktiven und
gewesenen защитники
Отечества
in Russland auch diesem zum Fest zu gratulieren. Und dabei den Wunsch
auszusprechen, dass die russischen Soldaten
nie mehr gegen die deutschen kämpfen, sondern nur- wenn es
sein muss- Schulter an Schulter mit diesen. Gegen einen gemeinsamen
Feind, wer es auch sein mag.
*Der
einzige защитник Отечества
in unserem Team, ein gewisser Iwan Matrjoschkin, Esq., hochdekorierter
Obergefreiter a. D., fing etwas zu früh an, zu feiern. Getorkelt zur
Redaktionskonferenz, forderte er, den folgenden Witz erzählen zu dürfen: Ein
Offizier erwischt den
diensttuenden Soldaten schlafend auf dem Raketenpult
mit dem Kopf gerade auf
dem Startknopf. Wütend droht
er dem Dienstmuffel mit
Streichung des Ausgangs. „Seien
Sie nicht so, Genosse Oberst, - sagt der Soldat. – Ein Bisschen schläfrig
geworden, was ist denn dabei, es ist ja nichts passiert.“ „Nichts
passiert?!, - ereifert sich der Oberst. - Und wo ist jetzt Belgien?“. Den
makabren Witz fand unsere Redaktionskonferenz unangebracht.
Es wurde die Befürchtung laut, Mr. R. in Washington nutzt ihn als
Anlass , von Russland die Preisgabe ihrer Raketenarsenale
zu fordern. Dennoch wurde beschlossen, den Witz
zu veröffentlichen. An dem Tag der Verteidiger des Vaterlandes wird
in Russland den Männern von
den Frauen jede Gefälligkeit gewährt. Die Holzpuppen wollen die
Tradition bewahren. Soll Matrjoschkins Wille geschehen. Einmal im
Jahr. 22.2.03 ДЕНЬ
ЗАЩИТНИКОВ
ОТЕЧЕСТВА Zu Deutsch: Der Tag der Vaterlandsverteidiger, der Ehrentag des Soldaten. Am diesem Tag (23.2.) besuchte unser Team zwei Berliner Gedenkstätten für die 1941-1945 gefallenen sowjetischen Soldaten. Eine im Treptowpark im Ostteil Berlins. Die andere an der Straße des 17. Juni westlich vom Brandenburger Tor. Der Zahn der Zeit hat an den zum Teil überdimensionalen Kompositionen stark genagt. Sie standen kurz vor unreparierbaren Schäden. Da griffen die deutschen Behörden ein. Zuerst wurde die Gedenkstätte an der Strasse des 17. Juni renoviert. Jetzt ist die im Treptower Park an der Reihe. Der größere Teil ist deswegen für den Publikumsverkehr gesperrt. Auf dem Bild unten sehen Sie eine Holzpuppe, die, von ihrem Hund Pauline begleitet, vor einer Darstellung der trauernden russischen Mutter im Auftrag unseres Teams einen Blumenstrauß niederlegt.
Die Skulptur ist zugänglich, deswegen haben wir hier eine Ehrung vorgenommen. Und auch weil die Mütter in einem Krieg vielleicht noch mehr leiden als ihre Söhne und Ehemänner. Auch wenn diese auf dem Schlachtfeld fallen, die Mütter und Ehefrauen aber weiter leben, sind sie oft für Jahrzehnte hinaus durch den Verlust schwer gezeichnet. Leider hat uns nach der Blumenniederlegung Iwan Matrjoschkin, Esq., das einzige männliche Teammitglied, etwas aus der Stimmung gebracht, weil er, wie immer etwas aufgeregt, einen Teil der Blumen vom Sockel nehmen wollte, um sie an eine andere Skulptur zu legen. Und zwar eine, die einen kämpfenden sowjetischen Soldaten mit allen martialischen Attributen darstellt. Wir hätten gewiss nicht das Geringste dagegen, sondern alles dafür, wäre diese auch frei zugänglich. Aber sie war es nicht, sondern befand sich hinter einem Drahtzaun. Matrjoschkin wollte über den Zaun steigen, aber das konnten wir nicht akzeptieren. In unserer neuen Heimat wollen wir uns strikt an alle Gesetze und Verordnungen halten. Matrjoschkin zwar auch, aber wenn er etwas getrunken hat, bildet er sich ein, er sei in Russland. An dem Tag spannte sich über Berlin ein blauer, wolkenloser Himmel, die Sonne schien. Der Frühling kündigte sich an. Wir wollten im herrlichen Park etwas länger bleiben. So ließen wir uns auf einer Bank nieder. Es kam zu einem Meinungsaustausch über das Gesehene. Es ist wohl nicht alltäglich, dass fremden Soldaten in einem Land, gegen dessen Söhne sie kämpften, ein ehrendes Andenken zuteil wird. Ohne uns in geschichtliche Zusammenhänge zu vertiefen, die Schuldfrage zu erörtern und Stalin gegen Hitler abzuwägen, soll das zuerst klipp und klar gesagt werden, war unsere einhellige Meinung. Wie sagten sogar, dass man in einem anderen Land, das weniger als Deutschland durchmachen musste, die Denkmäler wie sie in Berlin, im Treptower Park und an der Strasse des 17. Juni stehen, bei der erst besten Gelegenheit entfernt hätte. Die Gelegenheit hatte Deutschland, als die Sowjetunion baden ging. Aber es ergriff die Gelegenheit nicht. Die sowjetischen Soldatendenkmäler bleiben, werden gepflegt und renoviert. Damit setzt Deutschland ein markantes Zeichen, sagten wir. Ein Zeichen, das überall in der Welt beachtet werden soll, insbesondere aber dort, wo man sich das Recht nimmt, über Deutschland den Stab zu brechen, es zu einem alten Europa, also zu einem entbehrlichen Relikt in der Welt zu zählen und fast in eine Reihe mit den sogenannten Schurkenstaaten zu stellen. Wir sprachen darüber, dass das Gegenteil wahr ist. Zu den entbehrlichen Relikten der Vergangenheit zählt eine Politik, die auf Gewalt setzt, immer wieder Rechnungen aus vergangenen Zeiten aufzufrischen versucht, die Dominanz des eigenen Staates und die Unterwerfung aller anderen anstrebt. Deutschland dagegen bildet sich nicht ein, die Moralkeule schwingen zu dürfen. Zur Maxime seiner Innen- und Außenpolitik macht es Toleranz, die Suche nach einem Ausgleich. Und, was uns besonders anspricht, will Wandel durch Annäherung. Deshalb sind wir alle dafür, dass Deutschland und Russland sich annähern, beistehen und von einander lernen. Ein Deutschland, das zwar die alte europäische Zivilisation repräsentiert, aber ein Wegbereiter des neuen Europas ist. Und ein Russland, das viel von einem Deutschland, das so ist, lernen, aber ihm auch nicht wenig geben kann. Nicht nur an geistigen Werten. Sicherlich nimmt sich in diesem Kontext die edle Einstellung Deutschlands zu den russischen Gedenkstätten auf seinem Gebiet nur wie ein Komma in einem langen Satz aus. Aber auch ein Komma kann mitunter den Sinn eines Satzes verdeutlichen oder im Gegenteil entstellen. Deswegen waren wir, die Holzpuppen, so stark von der deutschen Pflege der russischen Gedenkstätten angetan. Und sogar Iwan Matrjoschkin, Esq., Obergefreiter a.D., der sich sonst immer querlegt, war mit uns einverstanden. 23.2.03
DAS
GEMEINSAME LEID SCHWEISST ZUSAMMEN Das
Phänomen. Kein
Jahrestag der Stalingrader Schlacht wurde bis jetzt in
Russland so ausgiebig begangen, wie der aktuelle. Und, was wohl
noch viel wichtiger ist, keiner so fern dem politischen Missbrauch. 1953
lebte Jossif Stalin noch. Er badete sich gern
im Ruhm des genialen Strategen und verbuchte für sich den Sieg des
russischen Soldaten. 1963 saß im Kreml sein Nachfolger, Nikita
Chruschtschow. Er ließ Stalingrad in Wolgograd umtaufen. Seine
Speichellecker stellten heraus, dass er in Stalingrad das Amt des
politischen Kommissars waltete. 1973 hieß
der eigentliche Siegesbringer im Kampf gegen Hitlerdeutschland
Leonid Breshnew, der den Vorgänger gestürzt hatte. Zu einem
Wendepunkt des Krieges wurde
eine unbedeutende Landung der
sowjetischen Truppen im Süden Russlands stilisiert, an der Breshnew als
Politoberst teilgenommen hatte. 1983 regierte Juri Andropow das Land. Der
ehemalige KGB- Chef konnte sich höchstens
der blutigen Niederschlagung des Völkeraufstandes 1953 in Ungarn rühmen.
Ihm lag wenig an der Stalingrader Schlacht. Der fünfzigste Jahrestag
fiel in die Zeit
des Jelzin- Regiments, das von der allseitigen, auch der
moralischen Entwaffnung
Russland gekennzeichnet war. Den Sieg
an der Wolga 1943 in seiner ganzen Tragweite zu feiern, wäre unzeitgemäß.
Es hätte wenig zum überstürzten Abzug der russischen Streitkräfte aus
Ostdeutschland gepasst. Damit
soll nicht gesagt werden, am
jetzigen 60. Jahrestag der schicksalhaften Schlacht in Russland werde die
Siegestrommel zu forsch gerührt. Es
geschieht zwar auch, aber mit
Maß. Der damalige Feind wird dabei nicht diffamiert und erniedrigt. Die
Russen haben begriffen, dass nur der Sieg über einen starken Gegner
ruhmvoll ist. In allen ernstzunehmenden Manifestationen der Besinnung auf
die Geschichte schwingt der
Gedanke von einer Tragödie des Krieges zwischen zwei irregeführten oder
irrsinnig gewordenen Völkern mit. Und die Andeutung des gemeinsamen
Leides, das sie immer mehr zusammenkitten soll. Ist
das auch der Tenor der auffällig vielen Veröffentlichungen in
Deutschland zum Jahrestag? ÜBER
DIE GEFANGENEN GENERÄLE Auch
werden in Russland die endlich für Forschung und Publizistik
freigegebenen Archive bemüht. So in einer Veröffentlichung im Runet (KP.ru)
über die deutschen Generäle, die sich gegen den ausdrücklichen Befehl
Hitlers der Roten Armee in Stalingrad
ergaben. Zweiundzwanzig
an der Zahl. Nicht davor, nicht danach
kannte die Kriegsgeschichte einen ähnlichen Fall. Wie kam es dazu
? Am 24.Januar 1943 erhielt der
Oberkommandierende der 6. deutschen Armee
Paulus aus Berlin die Radiobotschaft:“
Die sechste Armee ist vorübergehend von sowjetischen Truppen eingekreist.
Die Armee kann sicher sein, dass ich alles tun werde, um sie zu versorgen
und zu entsetzen...Adolf Hitler“. Etwas
später telegrafierte Paulus an Hitler:“18 000 Verwundete,
Verbandmaterial und Medikamente fehlen, fünf Divisionen vernichtet. Die
Front an vielen Stellen durchbrochen, weitere Verteidigung sinnlos... Um
die Überlebenden zu retten, bittet die Armee um sofortige Zustimmung zur
Kapitulation“.
Paulus
und zwei Dutzend seiner Generäle beschließen die Kapitulation... Als ein
Parlamentär der Roten Armee den Keller des Stalingrader Kaufhauses
betrat, kam ihm ein ausgemergelter Mann entgegen. Er sagte:“ Ende!“
Das war Paulus. Sein Adjutant übergab die Pistole des Feldmarschalls. Paulus
bat darum, sich vom Rest des Stabs und seiner Leibwache verabschieden zu dürfen.
Dem wurde stattgegeben. Wer
ging in Gefangenschaft? Moritz
von Drebber, Generalmajor Er
ergab sich bereits am 25. Januar und schrieb sofort an Paulus: „In der
Gefangenschaft haben wir es warm und werden verpflegt. Die Russen
verhalten sich anständig. Geben Sie auch auf! Paulus war geschockt. Karl
Strecker, Generaloberst Zweimal
widerstand er den Forderungen seiner Offiziere, zu kapitulieren. Am 2.
Februar schickte er aber an das Oberkommando eine Mitteilung über seinen
Beschluss, den Widerstand einzustellen. Drin stand auch „Es lebe
Deutschland!“. Sein Panzerkorps marschierte mit ihm in
Gefangenschaft . Arno
Richard von Lenski, Generalmajor. Vor
der Aufgabe erklärte er, die abenteuerliche Politik des Führers habe
seine Division in den Untergang getrieben. Arthur
Schmidt, Generalleutnant. Er
war entschieden gegen die
Kapitulation, doch er persönlich öffnete den sowjetischen Parlamentären
die Tür und legte als erster seine Pistole auf den Tisch. In
Gefangenschaft machte er Krach, als man versuchte, Paulus Taschenmesser
und Schere wegzunehmen: „Deutsche Feldmarschälle bringen sich nicht mit
Nagelschere um!“
Walter
Geitz, Generaloberst Er
rief seine Truppe auf, lieber in den Tod als in Gefangenschaft zu gehen
und zeigte seine letzte Patrone, mit der er sich erschießen werde. In
Gefangenschaft aber kam er erstaunlich gut ausgerüstet: mit drei Koffern
und der vorsorglich zurechtgelegten weißen Flagge. Als Gefangener wurde
er von der sowjetischen Lagerführung sehr geschätzt.
Ging
als erster dem sowjetischen Offizier entgegen, versprach ihm einen Orden
und bot sich an, ihn zu Paulus zu führen. Ging
als letzter in Gefangenschaft. Den Offizieren seines Stabes eröffnete er:
„Wir haben verloren, weil wir verraten wurden...“ Vor
der
Gefangenschaft
bekämpfte
er
den
Stress
mit
Schnaps.
Ging an der Seite von
Paulus in Gefangenschaft. Gehörte
zu den ersten Generälen, die Paulus aufforderten, den Widerstand
einzustellen. Er weigerte sich, den Befehl von Paulus, sich nicht lebendig
in die Hände des Feindes zu begeben, Von
Hitler hoch dekoriert, unterstützte er Paulus, als sich dieser zur
Kapitulation entschloss. Otto
Korfes,
Generalleutnant Er
ging
wortlos
in
Gefangenschaft.
In Paradeuniform mit allen
Kriegsauszeichnungen. Als der sowjetische Marschall Tschuikow Wodka,
Essbares und Kaffee anbot, schaute er den Marschall düster an und fragte,
ob es sowjetische Propaganda ist. Nein, sagte Tschuikow. Es ist die
sowjetische Menschlichkeit.
Erklärte
seinen Offizieren vor der Kapitulation, es sei die einzige Chance, am
Leben zu bleiben. Ein
ganz scharfer. Von 15 000 seiner Mannschaft sind nur hundert übriggeblieben.
Werner
Otto Sanne, Generalleutnant trieb
seine Soldaten immer wieder in den Kampf, bis kaum einer am Leben war. Das
Ergebnis erklärte er durch Frost. Verhielt
sich in Gefangenschaft sehr jovial. Verteilte Zigaretten aus dem eigenen
Vorrat, unterhielt sich gern mit sowjetischen Kriegsberichterstattern. Die mitgefangenen Generäle hetzten gegen ihn und behaupteten, er hätte seine Soldaten im entscheidenden Augenblick verraten. Erich
Albert Magnus, Generalmajor Bei
der Gefangennahme war er so voll, dass er seinen Mantel nicht aufknöpfen
konnte, um sich auszuweisen. Otto
Reinoldi, Generalleutnant des Sanitärdienstes Tat
alles mögliche, um frostgeschädigte Soldaten zu retten. In
Gefangenschaft leitete er den Bund der Deutschen Offiziere, die die Rückführung
der Wehrmacht an die deutsche Grenze forderten. Weigerte
sich zuerst, mit den verhörenden Offizieren zu kooperieren. Erst
als ihm versichert wurde, er bleibe am Leben, ließ er sich herab, die
Fragen zu beantworten. Nahm
an den Nahkämpfen persönlich teil. Sofort nach der Gefangennahme und noch bevor die Verhöre einsetzten, wurden die gefangenen Generäle fotografiert. Hier zwei Fotos. Sie zeigen schwer von den Entbehrungen im Kessel gezeichnete Menschen. (Paulus, Magnus)
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SIEG OHNE FRIEDEN 1. Der
sechzigste Jahrestag der
Stalingrader Schlacht wurde in Deutschland so begangen, wie es noch vor
kurzem kaum denkbar gewesen wäre. In den Features der meisten Medien fand dieses Ringen zwischen der Roten Armee und der
Wehrmacht, zum Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg geworden, eine umfassende
und tatsachengetreue Darstellung. Weniger
umfassend gingen die hiesigen Medien
auf den politischen Hintergrund der Schlacht ein. Obwohl sie auch
in dieser Hinsicht vor großer Bedeutung war, da sie die
Politik aller kriegführenden Staaten
veränderte. So haben Hitler und seine Paladine, vor Stalingrad
siegesgewiss, nach Stalingrad begriffen, dass der
Krieg auf dem
Schlachtfeld nicht mehr zu gewinnen ist. Jetzt setzten sie ihre Hoffnung
darauf, zwischen die Kriegsgegner Deutschlands - die Sowjetunion und die
Westmächte - einen Keil zu treiben. Ganz
auf Sand bauten sie dabei nicht. Auf beiden Flügeln der 1941 entstandenen
Koalition gegen Deutschland gab es vor Stalingrad Überlegungen über
einen separaten Frieden mit
Hitler. Auf sowjetischer
Seite nährten die schweren Niederlagen der Roten Armee in den Jahren 1941
und 1942 den heimlichen Wunsch, mit Deutschland zu einem Ausgleich zu
kommen. Mit Personen seines Vertrauens sprach der sowjetische Diktator
Iossif Stalin von einem zweiten Brester Frieden, womit er den
Friedensschluss zwischen dem Kaiserreich und
Sowjetrussland meinte. Der
Brester Frieden von 1918 forderte von der jungen Sowjetrepublik schwere
Opfer, rettete sie aber vor dem Untergang.
