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R*U*S*S*L*A*N*D IN E*U*R*O*P*A |
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Wer ist das?
VOR
ZWEIUNDVIERZIG JAHREN WURDE DIE BERLINER MAUER ERRICHTET. Die
Mauer ist bereits 14 Jahre weg. Darüber freut sich auch jetzt
jeder vernünftige Mensch in
Deutschland. Aber auch in
Russland, einst von seinen Machthabern
ähnlich eingemauert.
Allerdings mischt
sich in die Freude der Russen eine Prise
Bitterkeit. Denn die Mauer in Berlin ist abgerissen, doch
andere Mauern bleiben.
Schlimmer noch, an einigen wird
eifrig gebaut. Auch an der Mauer, die
immer näher an Russland rückt. Gemeint ist die Grenze der
Europäischen Union. Obwohl
die positiven Aspekte der europäischen
Einigung auch den Russen bewusst sind, können sie
manche negative Folge
nicht verdrängen. Darunter die, dass ihr Vaterland, das
weitaus größte europäische Land, draußen bleibt. Gewissermaßen hinter der Mauer. Daraus
erwachsen Russland politische,
wirtschaftliche und kulturelle Nachteile. Außerdem wird die
Reisefreiheit der Russen dadurch
eingeschränkt. Früher durften sie
nicht frei in der Welt herumreisen, weil die sowjetischen
Machthaber es nicht wollten. Jetzt sieht der Russe seine
Reisefreiheit, die übrigens der Westen für ihn
lauthals einforderte, durch denselben Anwalt der
Reisefreiheit bedroht. Besonders nach der EU- Erweiterung. Denn
gleichzeitig erweitert sich auch der Gültigkeitsbereich des Schengener
Abkommens, das zwar den EU-Bürgern
und auch den Bürgern mehrerer nicht europäischer Staaten
die Wahrnehmung des Menschenrechtes auf Reisefreiheit ungemein
erleichtert, aber einigen anderen, darunter den Russen,
erschwert. Bereits
jetzt ist für die
Russen die Einreise in die osteuropäischen Staaten, die in die EU
kommen und wo man als russischer Bürger bis vor kurzem ohne große
Formalitäten hin durfte, zu einem Problem geworden. Zur
Berliner Mauer zurück, erinnern wir uns daran, dass die DDR-
Staatsmacht von der
Mauer die Stabilisierung in ihrer Domäne erhoffte. Zuerst schien es,
die Rechnung wäre aufgegangen. Aber das war
ein Trugschluss. Die DDR- Bevölkerung fegte die Mauer
schließlich weg. Und mit ihr auch den Staat, der vor 42 Jahren
die Mauer errichten ließ. Das
zeugt davon, dass die Mauern in der modernen Welt zu einer
Belastung werden. Für alle. Auch für jene Mächtigen, die diese
Mauern bauen lassen. Wollen
wir also hoffen, dass den Mauern aus Beton, die aus Formularen auf
die Müllkippe der Geschichte folgen werden.
Und der Tag kommt, wo die letzte Mauer zwischen Ländern
und Völkern, wie sie auch beschaffen sein mag, verschwindet. Es
wird ein Tag der ungetrübten Freude sein. Wie der Tag es war , an
dem die Berliner Mauer fiel.
11.8.03
---------------------------------------------------------------------- BILDER
EINER AUSSTELLUNG 1. In
Berlin findet eine Ausstellung unter dem Titel "Idee
Europa. Entwürfe zum ewigen Frieden" statt. ...Entwürfe
zum ewigen Frieden. Es geht also um Jahrtausende dauernde Überlegungen,
wie der Krieg aus dem Leben unseres Kontinents verbannt werden kann.
Seit der Antike haben sich die größten Philosophen, die
weitsichtigsten Politiker
und berühmtesten Dichter Europas damit beschäftigt. Wie wir wissen,
mit mäßigem Erfolg. Trotzdem
lebt der Traum. Wenn das noch eine Beweisführung erfordert, wurde
diese durch Aufmärsche in europäischen Städten im Zusammenhang mit
der USA-Attacke gegen den Irak erbracht. Aufmärsche, die allerdings
den Krieg nicht verhindern konnten. Viele
stellen sich deshalb die Frage, ob Europa überhaupt imstande ist, die
internationale Lage so zu beeinflussen, dass die Kanonen schweigen.
Gemeint ist natürlich nicht ein weltweites hartes Regiment,
das alles gewaltsam so
regelt, wie es die Europäer für richtig halten. Gemeint ist die
geistige Beeinflussung, die sich auf die Autorität Europas stützt.
Gerade deswegen gebührt dem Deutschen Historischen Museum zu Berlin für
die einmalig umfassende Darstellung des Werdegangs der europäischen
Friedensidee der Dank aller, die um die Erhaltung des Friedens besorgt
sind.
Was
nun zeigt diese Ausstellung? Zuerst einmal zeigt sie, dass die europäischen
Friedensprojekte, obgleich sie immer auf der Tagesordnung standen, bis
vor kurzem wenig Chancen hatten, realisiert zu werden. Auch die
Ursache bleibt einem Ausstellungsbesucher, wenn er die vielen Bücher,
Urkunden, sogar bildliche Darstellungen zur Kenntnis nimmt, nicht
verborgen. Diese Ursache heißt: die Zerrissenheit Europas. Tatsächlich
sind die Europäer nie einig gewesen. Mal standen dem widerstrebende,
dynastische Ansprüche ihrer vielen Könige und Fürsten entgegen,
dann der Kampf der europäischen Industriellen um Absatzmärkte und
Rohstoffquellen, noch später der unversöhnliche Gegensatz der
Zukunftsbilder, die in West- bzw. Osteuropa dominierten. Allerdings
schien vielen Europäern nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs,
der sich in Europa besonders verheerend auswirkte,
die Einigung und damit auch der dauerhafte Frieden in nächste
Nähe gerückt zu sein. Aber auch damals nahm die Vision vom geeinten
Europa zwei grundverschiedene, sich ausschließende Ausgestaltungen
an. Sie wurden von zwei mächtigen
Blöcken vertreten, die fast fünfzig Jahre lang
nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gegenüberstanden. Beide
schrieben die Einigung Europas
und den Frieden auf ihre Fahnen. Doch ihre
Konfrontation führte das edle Ziel ad absurdum. Die Deutschen
und die Russen haben es, jeder auf seine Weise, besonders schmerzlich
erlebt. Die Deutschen, weil die Teilung Europas die Teilung ihres
Landes bewirkte und verfestigte. Die Russen, weil die Konfrontation
sie von dem größten Teil Europas abschnitt und die Überanstrengung
ihrer Kräfte erforderte. In
unserer Zeit ist vieles anders geworden. Alle Europäer, die diese
Bezeichnung verdienen, bekennen sich zu den gemeinsamen Idealen, vor
allem zur Wahrung der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, zu
pluralistischer Demokratie. Die
Europäische Union als Kern der europäischen Einigung nutzt dies, um
ihre Grenzen zu erweitern. Es
wäre aber verfrüht, die Fanfaren zu blasen. Europa ist noch nicht
einig, was besonders offensichtlich wird, wenn man die ungleiche
Stellung der europäischen Staaten im Prozess der europäischen
Einigung im Auge behält. Mehr noch: Die reale Gefahr zeichnet sich
ab, dass einige alte Grenzen in Europa zwar verschwinden, manche aber
bleiben und sogar undurchlässiger werden. Auf
diese Gefahr wies der jüngste Summit EU-Russland in Sankt Petersburg
hin. Mit Recht hoben die Spitzenpolitiker in der Newa-Stadt hervor,
dass in Europa keine neuen Ausgrenzungen stattfinden dürfen.