Der zweite „Brester“ Frieden sollte die Sowjetunion retten. Aber nicht
nur das. Im Kreml gab es Vermutungen über die Absichten
der Westalliierten, sowohl Deutschland als auch die Sowjetunion tüchtig
ausbluten zu lassen. Der
Separatfrieden mit Deutschland sollte das vermutete Doppelspiel
durchkreuzen. Auch
die Westmächte streckten
1941 und 1942 ihre Fühler Richtung Berlin aus, um in Erfahrung zu
bringen, ob und unter welchen Bedingungen die Hitlerregierung bereit wäre,
einen Separatfrieden zu schließen. Der Hintergrund
war ein anderer als der im Kreml. Im Unterschied zur Sowjetunion
standen England und die USA
nicht vor dem Untergang. Sie wollten aber die schwere Last des
Krieges gegen Deutschland nicht allein
tragen. Das wäre ihnen nicht
erspart geblieben, wäre die Sowjetunion zusammengerochen, der Krieg aber
weiter gegangen. Deshalb spielten sie mit dem Gedanken eines
Separatfriedens mit Deutschland nach dem von ihnen erwarteten
Zusammenbruch der Sowjetunion. Nach
dem Sieg der Roten Armee an
der Wolga waren die Karten neugemischt. Die Sowjetunion wollte solange kämpfen, bis die Invasoren vom sowjetischen Gebiet
vertrieben und bestraft werden. Ihrerseits schöpften die Westmächte
neue Hoffnung, die sprichwörtlichen Kastanien mit fremden Händen
aus dem Feuer holen zu lassen. In der Tinte saß nun Deutschland. Der von
ihm entfesselte Krieg zeigte jetzt den Deutschen sein grauenvolles
Gesicht. Nach
Stalingrad ging er weiter. Fast zwei ein halb
opferreiche Jahre. Und
hinter seiner blutigen Kulisse gingen auch die politischen Ränke der
kriegführenden Mächte weiter.
2. Die
Mächte der Antihitlerkoalition trauten einander
nicht über den Weg. Sie hatten dafür ihre Gründe. Im Kreml hatte
man das Verhalten der Westmächte in den Jahren
1918 – 1922 nicht vergessen. Damals mischten sie sich brutal in den in Russland tobenden
Bürgerkrieg ein, um im Kreml eine Satellitenregierung zu
etablieren. Auch in der Folgezeit haben die sowjetischen Machthaber
gelernt, den Westmächten
nicht zu viel Vertrauen entgegenzubringen. Nach
der Invasion der deutschen
Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 haben die Westmächte zwar
viel getan, um die sowjetische Kampfkraft zu stärken.
Sie schickten Transporte
mit Waffen, Munition und mit
Nahrungsmitteln für die Rote Armee.
Gleichzeitig mieden sie opferreiche
Kampfhandlungen. Das nährte den Verdacht der sowjetischen Führung, sie
wollten die sprichwörtlichen Kastanien mit fremden Händen aus dem Feuer
holen. Und den Krieg solange dauern lassen, bis nicht nur Deutschland,
sondern auch die Sowjetunion am Boden liegt. Die
Zeit, in der weite Regionen der Sowjetunion von den deutschen Invasoren
verwüstet wurden und die sowjetische Bevölkerung einen
hohen Blutzoll entrichten musste, nutzten die Westalliierten für
die Ankurbelung ihrer Militärmacht. Insbesondere die USA. Von dem
Kriegsgegner fast ungestört, konnten sie eine riesige Kriegsindustrie aufbauen. So entstand
eine Drohkulisse ihrer Nachkriegspolitik. Das blieb den Machthabern
im Kreml nicht verborgen. Die
Führer der Wesmächte waren von dem unerwarteten Sieg der Roten Armee in
der Schlacht an der Wolga unangenehm überrascht. Zwar gönnten sie den
Deutschen einen Durchbruch zu
den kaukasischen Ölfeldern und den Weizenkammern des russischen Südens
nicht. Dennoch dämmerte ihnen, dass die Wende im Krieg die Russen nicht
pflegeleichter machte. Bezeichnenderweise
leisteten die Westmächte an
die Sowjetunion nur soviel Hilfe, wie
ihre politische Räson
erforderte. Das aus allen Löchern bluttriefende Land sollte nur insofern
unterstützt werden, dass es Deutschland weiterhin kräftige Schläge
versetzen konnte. Darüber hinaus nicht. Damit am Kriegsende die Westmächte,
insbesondere die vom Krieg kaum betroffenen USA ihre Friedensbedingungen
durchsetzen konnten. 3. Nach
dem Sieg der Roten Armee bei
Stalingrad traten die Gegensätze zwischen den Mächten der
Antihitlerkoalition noch deutlicher zutage als davor. Die schwerste
Niederlage Deutschlands in dem von ihm ausgelösten Krieg aktualisierte
die Frage, an dem sich die Geister schieden. Die Frage nach der
Nachkriegsordnung in Europa. Zum
Prüfstein des gegen Hitler aufgetretenen Bündnisses zwischen der
Sowjetunion und den Westmächten wurde
die Eröffnung der zweiten Front. Es ging
um den massiven
Einsatz der Westalliierten in Europa, der den sowjetischen Verbündeten spürbar
entlasten würde. Trotz der
wiederholten Zusicherungen aus London und Washington kam es weder 1942
noch 1943 dazu. Wie früher musste die Sowjetunion fast allein die
ungeheure Last des Bodenkrieges tragen.
Ihren
Wortbruch entschuldigten die Westmächte damit, dass die Landung in Europa
sorgfältig vorbereitet werden sollte, um die Verluste zu minimieren.
Die sowjetische Führung, die von ihrem
eigenen, halb zerstörten Land immer neue grausame Opfer
abverlangte, tat Entschuldigungen als Heuchelei ab. Nicht ganz ohne Grund
vermutete sie, dass der Westen abwartete, bis die Sowjetunion und
Deutschland einander total zerfleischten. Der Zweck der Übung lief darauf
hinaus, das Nachkriegsgeschehen in Europa allein bestimmen zu können.
Zwar
aktivisierten die Westmächte nach Stalingrad
ihre Kriegshandlungen. Aber auf eine Weise, die Deutschland nicht
zwang, seine Truppen an der Ostfront erheblich
zu reduzieren. Im
Gegenteil, 1943 konnte Deutschland seine Verluste in Stalingrad weitgehend
ausgleichen. Die Befreiung der von der Wehrmacht besetzten sowjetischen
Gebiete ging deswegen nicht zügig
genug voran. Die
ausgezeichnet bewaffneten und versorgten
Soldaten der Westalliierten blieben dennoch zum großen Teil in
Reserve. Die
Spannungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion nahmen die Völker
kaum wahr. Die Staatsmänner der Westmächte würdigten öffentlich die
Leistungen der Roten Armee. Die sowjetischen Staatsmänner mieden alles,
was den deutschen Gegner ermutigen und das eigene Volk entmutigen konnte. Vom
Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem Osten trennten Europa
noch Jahre. Aber hinter den Kulissen kündigte er sich bereits an.
Obwohl der alte Kontinent noch weitgehend unter dem Kuratel des
nationalsozialistischen Deutschlands blieb, wurde das Tauziehen um die
europäische Nachkriegsordnung
zwischen den Westmächten und der Sowjetunion immer heftiger. 4. Der
Beginn des kalten Krieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion
wird gemeinhin mit dem Jahr 1946 datiert, als der Krach zwischen den
Alliierten der Antihitlerkoalition publik
geworden war. Aber unterschwellig wurde lange vorher gerungen. Und zwar um
die Dominanz im Nachkriegseuropa. Dieses
Ringen hinter den Kulissen des Krieges kostete die Völker des alten
Kontinents große Opfer. Es
verlängerte den Krieg um viele Monate, da die USA und England sich viel
Zeit ließen, bevor sie auf dem europäischen Festland landeten.
Jedenfalls dort, wo die Landung die Sowjetunion entlasten konnte, die bis
zum Sommer 1944, also bis zur Landung der Westalliierten
in der Normandie, fast
im Alleingang den Bodenkrieg in Europa führen musste.
In
dieser Zeit führten die Westmächte den Bombenkrieg gegen Deutschland. Wären
die Luftgeschwader der USA
und Großbritanniens gegen die deutschen Streitkräfte eingesetzt worden,
wäre das eine wirksame Unterstützung der kämpfenden sowjetischen Truppe
gewesen. Aber die hervorragende,
dank der Bindung der deutschen Kräfte an der Ostfront
von den Westalliierten der Sowjetunion fast ungestört geschaffene
Luftwaffe hatte vor allem zivile Ziele im Visier. Sie zerstörte die
historischen Kerne und Wohnviertel der deutschen Städte und terrorisierte
die deutsche Zivilbevölkerung. Mit doppelter Absicht. Zum einen, um die
Deutschen die ganze Wucht der
Air Force spüren zu lassen, damit sie trotz Stalingrad erkannten, wer –
die Sieger an der Wolga oder die Westmächte-
stärkere Bataillone hatte. Zum anderen, um auch die Russen das Fürchten
zu lehren. Auch
die sowjetische Führung traf ihre strategischen Entscheidungen mit Blick
auf die anschwellende Auseinandersetzung um die Zukunft Europas.
Hunderttausende Sowjetsoldaten wurden geopfert, um den Westmächten in
Deutschland zuvorzukommen. Dort, wo Abwarten angesagt war, hat man gestürmt.
Der überstürzte Vormarsch
von der Oder nach Berlin war nur ein Beispiel von vielen. Der
bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs unterschwellig geführte kalte
Krieg zwischen den Alliierten forderte
einen hohen Blutzoll. 5.
Das
vorrangige Ziel der Koalition zwischen den Westmächten und der
Sowjetunion bestand in der
Niederwerfung des nationalsozialistischen Deutschlands. Aber außerdem
kochte jeder Verbündete sein eigenes Süppchen. Das vermehrte
das Leid des Zweiten Weltkrieges.
Und ließ die Welt danach fast nahtlos in den Dritten Weltkrieg
abgleiten, wie oft der Kalte Krieg genannt wird. In
dem Krieg wurden keine Schlachten wie die an der Wolga geschlagen. Aber
auch er war sehr opferreich. Und er begrub die Hoffnung auf eine neue,
friedliche und gerechte Welt.
Die Hoffnung unzähliger Russen, Amerikaner, Briten, Franzosen und anderer
Kämpfer gegen Hitlerdeutschland. Darunter auch jene Deutsche, die sich
gegen das Hitlerregime auflehnten
oder durch es gelitten haben.
Die
noch während des Zweiten Weltkrieges unterschwellig entstandene
Konfrontation vergiftete das Leben mehrerer Generationen in West und Ost.
Vor allem in Russland und in Deutschland. Sie litten
am meisten im Zweiten Weltkrieg. Aber auch im Dritten Weltkrieg, im
Kalten Krieg war es nicht viel anders.
Die Deutschen bezahlten ihn der mit vierzigjährigen
Spaltung ihres
Heimatlandes. Die Russen mit der Isolierung von Europa, mit Unfreiheit und
Armut. Die
eindeutigen Gewinner des Kalten Krieges waren die vom Zweiten Weltkrieg
viel weniger als die Sowjetunion und Deutschland mitgenommenen
Westmächte. Insbesondere
gehörten die USA dazu. Sie sind der größte Gewinner
nicht nur des Zweiten Weltkrieges, sondern auch des Kalten Krieges.
Sie konnten ihre ungeheuere
militärische und wirtschaftliche Macht erweitern, ihre Dominanz in Europa
und den anderen Regionen der Welt festigen. Ohne eine Stalingrader
Schlacht führen zu müssen.
Denn sie verstanden es sehr gut, den anderen opferreiche Feldzüge zu überlassen. Letztendlich
brachte die Politik der USA den Völkern der Welt, darunter, wie
sich in letzter Zeit herausstellte, den
Amerikanern selbst, wenig Segen. Wir alle leben in einer sehr unsicheren
Welt und müssen uns auf sehr unangenehme Überraschungen gefasst machen.
Anders wäre es, hätte man die Konfrontation zwischen West und Ost nicht zugelassen oder rechtzeitig überwinden können. Dann hätte der Sieg im Zweiten Weltkrieg über Hitlerdeutschland vielleicht eine bessere, vor allem eine friedlichere Welt zur Folge gehabt. So aber blieb es ein Sieg ohne Frieden. 5.2.03
MYTHEN
EINER SCHLACHT 1. Es gibt keine Schlacht in der neuen Geschichte, die so viel beschrieben wurde wie die Schlacht an der Wolga 1942-1943. Die Stalingrader Schlacht. Zumeist wird sie als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges dargestellt. Mit Recht, da ihre große militärische Bedeutung offensichtlich ist. Schon deswegen, weil die Niederlage der Wehrmacht die Pläne des deutschen Generalstabes, Moskau, das wider Erwarten 1941 nicht fiel, in die Zange zu nehmen, zu Makulatur machte. Noch folgenschwerer war das Scheitern der Strategie, die Deutschland das Erdöl von Baku und den Weizen aus den fruchtbaren Ebenen des Vorkaukasus sichern sollte. So kamen nach Stalingrad selbst die deutschen Heerführer zur Einsicht, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können. Die mutigsten von ihnen deuteten es der Naziführung an. Danach wurde einer nach dem anderen in die Wüste geschickt. Die berühmte Generalsrevolte vom Juli 1944 war eine etwas späte Folge dieses sich anbahnenden Zerwürfnisses zwischen den Ideologen des Raubkrieges und den Vollstreckern aus Fachkreisen. Der Sieg an der Wolga war nicht einfach ein Sieg in einer großen Schlacht. Er war viel mehr. Auch vor dem Krieg wurde Stalingrad ein wichtiger Platz in der sowjetischen Geschichte eingeräumt. Insbesondere in der Geschichte des Bürgerkrieges 1918-1922. Im Bürgerkrieg ging es darum, ob die Machtergreifung der russischen Kommunisten im November 1917 von Bestand sein werde. Vieles hing hier davon ab, ob die Anhänger der Sowjetmacht Zarizyn, wie damals Stalingrad hieß, behalten oder aufgeben werden. Zarizyn blieb rot. Seine erfolgreiche Verteidigung markierte die Wende im Bürgerkrieg. Später, als die Sowjetunion sich anschickte, eine moderne Industrie aufzubauen, gelangte die Stadt an der Wolga in die Schlagzeilen, weil hier riesige Betriebe entstanden. Vor allem ein Traktorenwerk, das, wenn nicht nach der Qualität, dann jedenfalls nach dem Umfang der Produktion zu den bedeutendsten weltweit zählte. So wurde Stalingrad zum Symbol. Zum Mythos. Erst recht, als sich fast alles militärische Geschehen im Jahr 1942 auf diese Stadt ausrichtete. ------------------------------------------------------ 2. Selbst die Geschichte Stalingrads
machte also diese Stadt an der Wolga
zum Symbol. Zumal Stalingrad
1942 zum Austragungsort der riesigen Kraftprobe zwischen Hitlerdeutschland
und der Sowjetunion wurde. Auch jene Russen, die von der
immensen strategischen Bedeutung Stalingrads als Tor zum russischen
Süden und zum Kaukasus, zum Erdöltank und zur Lebensmittelkammer
Russlands wenig oder gar keine Ahnung hatten, glaubten fest daran, der
Krieg würde hier entschieden. Auf Stalingrad fokussierten sich die
Hoffnungen und Ängste nicht nur der Russen, sondern aller in der Welt,
die die Zerschlagung des Hitlerreiches herbeisehnten.
Zur Mythologisierung der Schlacht trug auch die sowjetische Propaganda bei. Sie ging endlich von der in den ersten Kriegsmonaten geübten Praxis ab, die Niederlagen der Roten Armee zu vertuschen. Einer aus der Erklärungsnot entstandenen Praxis. Denn vor dem Krieg hieß es bei uns, sollte Hitlerdeutschland uns angreifen, werde der Feind schnell zurückgeschlagen. Und die deutschen Werktätigen würden Hitler nicht folgen, sondern sich für die erste Arbeiter- und Bauernmacht der Geschichte, also für die Sowjetunion einsetzen. Die Voraussagen erwiesen sich aber als falsch. Das Gegenteil des Vorausgesagten trat ein. Die Rote Armee räumte eine wichtige Position nach der anderen. Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Krieggefangenschaft. Und nach der siegreichen Offensive der Wehrmacht dachten nur wenige Außenseiter in Deutschland an eine Auflehnung gegen Hitler. Warum
es so kam, konnte die sowjetische Propaganda der Bevölkerung nur unter
einer Voraussetzung erklären.
Wenn sie einige heilige Kühe der sowjetischen Ideologie
schlachtete. Zum Beispiel auf
Glorifizierung der Kommunistischen Führung verzichten, die die
wachsende Entfremdung zwischen dem Staat und dem von diesem geschundenen
Volk verschuldete. Davon aber
konnte in einem totalitären System keine Rede sein. So hüllte sich die
sowjetische Propagandamaschinerie in Schweigen, als es darum ging, die
katastrophalen Niederlagen der Roten Armee zu deuten.
Sie mied es, die ganze Tragweite des Geschehens und seine tiefen
Ursachen darzustellen. Bezeichnenderweise wurden sogar
so tragische Kriegsepisoden heruntergespielt, wie der Verlust von
Kiew, Minsk, Charkow, Sewastopol, Odessa - der Städte, die nicht nur
strategisch und wirtschaftlich große Bedeutung
hatten, sondern im Herzen jedes Russen
vom Begriff Heimat unzertrennlich waren.