Sie gingen davon
aus, dass das ganze Europa vereinigt werden soll. Das
wirft allerdings die Frage auf, was das ganze Europa ist und wo
es endet. Die höchst informative Ausstellung in Berlin ermöglicht
die konstruktive Erörterung dieser Frage. Sie dokumentiert, wie sich
der Europabegriff im Laufe der Jahrhunderte änderte. 2.
Was
ist Europa? Wo endet es? Die Ausstellung im Deutschen Historischen
Museum zu Berlin zeugt davon, dass diese Fragen nicht so simpel sind
wie es scheint. Seit der Antike, also im Laufe vieler Jahrhunderte,
blieb die Vorstellung von Europa
nicht konstant. In ferner Vergangenheit verstand man unter Europa im
wesentlichen nur die von den römischen Heerführern nördlich der
Alpen besetzten Territorien. Insgesamt war es nur ein Fragment von
Europa, wie es in unserer heutigen Vorstellung lebt. Aber auch später
fielen die europäischen Grenzen nicht mit denen zusammen, die jetzt
in jedem Schulbuch stehen. So wurden die von Slawen besiedelten
Territorien im Osten Europas nur mit vielen Vorbehalten zu Europa gezählt,
insbesondere die von Russen besiedelten Gebiete. So
ist in der Ausstellung ein Buch vom Anfang des 16. Jahrhunderts zu
sehen, wo, obwohl von einem damals berühmten Gelehrten geschrieben,
klipp und klar das Siedlungsgebiet der Russen als „Tartaria“
bezeichnet wird. Es stimmt zwar, dass die Russen einen Ansturm von
Tataro - Mongolen über sich ergehen lassen mussten, was übrigens
Mitteleuropa, vielleicht auch Westeuropa, vor dieser Plage
bewahrte. Zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches existierte aber
bereits ein souveräner russischer Staat mit Zentrum in Moskau. Dem
Autor des Buches schien
er vermutlich eine zu
vernachlässigende Größe zu sein. Deshalb nahm er die geänderte
Lage gar nicht zur Kenntnis. Ohne
den Zuhörer mit der Darlegung der Etappen der
Erweiterung des europäischen Begriffs langweilen zu wollen,
ist hier lediglich zu vermerken, dass es auch in dieser Hinsicht Rückschläge
gab. Mitunter nahmen sie sogar anekdotische Züge an. Es wird erzählt,
dass der große deutsche Staatsmann und erste Kanzler der BRD, Konrad
Adenauer, nach der Überquerung der Elbe in östlicher Richtung die
Vorhänge in seinem Schlafwagen mit den Worten zuzuziehen pflegte,
hier beginne die Steppe, anders ausgedrückt, Tartaria. Die Anekdote
mag erdacht sein, Tatsache
aber bleibt, dass die Aufforderung des anderen großen europäischen
Staatsmanns, des französischen Präsidenten de Gaulle, zur Einigung
Europas von Brest an der französischen Atlantikküste bis zum
Uralgebirge auf großes Unverständnis stieß. Eine europäische
Einigung, an der Russland teilnimmt ? Ist das überhaupt möglich? Im
Westen unseres Kontinents wurde damals der Begriff Europa zum
Kampfbegriff. Westeuropa und das von der Nato kontrollierte
Mitteleuropa galten als das wahre Europa. Der
übrige Teil des Kontinents als etwas, was die Bezeichnung gar
nicht verdient, beziehungsweise erst verdienen soll. Als „Tartaria“
eben. In der Beziehung folgte man den Feindbildern, die
von jeher von allen gepflegt wurden, die Russland mit all
seinem Anhang als Staat eliminieren wollten. Es
ist nicht zu bestreiten, dass das kommunistische Russland und die von
ihm herbeigeführten und unterstützten Regimes in Osteuropa viel dazu
geleistet haben, dass ihre Zugehörigkeit zu Europa angezweifelt
werden konnte. Aber auch etwas anderes ist nicht zu bestreiten. Und
zwar die Tatsache, dass der Kommunismus oder das, was darunter
verstanden wird, keine russische Erfindung war. Mit all seinen Wurzeln
war er eine echte europäische Pflanze. Somit gehört auch das Kapitel
der russischen Geschichte, das unter diesem Vorzeichen verlief, zur
gesamten europäischen Geschichte. Wie auch die russische Geschichte
überhaupt ein Teil der europäischen Geschichte ist. Und übrigens
ein sehr aussagekräftiger Teil. 3.
Wie
wird Europa definiert? Welches Kriterium soll für die europäische
Zugehörigkeit das entscheidende sein? Die erwähnte Ausstellung im
Deutschen Historischen Museum zu Berlin zeugt davon, dass diese Frage
gar nicht so einfach zu beantworten ist. Denn die Antworten darauf änderten
sich im Laufe der europäischen Geschichte. Sie richteten sich nämlich
nach dem Zeitgeist. Es gab eine Zeit, als die Zugehörigkeit zu Europa
durch die Konfession eines europäischen Landes definiert wurde. Je
nachdem, welche Partei im Streit der Konfessionen das Wort führte,
galt entweder das katholische oder das protestantische Europa als echt
europäisch. Erst der westfälische Frieden machte mit dem
Unsinn Schluss. Die
deutschen Nationalsozialisten, die den Begriff Europa schamlos
missbrauchten, verbanden es mit ihrer aberwitzigen Rassentheorie. In
ihrem Verständnis war das echte
Europa nur dort zu suchen, wo die sogenannte "arische
Rasse" zu Hause war. Den slawischen
Völkern Europas verweigerten sie die europäische Würde. Erst
recht, wenn es um Russen ging. Diese führten sie
in der Sparte asiatischer Untermenschen. Übrigens
leierten auch die besonders eifrigen kalten Krieger dieses Motiv, wenn
auch in stark abgeschwächten Varianten, herunter. Auf dem Höhepunkt
der Konfrontation in Europa wurde unterschwellig die Angst vor dem
Einbruch Asiens, worunter
Russland gemeint war, in europäische
Gefilde geschürt. Deswegen sollte das Wort "Der Westen"
positive Assoziationen wecken, dass Wort „Der Osten“
negative wie die "wilde Steppe" oder die urfremde,
unheimliche "Tartaria". Die
Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Berlin ermöglicht es,
die Zweckgebundenheit dieser gezielten Denunziation Osteuropas zu
durchschauen. Sie diente nämlich den extremen Strategien des
Kalten Krieges, für die der Slogan "besser tot als
rot" bezeichnend war. Tatsächlich ist die Versklavung durch eine
asiatische Despotie schlimmer als der Tod. Bloß es gab sie auch
damals im Siedlungsgebiet der Russen nicht. Bei allen Verbrechen der
Sowjetmacht, die sich vor allem
gegen das eigene Volk richteten, war es keine asiatische Despotie,
sondern, wie bereits erwähnt, ein missgeratenes Kind einer
europäischen Gesellschaftslehre. Die
Ausstellung "Idee Europa" hilft aber nicht nur die falschen
Kriterien der europäischen Zugehörigkeit zu durchschauen. Sie hilft
vielmehr, die richtigen zu verinnerlichen. Und das sind die gemeinsame
Geschichte, die verwandte Lebensart,
vor allem - Zivilisation und
Kultur der europäischen Völker. Sicherlich
ist Europa ein Kontinent mit vielen Gesichtern, was auch sein Reiz
ausmacht. Aber wo man auch ist, ob in Berlin oder Paris, Kopenhagen,
Lissabon, Prag usw. überall ist zu spüren, wie stark
alle Europäer in dem gemeinsamen
Boden verwurzelt sind. Und das gilt genauso für Moskau, von
Sankt Petersburg schon gar nicht zu sprechen, das von vielen Gästen
als die europäischste Stadt des Kontinents, wenigstens seiner
Architektur nach, empfunden wird. Die
de facto erfolgte Integration Russlands in die großartige europäische
Geisteskultur ist ein Ding für sich. 4.