So
dauerte es, bis Stalingrad kam. Die
Schicksalsschlacht an der Wolga zwang die Parteiideologen,
ihre Scheuklappen, wenn nicht ganz abzulegen, dann wenigstens zu
verrücken. Selbst die Tatsache, dass die Wehrmacht an die Wolga kommen
konnte, sprach eine derart beredte Sprache, dass die Propaganda sich vor
der Notwendigkeit sah, mehr reinen Wein einzuschenken. Ohnehin wussten wir, dass es
um Sein oder Nichtsein ging. Und zwar nicht nur der Sowjetmacht, sondern
Russlands, egal mit welchem ideologischen Vorzeichen. Denn das
Verhalten der deutschen Besatzer in der Ukraine, Belorussland und den
westlichen Gebieten Russlands beseitigte jeden Zweifel daran, dass es
Hitler nicht um
die Befreiung Russlands vom Bolschewismus, sondern um die
Dezimierung und
Versklavung des russischen Volkes ging. So erhielt der Sieg an der
Wolga die Aura einer fast wundervollen Errettung Russlands. So wurde der
sowjetische Mythos Stalingrad geboren, ein Mythos, der tief in der Realität
wurzelte. -------------------------------------------------------------------------------
3. In
den vorherigen zwei Beiträgen ging es darum, wie der sowjetische
Stalingradmythos entstand. Aber auch die andere Seite ließ ein
Stalingradmythos entstehen. Im Unterschied zum sowjetischen aber, der im
Wesentlichen starke Realitätswurzeln hatte, hing
der deutsche Stalingradmythos mit einer Lüge zusammen. Mit der Lüge
von der Unbesiegbarkeit der deutschen Wehrmacht, die sich angeblich auch
in Stalingrad bewährte. Nazi-
Propagandaminister Goebbels und seine Untergebenen zeichneten ein
ganz schiefes Bild vom Geschehen. Es ging immer wieder um die deutschen
Helden, die wie antike Heroen
der Übermacht des Feindes standhielten und, wenn anders unmöglich,
den ehrenvollen Tod wählten, um die Militärstandarte mit dem
Hakenkreuz geschart. Mit den Bildern, die jeder Rotarmist in Stalingrad
beobachten konnte, korrespondierte dieses Propagandabild
überhaupt nicht. Denn es waren Bilder von zutiefst unglücklichen
menschlichen Kreaturen, von Kälte
und Hunger so geschwächt, dass sie sich kaum bewegen konnten. Und die
zu vielen Tausenden aus den Ruinen krochen, um sich in sowjetische
Gefangenschaft zu begeben. Und zwar mit der Hoffnung aufs Überleben. Mit
der Hoffnung, die leider oft trog, da nicht nur Stalingrad selbst, sondern
seine weite Umgebung durch die Kriegshandlungen zur Wüste geworden war. Nach
Stalingrad hielt sich die nationalsozialistische Propaganda
aus demselben Grunde nicht an die Wahrheit wie die sowjetische
Propaganda vor Stalingrad es auch tat. Dieser Grund war die Erklärungsnot.
In den vorausgegangenen für die deutsche Seite sehr erfolgreichen Jahren
des Krieges hat sich die deutsche Kriegspropaganda so in die
Verherrlichung der Wehrmacht
und seines Oberbefehlshabers Hitler gesteigert, dass sie sich nicht mehr
leisten konnte, eine große Niederlage
wahrheitsgemäß zu erklären. Denn eine wahrheitsgemäße
Erklärung hätte den Sturz der tragenden Säulen der nazistischen
Ideologie nach sich gezogen. Vor allem der rassistischen Vorstellung
von der deutschen Herrenrasse und
des russischen Untermenschen, zum Sklavengeschick prädestiniert. Das
konnten sich Hitler, Goebbels und K° nicht leisten. Auch ein anderes
Eingeständnis mussten sie sich verkneifen. Das Eingeständnis, dass die
ganze Strategie der deutschen militärischen Führung von Anfang an falsch
war. Denn sonst hätte die Schlacht an der Wolga ein anderes Ende
genommen. Eine Schlacht, die von der Wehrmacht unter höchst günstigen
Voraussetzungen begonnen
wurde. Nach jahrelangen Siegen im
Westen und in Russland. Mit der auf Hochtouren gebrachten Kriegsindustrie
fast im gesamten Europa. Wenn die Offensive unter diesen Voraussetzungen
letztendlich kläglich scheiterte, konnte es nur eins bedeuten: Der Krieg
gegen die Sowjetunion war nicht zu gewinnen. Hitler und seine Generäle stürzten
Deutschland ins Verderben, als sie, von der Ideologie verblendet, am 22.
Juni 1941 zum Angriff bliesen. Um
dieses Verbrechen zu
verheimlichen, wurde der nationalsozialistische Stalingradmythos geschaffen. Ein Mythos von
unbeugsamen Heroen, die starben, um dem Vaterland zum Sieg zu
verhelfen. Ein Mythos, der dem Zweck dienen sollte, einerseits neue,
immense Opfer auf den Altar des bereits so gut wie verlorenen Krieges zu
bringen, andererseits zunehmende Brutalität
der Kriegsführung zu rechtfertigen. Das eine wie das andere hatte
grausame Folgen. Nicht nur für die Generation, die verblendet der Naziführung
folgte, sondern auch für die nachfolgenden Generationen der Deutschen. Es
waren grausame biologische Folgen,
da nach der Verkündung des sogenannten totalen Kriegs als Antwort auf
Stalingrad, die Goebbels im
Berliner Sportpalast hinausgebrüllt hatte,
mehr junge deutsche Männer,
potentielle Väter, auf den Schlachtfeldern
verheizt wurden als davor. Und
auch die ethischen und politischen Folgen waren grausam.
Denn jenen Völkermord, der den Deutschen bis zum heutigen Tag
angelastet wird, kurbelte die
Naziführung gerade nach Stalingrad an. So
entbehrte der nazistische Stalingradmythos, dessen spätes Echo auch
Jahrzehnte nach dem Krieg in einigen Produkten der deutschen Literatur
über die Schacht an der Wolga wahrnehmbar war,
nicht nur jegliche
Realitätsbezogenheit, sondern hat zur sinnlosen
Verlängerung des
bereits verlorenen Krieges und der Verschlimmerung
seiner Folgen beigetragen. Eine Erkenntnis, die durchaus aktuell
ist, auch wenn es um Vorgänge geht, die bereits weit in die Vergangenheit
gerückt sind. --------------------------------------------------------------------------- 4. Bekanntlich sind Mythen an sich kein Quatsch. In der Antike waren sie ein
wichtiges Erkenntnisinstrument einer Menschheit, die sich noch in der
Wiege ihrer Geschichte befand. Aber auch in späteren Zeiten gab es
Mythen. Die einen fokussierten die Erkenntnisse der Menschen, die anderen
ihre falschen Vorstellungen. Das letztere insbesondere, wenn die Mythen
von einer verlogenen Propaganda geschaffen und aufrechterhalten wurden.
Wie der Stalingradmythos der nationalsozialistischen Propaganda. Diese
Propaganda bewies ein übriges Mal, dass nie so viel, so plump und so gefährlich gelogen wird wie im Krieg. Mit
einer einzigen Ausnahme vielleicht, und zwar wenn der Krieg unmittelbar
bevorsteht. Eine geschichtliche Erfahrung, die, wie der Hörer weiß,
nicht ganz obsolet geworden ist. Eine
andere geschichtliche Erfahrung besagt, dass die falschen Mythen besonders
gefährlich werden, wenn sie eine ideologische Verbrämung erhalten. Also
in ein System von Wertvorstellungen eingebaut werden. Wie zum Beispiel das
rassistische Wertesystem vom wertvollen Herrenmenschen
und minderwertigen Untermenschen. Oder auch ein Wertesystem, das
die Völker eines bestimmten Kulturkreises himmelhoch über die Völker
anderer Kulturkreise stellt. Da
können falsche Mythen ihre destruktive Kraft voll entfalten. Sie
produzieren Feindbilder,
dienen der Kriegsvorbereitung, beziehungsweise
einer besonders brutalen Kriegsführung. Von
dieser Warte aus kann man wohl nicht sagen, dass die Erfahrungen des
Zweiten Weltkrieges nichts mehr wert sind. Obwohl der Zweite Weltkrieg
bereits weit in die Vergangenheit gerückt ist, sind seine Erfahrungen
aktuell. Zum Beispiel jene, die Deutschland machen musste, und zwar, dass
ein Krieg schlecht voraussagbar
ist. Auch das beste Militär kann sich über seinen Ausgang arg täuschen.
Wie die deutsche militärische Führung sich täuschte, als sie die
Truppen in der Überzeugung an die Wolga marschieren ließ, damit werde
der Sowjetunion der Todesstoss versetzt.
Auch
eine andere Erkenntnis scheint aktuell zu bleiben. Sie betrifft die
psychologische Kriegführung, einen immer wichtiger werdenden Teil
der allgemeinen Kriegführung. Es ist die Erkenntnis, dass die falschen
Mythen, geschaffen, um die
eigene Bevölkerung zu mobilisieren und die des Gegners zu demoralisieren,
eine zweischneidige Waffe sind. Mitunter blenden sie ihre Erfinder selbst.
So war es mit dem nationalsozialistischen Mythos
von den arischen Herrenmenschen und den slawischen Untermenschen.
Verblendet von dieser eigenen Erfindung, stürzten die
nationalsozialistische Führung und
ihre militärischen Vollstrecker das eigene Land ins Verderben, indem sie
einen Feldzug gegen Russland starteten. So
kann man gut verstehen, dass in der deutschen Öffentlichkeit heute die
Befürchtungen laut artikuliert werden, die neuartigen Mythen von der
Achse des Bösen, von den Schurkenstaaten und von den Völkern, deren
andersartige Lebensweise und Religionen sie außerhalb der Zivilisation
stellen, können viel Unheil anrichten. Befürchtungen, wie sie
auch in der russischen Öffentlichkeit laut werden. Es
gibt keine anderen Völker, die im Zweiten Weltkrieg so arg wie die Russen
und die Deutschen gelitten haben. Aber
diese Prüfung der Geschichte hat ein positives Element. Die Russen
und die Deutschen haben aus dem Schaden viel gelernt. Eigentlich sollten
die anderen Völker ihren
warnenden Stimmen mehr Gehör schenken. Auch wenn ihre Staaten jetzt nicht
unter den militärisch mächtigsten sind. 21.10.02 WIE WURDE IN DEUTSCHLAND DER 60.
JAHRESTAG DER STALINGRADER SCHLACHT BEGANGEN? Unsere Antwort: der Bedeutung des Ereignisses ganz angemessen. So würdig, aufrichtig, mit so viel Spitzenfingergefühl wie nie zuvor. Selbst die Fülle der Medienbeiträge, besonders im Fernsehen, ist bemerkenswert. Und selbstverständlich auch ihre bis auf wenige Ausnahmen hohe Qualität der Darstellung und Deutung der Geschichte. Dem Ganzen setzte eine
Erklärung des deutschen Bundeskanzlers die Krone auf. Eine
Erklärung, die das Geschehen an der Wolga vor 60 Jahren nicht nur
als Wende im Zweiten
Weltkrieg würdigte, sondern auch der Leichenberge auf beiden
Seiten gedachte. Die Opfer, das Leid, die Qual des Krieges, in dem
sich Russland und Deutschland zerfleischten. Eines Krieges,
der das Vermächtnis hinterließ: nie wieder! Ein russischer Veteran der Schicksalsschlacht des Zweiten
Weltkrieges muss den
Deutschen dafür ein herzliches спасибо
sagen. Wenn ihn aber an der ganzen
Geschichte doch etwas stört, dann ist es eine gewisse
Einseitigkeit bei der Ermittlung der Schuld für Stalingrad. Denn nicht allein Hitler und seine
Partei- und Heerführer tragen diese, weil sie die deutschen
Soldaten bis zur
Wolga trieben. Für Stalingrad tragen auch Stalin und seine
Partei- und Heerführer Schuld, weil sie den
Deutschen den Marsch bis zur Wolga ermöglichten. Bis zur
Wolga, dem heiligen Strom der Russen, der mehrere Tausende
Kilometer von der Westgrenze Russlands in der Mitte der russischen
Erde fließt. Stalin
und seine Umgebung entkräfteten
die Rote Armee noch vor dem Krieg. Sie ließen sich auf das
verbrecherische Geschäft der Teilung Europas mit Hitler ein. Sie
pflegten eine sträfliche Vertrauensseligkeit gegenüber
dem braunen Diktator. So ermunterten sie Hitler, in
Russland einzufallen. Ihre politischen und militärischen Fehlleistungen mussten
die einfachen
russischen Muschkoten mit den Verlusten,
mehrfach so groß wie die der Deutschen, bezahlen. In den deutschen Beiträgen zum
Jahrestag ist dies alles etwas unter den Tisch gefallen. In den
russischen, wie es scheint, auch. Schade! Ein Diktator, welchen
Titel er auch trägt, wird dadurch nicht besser, dass er siegt. Er
wird dadurch nur gefährlicher. Eine Wahrheit übrigens, die jetzt
wieder aktuell
geworden ist. Leider. Gott sei Dank,
die Russen kennen
sie noch. Hoffentlich.
Der Wolgograder Stadtrat appellierte an Präsident Putin, der
Stadt , die vor etwa vierzig Jahren noch Stalingrad hieß, aber im
Laufe der Entthronisierung des Tyrannen umbenannt worden war, den
alten Namen wiederzugeben. Daraufhin wurden Umfragen gestartet.
Sie zeigten, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung dies
ablehnte. Nur jeder dritte Russe hätte dagegen nichts
einzuwenden. Nur? Oder, ist es richtiger bestürzt zu sagen, so
viele? Auch deshalb
ist den Deutschen für die Würdigung der von ihnen
verlorenen Schicksalsschlacht zu danken. Sie gehen mit offenen
Augen durch die Weltgeschichte
und nehmen dabei auch die für sie nicht sehr angenehmen
Landschaften wahr. Ein gutes Beispiel für die Russen. Denn die von Kanzler Schröder
beschworene deutsch- russische Freundschaft ist zwar vorbehaltlos
herbeizusehnen, aber keinesfalls
soll es eine sein wie der verlogene Hitler-Stalin- Pakt.
Diese würde nur den
Weg in die Hölle eines Stalingrads pflastern.
Hört Ihr, Fritzen, die warnenden Stimmen der Stalingrader
Toten?
DAS
ZIEL UND DIE MITTEL 1. In einem Referat vor Studenten der Technischen Universität zu Berlin wurde unlängst die Geschichte von Radio Moskau, eines internationalen Rundfunksenders der gewesenen Sowjetunion dargestellt . Unter anderem ging es darum, was in den deutschsprachigen Sendungen von Radio Moskau während des Zweiten Weltkrieges anders war als in den deutschsprachigen Sendungen der Hauptalliierten der Sowjetunion im Kampf gegen das nationalsozialistische Reich, das heißt Großbritannien und die USA. Anders war nicht etwa, dass die Sendungen von Radio Moskau geschickter waren. In dieser Hinsicht lagen der Londoner Rundfunk und die Stimme Amerikas besser. Unterschiedlich waren vor allem die politischen Hauptthesen der Sendungen. Radio Moskau, dem Standpunkt der sowjetischen Führung folgend, ging davon aus, dass das deutsche Volk und die deutschen Nationalsozialisten keineswegs ein und das selbe waren. Dagegen hielten sich die deutschsprachigen Sender der Westalliierten an die Prämisse, das deutsche Volk wäre weitgehend identisch mit den deutschen Nationalsozialisten. Stark überspitzt könnte man sagen, die Westsender übernahmen den Propagandaslogan der deutschen Nationalsozialisten von einem Reich, einem Volk und einem Führer. Allerdings meinten die deutschen Nationalsozialisten, diese Formel gereiche dem deutschen Volk zur Ehre. Die Westalliierten dagegen meinten, sie rechtfertige eine harte Bestrafung des deutschen Volkes für die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes. Eine klare Trennungslinie zwischen dem deutschen Volk und dem nationalsozialistischen Regime wollte man im Westen nicht ziehen, hätte es doch bedeutet, den Krieg gegen Deutschland anders zu führen, als die Westmächte beabsichtigten. Auch
in der Behandlung der deutschen Geschichte gab es einen
Unterschied. Radio Moskau stellte der Barbarei
der deutschen Nationalsozialisten
die humanistischen Traditionen Deutschlands
entgegen. Die westlichen Sender gingen von der Prämisse
einer Fehlentwicklung Deutschlands im Laufe von vielen
Jahrhunderten aus und sprachen nur sehr selten über seine
humanistischen Traditionen, dafür
aber oft vom
„falschen Weg der deutschen Nation“, wie der Titel eines nach
dem Krieg von einem deutschen Westemigranten geschriebenen
und in der DDR edierten Standartwerkes hieß. Der ganzen
Nation, nota bene. Leider
blieb es nicht nur bei der Propaganda. Die Propaganda und die
Kriegführung sind gekoppelt gewesen. 2. Wenn
das hier erwähnt wird, heißt es nicht, dass
das Verhalten der Sowjetsoldaten
oder die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht in
Deutschland beschönigt werden soll. Dieses Verhalten und diese
Politik entsprach nicht dem
ideellen Grundsatz, das deutsche Volk und die deutschen
Nationalsozialisten sind zwei Paar Schuh.