Also
ist Europas vor allem der gemeinsame geistige Boden der Völker
des Kontinents. Meistens wird da zuerst das Erbe des antiken
Griechenlands und des antiken Roms ins Feld geführt. Auch Russland
hat viel von diesem Erbe übernommen, allerdings nicht so unmittelbar
wie die meisten anderen Völker Europas. Umso intensiver nahm Russland
daran Anteil, als die Umstände es ihm ermöglichten. Die Reformen
Peters des Ersten, Gründers von Sankt Petersburg, das vor kurzem
seinen dreihundertsten Geburtstag feierte, waren in dieser Hinsicht
beispiellos in der europäischen Geschichte. Er trieb die Europäisierung
mit echt russischer Wucht voran. Vor allem, indem er vieles aus
Deutschland holte, das ihm nicht nur wegen der räumlichen Nähe
am geeignetesten vorkam. Die
seit seiner Herrschaftszeit gepflegten und ständig erweiterten familiären
Bindungen zwischen der Dynastie
Romanows und den deutschen Herrscherhäusern zeugen von einer
Wahrnehmung Russlands in Deutschland
als eines europäischen Landes.
Einer "Tartaria" hätten die preußischen und württenbergischen
Könige und andere deutsche Potentatem ihre Prinzessinnen
wohl nicht hergegeben. Das
aber nur am Rande. Viel relevanter
war und ist jener rege geistige Austausch, der
sich seit Peters Zeiten zwischen Deutschland und Russland
einstellte und zu einem brausenden Ideenstrom in Europas geistiger
Landschaft wurde. In der Ausstellung des Deutschen Historischen
Museums wurde er ausreichend dokumentiert, obwohl
viel mehr dazu zu sagen wäre. So zum Einfluss deutscher
idealistischer Philosophen wie Schelling und Fichte in Russland, zur
innigen Verbindung zwischen den deutschen und russischen
Malerschulen oder dem deutschen und russischen
Literaturmodernismus in den ersten Jahrzehnten
des XX. Jahrhunderts. Aber das Thema ist so unendlich
umfangreich, dass jeder Rückblick notwendigerweise unvollkommen
bleibt und sich auf die Höhepunkte wie Dostojewski, Tschechow und
Tolstoi in Deutschland oder Goethe und Heine in Russland konzentrieren
muss. Auch
daran lohnt es sich übrigens
immer wieder zu erinnern. Die Verwerfungen, die das deutsch- russische
Verhältnis im 20. Jahrhundert auf harte Proben gestellt haben, ließen
vieles vergessen. Zum Teil wurde der Verdrängungsprozess absichtlich
vorangetrieben. Von der russisch- kommunistischen Seite, um dem vulgär
verstandenen Klassenstandpunkt zu genügen, von der deutschen Seite,
um eben das Feindbild von "Tartaria" nicht zu relativieren. Es
ist hier anerkennend zu vermerken, dass im wiedervereinigten
Deutschland dem schlimmen Erbe des Nationalsozialismus und des Kalten
Krieges energisch entgegengewirkt wird.
Davon zeugen nicht nur die Ausstellung im Deutschen
Historischen Museum zu Berlin, sondern auch die sich häufenden Äußerungen
deutscher Staatsmänner und die vom deutschen Staat unterstützte Tätigkeit
öffentlicher Institutionen wie das Deutsch-Russische Forum, die Ost-
Westgesellschaften und der Petersburger Dialog. Im Zusammenhang damit
wird Europa ohne Russland in Deutschland immer seltener gedacht. Und
es ist gut so. 5.
Wie
es die oben erwähnte Ausstellung im Deutschen Historischen
Museum zu Berlin dokumentiert, muss Europa also vorwiegend als eine
Zivilisations- und Kulturgemeinschaft definiert werden. Wenn dem so
ist, dann lässt sich die Frage nach der Ostgrenze Europas mit der
Schulweisheit, dass diese am Uralgebirge verläuft, kaum ausrechend
beantworten. Das Uralgebirge markiert offensichtlich keine
Zivilisations- und Kulturgrenze. Vor dem Ural und dahinter trifft man
auf dieselbe Bevölkerung, dieselbe Zivilisation, dieselbe Kultur. Die
Russen brachten nämlich die europäische Zivilisation auf das ganze
riesige Gebiet, das sie im Laufe der Zeit besiedelten. So wurde auch
Sibirien, trotz des negativen Images, das es in den Augen vieler Europäer
noch besitzt, keine "Tartaria"
mehr, sondern ein
Stück Europa, wenn auch in seinem Norden noch sehr unterentwickelt.
Aber wenn man Portugal bereist, kommt man auch in Gegenden, wo
man herzlich wenig von Glanz und
Pracht der ehemaligen Weltmacht findet.
Tatsache
ist, dass Russland zivilisatorisch, kulturell, aber auch
wirtschaftlich und politisch nicht
zweigedacht werden darf. Es ist eine zusammengewachsene Ganzheit. Die
Grenze zwischen seinem europäischen und asiatischen Teil existiert
nur in den Geographielehrbüchern. Diese
Tatsache kann verschieden zur Kenntnis genommen werden. Einerseits so,
wie ein Schildbürger denken mag, wenn er einen Elefanten geschenkt
bekommt. Für dieses Ungetüm findet sich kein Platz in meinem Stall. Es würde
alle meinen Pferde scheu machen. Ein
anderes Denkmuster setzt das Erkennen der ungeheuren Möglichkeiten
voraus, die sich aus der
Ausdehnung Russlands vom Atlantik bis zum Pazifik
ergeben. Insbesondere wenn man die Einigung Europas nicht als
seine Abschottung auf dem
weitaus größten Landmassiv der Erde versteht. Wie
dem auch sei, muss noch viel geschehen, bevor aus der
zivilisatorischen und kulturellen Legitimation Russlands als nicht
wegzudenkender Teil Europas seine Integration in die europäischen
Strukturen erfolgt. Vorläufig geht es darum, dass die Osterweiterung
der Europäischen Union keine neuen Grenzen in Europa zieht und keine
alten verfestigt. Darauf wies der jüngste Sammit EU- Russland in
Sankt Petersburg hin, was den Ernst des Problems unterstreicht. Es ist kein Geheimnis, dass Russland in dieser, wie auch in manch anderer Hinsicht große Stücke auf Deutschland hält. Vor Jahren hat Deutschland mit seiner neuen Ostpolitik einige Verkrustungen des Kalten Krieges aufbrechen können. Jetzt geht es um einen viel größeren ostpolitischen Wurf, der den alten Traum der Europäer vom ewigen Frieden, in der Schau des Deutschen Historischen Museum zu Berlin beeindruckend dokumentiert, entscheidend zu seiner Verwirklichung verhelfen kann. Zuletzt
eine Anleihe aus einem jüngst
in Deutschland edierten Buch. Anspielend auf die Feierlichkeiten in
Sankt Petersburg wird darin die Vision von einer
Zone des Friedens von Brest (am Atlantik) bis Wladiwostok (am
Pazifik) angedacht. Die Vision von einem
Bund souveräner Republiken, so wie das antike Griechenland,
die Wiege der europäischen Zivilisation ein Bund freier Städte war.
Das wäre Europa in
seiner schönsten Gestalt. In Petersburg, dem historischen
Schnittpunkt von Ost und West, könnte dann der europäische Bundesrat
tagen und dafür sorgen, dass vom europäischen Staatenbund
niemand bedroht wird. Nun, bei aller Liebe zu ihrer Stadt würden selbst die Petersburger nicht darauf bestehen, dass gerade Sankt Petersburg zur Metropole des vereinigten Europa werden soll. Unseretwegen kann es auch Berlin sein. Es kommt aber darauf an, dass die Vision von einem vereinigten friedlichen Europa nicht als Fata morgana verworfen wird. Denn es ist ein lohnendes Fernziel einer europäischen Politik, die dem Traum der Europäer vom ewigen Frieden gerecht wäre. 9.6.03 AUF DER SUCHE NACH IDENTITÄT1. Anstoß
gab dem Verfasser ein Vortrag
des Bundesministers a.D. Egon Bahr in der Berliner Residenz der
Friedrich- Ebert –Stiftung. Bahr sprach darüber, welche Bedeutung die von ihm mitgestaltete neue Ostpolitik der sechziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts für die Gegenwart hat. Er meinte, die
Bedeutung sei groß. Denn obwohl es damals vor allem um die Überwindung
der Konfrontation zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion
ging, also eines Zustandes, der
Gott sei Dank schon lange
nicht mehr existiert und durch produktive, vertrauensvolle
Zusammenarbeit beider Länder abgelöst
wird, berührte die neue Ostpolitik auch einige mehr oder weniger
konstante Probleme ganz Europas. Auch solche, die
heute besonders relevant sind. Vor
allem geht es darum, Gewaltanwendung und Gewaltandrohung aus dem Leben
Europas zu bannen. Damals, als die neue deutsche Ostpolitik gestartet
wurde, war es eine sehr kühne Idee.
Deutsche Politiker, die sie unterbreiteten, riskierten viel.
Denn es hieß, Deutschlands
erste Pflicht sei Loyalität. Der kategorische Imperativ lautete:
keinen Alleingang. Mitmachen! Unter den damaligen Umständen bedeutete
es aktive Beteiligung am Kalten Krieg, Politik der Stärke, Wettrüsten.
Also, das Gegenteil vom Verzicht auf Gewaltanwendung und
Gewaltandrohung .
Als
die Bundesregierung doch die Initiative ergriff, gab es
Unkenrufe. Denn diese Initiative setzte
Verhandlungen mit der Supermacht
Sowjetunion voraus, die nach ihrem
militärischen Potenzial Deutschland
haushoch überlegen war. Es
hieß, wenn Deutschland schon
Verhandlungen mit der Sowjetunion wünscht, sollte es seinen
Verbündeten Vortritt
lassen.
Hätten der damalige Bundeskanzler Willy Brandt, sein Außenminister
Walter Scheel und sein engster politischer Berater Egon Bahr und ihre
politischen Freunde die Fesseln der falsch verstandenen uneingeschränkten
Solidarität nicht abgelegt, wer weiß, wie lange die gefährliche
Spannung gedauert und zu
welchen Überraschungen sie geführt hätte. Aber die damalige
Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist tätig geworden und hatte
trotz aller Unkenrufe Erfolg. Die
nachfolgenden Jahre haben gezeigt, dass der
Ausstieg Deutschlands aus
der Konfrontation mit der Großmacht im Osten
die Überwindung der deutschen Teilung und der Teilung Europas
insgesamt näher brachte. Eine europäische
Integration, die West und Ost einschließt.
Die
neue deutsche Ostpolitik stimulierte eine Entwicklung, die
dem Kalten Krieg ein
Ende setzte. Eine Entwicklung, von der wir alle auch heute
profitieren. Schon dadurch, dass wir nicht zittern müssen, dass es
morgen zur Apokalypse kommt. 2. Es
sich geht also um eine in der Nachkriegsgeschichte
in ihrer Tragweite einmalige deutsche
Initiative. Um die neue Ostpolitik, in den sechziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts vom
damaligen Bundeskanzler Willy Brandt und seinen politischen
Freunden durchgesetzt. Inmitten des weltweiten Kalten Krieges und der
Ost- West- Konfrontation in Europa führte sie zu einem Ausgleich
zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Rückblickend
darf man wohl sagen,
dass dadurch die zwanzig Jahre später eingetretene Wende auf unserem
Kontinent mitermöglicht wurde. Die
NATO- Verbündeten Deutschlands verhielten sich zur neuen deutschen
Ostpolitik reserviert. Das damalige politische Axiom des Westens hieß,
Verhandlungen ja, aber nur von der Position der militärischen Stärke.
Die Verhandlungen, auf die sich Deutschland einließ, wurden aber
unter einer anderen Prämisse geführt. Sie hieß
Verzicht der Verhandlungspartner auf
militärische Gewaltanwendung und auf Gewaltandrohung. Eine Prämisse,
die schlecht in die damalige politische Philosophie in Ost und West,
beide in einem rasanten Rüstungswettlauf begriffen, hineinpasste.
Deshalb wurde die deutsche Initiative von
Hardlinern im Westen als Abenteuer,
im Osten als Finte mit Misstrauen begegnet. Allerdings
ließen die Westverbündeten, wenn auch zähneknirschend,
Deutschland eine Probe machen.
Und der Osten rang sich zum
Gewaltverzicht durch, worin übrigens jener Trend im Kreml zum
Ausdruck kam, der später zur Perestroika führte. Auf
der Agenda der durch die neue Ostpolitik Deutschlands ermöglichten
deutsch-sowjetischen Verhandlungen standen
heikle Themen. Der modus vivendi zwischen beiden deutschen
Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen Republik. Die Anerkennung der deutschen Ostgrenze durch
die Bundesrepublik. Der Status Westberlins. Zwar fanden diese Probleme
damals nicht ihre endgültigen Lösungen. Nach Jahrzehnten
der Konfrontation wäre es ein großes
Wunder, wenn alle alten Knoten auf einen Schlag entwirrt worden wären.
So schnell mahlen die Mühlen der Geschichte nicht. Aber ein kleineres
Wunder wurde doch vollbracht. Ein hoffnungsvolles Exempel statuiert.
Man einigte sich, das Lösbare zu lösen, das noch Unlösbare zu
verschieben. In jedem Falle aber sich Mühe zu geben, die Lage zu
entschärfen. Seitdem
wusste man in Ost und West,
dass der Ausgleich möglich ist. Man
muss nur nicht die
Muskeln, sondern den guten Willen und die Vernunft spielen
lassen. Und im Gespräch bleiben. Zur
Krönung der neuen Ostpolitik wurde der Moskauer Vertrag
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion.
Er eröffnete ein
neues Kapitel nicht nur in den Beziehungen zwischen den
Signatarstaaten, sondern in der Geschichte Europas. Denn er zeigte,
dass Ost und West auf unserem Kontinent
zusammen kommen können und
müssen. Trotz aller Unterschiede. In
seinem Traktat über den ewigen Frieden schrieb der große deutsche
Philosoph des 18. Jahrhunderts Immanuel Kant, dass Europa in jedem
Fall befriedet werde. Es kommt nur darauf an, wie. Durch Verhandlungen
zwischen den europäischen Mächten. Oder durch einen Krieg zwischen
ihnen. Im letzten Fall kehrt ein Friedhofsfrieden ein. Der Moskauer
Vertrag war ein eindeutiges Votum gegen Verwandlung
Europas in einen Friedhof. Für ein Europa, das sich nicht auf
das Gleichgewicht des Schreckens, Rüstungswettlauf, Gewaltandrohung
und Gewaltanwendung gründet, sondern auf Gewaltverzicht und
Kooperation zwischen den europäischen Staaten. 3. Die
neue Ostpolitik lief auf einen Ausgleich mit der Sowjetunion hinaus
und steuerte damit viel zur Überwindung
der Konfrontation zwischen Ost und West in Europa bei.
Bemerkenswert,
dass Deutschland damals,
wie übrigens auch heute, über
keine große militärische
Macht verfügte. Es hatte keine Atom- und Raketenwaffen. Deshalb
besaß es kein
Potential der Gewaltandrohung. Ein Manko, das früher weitgehenden außenpolitischen
Initiativen eines Staates jede
Erfolgaussicht nahm. Zwar
hatte Deutschland auch damals mächtige Verbündete.