Trotzdem ist es eine Sache, wenn
Verbrechen von
oben vorprogrammiert und befohlen werden und eine ganz andere,
wenn Verbrechen begangen werden, weil die Menschen, vom Krieg
psychisch stark mitgenommen,
über die Stränge schlugen, wie es
auf der sowjetischen Seite
im Kriegs und in der ersten Nachkriegszeit oft vorkam. Entgegen
der Propagandathese, dass die Deutschen keinesfalls als
Verbrecher behandelt werden durften. Nur die aktiven Nazis trügen
die Verantwortung. Viel
mehr übereinstimmten die Propaganda und die Kriegführung bei den
Westmächten. Das heißt, der weitgehenden Identifizierung des
deutschen Volkes mit dem national- sozialistischen Regimes in der
Propaganda der Westmächte entsprach
ihr Luftterror gegen Deutschland.
Als ein verbrecherisches
Volk und als Schurkenstaat durften eben die Deutschen und Deutschland
mit Bombenteppichen belegt werden. Trotz allen Abkommen über
Schonung ziviler Bevölkerung
im Krieg. 3.
Die Übergriffe der Sowjetunion sind in Deutschland weitgehend bekannt. Über Vergewaltigungen und Plünderungen nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostdeutschland und über die Härten der sowjetischen Besatzungsmacht wurde im westlichen Teil Deutschlands seit Jahrzehnten viel geredet, geschrieben und gesendet. Diesen verurteilungswürdigen Untaten hat man oft die großzügige Taten der Westmächte gegenübergestellt. Den Marschallplan, die Rosinenbomber und desgleichen mehr. Aber darüber, dass sich auch die Westalliierten der Antihitlerkoalition Schlimmes zuschulden kommen ließen, hat man in Deutschland dezent geschwiegen. Die terroristischen Luftangriffe der Westmächte auf deutsche Städte waren für deutsche Medien tabu. 4. Es scheint aber , dass dieses Tabu jetzt gebrochen wird. Jedenfalls deutet daraufhin eine Veranstaltung in der Berliner Urania. In
der Urania sprach ein deutscher Historiker, er heißt Jörg
Friedrich. Wohl zum ersten Mal in all den Jahren nahm er den
Bombenkrieg der Westmächte gegen Deutschland unter die Lupe. Er
sprach davon, dass es ein sehr grausamer Krieg war. Mindestens
eine halbe Million deutsche Zivilisten mussten daran glauben. Und
162 deutsche Städte
wurden von den Bomben zerstört. Viele ganz in Schutt und Asche
gelegt. Da
es aber im Nachkriegdeutschland
verschwiegen wurde, wussten es in vollem Masse nur die
deutsche Kriegsgeneration. Ein zeitgeschichtlich unbewanderter jüngerer
Deutsche konnte sich leicht einbilden, vom Westen her kamen im XX.
Jahrhundert nur die sprichwörtlichen „Rosinenbomber“ mit
Lebensmittelpaketen. Und die deutschen Städte haben nicht Briten
und Amerikaner, sondern Außerirdische in Schutt und Asche gelegt. Oder die
„bösen Russen“. 5. Es
ist deswegen längst an der Zeit, die terroristischen
Bombardierungen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ausführlich zu
behandeln. Und der vorher
erwähnte Referent, der deutsche Historiker Jörg Friedrich, hat
das in der Berliner Urania getan. Er hob hervor, dass der
Bombenterror keinen militärischen Sinn hatte. Schon deshalb
nicht, weil die heftigsten Luftangriffe gegen Deutschland in der
Zeit geflogen wurden, als das Dritte Reich militärisch bereits am
Boden lag. Nota bene- vor allem im Osten geschlagen, wo die
sowjetischen Streitkräfte und die nationalsozialistische
Wehrmacht einander zerfleischten. Die meisten englischen und
amerikanischen Bomben trafen aber nicht deutsche Soldaten. Sie
fielen in Deutschland auf Stadtkerne
und Wohngebiete mit ziviler Bevölkerung.
In
den westlichen zeitgeschichtlichen
Darstellungen wird oft angeführt, die terroristischen Luftangriffe auf
Deutschland hätten trotzdem einen guten Zweck. Denn die
deutsche Bevölkerung sollte am eigenen Leibe erfahren, wohin der
Krieg führte, damit sie sich von Hitler und seinen Generälen
distanzierte. Tatsache aber ist, dass dies
nicht geschah. Im Gegenteil, die Bombardierungen spielten
der nationalsozialistischen Propaganda in die Hand, die
behauptete, der Feind wolle nicht das nationalsozialistische
Regime in Deutschland, sondern Deutschland selbst
vernichten. Die Bombardierungen trieben die Deutschen erst
recht in die Fangarme
der Nationalsozialisten. Auch in dieser Hinsicht war der
Luftterror ein Verbrechen.
6. Die
terroristischen Luftangriffe der Westmächte gegen die deutsche
Zivilbevölkerung in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges,
die mindestens einer halben Million
deutscher Zivilisten das Leben kosteten, hatten also keinen
militärischen Sinn. Aber
einen politischen Sinn hatten
sie allenfalls. Das beweist die Zielrichtung der Bombenschläge.
Sie trafen nämlich vorwiegend die historischen Stadtkerne in
Deutschland. Die herrlichen Bauten,
Manifestationen der deutschen Kulturgeschichte, des schöpferischen
Geistes der Deutschen. Warum
mussten diese Bauten verschwinden? Weil den Deutschen ihre
Geschichte genommen werden sollte.
Jenes Kulturerbe, das einem Volk seine Würde gibt.
Ein Ziel, das mit der im Westen damals
lautstark vertretenen These von den Deutschen
als von einem grundverdorbenen und zivilisationsfeindlichen
Volk und von Deutschland als von einem Schurkenstaat in engem
Zusammenhang stand. 7. Die
Verantwortlichen für diesen Luftterror werden in den Heimatländern
hoch geehrt. Inmitten von London steht ein
pompöses Denkmal eines von ihnen. In den USA wurden sie
auf Friedhöfen für die Helden der Nation bestattet. Dass die auf
ihren Befehl abgeworfenen Bomben
Tausende Greise, Frauen
und Kinder töteten, wird ihnen nicht in Rechnung gestellt.
Eine gewollte Fälschung der Geschichte, die ihren Sinn hat. 8. Sicherlich
konnten Hitler und seine Clique wie der deutsche
Nationalsozialismus insgesamt nicht
in Samthandschuhen bekämpft
werden. Trotzdem war es ein Verbrechen, die deutschen Frauen,
Kinder und Greise und die deutschen Kulturschätze, die eigentlich
zum Kulturerbe der ganzen Menschheit gehörten, dem Untergang zu
weihen. Und es war, auch wenn das Wort in diesem Kontext
vielleicht einen etwas zynischen Klang bekommt, konterproduktiv.
Denn die barbarischen Mittel erzeugten
und steigerten Hass und ließen die deutschen Landser bis fünf nach zwölf kämpfen, was
viele amerikanische und englische Soldaten und- last not least- die Soldaten der Sowjetunion das Leben
kostete. 9. Die
terroristischen Luftangriffe waren nicht nur gegen Deutschland
gerichtet. Sie sollten der
Einschüchterung des sowjetischen Verbündeten der Westmächte
dienen. Es ging den Westmächten darum, die Sowjetunion in Schach
zu halten, der sowjetischen
Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent entgegenzutreten,
dafür aber seine Vorherrschaft
abzusichern. Aber eine ungezügelte Gewaltanwendung, auch wenn die
Gewalttäter die Welt verbessern wollen, macht die Welt nicht
besser. Deshalb belastete der Luftterror der Amerikaner und Briten
im Krieg gegen Deutschland die
Lage im Nachkriegseuropa und in der ganzen Nachkriegswelt.
10. Die
Russen, die den
Luftterror der Amerikaner und Briten, Gott sei Dank, nicht erlebt
haben, erfuhren von ihm nicht
viel. Die
sowjetischen Medien mieden es, ihrem Publikum die Wucht
amerikanischer und britischer Terrorangriffe gegen
Deutschland zu vermitteln.
Die Medien hatten die Anweisung, das Thema nicht zu viel zu
behandeln, damit die Sowjetmenschen keine Bange kriegen, es im
Notfall mit so einem mächtigen Gegner aufnehmen zu müssen. Mit
anderen Worten, man wollte nicht der von den Westmächten
bezweckten Einschüchterung
Vorschub leisten. Und man hatte dafür gute Gründe.
Die
befohlene Zurückhaltung der sowjetischen Medien hatte aber
Folgen, die keiner voraussagen
konnte. Und zwar in der Zeit, als
die Sowjetmacht sich aufzulösen begann und die Schalmeien
des Westens der sowjetischen Bevölkerung Friede, Freude und
Eierkuchen versprachen. Hätten
die Russen um diese Zeit die ihnen weitgehend vorenthaltene
Wahrheit über die Bombenterror der Westalliierten gewusst, hätte
sie das vielleicht
von der übermäßigen Zutraulichkeit gegenüber den Westmächten
bewahrt. So aber nahmen sie die Selbstverherrlichung der
Westmächte für bare Münze. 11. Jetzt
scheint es , dass das verschwiegene Kapitel des Zweiten
Weltkrieges in
Deutschland peu a peu erhellt wird. Es wäre wohl naiv, darin nur
die späte Erkenntnis der
deutschen Historiker zu sehen. Auch früher wussten Historiker und
Politiker Bescheid, nur
fanden sie es unzeitgemäß,
die Verbündeten zu ärgern. So blieb
das Thema nur im Repertoire
der Ultrarechten in Deutschland,
die es auszuschlachten versuchten, um aus dem Abseits ins
Licht der Öffentlichkeit zu
kommen und antiamerikanische und antibritische Emotionen zu schüren,
was gewiss zu verurteilen ist. Damit
hat aber die
Hinwendung deutscher Historiker wie Jörg Friedrich
zur verdrängten Wahrheit nichts zu tun. Sie wollen keine
Stimmung gegen die Briten und die Amerikaner machen. Wollen wir
hoffen, Ihnen gehe vielmehr um die Warnung von einer
Strategie, die darauf setzt, den Teufel mit dem Belzebub
auszutreiben. Mit anderen Worten,
den Terror mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen. Der
Zweck ist gut, die
Mittel aber sind falsch. Im Zweiten Weltkrieg war es so und
jetzt ist es auch nicht anders. 12. Vermutlich wenden sich Historiker, Publizisten und Politiker in Deutschland dem Thema des Bombenterrors der Westmächte im Zweiten Weltkrieg nicht zufällig gerade jetzt hin. Wie gesagt, wollen wir hoffen, sie wollen warnen. Sie wollen vor der Wiederholung warnen. Zwar weiß niemand, wie der angekündigte Krieg im Nahen Osten, wenn es so weit kommt, verläuft. Jetzt wird viel von genau berechneten Luftschlägen gegen Militärziele geredet. Das klingt beruhigend. Aber ob nicht wieder, wie im Zweiten Weltkrieg oder bei den Feldzügen gegen die sogenannten Schurkenstaaten im Nahen Osten, auf dem Balkan und auch in Afghanistan die zivile Bevölkerung unter den Bomben stirbt und ihre Lebensgrundlage zerstört wird, bleibt trotzdem ungewiss. 12.1.03 DIE
EHRENRETTUNG Der Anlass war eine Grußbotschaft des russischen Präsidenten Putin an die Vereinigung der antifaschistischen Kämpfer deutscher Nationalität, die der russische Botschafter Sergei Krylow den Versammelten vermittelte. Sichtlich gerührt hörten die Veteranen die anerkennenden Worte des russischen Präsidenten über ihren Beitrag zur Wiederherstellung des Friedens und der Demokratie in Europa. In ihren Antwortreden schwang nicht nur Dankbarkeit für die Hochschätzung ihrer Taten während des bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Krieges mit, sondern auch das Streben nach Eingreifen ins gegenwärtige Geschehen. Empört erwähnten sie die Untaten der Extremisten von Heute, die Gewalt predigen und ausüben, wie es die Hitleranhänger taten. Sie brachten ihre Überzeugung darüber zum Ausdruck, dass das vereinigte Europa für immer von hässlichen Spuren der Vergangenheit gereinigt werden muss. 7.6.02 KRIEGSHELDEN WIEDER „IN“? – AM 9. MAI FEIERT RUSSLAND DEN TAG DES SIEGES (DIE KAPITULATION DES DRITTEN REICHES IM MAI 1945)
1. Das Runet berichtet über einen neuen Film in Russland, der rechtzeitig zum Datum erschien. Er schildert die Heldentaten russischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Der Titel : „Der Stern“. So lautet das Rufzeichen des Radiosenders von einem Aufklärerteam, das tief ins Hinterland der Wehrmacht eindringt. Fast alle kommen um, aber wie Helden. Nach
einer langen Zeit ist es der erste Film in Russland, der dem Kampf der
sowjetischen Soldaten gegen
die Wehrmacht gilt . Das Bemerkenswerte dabei
fasst das Runet wie folgt zusammen:
Der
Film wurde im Studio „Mosfilm“ gedreht,
das früher viele Kriegsfilme produzierte. In staatlichem Auftrag, wie anno dazumal üblich. Stilistisch
dennoch ganz anders als damals. So
nimmt eine tragische Liebesgeschichte
im
Film einen breiten Platz ein.
Hollywoodmasche? Schon möglich. Bekanntlich dreht die US-Filmindustrie
seit jüngster Zeit einen patriotischen Kriegsfilm nach dem anderen. Die
Zerschlagung des Dritten Reiches soll als Werk der USA dargestellt
werden. Vermutlich, damit die Amis keinen Zweifel am
Erfolg des Feldzuges
gegen eine neue Achse des Bösen
hegen. Die
Runet- Filmkritiker spenden der neuen Leistung der russischen Filmkunst
wenig Lob. Dennoch läuft
«Звезда»
in den besten Kinos Moskaus und findet Zuspruch.
8.05.02 2.
Am
9. Mai war es in Russland schon immer üblich, die Veteranen des Krieges
(des Grossen Vaterländischen Kriegs des Sowjetvolkes-
die offizielle Sprachregelung) zu ehren.
In den letzten Jahren fiel die
Ehrung allerdings immer weniger beeindruckend aus. Und das Runet lästerte
über die Heldenstorys. In
diesem Jahr ist es anders.
In Moskau wurden die Veteranen
in den Grossen Kremlpalast eingeladen. Das Festkonzert
gestalteten bekannte Künstler. Sie intonierten Kriegslieder. Ganz nostalgisch war die Festtafel: unter
anderem mit der Delikatesse der Kriegszeit: Buchweizengrütze
mit Speck und Zwiebeln. (Siehe unten ein nostalgisches Menu nach Rezepten
von Iwan Matrjoschkin, Esq.). Der
Clou. Präsident Putin erschien nicht nur im Palast, sondern
auch im Park an der Kremlmauer, wo die Festivitäten nach dem
Empfang im Palast fortgesetzt wurden Er kam ohne Leibwache zu den Veteranen, sprach
ganz ungezwungen mit ihnen, umarmte und küsste
sie. Die alten, ordensgeschmückten
Menschen feierten
ihn als Retter des Vaterlandes vor neuen Bedrohungen. Das
soll
Bush ihm nachmachen. Übrigens
kamen seit kurzem auch in den USA die Veteranen des Zweiten Weltkrieges
zu neuen Ehren. Hm,
hm. 8.5.02 3. Etwas
bedenklich stimmt ein großer Auftritt
der Jugendorganisation unter
dem wenig klangvollen Namen «Идущие
вместе»
(diejenigen, die zusammen gehen). Die Zusammengehenden wurden aus
mehreren Städten und Dörfern zum
Roten Platz in die Hauptstadt gekarrt.
Der angekündigte Anlass
hieß der zweite Jahrestag der Inauguration
des Präsidenten, aber der gewählte Zeitpunkt ließ viele den
Zusammenhang mit dem Tag des Sieges vermuten. Der Sieg wurde auch
in den Reden zitiert. Den eigentlichen Sinn der Veranstaltung,
an der 35 000 Jugendliche teilnahmen, brachte
der Chef des „Komsomol“, wie die Organisation in Anlehnung
an den
kommunistischen Jugendverband der Sowjetzeit mitunter genannt wird, zum
Ausdruck. Er
forderte alle, die mit der Politik des Präsidenten nicht konform gehen,
das Land zu verlassen.
„Solange es für sie nicht zu spät ist“. Auch eine gründliche
politische und ethnische „Säuberung“ Russlands wurde gefordert. Kulinarischer Anhang: Wie versprochen, bringt Iwan Matrjoschkin, Esq., einige Ratschläge für jene, die sich eine Festtafel wie im Grossen Kremlpalast gönnen wollen. a) Schtschi (Kohlsuppe auf Fleischbrühe) Wichtig ist guter Kohl, wie man ihn in Deutschland nur in türkischen Geschäften findet. Auch geraspelte Mohrrüben und dicke Fleischstücke gehören dazu. Sparen Sie nicht an Kohlsuppe, auch wenn Sie hier gewöhnt sind, am Essen zu sparen. Essen Sie einmal im Leben wie die Russen es jeden Tag tun. b) Buchweizengrütze (Kascha) Das Beste auf der russischen Speisekarte. Nur groben Buchweizen dazu verwenden. Ohne Fett leicht anbraten, dann Wasser zugeben und auf geringem Feuer aufgehen lassen. Gebratenen Speck und Zwiebeln hinzufügen, nach Belieben würzen. Passen Sie auf, dass Sie die Finger nicht verschlucken! Guten Appetit wünscht Ihnen Iwan Matrjoschkin, Esq. PS Den Wodka als unbedingt dazu gehörend erwähnte ich nicht, da es selbstverständlich ist. 8.5.02
ÜBER EINEN DEUTSCHEN FERNSEHBEITRAG ZUM JAHRESTAG DES ANGRIFFS AUF DIE SOWJETUNION Es war eine Sendung über das Verhalten der sowjetischen Bevölkerung in den von der Wehrmacht besetzten Gebiete. Darin wurde dem Publikum an Hand von Aufnahmen aus einem russischen Dokumentarfilm die Erkenntnis darüber dargeboten, dass sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht viele Belorussen, Russen und Ukrainer ganz anders verhielten, als die Sowjetpropaganda es haben wollte. Und zwar von loyal bis freundlich gegenüber den deutschen Besatzern. Das deutsche Fernsehen verkaufte es als Sensation. Ist es tatsächlich eine? 20.6. 02PLENNY, ПЛЕННЫЕ, KRIEGSGEFANGENE Im
Zweiten Weltkrieg gab
es in deutschen Lagern bis zu fünf Millionen
russische Kriegsgefangene.