Aber sie stellten
sich nicht hinter seine neue Ostpolitik. Eigentlich gönnten sie der
neuen Ostpolitik keinen Erfolg. Die alte Ostpolitik Deutschlands, die
auf Sprachlosigkeit und
Konfrontation mit der Sowjetunion hinauslief, war ihnen lieber. Denn
sie sicherte die einseitige Westorientierung Deutschlands. So
lange Deutschland hinter ihnen hertrottete, hatten die Westmächte das
Monopol auf Verhandlungen über die akutesten Probleme der damaligen
Zeit. Das Problem des geteilten Europa, der geteilten Welt, auch des
geteilten Deutschlands. Somit stand ihnen frei, die Teilung
aufrechtzuerhalten und zu vertiefen oder zu mildern, abzuschwächen. Je nachdem, was ihnen in den Kram
passte. Deutschland
aber, das besonders unter der Teilung litt und dessen nackte Existenz
bedroht war, hatte zu folgen. Es durfte nur immer wieder seine
uneingeschränkte Solidarität mit den Westmächten unter Beweis
stellen. Weniger diplomatisch ausgedrückt, sich den Befehlen aus
Washington unterwerfen. Erst
recht befand sich die DDR
in diesem Zustand der Unmündigkeit. Allerdings wollte
ihre Führung kaum was anderes. Von einem großen Teil der
eigenen Bevölkerung abgelehnt, wovon
der Exodus der DDR- Bevölkerung westwärts zeugte, sah die
DDR- Führung ihr Heil in dem Protektorat
des Kremls. Aber im Kreml sank das Ansehen der DDR.
Die Schöpfung Stalins wurde zunehmend als
Belastung für den Ausgleich mit dem Westen, vor allem mit der
Bundesrepublik Deutschland, empfunden. Die
neue Ostpolitik änderte die Situation. Die Bundesrepublik
Deutschland, gestern nur
ein Objekt der Politik der Großmächte, avancierte peu a peu
zum Motor der
europäischen Einigung. Ein neues
Europa kündigte sich an. Denn dem Moskauer Vertrag zwischen
der Bundesrepublik und der Sowjetunion
folgten die
Verträge der Bundesrepublik mit anderen östlichen Nachbarn. In
den folgenden Jahre gab es dennoch viele Rückschläge. Da
die neue Ostpolitik auf
Widerstand der Ewiggestrigen traf, war
der Weg zur Wende kurvenreich. 4. Bekanntlich
war die neue deutsche Ostpolitik kein reiner Triumphzug. Es gab immer
wieder Rückschläge. Aber die neue Ostpolitik hatte Langzeitwirkung.
Dank ihr wurde vieles möglich, wovon selbst ihre Urheber nur träumen
konnten. Hätte Deutschland und Russland die Erfahrung der neuen
Ostpolitik nicht, wäre vielleicht die deutsche Wiedervereinigung
nicht so glimpflich über die Bühne gelaufen. Deutschland hätte
weniger selbstbewusst gehandelt und womöglich dem Druck jener Kräfte
nachgegeben, die die Wiedervereinigung nicht wünschten und zumindest
verzögern wollten. Auch im Kreml
hätten vielleicht jene Kräfte die Oberhand behalten, die
Deutschland grundsätzlich misstrauten und die DDR um keinen Preis
aufgeben wollten. Aber
auch abgesehen von der
hohen Politik, hat die neue Ostpolitik viel verändert. Sie ließ die
Menschen überall in der Welt so richtig das neue Gesicht Deutschlands
erkennen. Eines Landes, wo nicht mehr die Kaserne dominiert, sondern
die Zivilgesellschaft. Eines friedlichen Landes, das keinen Knüppel schwingt, um andere
einzuschüchtern und zu erpressen. Das
war die neue Identität Deutschlands. Sie war nicht in dem Sinne neu,
dass Deutschland seine gesamte Geschichte verleugnete.
Denn diese Geschichte bestand bei weitem nicht nur aus Gewalttätigkeiten,
obwohl sie
insbesondere im Westen
einst so gesehen wurde. Hier
möchte der Verfasser eine Anekdote aus dem Alltag unterzubringen. Es
geht um seine Postbotin, eine sehr umgängliche, bereits ältere Frau.
Unlängst bat er sie nach einer verlorengegangenen Briefsendung zu
recherchieren. Am nächsten Tag rief sie an und stellte sich höchstoffiziell
mit den Worten „Hier
ist die Deutsche POST-AG“ vor, als sei sie
nicht seit dreizehn Jahren mit dem Kunden gut bekannt. Und dann
meldete sie genauso brav die Ergebnisse ihrer Recherche. Schnaps
ist Schnaps und Dienst ist Dienst, sollte wohl dieser Tonfall
bedeuten. Typisch deutsch, sogar typisch preußisch, - hat der
Verfasser nach diesem Anruf gedacht. Er meinte nicht die preußischen
Laster, sondern die Tugenden. Er meinte, dass Preußen
in den Menschen lebt , die ihren Job brav
tun. Trotz aller Widrigkeiten der Konjunktur und Erschwernisse
des Alltags. Und das ist gut so! Selbstverständlich
könnte die typisch preußische Pflichterfüllung bei einem Russen
ganz andere Gefühle auslösen, hätte er nicht gewusst, wie gründlich
sich dieses Land gewandelt hat. So gründlich, dass der Missbrauch des
preußischen Pflichtgefühls kaum mehr möglich
ist. 5.
Die
Erfahrungen der neuen deutschen Ostpolitik der sechziger-siebziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts, an welche diese Sendereihe erinnert,
gehören nicht nur in den Fundus der Historiker, sondern auch ins
Stammbuch der Politiker. Denn die Erkenntnis, dass auch ein Land ohne
großes militärisches Potential viel Einfluss auf den Gang der
Dinge in der Welt ausüben kann , hat einen starken aktuellen Bezug. Zum
ersten Mal in der Geschichte der Menschen gibt es
in unseren Tagen eine Macht, die militärisch stärker als alle
anderen zusammengenommen ist. Die USA. In absehbarer Zeit hatte kein
anderes Land und sogar keine Koalition die Chance, diese Macht in der
Rüstung einzuholen. Diese
Sachlage führt leicht zu einer gewissen Resignation.
Bezeichnenderweise breitet sich
diese in Deutschland in
jenem Teil des Establishments aus, der seinerzeit
die neue deutsche Ostpolitik als illusorisch ablehnte. Es hieß,
es sei zwecklos und sogar gefährlich, mit dem Kreml anders
als aus der Position der Stärke zu verhandeln. Jetzt tönt aus
derselben Ecke, es sei zwecklos ,
auf die weitaus stärkste Militärmacht
der Welt, die USA, politisch
einwirken zu wollen. Deshalb
wurde die Politik der deutschen Bundesregierung während der Irakkrise
von diesem Teil des Establishments
als realitätsfremd und
gefährlich abgelehnt. Wie einst die neue Ostpolitik. Wäre
ein hohes militärisches Potential tatsächlich die einzige solide
Grundlage erfolgreichen politischen Handelns, hätte die
Resignation ihre Berechtigung. Dem ist aber nicht so. Die
deutsche Geschichte beweist es. Solange Deutschland darauf aus war,
seine vermeintlichen oder auch tatsächlichen äußeren Probleme
mit Gewalt zu lösen, schritt es von einem Reinfall zum
anderen. Der durchschlagende, nachhaltige Erfolg kam erst, als es eine
politische Initiative startete, die mit Gewaltverzicht gekoppelt war.
Die neue Ostpolitik. Erst da näherte es sich der Lösung seines
wichtigsten, nationalen
Problems, der Überwindung der durch den von ihm angezettelten Krieg
verschuldeten Teilung. Sogar
der alte Bismarck hätte, obwohl
alles andere als Pazifist,
den Urhebern dieser politischen Leistung seine Anerkennung
gezollt. Auch weil er das Zusammenspiel Russlands und Deutschlands
predigte. Dem
Erfolg der neuen deutschen Ostpolitik kam die allgemeine Wandlung der
Welt entgegen. Früher galt der Grundsatz, dass ein Land seinen
Vorteil nur auf Kosten eines anderen sichern kann. In unserer Zeit der
fortschreitenden Globalisierung kommt die Völkergemeinschaft immer
mehr einem Körper gleich, wo alle Glieder aufeinander angewiesen
sind. Leidet ein Glied, nehmen auch die anderen Schaden. Früher oder
später. Deshalb
wollen wir hoffen, dass
die Gewalt in den internationalen Beziehungen
immer weniger
angewendet wird. Das ist die
politische Philosophie des neuen Europas. Neu nicht im Sinne eines
amerikanischen Kriegsministers, der die Anhänger der Diplomatie zu
den alten und die Anhänger der Gewalt zu den neuen Europäern zählte.
Das ist absurd. Neu heißt nicht
in der Vergangenheit stecken. In dem Falle nicht auf Gewalt setzen. Das
neue Europa, wo Ost und West nicht getrennt und gegeneinander, sondern
zusammen und miteinander agieren, ist
noch im Entstehen begriffen. Es wird erst dann perfekt, wenn
alle europäischen Staaten, eingeschlossen das weitaus größte europäische
Land, Russland, gleichberechtigt
und Schulter an Schulter auf dem Kontinent stehen. Aber auch
der bereits zurückgelegte Weg von der Zerrissenheit, der
Konfrontation und Wettrüsten in Europa des vorigen, noch so nahen
Jahrhunderts bis heute kann sich sehen lassen. Nie in seiner
Geschichte hat Europa so viel so schnell erreicht. Es
darf nicht vergessen werden, dass an der Wiege dieses neuen Europas
zwei Völker standen, die sich über eine
tiefe, in der Vergangenheit entstandene
Kluft die Hände
reichten. Die Deutschen und die Russen. Ihre Länder
haben einst viel gegen die besten europäischen Traditionen gesündigt.
Aber als Deutschland den
Weg der neuen Ostpolitik
einschlug und Russland, damals in Gestalt der Sowjetunion, ihm
entgegenkam, bewiesen sie ihre Lernfähigkeit. Ihre
Erfahrung mit der neuen Ostpolitik
hat einen unvergänglichen Wert. Insbesondere weil die Vollendung der
Einheit Europas noch bevorsteht. 11.7.03 300 Jahre Sankt-Petersburg
Am Samstag, 31. August 2003, hat in Sankt Petersburg der ALLERDINGS
MELDEN SICH IM RUNET SKEPTIKER ZU WORT. WIE DER VERFASSER DES FOLGENDEN,
ETWAS GEKÜRZT HIER WIEDERGEGEBENEN BEITRAGES ZUM DREIHUNDERTSTEN
GEBURTSTAG PETERBURGS. Den
will der Kreml nutzen, um für den Kurs der Putinschen Russlands zu
werben. Das
festliche Petersburg weckt bei einem Moskauer mehr als zwanzig Jahre zurückliegende
Erinnerungen. Wohin man schaute, Glanz und Ordnung, überall
Milizionäre in weißen Hemden. 1980. Die
Olympischen Spiele in Moskau. Nach der Zahl der ausländischen Gäste
übertraf Moskau 1980 Sankt Petersburg 2003. Trotz des westlichen Boykotts
kamen einige Dutzend Delegationen in die damalige Hauptstadt der
Sowjetunion. Doch was die Qualität der Besucher betrifft, so punktet die
Metropole an der Newa jetzt gegenüber allen. Die Regierungschefs der
„großen Acht“, Chinas, Indiens, aller „alten“ und „neuen“
europäischen Länder, aller GUS-Staaten – das konnte man höchsten vor
drei Jahren beim UNO „Summit des Jahrtausends" erleben. Das
ist zweifellos ein großer Erfolg Russlands und ein politischer Sieg
Wladimir Putins. Die
Dreihundertjahrfeier der Gründung des „Fensters nach Europa“ will der
Kreml offenbar nutzen, um den Kurs des Putinschen Russlands in Richtung
Europa, Richtung Westen, hin zur modernen Zivilisation zu würdigen. Seit September 2001, als Putin Washington im Kampf gegen den Terrorismus entschieden den Rücken stärkte, bis Juni 2002, als in Moskau, Rom und Sankt Petersburg eine Reihe von Treffen mit den wichtigsten europäischen Partnern stattfanden – der EU, der NATO, den USA und Deutschland - schien der große Durchbruch unumkehrbar gewesen. Aber der Eindruck täuschte. Ein Abfallen folgte. Die Beziehungen zur EU sind trotz der scheinbaren Freundlichkeit und unendlich vieler Erklärungen über die strategische Partnerschaft nach wie vor angespannt. In der Kaliningradfrage wurde formell zwar ein Kompromiss erreicht (obwohl Moskau im Grunde herzlich wenig durchsetzen konnte), aber im Zusammenhang mit Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation ist ein großer Streit ausgebrochen. Das Potential gegenseitiger Absichtserklärungen ist erschöpft, man reagiert gereizt aufeinander, das Modell für zukünftige Beziehungen liegt im Nebel. Unter diesen Umständen klingen Überlegungen über die Herbeiführung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums hohl. Die Annäherung an Deutschland und Frankreich auf der Basis des Widerstands gegen die amerikanische Hegemonie brachte keine handfeste Ergebnisse. Die Beziehungen zu den USA sind auch nicht die besten. Es geht nicht nur um die Verärgerung Washingtons im Zusammenhang mit Moskaus Haltung zum Irakkrieg. Dies wird vergessen. Schlimmer ist, dass neue Krisen bevorstehen (Iran, Nordkorea), Moskau aber hat noch weniger Spielraum als vor dem Irak. Amerika, das sich und alle anderen von seiner Macht überzeugt hat, erwartet jetzt nur noch Unterstützung, zumal von denen, die die Scherben kleben wollen. Für Moskau heißt das, im Fahrwasser der USA zu segeln und auf frühere Positionen, zum Beispiel im Iran, zu verzichten. Die Alternative – der sture Widerstand birgt die Gefahr eines ernsten Konflikts mit den Staaten. Doch gute Beziehungen zu der einzigen Supermacht sind jetzt eine Voraussetzung für die internationale Stabilität eines Landes. Die Gipfeltreffen in Sankt Petersburg haben lediglich rituelle Bedeutung. Die Newastadt ist tatsächlich umwerfend schön geworden. In dieser Umgebung fällt es schwer, zu streiten. Über anstehende Probleme wird man später reden, wenn die renovierten Paläste wieder verkommen. Das wird wahrscheinlich schnell geschehen, denn im Petersburger Klima bröckelt der frische Putz leicht ab. Erst recht, wenn es unter Zeitdruck renoviert wird. Nach Gazeta.ru. 31.5.03 ---------------------- EISERNER
VORHANG. ABER VON DER ANDEREN SEITE ERRICHTET. Das
Schlagwort vom eisernen Vorhang hat einen Autor. Zum ersten Mal nahm es
Winston Churchill in den Mund. 1946. Er bezog es auf jene totale
Abschirmung der Sowjetunion, die sein Verbündeter und gleichzeitig der
Gegenpart, Iossif Stalin, praktizierte, der seine Untertanen in den
Grenzen der Sowjetunion einsperrte. Churchill
und Stalin konnten nicht wissen, dass der eiserne Vorhang, im Vergleich zu
dem die Mauer in Berlin ein Kinderspiel war, etwa in derselben Zeit wie
die Mauer zusammenbricht. 1989. Die
Sowjetmenschen atmeten auf. Ihnen öffnete sich
die herrliche weite Welt. Seit
jeher Gegenstand ihrer Sehnsüchte. Vermutlich
währt das Glück
nicht mehr lange. Um Russland wird wieder der eiserne Vorhang
gebaut. Von der anderer Seite. Jetzt
kann Genosse Stalin in der Hölle grinsen, er hat es doch geschafft. Mit
Hilfe der Erben jener Abendländer, die von ihm lautstark forderten, den
Russen das Menschenrecht auf
Reisefreiheit zu gewähren. Er wusste aber besser, was der Westen wollte:
die Russen loszuwerden. Und erfüllte das Verlangen. Im
Paradies aber steckt sich Sir Winston
eine Zigarre ein, um seine Verlegenheit zu überspielen. Wozu kämpfte
er so vehement gegen das Völkergefängnis Sowjetunion? Allerdings
ist der Vorhang, der um Russland errichtet wird, kein eiserner. Ein
papierner. Aus Anträgen auf
Einreisevisa gemacht, die immer öfter den Russen negativ beschieden oder
gar nicht abgenommen werden. Dass
die Pechvögel in der EU
nicht mit offenen
Armen empfangen werden, ist nicht neu. Aber dass die ehemaligen Bruderländer
der Sowjetunion in Mittel- und Osteuropa den Vorhang
für die russischen Gäste niederlassen, ist neueren Datums. Den
Anfang machte Tschechien, das
früher die Russen ohne Einreisevisum
reinließ, jetzt aber nicht mehr. Bulgarien, das als 16. Sowjetrepublik
galt, ließ sich das Vergnügen,
die orthodoxen Brüder aus Russland
dem Visumzwang auszuliefern, auch nicht nehmen. Desgleichen Polen,
das ab 1.Juli 2003
die Visumspflicht für die slawischen Brüder einführt. Lauter
EU- Kandidaten. Wollen sie sich als große Bewunderer des Abendlandes auf
die Weise empfehlen? Jedenfalls müssen sie wissen, wie sie sich den neuen
Herren andienen können. Allerdings
lässt manch eine
ehemalige Sowjetrepublik auch den Russen eine Sonderbehandlung angedeihen.