Zwischen drei ein halb Millionen
und drei Millionen neunhundert Tausend
haben die Gefangenschaft
nicht überlebt. Die russischen
Kriegsgefangenen wurden als
solche nicht anerkannt und nicht behandelt. Als was denn?
Als Menschenmasse,
die durch den Fleischwolf gedreht
werden sollte. Der Vernichtung durch Hunger, Kälte, Epidemien,
Genickschuss, Folter, Sklavenfron preisgegeben. Diese
Vernichtung war ein
wichtiger Teil des breitangelegten Vernichtungskrieges gegen
Russland, von Hitler
und seinen Paladinen befohlen, vom Rassenwahn des deutschen
Nationalsozialismus untermauert. Russland sollte in etwa
so kolonisiert werden,
wie einst die weißen
Siedler Nordamerika kolonisiert hatten.
Den Raum mit seinen Naturschätzen
einheimsen, die Urbevölkerung
in die Hölle schicken. Oder nur so viel davon leben
lassen, wie Arbeitskraft
gebraucht wird. Für
eine gutorganisierte, ordnungsgemäße, saubere
und wirtschaftsgerechte Erschließung
des eroberten Raumes. Das Los der Russen in der deutschen Gefangenschaft war Gegenstand einer Podiumsdiskussion in einer einmaligen Einrichtung. Im Deutsch- Russischen Militärmuseum, Berlin- Karlshorst.
Vor dem Hearing präsentierten sich russische Kriegsveteranen als Chor. Das Konzert fand in dem Raum statt, wo am 8.5.1945 die Militärvertreter der alliierten Mächte die Kapitulation der Wehrmacht entgegennahmen. Die
Frage des Hearings "Sowjetische Kriegsgefangene- die vergessenen
Opfer des Völkermordes?“ entpuppte sich als eine rhetorische
Frage. Keiner der
Experten auf dem Podium zweifelte die Aussage an. „Opfer des
Völkermordes“? Jawohl! „Die vergessenen“ ? Sicher. Der
einzige, der darauf nicht einging, war der einzige anwesende
Zeitzeuge. Der achtzigjährige Lewin aus Moskau. Ein phänomenaler
Mensch. Nicht nur weil er fast fünf
Jahre deutsche Kriegsgefangenschaft überstanden hat,
sondern auch wegen seiner Einstellung zum Erlittenen. Ohne
besondere Absicht demonstrierte
er jene ruhige, weise, menschenfreundliche,
man ist versucht zu sagen humorvolle Gelassenheit, die
manche im Westen dem
Stumpfsinn der Russen zuschreiben.
Die Gelassenheit eines Menschen, der das Schlimmste erlebt hat,
aber fest daran glaubt, dass das Leben
schön ist. Und der
Mensch gut. Wenn er nicht gerade
zur Bestie mutiert.
Kein
bitteres Wort über die fremden Peiniger. Die eigenen könnte er
eigentlich auch anklagen, weil die Sowjetunion
wohl das einzige Land in der Welt war, das seine aus der
Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Soldaten nicht als Helden
oder wenigstens als Opfer, sondern als Verbrecher empfing.
Gemäß dem Wort des
Diktators Stalin: „Wir kennen keine kriegsgefangenen
Rotarmisten, wir kennen nur Verräter“. Nach
einem Stalin- Befehl sollte sich ein Rotarmist, dem die Gefangenschaft
drohte, die letzte Kugel in seine eigene Schläfe jagen. Die fast
fünf Millionen Sowjetsoldaten
taten es nicht und wurden deswegen zu Verrätern abgestempelt. Mit
dem Stigma des Verräters gezeichnet, wurden die Zurückgekehrten
zum Studium nicht zugelassen,
bei der Arbeitssuche abgewiesen,
von den Hauptstädten ferngehalten.
Und die Kameraden,
die bei der Selektion der
Rückkehrer (wir
erinnern: von fast fünf Millionen waren es nur ca. 20 Prozent)
der Kollaboration mit dem Feind
„überführt“ wurden,
mussten in ein
KZ. Nach einem KZ in Deutschland in ein KZ in Russland.
Die
selektierenden Ermittler des militärischen Geheimdienstes
mit dem niedlichen Namen SMERSCH (смерть шпионам – Tod den
Spionen) waren nicht kleinlich. Sie kümmerten sich nicht um
Beweise. So gab es mindestens 100 000 Rückkehrer, die in Russland
zu
KZ- Gefangenen wurden.
Das
Los der Kriegsgefangenen in der Heimat kam aber beim Hearing in
Karlshorst etwas zu kurz.
Nur insofern, wie nötig, um die Frage zu beantworten,
warum die Opfer des Völkermordes so gut wie vergessen sind. Weil
sie eben keine Lobby hatten. Keine Anwälte in der Heimat. Es gab
eben keinen russischen Adenauer.
Auch in den anderen Ländern hatten sie keine Fürsprecher.
Im Unterschied z. B. zu den jüdischen Opfern des deutschen Völkermordes.
Obwohl,
nebenbei gesagt, der Mord an Millionen sowjetischen Plenny
dem Mord an den europäischen Juden nicht nur zeitlich voranging. Manche
Methoden des Judenmordes waren beim Mord an den sowjetischen
Kriegsgefangenen ausprobiert und perfektioniert worden. Und das
Personal trainiert. Es war weitgehend dasselbe. Übrigens
treffen die ehemaligen „Plenny“ in der Heimat noch immer auf
Gleichmut oder sogar Verachtung. Sie sind die zweite Wahl. Wie ein
Fisch, der etwas stinkt. So
werden sie z. B. in Kriegsteilnehmerverbänden
abschätzig behandelt. Die
Generäle und Marschälle, die diesen Verbänden vorstehen, halten
sich noch an die Tradition ihrer Vorgänger. Jener, die an der
Gefangennahme von Millionen Rotarmisten nicht ganz unschuldig
waren. Und die dann die ins Unglück gestürzten Kameraden
abschrieben. Vielleicht auch, um die eigene Schuld zu verdrängen. Die
Einstellung des geliebten Vaterlandes war allerdings nur eine
Ursache für die Eliminierung der sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem
Opferregister des Dritten Reiches.
Es gab nämlich auch andere. Sie wurzelten in der
Nachkriegsgeschichte Deutschlands. Z. B.
in der Maxime, dass die Ehre der Wehrmacht nicht angetastet werden durfte. Da der russische Feind ante
portas stünde. Und
die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen, auch wenn sie
mehr aufs Konto der
Gestapo, SS usw. kommt, gereichte eben
nicht zur Wehrmachtsehre. Sehr untertrieben gesagt. Auch
ging es in Deutschland in den ersten Nachkriegsdekaden um das Leid
der eigenen Kriegsgefangenen in Russland, das von der deutschen
Seite zum Topthema des
Kalten
Krieges stilisiert wurde. Der Hinweis auf
das noch schlimmere Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen hätte
der politischen Instrumentalisierung
Abbruch getan. Apropos.
Gab es denn ein vergleichbares Leid der deutschen Kriegsgefangenen
in der Sowjetunion? Und ob! Das Leid des Einzelnen war durchaus
vergleichbar. Die Behandlungsstrategie der Kriegsgefangenen im
Stalin- und im Hitlerreich nicht. Wahrhaftigen
Gottes verspüren wir im matrjoschka- team nicht die
geringste Affinität gegenüber
dem Massenmörder im Kreml. Aber er reagierte sich zumeist
an den eigenen Landsleuten ab. Eine Dezimierung der deutschen
Bevölkerung stand bei ihm nicht auf dem Programm. So
war auch der Hunger in den russischen Kriegsgefangenenlagern zwar
die häufigste Todesursache, aber nicht angestrebt, sondern
umstandsbedingt. Als sich die meisten deutschen Landser in russische Kriegsgefangenschaft begaben (etwa nach 1942), hungerte
ganz Russland.
Weil seine
Speisekammer - die Ukraine, die Gebiete am Don und Kuban
von der deutschen Wehrmacht besetzt, bzw. verwüstet waren.
Dagegen
gerieten die meisten Russen 1941-1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft, als die Versorgung
im gut
organisierten Deutschland
klappte und das Land noch nicht von der englischen und
amerikanischen Luftwaffe arg mitgenommen war. Aber das nur am Rande. Wir sind nicht für die
gegenseitige Aufrechnung von Verbrechen, die bereits in weiter
Ferne liegen. Das bringt uns nicht weiter. Wir sind für die Beseitigung der Folgen, solange
sie noch beseitigt werden können. Die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen, die vergessenen Opfer des Völkermords, weilen nicht mehr unter uns. Aber diejenigen, die noch leben, müssen wenigstens wissen, dass ihr Martyrium nicht vergessen ist. Sie dürfen mit dem Bewusstsein sterben, dass sie als unschuldige Opfer anerkannt sind. Und vielleicht sollten sie die letzten Jahre ihres Lebens nicht unbedingt in bitterer Armut verbringen, der viele von ihnen ausgesetzt sind, da sie in Russland ausgegrenzt, in Deutschland aber, trotz der Tatsache, dass sie als Sklaven in deutschen Betrieben schufteten, nicht als entschädigungsberechtigt eingestuft werden. Dem
Gedenken der verstorbenen Plenny sind wir alle auch wohl
etwas schuldig. Anm.
v. Iwan Matrjoschkin, Esq. : Das
Hearing im Deutsch-Russischen Museum, Berlin- Karlshorst, fand im
Gebäude und sogar im
Saal statt, wo am 8. Mai 1945 die Oberbefehlshaber
der Streitkräfte der Mächte, die gegen das Hitlerreich kämpften,
die Kapitulation der deutschen Streitkräfte entgegennahmen. Nach
der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde wurde hier ein üppiger
Siegerschmaus veranstaltet. Ach,
lieber Gott, wie viele Russen sind da Zaungäste geblieben. Und
bleiben es noch. Schurke
ist, wer deswegen Genugtuung empfindet. 9.5.02
EINE VIEL GELESENE RUSSISCHE WEB-SEITE (MK) MEINT, DER 4. WELTKRIEG TOBT BEREITS MIT ALLER WUCHT UND DER 5. WÜRDE NICHT LANGE AUF SICH WARTEN LASSEN (SO EIN QUATSCH!) Nach diesem eigenwilligen Geschichtsbild ging der 3. Weltkrieg, gemeinhin als der kalte Krieg bezeichnet, mit dem Untergang der Sowjetunion zu Ende. Das brachte aber nicht den erhofften Frieden. Fünf Jahre später ging eben der 4. Weltkrieg los. Der Krieg zwischen den USA, Japan und Europa um die Wirtschaftspfründe. Ganz neu sind die Kriegsursachen nicht. Seit jeher wurden Kriege um Ressourcen geführt. Solange der Einsatz militärischer Mittel nicht mit dem Weltuntergang drohte, hieß es, die Ressourcen dem Rivalen brutal zu entreißen. Jetzt wird der Krieg mit „friedlichen“ Mitteln (z.B. Steuerung der Finanzströme) geführt. Aber das Ziel bleibt das alte: die Ressourcen (Energieträger, Rohstoffe, Absatzmärkte) an sich zu reißen und den Rivalen in eine, seine Aktivitäten hemmende Lage zu bringen. Das Los der Sowjetunion und dann Russlands zeigt, der Verlierer hat auch im Krieg, in dem nicht geschossen wird, wenig zu lachen. Die russische Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren so stark zurückgegangen, als hätte Russland einem militärischen Angriff standhalten müssen. Der 4. Weltkrieg kennt aber auch einen anderen Verlierer: Japan. Die japanische Krise ist nicht hausgemacht. Sie ist die Folge der wirtschaftlichen Kriegshandlungen von zwei anderen Global Playern - Europa und die USA. In einer Reihe von konzertierten Aktionen brachten sie es fertig, Japan in eine Ecke zu drängen und seine Ressourcen zu teilen. Das Ende des Wirtschaftsimperiums in Südostasien ist nur eine Frage der Zeit. Was folgt? Der fünfte Weltkrieg. Der zwischen Europa und den USA. Das hat nichts mit alteingefressenen Animositäten zu tun, sondern ist rein wirtschaftlich bedingt. Die Ressourcen werden immer knapper. Entweder habe ich sie oder du. Was anderes gibt es nicht. Der erste Schlagabtausch ist schon erfolgt. Die Stahlquote der USA und die europäische Antwort. Die Amerikaner akkumulierten mehr Geld. Sie haben eine modernere Technologie. Sie sind militärisch viel stärker, was auch dann zählt, wenn die Waffen schweigen. Aber der Kampf ist noch nicht entschieden. Wie soll sich Russland positionieren? Der Verfasser des langen Beitrags erörtert drei Varianten. 1. Neutrales Lavieren zwischen den Fronten. Nicht schlecht, aber schwer realisierbar. In einem Weltkrieg kann höchstens ein Land wie die Schweiz neutral bleiben. 2. Russland verbündet sich mit den unterentwickelten Ländern. Es ist dort willkommen, da es über die nukleare Waffe verfügt und unter Umständen imstande ist, dem Widerstand der ehemaligen 3.Welt gegen den Raub ihrer Ressourcen entschieden beizutragen. Die USA und Europa sehen das ein. Sie geben sich Mühe, Russland im Westen festzubinden, ohne allerdings mit ihm richtig teilen zu wollen. 3. Russland spielt die Rolle des Juniorpartners eines der zwei Riesen, die unvermeidlich in einen Kampf treten oder vielmehr bereits in ihm stehen, - entweder der USA oder Europas. Die USA können wirtschaftlich mehr bieten. Aber Europa ist näher: geographisch, kulturell, mental. Hier bricht der auf der site MK vorgestellte Verfasser, der seinen Marx noch nicht vergessen hat, seine verantwortungslosen Spekulationen ab. Wie weit er von den Realitäten der heutigen Welt abgerückt ist, zeigt die Tatsache, dass er kein Wort über den Schicksalskampf der zivilisierten Welt nach dem 11.9.2001 gegen- na ja, gegen Bin Laden- verliert. Seine grobe materialistische Sichtweise teilen wir, die Holzpuppen, in keiner Weise. Nach unserer Meinung ringt das Abendland nicht um irgendwelche Ressourcen, sondern um die ewigen Werte: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Da sind Erdöl, Erze und so weiter sekundär. Wir können auf diese notfalls verzichten. Übrigens schließt sich auch Iwan Matrjoschkin, Esq., dieser Meinung an. Und nach seiner Auskunft, der NATO- Generalsekretär, Lord of Port Ellen auch. 24.04.02 Der Zweite Weltkrieg DER GEDENKTAG Der 27. Januar
ist im deutschen Kalender der Gedenktag für die Die
Einrichtung des offiziellen Gedenktages
vor sechs Jahren zeugte von einem neuen Geist in der Berliner
Republik. Erst recht die Wahl seines Datums. Denn
dieses erinnert nicht nur an die Opfer des Holocaust, des größten
Völkermordes in der europäischen Geschichte. Es erinnert auch daran,
wer dem Morden Einhalt gebot. Es erinnert an die Befreiungstat der
Soldaten Russlands.
Der
neue Geist der Berliner Republik, der die Einrichtung des Gedenktages
möglich machte, wurde im Prozess der Überwindung des Kalten
Krieges auf unserem Kontinent geboren. Des unseligen Geistes der
Konfrontation, die verhinderte, dass jenes, was zusammengehört, auch
zusammenwächst. Nicht nur in Deutschland. Obwohl
dies viel langsamer geschieht als erträumt, sind die Fortschritte unübersehbar.
Auch der Fortschritt des Geschichtsbewusstseins in Deutschland. Die
falsche Akzentsetzung, die das Unvergängliche
in den Schatten und das
weniger Wichtige in den Vordergrund stellte, wird korrigiert. Auch
dadurch, dass am 27. Januar an
die Befreiungstat der sowjetischen Soldaten erinnert wird. Trotz des
Missbrauchs durch die machtgeile eigene Führung, trotz ihrer, durch
die Kriegserlebnisse
provozierten Entgleisungen.