Zum Beispiel Lettland. Wenn jemand anderer sich auf dem herrlichen Strand von
Jurmala der milden Sonne des
Ostseelandes aussetzen will, braucht er normalerweise kein Einreisevisum.
Die Russen aus Russland doch. Obwohl (oder vielleicht weil?) fast jeder
dritte lettischer Bürger ethnisch
ein Russe ist. Früher
wichen die Unglücklichen auf die Insel Malta und Cypern aus. Aber es geht
wohl nicht mehr lange. Malta will in die EU,
Zypern erlebt den
scharfen Konflikt zwischen den griechischen und türkischen Einwohnern.
Was bleibt? Die Insel der heiligen Helena. Sie ist aber zu klein. Die USA verweigern jedem vierten Russen die Einreise. Russenfreundliche oder russenstämmige Amerikaner nennen es „Visafaschismus“. Bloß was haben sie schon zu sagen. Es ist wohl überflüssig, zu erwähnen, dass die Briten auch in dieser Hinsicht dem überseeischen Leitbild treu sind. Das
alles ist vermutlich nur der Anfang. Das dicke Ende kommt, wenn die Länder,
wo die Russen hinmöchten, fordern, die russischen Auslandspässe müssen
biometrische Angaben
enthalten. Einfache und genetische Fingerabdrücke, zum Beispiel. Da
werden die russischen Passämter schwitzen. Und die reisefreudigen Russen
sich damit begnügen müssen, die freie Welt auf dem Fernsehschirm zu
erleben. Das
Komische dabei: alle zwinkern Russland zu. Alle bekunden, sie wollen es
integrieren. Sind dabei etwa nur
das russische Erdöl, die russischen Erze und ähnliches gemeint ? Russland
ja, die Russen nein? Njet! 27.3.
03
WIE
VIEL RUSSLAND BRAUCHT EUROPA? Das
war die Frage, die in der Berliner Residenz der Konrad – Adenauer -
Stiftung diskutiert
wurde. In einer Veranstaltung mit russischen und deutschen Experten. Die
Fronten waren klar gezeichnet. Die Russen bemühten sich zu beweisen,
Europa braucht das ganze Russland, das heißt Russland so wie es ist,
mit allen Narben der Vergangenheit.
Sie verwiesen darauf, dass Russland schon immer Europa war.
Nicht nur geographisch, sondern auch zivilisatorisch. Ein anderes
Europa als
Mittel – und Westeuropa, aber trotzdem. Auch gab es schon
immer viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Europa und
Russland. Allerdings
appellierten die Russen
nicht nur an die Fakten der Vergangenheit, sondern auch an die Zwänge
der Gegenwart. Will Europa eine selbständige und unverwundbare Größe
in der Welt werden? Oder zieht es vor, ein Protektorat der USA zu
bleiben? Wirtschaftlich zwar ein Riese, politisch aber ein Zwerg? Mit
der Perspektive peu a peu zwischen
den USA und der islamischen Welt plus- minus China zerrieben zu
werden? Wenn das Letztere
Europa nicht schmeckt, hat es keine andere Wahl, als Russland
als seinen Verbündeten zu akzeptieren.
So wie es ist. Sonst wird die Sache nicht rund und Europa kann bitte sehr
stiften gehen. Die
deutschen Disputanten dagegen bestanden
darauf, dass Russland sich ändern muss,
um in Europa anzukommen. Denn Europa sei nicht nur ein
Machtzentrum, sondern auch- und vor allem- eine Wertegemeinschaft. Nur
ein Staat, der die ideellen europäischen Werte teilt, wird von Europa
akzeptiert. Einen Staat aber, der einen barbarischen
Krieg innerhalb der eigenen Grenzen führt (Tschetschenien!)
und die Pressefreiheit unterdrückt (Einführung der Zensur in einigen
Bereichen der Berichterstattung nach der Geiselnahme in Moskau)
braucht Europa nicht. Oder nur partiell. Also,
wie es im kalten Krieg hieß,
lieber tot als rot, vermerkten die Russen bitter. Wieder mal. Trotz
aller Reformen in Russland, das
lange nicht mehr rot ist. Die
russische Braut wird
wegen der Narben der Vergangenheit im Gesicht verstoßen,
griffen sie zum blumigen Vergleich.
Aber die Mitgift der Braut will der wählerische Bräutigam haben: Erdöl,
Gas, in der Stunde der Not auch Hilfe bei der Abwehr der Gefahr aus
dem Osten und dem Süden. Die
Russen beklagten die Voreingenommenheit Europas. So lege es
zweierlei Maß an, wenn es um die Beurteilung der
Menschenrechtsverletzungen geht. Die Amerikaner hätten ohne
sichtbaren Nutzen das halbe Afghanistan zerbombt. Das wird ihnen, wenn
überhaupt, nur als Kavaliersdelikt angekreidet. Aber jeder der von
den Russen umgelegte Tschetschene wird zum Martyrer der Freiheit
hochstilisiert. Und die Russen, die sich gegen die Terroristen wehren,
werden zu Verbrechern abgestempelt. Bezeichnend sei der Trommelwirbel in der westlichen Presse nach der Geiselbefreiung in Moskau, sagten die Russen auf dem Podium. Die bedauerlich große Zahl der Opfer unter den Geiseln und die kritikwürdigen Versäumnisse der russischen Führung würden immer wieder hin und her gewälzt. Dabei fällt unter den Tisch, dass die überaus meisten Geiseln gerettet sind. Und bei Geiselbefreiungen hat es auch im Westen oft Opfer gegeben. Obwohl
die Gäste zu einem
ausgesprochen liberalen und
Europa freundlichen Flügel in der russischen Politik gehören,
deuteten sie an, die Russen hätten es satt, auf der Anklagebank zu
sitzen. Nun legen sie
ihre Blauäugigkeit gegenüber Europa ad acta.