Als
russischer Journalist in Deutschland ist man an diesem Tag tief
bewegt. Und von Jahr zu Jahr immer mehr. Denn man sieht, wie die
Deutschen, auch die junge Generation, den Sinn des Gedenktages tiefer
verinnerlichen. Man sieht
es nicht nur in den offiziellen Veranstaltungen, sondern auch in
vielen anderen, die auf Initiative der Öffentlichkeit zurückzuführen
sind. So in Sachsenhausen
bei Berlin, wo wieder der hier ermordeten sowjetischen
Kriegsgefangenen gedacht wurde. Ihr Korrespondent besuchte auch einen ökumenischen Gottesdienst in der Kirche der Hoffnung im Berliner Bezirk Pankow. Die Predigt wurde hier mit jüdischen Liedern untermalt, dargeboten von einem Jugendchor. In der letzten Reihe der überfüllten Kirche saß Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
Auch andere Politiker aus Prenzlauer Berg und Pankow mischten sich unter die Gemeindemitglieder . Vor dem Eingang verteilten junge Mädchen Flugblätter gegen Rassismus. Sie hielten Plakate hoch, die an Deutlichkeit nichts vermissen ließen. „Alle Rassisten sind Arschlöcher“ stand auf einem. Die Kirchenbesucher schmunzelten. Sie nahmen offensichtlich keinen Anstoß an der Ausdrucksweise. Der Inhalt war ihnen wichtiger. In unmittelbarer Nähe der Pankower Kirche befindet sich die Zentrale einer Zwergpartei. Hinter dem Zaun des Gebäudes, angesichts der angekündigten antifaschistischen Kundgebung von den Hausherren in weiser Voraussicht verlassen, sprang ein Spruchband mit einer primitiven antikommunistischen Parole ins Auge. Am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus als doppelt geschmacklos empfunden. Die Ewig- Gestrigen wollen sich von der im Kalten Krieg gepflegten Konfrontation nicht verabschieden. Verständlicherweise, da sie in der Atmosphäre gedeihen konnten. Aber das ist passe. Hoffentlich für immer. Und das wachgewordene Gedächtnis der Deutschen, am heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wieder deutlich sichtbar geworden, ist eine zusätzliche Gewähr dafür, dass die Gespenster der Vergangenheit nicht wieder kommen. VERSCHLEPPUNG Im Zweiten Deutschen Fernsehen läuft ein dokumentarischer Bericht über ein wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte.Es
geht um die Verschleppung von
achthunderttausend deutschen Frauen und Mädchen zur Zwangsarbeit in die
Sowjetunion im Jahre 1945. Nur jede dritte überstand die unmenschlichen
Arbeits- und Lebensbedingungen und kehrte in die Heimat zurück. Eine
grauenvolle Story. Einen
sowjetischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges erfüllt sie
mit Scham und Wut. Wir haben nicht deswegen gekämpft. Wir wollten
nicht, dass den deutschen
Frauen und Mädchen dasselbe passiert wie unzähligen belorussischen,
ukrainischen und russischen Frauen auf den von der deutschen Wehrmacht
besetzten westlichen Gebieten der Sowjetunion. Wie viel Leid
der deutsche Angriff der sowjetischen Bevölkerung auch brachte,
die meisten von uns, auch wenn ihre Familien stark betroffen waren, sannen
nicht nach Rache. Sie träumten von einer
Welt ohne Unrecht und Gewalt. Sie glaubten, die Sowjetunion strebe ein demokratisches,
friedliebendes und mit ihrem Land freundschaftlich verbundenes Deutschland
an. Ein Ziel, das mit der Verschleppung der deutschen Frauen und Mädchen
und ähnlichem nicht unter
einen Hut zu bringen ist. Wären
die Verbrechen nicht
passiert, wären die Beziehungen
zwischen unseren Ländern vielleicht anders verlaufen.
So aber waren diese von vornherein vergiftet. Denn Unrecht gebärt
Hass , Gewalt - Angst, Lügen- Misstrauen. Zu welchem Zweck sie auch
eingesetzt werden, egal. Eine Lehre, die leider Gottes aktuell bleibt. Aber
zurück in das bereits ferne Jahr 1945. Anscheinend wusste die sowjetische
Führung von damals, dass die barbarische Verschleppung und Behandlung der
deutschen Frauen und Mädchen keinesfalls der Moral, dem
Gerechtigkeitssinn der Russen, dem in der orthodoxen Religion
tiefverwurzelten Gebot der
Vergebung entspricht.
Vermutlich wurde deswegen die Verschleppung wie das höchste
Staatsgeheimnis behandelt. Kein Wort durfte in die Presse. Nur die
unmittelbar Beteiligten oder die Menschen aus der Umgebung der
Arbeitslager kriegten etwas davon mit.
Wäre es anders, schlüge den Opfern eine Welle des Mitleids entgegen. Wie
im ZDF- Bericht dankenswerterweise an einzelnen Beispielen auch
angedeutet wurde. Eine
Rechtfertigung für die Tat der sowjetischen Führung gibt es nicht. Aber
zum besseren Verständnis sei
hier hinzugefügt, dass in der Tatzeit nicht nur deutsche
Frauen in den
sowjetischen Arbeitslagern gequält wurden. Viel mehr sowjetische Frauen
und Mädchen ereilte dasselbe Los. Sie mussten unter den gleichen, wenn
nicht noch schlimmeren Bedingungen auch Fronarbeit leisten. Aber auch
diejenigen, die in der relativen Freiheit leben durften, mussten
wie Sklavinnen schuften. Und hungern. Zum Teil hing das gewiss mit
der kriegsbedingten Zerrüttung
der Wirtschaft zusammen. Aber vor allem mit der Unmenschlichkeit des
Regimes, das die eigenen Untertanen oft noch schlechter behandelte als
Ausländer. Bekanntlich
schlug das auf das Regime zurück.
Auch wenn es sich im Laufe
der Zeit wandelte, haben die Russen es abgeschafft.
In der Wendezeit erfuhren sie vieles,
was ihnen früher verheimlicht worden war. Es ist
schwer zu sagen, warum gerade die Verschleppung der deutschen
Frauen und Mädchen in der Zeit nicht
an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Jedenfalls
müssen die Russen dem Zweiten Deutschen Fernsehen, vor allem seinem Autor
Guido Knopp, für die Enthüllung der weit zurückliegenden Untat
dankbar sein. Umso mehr, dass Herr Knopp mit Fingerspitzengefühl an die
Arbeit ging, die Hintergründe auszuleuchten versuchte und
seine Glaubwürdigkeit mit vielen Dokumentarberichten über die
Verbrechen der deutschen
Nationalsozialisten unter Beweis stellte. Es wäre wünschenswert, sein Werk im russischen Fernsehen zu zeigen. Von dem, was mal war, auch wenn es scheinbar an der Ehre rührt, darf auf beiden Seiten nichts verschwiegen werden. Nur so entsteht volles Vertrauen. Mit der derzeitigen, in Berlin viel beachteten Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges gibt Deutschland ein Beispiel der Aufrichtigkeit. Seinen Tribut an die Geschichte zahlt auch Russland. Und wird es weiterzahlen. Hoffentlich.
DAS BITTERE AM TAG DER FREUDE Am 8.Mai, dem Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 legte Putin einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder. Vor der Kranzniederlegung fand der nicht weniger rituelle Händedruck zwischen dem Präsidenten und der eingeladenen Kriegsveteranen. Von denen, die nicht eingeladenen wurden, müssen wohl die meisten an diesem ihre Kopeken zusammenzählen, wenn sie sich eine Flasche Wodka leisten wollen. Zwar kriegen die Kriegsveteranen eine aufgestockte Rente, aber auch sie ist, gemessen an Renten in Deutschland, kläglich. Utro.ru erinnert an die früher geheimgehaltenen Tatsachen. Nach dem Krieg wurde etwa 1,5 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, kaum aus den deutschen KZ-ähnlichen Kriegsgefangenenlagern befreit, wieder in KZ-s gesteckt. Diesmal in die von Stalin. Der generöse Vater aller Werktätigen, der den Krieg so gut managte, dass ein beträchtlicher Teil der Roten Armee gefangengenommen wurde, hielt die Kriegsgefangenen für Vaterlandsverräter. Einschließlich der eigene Sohn, Jakow, der sich in einem deutschen Lager, vom Vater Stalin (wie Millionen seiner Schicksalsgenossen) verraten, das Leben nahm. Da kaum was anderes von den Russen, durch den großen Terror 1934-1938 in der Heimat gewitzt, erwartet wurde, zogen 180.000 der aus der deutschen Kriegsgefangenschaft befreiter Rotarmisten es vor, im Westen zu bleiben. Ein Teil wurde aber von den Westalliierten aufgegriffen und in die Sowjetunion deportiert. Denen erging es erst recht schlimm. Und trotzdem... 8.5.01. Das Kalenderblatt erinnert uns am 8. Mai an das Datum, an dem 1945 der grausamste Krieg in der Menschheitsgeschichte in Europa zu Ende ging. Und zwar mit der bedingungslosen Kapitulation jenes Staates, der ihn ausgelöst hat: des nationalsozialistischen Deutschlands. Die geschichtsbewusste matrjoschka meint: 56 Jahre später, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts- und Jahrtausends, stellt man rückblickend fest, dass nur eine Großmacht jener Staatenkoalition, vor der das nationalsozialistische Deutschland bedingungslos kapitulieren musste, jetzt als wahrer Sieger in Betracht kommt. Die Großmacht, die in dem Krieg die wenigsten Opfer brachte. Die Vereinigten Staaten von Amerika. Alle anderen, einschließlich Deutschland, waren insofern auch Gewinner des Krieges, dass sie dem Joch des Nationalsozialismus entrinnen konnten. Dennoch sind sie jetzt, obwohl oder vielleicht weil sie im Krieg die meisten Opfer hinnehmen mussten, in die zweite Auswahl der, wie man jetzt sagt, globalen Spieler abgesunken. Ihnen allen droht nun die amerikanische Vorherrschaft. Insbesondere Russland, dem Kernland der Sowjetunion, das in den Kriegsjahren 1941-1945 das meiste für den Sieg über den Aggressor geleistet hat. Deutschen Äußerungen zum Geschehen ist manchmal und mehr oder weniger unverhohlen eine Schadenfreude darüber anzumerken, dass sich Russland und Deutschland nun in einem etwa umgekehrten Verhältnis als 1945 befinden. Deutschland steht im Zenit seiner Nachkriegsentwicklung, Russland liegt fast am Boden. Weil es der Verlierer des Kalten Krieges ist. Eines Krieges, der nach 1945 einsetzte und zu dessen Gewinnern Deutschland gehört. Ist die Schadenfreude darüber berechtigt? Kaum. Vieles deutet daraufhin, dass auch der Kalte Krieg letztendlich derselben einzigen Macht nutzte. Den Vereinigten Staaten von Amerika. Er verfestigte ihre Dominanz auf dem alten Kontinent und in der ganzen Welt. Jetzt sind die USA dabei, diese weiter auszubauen. Mit dem Projekt einer Raketenabwehr, die ihnen eine beispiellose militärische Handlungsfreiheit bescheren würde. Mit einer politischen und wirtschaftlichen Weltoffensive unter dem Markenzeichen Globalisierung. Einiges deutet daraufhin, dass die Gefahr in Deutschland, im Euroland überhaupt, erkannt wird. Die EU- Staaten rücken zusammen. Wie die offiziell vorgegebenen Gründe auch lauten, sie wollen sich wehren. Von ihrer Souveränität das retten, was noch zu retten ist. Ein lobenswertes, aber nicht unbedingt sicheres Unterfangen. Weil die USA das europäische Zusammenrücken mit wachen und misstrauischen Augen verfolgen und mit einer Politik beantworten, die ihre eigenen Interessen in Europa absichert. Die amerikanische Beherrschung der europäischen Politik und Wirtschaft darf nicht angetastet werden. Und wenn es opportun erscheint, greifen die USA massiv ins Geschehen auf dem alten Kontinent ein, um dies zu verhindern. Der Krieg auf dem Balkan von 1999, der Europa langfristig belastete und seiner Einigung entgegenwirkte, zeigt es. Dazu kommt, dass die wirkliche Osterweiterung des Eurolandes verhindert wird. Eine, die keine neuen Gräben auf dem Kontinent zieht, sondern seine riesigen Ressourcen zusammenführt. Deutschland würde davon in einem besonderen Masse profitieren. Doch das entspricht nicht dem USA-Kalkül. Deswegen wird über eine Einbindung Russlands in Europa zwar viel geredet, aber wenig getan. Es werden Zweifel an der Fähigkeit Russlands vorgebracht, die europäischen Wertevorstellungen zu übernehmen, um die Zögerlichkeit zu rechtfertigen. Als wäre das Land, das die europäische Zivilisation mitprägte, von einem anderen Stern. Und als würde seine Isolierung es für die europäischen Werte empfänglicher machen. So erscheint die Bilanz der historischen Entwicklung Europas nach dem 8. beziehungsweise 9. Mai 1945 in einem doppelten Licht. Einerseits erlöste der Sieg über den Aggressor den alten Kontinent von der Gefahr des Rückfalls in die Barbarei. Andererseits aber wurde er von den Siegern missbraucht. Zweifelsohne auch von der Sowjetunion, die die begangenen Sünden, vor allem den anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas gegenüber, letztendlich mit dem Zerfall büßen musste. Das ist inzwischen Geschichte geworden. Die Gegenwart wird von einem anderen Missbrauch belastet, der fortdauert. Von dem Missbrauch durch die einzig gebliebene Weltmacht, die Vereinigten Staaten von Amerika.
SCHRECKENSSTATISTIK (DANACH ZWEI EMAIL ZUM THEMA) von der Runetzeitung Polit ru.nach deutschen Erhebungen zusammengestellt, berichtet sie darüber, wie viele Sowjetbürger infolge des Krieges 1941-1945 unfreiwillig ins Reich Hitlers kamen und wie viele für immer blieben. Als Leichen. Zunächst die Kriegsgefangenen. Nach verschiedenen Quellen erreichte ihre Zahl zwischen 5,6 und 5,1 Millionen. Davon starben in deutschen Kriegsgefangenenlagern ca. zwei Millionen (19 Tausend weniger). Die Todesursache waren Hunger, unerträgliche Arbeitsbelastung und Epidemien. 473 000 Kriegsgefangene wurden hingerichtet. Es reichte nämlich auch das geringste Vergehen, um durch Henkerhand zu sterben. Unterwegs in die Lager ließen 768 000 ihr Leben. Insgesamt überlebten 57 bis 60 Prozent die deutsche Kriegsgefangenschaft nicht. Weniger tragisch war das Schicksal der Ostarbeiter, also der Arbeitssklaven, die aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden. Ihre Zahl wird mit ca. fünf Millionen angegeben (21 000 weniger). In dieser Sparte war die Sterberate nicht so hoch. Etwa "nur" jeder zehnte , bzw. jede zehnte blieb in deutscher Erde. Wobei die genaue Erfassung schwer möglich ist, da eine präzise Statistik fehlt. Allerdings gibt es noch etwa 700 000 kriegsverbrachte Sowjetbürger in Deutschland, die aus eigenen Stücken nicht in die Heimat zurückkehrten. Sie fürchteten sich , für eine freiwillige Zusammenarbeit mit den Deutschen belangt zu werden. Die meisten aber trauten der Sowjetmacht nicht über den Weg. Da auch ein erzwungener Aufenthalt in Deutschland, erst recht in deutscher Gefangenschaft, in der stalinistischen Sowjetunion als großer Makel angesehen wurde, zogen sie es vor, im Westen zu bleiben. Rückblickend lässt sich feststellen, dass der deutsch-sowjetische Krieg, am 22.6.41, also vor etwa 60 Jahren mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ausgelöst und am 9. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte beendet, zur größten Begegnung der Deutschen und Russen führte. Auch wenn es in der wechselreichen Nachbarschaftschronik viele andere, weniger tragische Anlässe gab, einander kennen zu lernen, darf dieses Kapitel nicht nur schwarz in schwarz dargestellt werden. Am Rande des großen gegenseitigen Mordens ereignete sich viel, was die Deutschen und die Russen verband. Jedenfalls viel, was sie voreinander fürchten, aber auch einander achten lehrte. 21.4.01 Liebe Holzpuppen,eine Ergänzung zu Eurem letzten Beitrag über die
sowjetischen Kriegsopfer. Den französischen Text G.E. Jean-Luc Bellanger schreibt in "Patriote Résistant", Zeitschrift der Nationalen Föderation der Deportierten und Internierten Widerstandskämpfer und Patrioten (F.N.D.I.R.P.): Die Zahlen sind grauenhaft: mehr als 3 Millionen sowjetischer
Kriegsgefangener starben während des Krieges, davon 1,5 Millionen
während der ersten sechs Monate, die dem Überfall auf die Sowjetunion
durch Deutschland folgten. Die Liquidierung der Mehrzahl dieser
"Untermenschen" war von den Nazis so vorgesehen. Eine wenig
bekannte Tragödie... ...Dennoch darf man sich nicht vorstellen, dass die
auf dem Reichsgebiet ankommenden sowjetischen Soldaten in Baracken
untergebracht wurden. Die Militärsperrgebiete, die als
"Lager" vorgesehen waren, hatten 1941 gewöhnlich als einzige
Besonderheit, dass sie mit Stacheldrahtzaun umgeben waren. Auf dem
Gebiet selbst waren praktisch keine Vorkehrungen zur Unterbringung der
Menschen getroffen. So kam es, dass die Unglücklichen monatelang in den in die Erde des
Lagers gegrabenen Hütten Schutz suchen mussten. Unterernährung und
Krankheiten, besonders Typhus und Ruhr, töteten in drei Monaten mehr
als 50 000 Mann. Diesen Toten muss man natürlich die Ermordeten
hinzurechnen, alle diejenigen, die sich in den Lagern von Sachsenhausen
oder Buchenwald den scheinbaren Größenmessungen unterziehen mussten,
diejenigen, die auf den Schießplätzen der SS in Hebertshausen, nahe
Dachau, oder in Neuengamme liquidiert wurden, oder anderswo. 1941 begingen die Deutschen keine Greultaten, schon
weil sie überall im Westen der SU stürmisch begrüßt und bejubelt
wurden - als (vermeintliche) Befreier vom Sowjet-Joch. Die Deutschen
wurden erst brutal, als der Partisanenkrieg begann. Und mit Verlaub:
Partisanen halte auch ich für das mieseste Pack, das es überhaupt
gibt. Nicht weil sie den Feind angreifen, sondern weil sie die eigene
Zivilbevölkerung damit gefährden. Denn wenn der Feind nicht mehr
unterscheiden kann, ob ihm da ein harmloser Zivilist oder ein Partisan
ohne Uniform gegenübersteht, wird er im Zweifel erst schießen und dann
fragen. So kommt es dann zur Brutalisierung des Krieges und zur Tötung
Unschuldiger. Aber genau das war ja wohl von sowjetischer Seite auch
beabsichtigt, um die Bevölkerung gegen die "bösen
Faschisten" aufzuhetzen. (Als ob alle Deutschen Nazis gewesen
wären!) 1945 wurde auch jedes deutsche Kind, das mal an einem
ausgebrannten Panzer spielend erwischt wurde, gleich als vermeintlicher
"Wehrwolf" (Partisan) erschossen - und der Unterschied war
eben, daß es solche "Wehrwölfe" (außer in den
Hirngespinsten Hitlers und der Alliierten) gar nicht gab, während die
Partisanen in der SU durchaus Realität waren.
GRAFFITIS IM REICHSTAG Das deutsche Parlament wird sich möglicherweise mit einem Antrag beschäftigen müssen, der die Entfernung von Aufschriften aus dem Jahr 1945 an den Wänden des Reichstagsgebäudes vorsieht. Die Matrjoschka ärgert sich darüber: Es geht um Kritzeleien sowjetischer Soldaten, die in Berlin dem Krieg in Europa ein Ende machten und im Überschwang der Gefühle Denkzettel an den Mauern des halbzerstörten Gebäudes hinterließen. Zwar kannte man damals das Wort Graffiti in seiner heutigen Bedeutung noch nicht, aber es waren eben echte Graffitis, die unmittelbare Äußerung aufgewühlter Seelen. Sie brachte die Freude zum Ausdruck, den schrecklichen Krieg überlebt und auch den berechtigten Stolz, an einem großen historischen Ereignis, und zwar auf der richtigen Seite, teilgenommen zu haben. Und gleichsam, wenn auch in den meisten Fällen sicherlich unbewusst, spielte als Motiv das Verlangen mit, nicht nur sich selbst, sondern auch jene unzählige Iwanows, Petrows und Sidorows in bleibender Erinnerung zu behalten, die unterwegs von Moskau nach Berlin fielen oder verstümmelt aus dem Kampf ausscheiden mussten. Danach gab es viele andere Denkmäler, aus Bronze gegossen, aus Granit und Marmor gemeißelt, mit Saluten eingeweiht und von Ehrenwachen versehen. Sie stehen auch in Berlin, werden von Touristen beäugt, Regierungsdelegationen aus Russland legen an ihren Postamenten Kränze nieder. Obwohl in Deutschland ab und zu Stimmen laut werden, die ihre Entfernung fordern, bleiben sie, von Abkommen zwischen Russland und Deutschland geschützt, stehen und werden dankenswerterweise ab und zu renoviert. Die an die Mauern des Reichstages gekritzelten Zeugnisse der Vergangenheit sind dagegen rechtlich nicht geschützt. Nur der Anstand der deutschen Politiker, ihr Sinn für die Geschichte, ihr Mitleidsgefühl für die Opfer des von den Russen nicht gewollten Krieges bewahrte die Graffitis vor der Vernichtung. Auch als das Reichstagsgebäude wieder aufgerichtet, zum Tagungsort des deutschen Parlaments werden sollte. Damals hat eine kompetente Kommission befunden, dass die Blöcke, so wie sie sind, in die inneren Mauern des Gebäudes integriert werden sollen. Die Experten gingen davon aus, dass die Historie nur dann relevant ist, wenn sie nicht geschönt wird. Wenn nicht der Zeitgeist, sondern der Geist der Wahrheit bei ihrer Darstellung schaltet und waltet. Sonst wird sie unglaubwürdig und verliert ihren erzieherischen Wert. Dass jetzt eine Gruppe von Bundestagsmitgliedern ausgerechnet die unverfälschtesten Zeugnisse der Vergangenheit beseitigen will, macht einen, der den Krieg mitgemacht hat, betroffen. Umso mehr, dass gerade in der allerletzten Zeit in Deutschland viel getan wird, damit die Zeitgenossen, insbesondere die jüngeren, begreifen, was eigentlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts los war. Die klare Vorstellung darüber wird logischerweise als eine Art Vorkehrung gegen den wachsenden Einfluss neuer Rattenfänger verstanden, die sich wieder an die deutsche Jugend heranmachen. Sicherlich ist es leicht, die Stellen im Foyer des Bundestages zu übertünchen oder die Aufschriften auf eine andere Weise zu entfernen. Wahrlich keine Heldentat. Sollte es tatsächlich geschehen, würde ein einzigartiges, in seiner Unbefangenheit, Spontanität und Schutzlosigkeit besonders rührendes Denkmal in Europa verschwinden. Ob es im Ausland, vor allem in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo schwer eine Familie ohne Kriegsopfer zu finden ist, verstanden und honoriert wird, ist kaum anzunehmen. Genauso wenig wahrscheinlich ist es, dass sich auch die Deutschen in ihrer Mehrzahl darüber freuen. Vermutlich erwarten sie von ihren Parlamentsabgeordneten am wenigsten Spiegelfechtereien mit einem sehr zweifelhaften politischen Hintergrund. 4.4.01 Es ist allgemein bekannt, welchen Beitrag Weimar zur Kulturentwicklung Deutschlands leistete. Jedes fleißige Schulkind weiß, dass die thüringische Stadt die Wiege der deutschen klassischen Literatur war, die Heimstätte von Goethe und Schiller und auch von anderen, nicht ganz so bedeutenden Dichtern wie zum Beispiel Wieland. Weniger bekannt ist allerdings die Tatsache, dass zum Weltruhm Weimars eine Russin einiges beigetragen hat. Die Russin war weder Dichterin noch Künstlerin. Obwohl sie durchaus eine musische Ader besaß und für den Hausgebrauch ganz nette Gedichte schrieb, bestand ihr Beitrag darin, dass sie Dichtern und Künstlern das gab, was diese am dringendsten brauchen, um richtig produktiv zu sein. Es ist bekanntlich das liebe Geld. Sie war nämlich sehr spendabel und förderte aus ihrer Privatkasse die Weimarer Kultur. Und die Kasse war prall gefüllt, denn die Dame gehörte zur russischen Zarenfamilie, war eine russische Großfürstin, Tochter des russischen Zaren Pawel des Ersten und Lieblingsschwester der russischen Zaren Alexander des Ersten und Nikolaus des Ersten. Das russische Geld war für Weimar besonders wichtig, da der kleine Staat, eines der im vorigen Jahrhundert zahlreichen deutschen Duodezfürstentümer, tief in den roten Zahlen steckte. Seine Staatskasse wurde durch die bereits damals wuchernde Bürokratie so stark in Anspruch genommen, dass für die Kultur kaum etwas übrig blieb. Dem thüringischen Herzog fehlte ständig das nötige Kleingeld für Dichter, Philosophen und Schauspieler, die er großzügig nach Weimar und Jena einlud und die auch danach strebten, im Refugium der deutschen Klassik tätig zu werden. Er erhöhte zwar ständig die Steuern, wie es eben die Herrschenden zu allen Zeiten und allerorten zu tun pflegen, um die Geldsorgen loszuwerden. Doch aus einer Bevölkerung von etwa sage und schreibe dreizehnzehntausend Seelen konnte kein Steuereintreiber viel herauspressen. Und mindestens ein Drittel der Bevölkerung stellten in Weimar die Privilegierten - Beamte, Höflinge, Militär, die keine Steuern zahlten. Damals war es eben ein Privileg nicht der Reichen, sondern der Adligen, von den Steuern befreit zu werden. Aber der liebe Gott ließ den thüringischen Hort der schönen Künste nicht im Stich. Durch Vermittlung des preußischen Königs erhielt der Sohn des fast mittellosen Großherzogs eine sehr vermögende Ehefrau. Sie wurde von ihren erlauchten Verwandten in St. Petersburg mit einer riesigen Mitgift ausgestattet und kam nach Weimar mit viel mehr Geld als ihr junger Gemahl je gesehen hatte. Auch und besonders, als er 1828 den Vater beerbte und die Regierung in Weimar übernahm. Respektvolles Staunen erweckte Maria, geborene Romanow, bereits beim Brauteinzug 1804 in Weimar. Achtzig Wagen, von kleinen, zottigen Pferden gezogen und von Kosaken geleitet, brachten ihre Aussteuer von der Newa an die Ilm. Die Großfürstin und später auch die Großherzogin von Weimar-Sachsen Maria Pawlowna oder Paulowna, wie sie in Deutschland halb russisch und halb deutsch genannt wurde, besaß aber nicht nur viel Geld, sondern auch eine echte Zuneigung zur dichtenden, philosophierenden und theaterspielenden Zunft. So erblickte sie ihre Aufgabe in Weimar darin, den durch Goethe und Schiller begründeten Ruf der Stadt zu erhalten und die Dichtung, Philosophie und Theaterkunst nicht versauern zu lassen. Dabei tief in die eigene Schatulle zu greifen, war für sie selbstverständlich. Es ist eben so, dass den russischen Zaren vieles vorgeworfen werden konnte, bloß geizig waren sie selten. Zwar galt die Freigebigkeit der Majestäten aus St. Petersburg meistens dem Militär, dennoch gab es in diesem Punkt auch Ausnahmen. Und Maria Paulowna war eine solche. Sie wollte Weimar und dem ganzen Deutschland zeigen, wozu eine russische Prinzessin in punkto Kulturförderung fähig ist. Und der deutschen Kultur fühlte sie sich sowieso verbunden. Schließlich hieß ihre Oma väterlicherseits Prinzessin Sophie – Friederike - Auguste von Anhalt - Zerbst, mehr unter dem Namen Katharina die Zweite, bzw. die Große bekannt. So betrachtete Maria Paulowna Deutschland als ein Land, mit dem Russland für immer zusammen gehen sollte und dessen Geist, mit der russischen Stärke vereint, viel ausrichten könnte. Wie es die große Katharina der ganzen Welt bewies. Für Weimar und - wenn man weiterdenkt - für die ganze deutsche Kulturlandschaft war Maria Paulowna ein richtiger Segen. Denn das Geld aus St. Petersburg floss in viele Einrichtungen, die mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, das Erbe von Goethe und Schiller zu erhalten und zu mehren. Dazu gehörten Archive, Museen, wissenschaftliche Forschungsstellen, aber auch das Weimarer Theater, später mit Recht das Nationaltheater genannt, wo viele dramatische Dichtungen von in der Stadt beheimateten Dichtern zuerst aufgeführt worden waren. Erwähnt sei, dass die Großfürstin Maria ein für ihr Elternhaus erstaunliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit den launischen Poeten und Philosophen besaß. Geerbt haben konnte sie es kaum, höchstens von der Oma. Der Vater, der bereits erwähnte Pawel der Erste, hatte nur seine nach preußischem Muster bezopften Soldaten im Sinn, die er von früh bis spät exerzieren ließ. Marias älterer Bruder Alexander der Erste, übrigens Michail Gorbatschow äußerlich und nach dem Gehabe sehr ähnlich, verkündete zwar, er sei ein Freund der schönen Künste, erhärtete aber die Zensurbestimmungen in Russland und verschrieb sich nach den ersten misslungenen Reformversuchen den Dunkelmännern. Das denkende und kunstschaffende Russland war richtig erleichtert, als er 1825 starb. Sein und der Großfürstin Marias Bruder Nikolaus, der daraufhin in St. Petersburg den Thron bestieg, erwarb sich mit seinen Demütigungen des russischen Nationaldichters Puschkin und grausamen Verfolgungen anderer freidenkender Literaten einen sehr zweifelhaften Ruhm. So war Maria ein weißer Rabe in dieser Familie von Despoten und Ignoranten. Sehr belesen, für alles Schöne zugänglich, füllte sie die selbstgewählte Rolle der guten Fee der Dichter, Philosophen und Schauspieler in Deutschland ohne Mühe aus. Deutsch beherrschte sie, wie manche andere Fremdsprache, gut, so dass es für sie in der neuen Heimat keine Sprachbarrieren gab, auch wenn ihr der Weimarer Dialekt nicht auf Anhieb von der Zunge ging. Kurzum, sie fühlte sich in dem fremden Lande, das allerdings damals in Russland etwa so wie ein Vetter in einer zusammenhaltenden Familie empfunden wurde, sehr heimisch. Doch nie leugnete sie ihre russische Herkunft. Im lutherischen Weimar blieb sie russisch-orthodox und ließ sogar eine orthodoxe Grabkapelle bauen, und zwar auf eigens aus Russland herbeigeschaffter Erde, wo sie bestattet werden wollte. Wenn sie eine unfreundliche oder unkorrekte Äußerung über Russland hörte, meldete sie sich zu Wort und sorgte dafür, dass das Bild ihres Vaterlandes zurechtgerückt wurde. Allerdings war es damals in Deutschland weniger üblich als später, über Russland zu lästern. Es wirkte noch die Dankbarkeit für die opferreiche Tat der russischen Soldaten nach, die die Grand Armee Napoleons 1812-1813 in die Flucht geschlagen und damit Deutschland von einem Besatzungsregime befreit hatten. Gewiss waren die Kosaken keine Engel, und als sie durch die deutschen Städte zogen, haben sie sich einiges zuschulden kommen lassen. Aber - das sei hier ganz unpolemisch angemerkt - im Vergleich mit der französischen Besatzung erschienen die Kosakenübergriffe weniger schlimm. Für mich, die ahnungslose Holzpuppe, war es übrigens neu, als ich in Weimar viele Zeitzeugnisse der französischen Schandtaten - Morde an Zivilisten, Raubzüge, Vergewaltigungen- las. Das hätte ich den Söhnen des charmanten Volkes nie zugetraut. Zurück zu Maria Paulowna. Obwohl sie sich ihrer Zugehörigkeit zu der damals wohl mächtigsten Dynastie in Europa bewusst war, ließ sie sich keine Spur vor Hochnäsigkeit anmerken. Im Inneren zog sie wohl Vergleiche zwischen der damaligen deutschen Enge, im Zwergstaat Weimar besonders spürbar, und dem riesigen, sich auf zwei Weltteile erstreckenden Russischen Reich, aber niemand hörte von ihr abschätzende Meinungen über die Wahlheimat. Peu a peu übernahm sie die neuen Aufgaben, die die Regierungsgeschäfte in Weimar erforderten, ohne dadurch ihre Mäzeninnenrolle zu vernachlässigen. Um die Staatsgeschäfte musste sie sich kümmern, weil ihr Herr Gemahl, der Herzog, ein Träumer war und sich sehr gern zurückzog, um seine umfangreiche Sammlung von Kitsch aus vielen Ländern zu pflegen. Auch als die im Hintergrund mitregierende Person eroberte sie die Herzen der Weimaraner, da sie die Staatsfinanzen sehr vorausschauend und umsichtig verwaltete und sich bemühte, die niederen Stände nicht zu sehr zu schröpfen. Es gab in ihrem Leben auch Unangenehmes. Die Atmosphäre in Deutschland wurde damals zunehmend vom aufkommenden Nationalismus beeinflusst, der mitunter auch militante Formen annahm. Bezeichnend dafür war der Mord an einem gewissen August von Kotzebue. Er war ein gebürtiger Weimaraner, der wie viele Tausende anderer seiner deutschen Landsleute im Befreiungskrieg gegen Napoleon, also 1812-1813, in der russischen Armee gekämpft hatte. Bekannt machten ihn seine sehr unterhaltenden Bühnenstücke. Zeitweise waren sie auf der Weimarer Bühne häufiger zu sehen als die von Schiller. Zum Verhängnis wurde ihm der Briefwechsel mit seinen alten Kameraden aus St. Petersburg. Die Briefe wurden, wie es dem Hörensagen nach in wohleingerichteten Staaten auch jetzt passieren soll, abgefangen. Die Menschen in Deutschland, denen die guten Beziehungen zu Russland gegen den Strich gingen, sorgten dafür, dass Kotzebue als russischer Spion verschrien wurde. Bald fand sich ein halbverrückter Superpatriot, der gegen den Dichter ein Attentat ausführte und ihn umbrachte. Eine Folge der Spionomanie, die auch nicht erst heute erfunden wurde. Es war ein Schock für die russische Prinzessin. Doch zurück zu den angenehmen Seiten im Leben Maria Pawlownas in Weimar. Es ist überliefert, dass die Prinzessin aus dem Hause Romanow einen sehr ungezwungenen Umgang mit musisch veranlagten Menschen pflegte, auch wenn sie keine "von" waren. In Weimar fiel das stark auf, da hier, wie auch an den anderen Zwergfürstenhöfen in Deutschland, die Etikette über alles ging. So durfte Goethe, obwohl der erste Minister in Weimar, nicht an einer Tafel mit adligen Höflingen speisen. Ihm wurde an einem Nebentisch gedeckt. Erst als der berühmte Dichter geadelt worden war, durfte er an demselben Tisch mit dem Herzog und seiner Hofkamarilla sitzen. Im Inneren ihrer Seele fand Maria Paulowna die Etikette lächerlich. Auch wenn sie selbst den Konventionen folgte, um jeden Skandal zu vermeiden, ließ sie sich privat, ohne dies an die große Glocke zu hängen, ein bisschen gehen. Sie lud geistreiche Menschen ein, ohne auf die Herkunft zu achten, rezitierte mit ihnen Gedichte, sang nach Herzenslust, spielte damals übliche Gesellschaftsspiele. Die Partys zogen sich bis tief in die Nacht hinein. Öfter fand die Bedienung die Herzogin und ihre Gäste schlafend, aneinandergelehnt neben Weinflaschen . Schurke ist, wer dabei an Unzucht denkt. Einer Prinzessin Di ähnelte die Prinzessin Maria nicht. Sie hielt ihrem schwächlichen Gemahl die Treue und hatte keine Liebhaber. Eine russische Prinzessin eben, erzogen nach den strengen Grundsätzen der Orthodoxie. Es gab natürlich auch am Zarenhof ganz andere Fälle - denken wir wieder an die Katharina - doch im allgemeinen herrschten in St. Petersburg strengere Sitten als in Paris oder Rom. Maria Paulowna regierte dreißig Jahre in Weimar, und ihre Zeit, die an die Blütezeit des Weimarer Geisteslebens anschloss, setzte die Tradition fort und festigte sie sogar. Weimar wäre nicht Weimar, hätte es nicht das Glück gehabt, von der russischen Prinzessin regiert und zum Teil auch ausgehalten zu werden.
HABEN
ERST DIE RUSSEN EUROPA ZIVILISIERT? EINE NEUE CHRONOLOGIE DER
WELTGESCHICHTE.
Die
Holzpuppen sind verwirrt. Durch die neue Chronologie der Geschichte
Russlands und Europas. Aufgestellt von dem namhaften russischen
Wissenschaftler A.T. Fomenko. Unterstützt von mehreren russischen Persönlichkeiten
mit Rang. Darunter der erst (oder zweit) beste Schachspieler der Welt
Harry Kasparow. Er hat sich mit der neuen Chronologie
und ihrem Begründer Fomenko sehr gut vertraut gemacht.
Wir übernehmen, stark gekürzt, aus dem Runet seine Sicht der
neuen, sensationellen Chronologie, ohne uns damit zu identifizieren. Erst
wenn der Chefhistoriker von matrjoschka-online.de
Iwan Matrjoschkin, Esq., sein Urteil spricht, geben wir eine
umfassende Stellungnahme ab. Vorerst müssen die Leser mit der Theorie des
Herrn Fomenko in der Darlegung des Schachspielers
Kasparow Vorlieb nehmen. Also, das Wort hat Harry Kasparow:
Die
neue Chronologie geht uns alle an, ob Berufs- oder Laienhistoriker, Händler
oder Schachspieler, Politiker oder Landwirt. Denn wir alle haben in der
Schule die Geschichte gelernt, die nicht stimmt. Damit stimmen auch
alle anderen Wissenschaften nicht. Sie sind auf Sand gebaut. Wenn unsere Zivilisation nicht fünftausend, sondern nur
anderthalb tausend Jahre alt ist, dann liefen alle historischen Ereignisse
in viel kürzeren Zeitabschnitten ab. Und sie werden auch anders
ablaufen, als wir uns denken. Wir müssen also nicht nur unser Bild der Vergangenheit,
sondern auch unsere Zukunftsvisionen
radikal revidieren.
Von
Kindheit an werden wir mit falschem Wissen vollgepumpt. Wir lesen
griechische Sagen und historische Romane, gucken Filme, die nicht stimmen.
Wir können uns nicht vorstellen, dass die Geschichte des antiken
Griechenlands oder Roms erdacht ist. Es ist aber so.
Wenn
von Sokrates, Platon oder Aristoteles die Rede ist, darf nicht vergessen
werden, dass ihre Bücher hoffnungslos verschollen waren. Es verging viel
Zeit, bevor sie wieder auftauchten, wie übrigens alle Werke der alten
griechischen und römischen Geschichtsschreiber. Woher wissen wir von den
Feldzügen Alexanders des Großen? Aus dem Werk Arrians. Und Arrian lebte
vierhundert Jahre nach Alexanders Feldzügen. Nach vierhundert Jahren tat
sich die erste Quelle auf, die dann alle zitierten. Sie führte aber in
die Irre. Ein
anderes Beispiel. Die ersten Landkarten kamen im 15. Jahrhundert auf. Wie
auch viele spätere Karten
sind es Fantasieprodukte. Eine
Karte aus dem 18. Jahrhunderts,
in die der Amazonas
richtig eingezeichnet ist, ist
eine gefälschte. Eine, auf der alle Arme des Nils bis hin zum
Victoria-See zu sehen sind, auch. Denn die
Engländer gelangten erst 1858 dorthin. Das ist ein Beispiel
dessen, wie unzuverlässig unsere Quellen sind. Wir nehmen sie aber ernst.
Obwohl wir das nicht tun sollten. Das
betrifft nicht nur Landkarten. Heutzutage glauben alle, etwas über die
Vergangenheit zu wissen. Hauptsächlich aber glaubt man Mythen. Ganz
anders die neue Chronologie. Ihre Richtigkeit und Begründung lässt sich
mathematisch belegen. Und genau das machen Akademiemitglied Fomenko und
seine Nachfolger. Sie rechnen die sogenannten Duplikate der
Herrscherdynastien in verschiedenen Erdteilen heraus und beweisen damit,
dass diese ein und dieselben Personen sind, nur unter anderem Namen geführt
werden. Nach
Gesprächen mit A.T.Fomenko und dem lesen seiner Bücher weiß ich, dass
der tatarische Khan Baty und der slawische Fürst Jaroslaw der Weise ein
und dieselbe Person sind. Dadurch wird die ganze altrussische Geschichte
umgekrempelt. Unsere
Version: Die Menschheitsgeschichte ist viel kürzer als vermutet. Sie
dauerte zwölf, dreizehn Jahrhunderte, vielleicht sogar weniger. Die
Geburt Christi fällt beispielsweise genau mit einem wichtigen
astronomischen Ereignis zusammen – dem Aufleuchten eines neuen Stern im
Jahre 1054. Das war der Stern von Bethlehem. Die
Stadt, in der Christus predigte, war nicht Jerusalem, sondern
Konstantinopel, das heutige Instanbul.
Wer
einmal in Jerusalem war, hat gesehen, dass es dort weder Bäume noch Berge
gibt. Auf alten bildlichen Darstellungen der Kreuzigung Jesu sind Berge
und Bäume zu sehen. Das ist nicht Jerusalem, das ist die Umgebung
Istanbuls. Die
Geschichtsfälschung war eine Folge des überwältigenden Siegs
Westeuropas im Kampf gegen die Horden aus dem Osten. Die Osthorde, das ist
das alte Russland. Ein Riesenreich, das vor der Erfindung der Feuerwaffe
unbesiegbar war und nur mit der Reiterarmee praktisch die gesamte von
Menschen bewohnte Welt besiegte. Begründer dieses gewaltigen Imperiums
war ein Mensch, der verschiedene Namen trug. Die einen hielten ihn für
den Tataren Tschingis Khan, andere für den Russen Juri Dolgoruki. Sein
Sohn hat ebenfalls viele historische Namen: Jaroslaw der Weise, Khan Batyr,
Friedrich Barbarossa. Allerdings handelt es sich immer um ein und dieselbe
Person. Was
wissen wir von Jaroslaw dem Weisen? Dieser Fürst der Kiewer Rus
verbandelte alle seine Kinder im 11. Jahrhundert mit europäischen Königshäusern.
Er selbst war mit einer schwedischen Prinzessin verheiratet, einer seiner
Söhne hatte eine polnische, ein anderer eine griechische Königin zur
Frau, die jüngste Tochter verheiratete er mit einem ungarischen
Herrscher, der älteren Tochter machte der norwegische Prinz Harold den
Hof. Die mittlere Tochter verkuppelte er mit dem französischen König.
Wie schaffte er das? Jaroslaws Reiterarmee stand auf dem Territorium des
heutigen Westeuropas. Deshalb schätzte sich der französische König glücklich,
die Tochter des großen slawischen Zaren ehelichen zu dürfen.
Ende
des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts vollzog sich der Wechsel praktischer
sämtlicher Königsdynastien in Europa. Erstens in Russland selbst. Hier
wurde die alte Dynastie von den Romanows abgelöst, prowestlichen
Usurpatoren aus einem drittrangigen Geschlecht, das als erstes die
russische Geschichte verfälschte. In Frankreich verschwand die Dynastie
Valuar, eben jene, in der slawisches Blut floss. Neue Dynastien übernahmen
die Macht. Und die Geschichtsfälschung nahm ihren Lauf mit dem Zweck, die
Slawen aus der europäischen Zivilisation zu verbannen.
Römische
und griechische Grabsteine, die als Beweis für die Existenz antiker
Staaten gelten, stammen aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert. Auf allen
fehlt die Datierung, und wenn es doch mal eine gibt, widerspricht sie den
herkömmlichen Geschichtsvorstellungen. Es ist also falsch, die Geschichte
der europäischen Zivilisation von Griechenland und Rom abzuleiten.
In
die Münzen türkischer Sultane wurden drei Lilien und das christliche
Kreuz eingeprägt, auch das Bildnis des Imperators, obwohl der Islam die
Porträtdarstellung verbietet. Die Erklärung ist ganz einfach: Der
Imperator Justinian war Christ und Slawe. Doch die westeuropäischen
Historiker wollten das nicht wahr haben.
Die
Romanows fälschten die russische Geschichte, denn sie waren ein
hinterweltlerisches Bojarengeschlecht aus Westrussland. Sie erfanden die
Version, alle russischen Zarenfamilien stammten aus ihrer Region. Die
Romanows waren nicht die gesetzmäßigen Anwärter auf den russischen
Thron, sie rissen ihn im Ergebnis des Bürgerkriegs an sich. Dieser Bürgerkrieg
hörte Ende des 18. Jahrhunderts auf. Was ging um diese Zeit in Russland
vor sich? Der Bauernaufstand unter Jemilian Pugatschow. Seine Mannen rückten
auf der Wolga vor und nahmen nach etlichen Siegen die Stadt Kasan ein.
Danach überquerten sie die Wolga und bewegten sich auf Moskau zu.
Mit großer Mühe konnte die Armee der Deutschen, Katharinas der Großen, ihren Angriff stoppen. Das war ein richtiger Krieg. Das Russland der Romanows führte ihn gegen den an der Wolga gegründeten russischen Staat, den größten Staat der Welt, von dem heutige Historiker keine Ahnung haben. Jetzt
wird klar, warum das russische Volk den Sibirier Pugatschow für den
Repräsentanten der gesetzlichen Dynastie hielten. Auch
der Krieg gegen einen anderen Führer der russischen Bauern, Stepan Rasin,
ist eine Etappe des Krieges, der mit der Thronbesteigung der
deutschfreundlichen Romanowfamilie begann.
Nehmen
wir die Tataren. Wie konnten die die ganze Welt erobern? Aber es gab keine
Tataren in Europa. Es gab Tartaren. So nannte man in Westeuropa lange Zeit
die Kosakenkavallerie aus dem Osten. Die Kosaken vom Dnepr, Kuban usw.
Das
spricht auch von der großen Rolle Russlands bei der Entstehung der europäischen
Zivilisation. Anm.
v. Iwan M. , Esq. Wie
eingangs mitgeteilt, bin ich jetzt ins Studium alter Chroniken vertieft,
um die Theorie von Fomenko und Kasparow kompetent einschätzen zu können.
Aber schon jetzt bin ich
imstande, darauf hinzuweisen, dass die neue Chronologie der
Weltgeschichte die Rolle Russlands in der Weltzivilisation in neuem Licht
erstrahlen lässt. Denn daraus folgt, dass alle Theorien, die europäische
Zivilisationleite sich vom antiken Athen und Rom ab ,
Quatsch sind . Russland hat Europa zivilisiert, sonst niemand. Und
Jesus war vermutlich auch ein Russe. Was
mich dabei etwas stört, sind die Namen der Theoretiker. Fomenko... Ist es
ein russischer oder ein ukrainischer Name?
Ist der Mann also ein Landsmann von Putin oder von Kutschma? Im
ersten Falle ist alles OK. Im zweiten... Na ja. Und Kasparow? Noch dazu
Harry? Ist da kein fremdes Blut im Spiel? Ich bin nämlich dafür, dass
jede Stellungnahme über
Russland zuerst mal danach beurteilt wird, wer diese macht. Nur wenn
derjenige so einwandfrei ist wie ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., kann man
ihm vorbehaltlos vertrauen.
Sonst geht man unter Umständen einem Russenhasser auf den Leim. In diesem Zusammenhang macht mich die Tatsache hellhörig,
dass Harry Kasparow den Märtyrertod
unseres Herrn nach Istanbul verlegt.
Zwar ist die Türkei ein Nato- Mitglied und an der Schwelle der EU
steht sie auch, aber ist sie christlich? Obwohl auch Jerusalem... Na ja. Könnten
denn die Herren Fomenko und Kasparow Golgatha nicht gleich nach Sankt-
Petersburg verlegen? In die Geburtstadt meines Freundes W.W.P.? Wenn
schon, denn schon... Und
noch etwas: Folgt man der neuen Chronologie, haben erst die Russen Europa
zivilisiert. Daraus kann man schließen, die europäische Zivilisation
wird nicht von den Russen, sondern von den übrigen Europäern bedroht.
Bei aller Anziehungskraft dieser These finde ich, Iwan Matrjoschkin, Esq.,
sie etwas unzeitgemäß. Es
ist noch nicht die Zeit gekommen, die Russen so hoch über alle anderen zu
hieven. Noch nicht. Noch... 5.1.03
DER
NAHE OSTEN ALS ZÜNDER DES 3.WELTKRIEGES??? Nein,-
meint der Fraktionschef der kremlnahen „Einheit“ in der russischen Staatsduma,
Wladimir Pechtin. (Ein solider Experte).
Die Weltgemeinschaft lässt nicht zu, dass der Nahostkonflikt zum
3. Weltkrieg ausartet. Aus den weiteren Ausführungen des Herrn folgt, die
meiste Hoffnung knüpft er an die demnächst startende Friedensmission des
russischen Präsidenten Putin (strana.ru). Ja,- meint ein anderer (unsolider)Experte auf einer ziemlich ominösen site des Runets (ergo.ru). Der 3.Weltkrieg stehe an der Schwelle. Er untermauert die Prognose mit einer Reise in die Vergangenheit:
Wer hat bessere mentale, psychologische und technische Voraussetzungen als Israel, um den Krieg zu zünden? Ein Land, dessen Eliten das Holocausttrauma nicht überwinden konnten ?- fragt abschließend der finstere Verfasser dieses eindeutig gefärbten Unsinns, von dem sich die angewiderten Holzpuppen hiermit distanzieren. 14.04.02
DIE FORMIERTE GESELLSCHAFT: DIE VERBINDUNG ZWISCHEN DEM STALINISTISCHEN UND DEM USA-PROJEKT Unter dem provozierenden Titel bringt die Runetzeitung „безшор.ru“ die nachfolgenden Überlegungen: Das sowjetische Zeitalter bescherte Russland ein Phänomen: die virtuelle Realität, die sich von der tatsächlichen immer weiter entfernte. Es war eine totale Selbstinszenierung des realen Sozialismus, die von früh bis spät und allgegenwärtig auf der öffentlichen Bühne lief. Die vollkommenste virtuelle Realität, auch wenn sie lange vor der Erfindung des Computers, des Internets, sogar vor dem Massen TV existierte. Kaum jemand in der Sowjetunion konnte sich dem Sog entziehen. Höchstens durch Selbstmord, wie der geniale Wladimir Majakowski 1930. Aber auch er wurde posthum von Stalin persönlich zum „besten begabtesten Dichter unserer neuen sowjetischen Epoche“ ernannt. Die späte Rache des Diktators am Poeten, der viel mehr als ein Hofpoet sein wollte und das Bühnenbild der virtuellen Realität durch seine bloße Anwesenheit unglaubwürdig machte. Es ging bunt zu. Ein Literat, Maler, Regisseur u.s.w., aber auch ein Politiker und Staatsmann, ein Wirtschaftsexperte und ein Flieger konnte heute auf einen ganz hohen Sockel erhoben werden, um morgen trotzdem ganz tief zu stürzen. Und keiner wusste, warum, am wenigsten er selbst. Es machte das Leben richtig spannend. „Es gibt eine Faszination, am Rande der düsteren Schlucht zu stehen“, wie ein russischer Dichter formulierte. Das absurde Theater auf der offenen Bühne unter der Regie des Staates nahm an Faszination zu. Zum Spektakel wurden z.B. Gerichtsverhandlungen über erdichtete Untaten der ehemaligen, in Ungnade gefallenen Kampfgefährten des Diktators, sorgfältig geplant und bis zum letzten Wort vorsorglich einstudiert. Die Beteiligten mussten nur eins erledigen: ihre Sprüche brav runterleiern. Zwar taten es die einen, weil sie sich selbst und ihren Angehörigen die Qualen ersparen wollten, die anderen dagegen, um sich im Scheinwerferlicht produzieren zu dürfen und emporzusteigen, aber Schauspieler waren sie alle, und zu den Schaulustigen gehörten 300 Millionen Untertanen, das vor süßem Horror verstummte Ausland nicht mitgezählt. Der Staat, der sich fürs wahre Vaterland aller Werktätigen und Unterdrückten der Welt hielt, ging zwar in die Binsen, aber die von ihm vorgenommene Erkundung der Grenzen des Möglichen bei der Erschaffung des virtuellen Weltalls ist nicht überflüssig geworden. Er hat Nachfolger in der Kunst, das X fürs Y auszugeben- und zwar so total, dass nur ganz wenige hinter der virtuellen Realität die Realität ohne Beiwort vermuten. Alle Zweifel darüber müssten eigentlich nach dem 11.09. 2001 ausgeräumt sein. Selbst der Vater aller Völker der Welt, der den Westen fürs Reich des Bösen hielt und entsprechend dieser Überzeugung in jedem russischen Zimmermann, kasachischen Hirten oder dem die Rentiere züchtenden Eskimo die gekaufte Kreatur des Leibhaftigen witterte, hätte wohl das Spektakel nicht besser aufziehen können, als es ganz andere Regisseure taten. Sie- und nicht die Terroristen, wie diese auch zu verdammen sind, - verändern jetzt im Eiltempo unsere Welt, wie Stalin und seine Clique das Sowjetrussland verändert hatten, das danach verdientermaßen wie eine Blase platzte.
Anm. In dem Runet-Beitrag geht es in dem Sinne weiter, wir muten aber unseren Lesern den weiteren Unsinn nicht zu. Auch weil da Namen genannt werden, die im matrjoschka- team, einschließlich sogar Iwan Matrjoschkin, Esq.,nur mit Ehrfurcht genannt werden. 28.2.02
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