Jetzt werden Leistung und
Gegenleistung genau abgewogen. Баш
на
баш,
wie ein einfacher Russe sagt. Matrjoschka hat den Eindruck, die Russen gingen mit der Absicht in die Runde, sich nicht in die Defensive drängen zu lassen. Das ist ihnen gelungen. Ob sie überzeugend wirkten, ist eine andere Frage. 6.11.02
EINE NEUE WELTORDNUNG: MYTHEN UND REALITÄTEN
ROGOZIN IN BERLIN
27.8.02 DIE EU HÜLLT SICH IN SCHWEIGEN Meldet das Runet. Teils mit Bedauern, teils mit Schadenfreude, je nach Einstellung zum Kreml. Gemeint ist die ausbleibende Reaktion auf Putins Vorschlag, über die Abschaffung des Visumszwangs für Reisen der Russen in EU- Länder (selbstverständlich auf der Grundlage der Gegenseitigkeit) in Verhandlungen zu treten. Kein Staatschef der EU ließ seine Meinung darüber vernehmen. Einige Runetmenschen bewerten dies als Schlappe für Putin. Aber manche meinen, er hätte diese selbst verschuldet: «Не спросив броду, не суйся в воду»- „Weißt du nicht, wie hoch das Wasser steht, betrete es nicht“. Mit anderen Worten, Putin sollte zuerst unter der Hand in Erfahrung bringen, ob für die Erörterung seines Vorschlages, dessen Realisierung dem Durchbruch der Berliner Mauer gleichkäme, eine Chance besteht. Vielleicht hat er aber das gemacht? -entgegnet unser Experte, Iwan Matrjoschkin, Esq., der behauptet, den russischen Präsidenten näher kennen gelernt zu haben (was im Kreml zwar nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert wurde). PS.Über Pitins Vorschlag können Sie im folgenden Bericht nachlesen. 30.8.02
PUTINS VORPRELLEN Wladimir Putin entschied sich, von der EU eine Abschaffung des Visumszwanges nicht nur für die Kaliningrader und ihre Gäste, sondern für alle Russen zu verlangen. An die EU- Staatschefs richtete er ein entsprechendes Schreiben. Er schlägt vor, dieses anspruchsvolle Ziel zu erörtern. Er meint, die Reisefreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für die Integration Russlands in den europäischen Wirtschafts-,Rechts- und humanitären Raum. Russlands europäische Wahl erfordert es. Zwar steht jetzt im Mittelpunkt das Kaliningrader Problem, weil sich dieser Ostseehafen Russlands (einst hieß er Königsberg) nach der EU- Osterweiterung auf Litauen und Polen innerhalb der EU wiederfindet, aber es ist an der Zeit, strategisch zu denken. Der visumsfreie Verkehr zwischen dem russischen Mutterland und Kaliningrad über das EU-Gebiet soll richtungweisend werden, die europäische Wahl Russlands bestätigen und ein Schritt zur späteren Visumsfreiheit im Verkehr zwischen ganz Russland und der EU sein. Gazeta. ru erwartet eine negative Reaktion der EU auf Putins Vorprellen. Sie verweist darauf, dass sich die EU keine Invasion der Russen leisten kann. Diese würde den Arbeitsmarkt in den EU-Ländern unerträglich belasten und andere schwerwiegende Folgen haben. Außerdem hat Russland noch offene Grenzen mit den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Ihm das Tor nach Europa breit zu öffnen, hieße, dieses auch für Ukrainer, Belosrussen, Usbeken und etc. aufzuschlagen. Trotz der praktischen Undurchführbarkeit von Putins Initiative in absehbarer Zukunft, billigt Gazeta.ru den Schritt des russischen Präsidenten. Sie hofft darauf, die EU werde, mit dem Programm Maximum konfrontiert, das Programm Minimum eher akzeptieren. Und dieses wäre Visumsfreiheit für den Verkehr zwischen Kaliningrad und dem übrigen Russland über das EU-Gebiet. 28.8.02 PUTIN UND KÖNIGSBERG Auf einer Konferenz der russischen Botschafter in Moskau erklärte der russische Präsident, er sei dafür, in einer brisanten Frage nach einem Ausgleich mit der EU zu suchen. In der Frage, die in der letzten Zeit die Gemüter in Russland in Wallung bringt. Was wird mit Kaliningrad (Königsberg) nach der EU-Aufnahme von Litauen und Polen, wenn die Verbindung der russischen Enklave mit dem Kernland Russland nach dem EU- Recht geregelt wird. Da nicht bekannt ist, wie weit Putin der EU entgegenkommen will, die für die Enklave keine Ausnahme zulässt , wimmelt es im Runet von Gerüchten. Den Vogel schoss dabei eine Runet- Seite mit dem traurigen Ruf, alle Grenzen des Anstands zu missachten. Sie führte die Friedfertigkeit des Präsidenten auf seine angebliche Unzufriedenheit mit Frau Liudmila zurück. Da in seinem Unterbewusstsein eine unlösbare Verbindung zwischen Ljudmilas Geburtsstadt Königsberg und ihr selbst eingestellt habe, strebe er eine Ersatzhandlung nach S. Freud an. Er würde gerne Königsberg an Stelle von Frau Ljudmila abstießen. Als ein schwacher Trost. Eine empörende Entgleisung ! Da der Langmut des russischen Präsidenten offensichtlich unendlich ist, prüft der Matrjoschka- Konzern eine Anzeige gegen die unverantwortliche Runet-Seite. Für den Fall, ein Gang zum Kadi erweise sich als nicht vielversprechend, wird im Konzern die Streichung der Seite von der Favoritenliste erwogen. Als harte, aber wohlverdiente Strafe. 13.7.02 EIN SYMPOSIUM IM RUSSISCHEN HAUS Im
Russischen Haus in der Berliner Friedrichstrasse fand ein zweitägiges
West-Ost Symposium zum Thema „Außenpolitische Antworten auf
neue Realitäten in Europa“ statt. Die
im Motto des Symposiums
angesprochenen neuen Realitäten in Europa waren dem
Tonfall der Debatten anzumerken. Bei den mitunter deutlichen
Unterschieden der Standpunkte blieb der Meinungsaustausch
sachlich und freundlich. Es wurden keine Klischees der früheren
Jahre bemüht. Die
Diskussionsteilnehmer, darunter führende Mitarbeiter der Außenministerien,
Politiker und Forscher aus Deutschland, Russland, der Ukraine und
Weißrussland, suchten das Gemeinsame,
nicht das Trennende, da die Herausforderungen der Zeit nur im
nachhaltigen Zusammenwirken
bewältigt werden können. Nie zuvor war das so deutlich wie nach
den tragischen Ereignissen am 11. September des vorigen Jahres,
die die Fragilität der Weltordnung auch nach dem Ende der
Konfrontation zwischen West und Ost vor aller Augen führten. Der
Beauftragte der deutschen Regierung für Russland, den Kaukasus
und Mittelasien Ulrich Brandenburg wies in diesem Zusammenhang auf
eine, früher kaum denkbare Kooperation Russlands mit den
Vereinigten Staaten hin. Diese äußerte sich nicht allein in
verbalen Solidaritätsbekundungen, sondern in den
in Russland selbst nicht unumstrittenen
Taten. Unter anderem darin, dass Russland seinen Einfluss
wirksam gemacht hat, damit die
gegen die terroristischen Banden in Afghanistan
operierenden amerikanischen Streitkräfte auf Stützpunkte in den
mittelasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zurückgreifen
konnten. Auch der Austausch von geheimdienstlichen und
anderen Informationen über den internationalen Terrorismus gehört
in dieses Kapitel der früher nicht denkbaren, geschweige denn
praktizierten Solidarität.
Daran anknüpfend, meinte der
deutsche Diplomat, in dieser neuen Situation könne
Russland mutig den außenpolitischen Ballast der früheren Jahren
über Bord werfen und
seinen Standort auf der politischen Weltkarte genauer seinen
derzeitigen Wirkungsmöglichkeiten
anpassen. Mit
viel Zustimmung reagierten die zahlreichen
Zuhörer auch auf Ausführungen von
Alexej Grigorew, eines führenden Mitarbeiters des
russischen Auswärtigen Amtes. Er bot ein breites Panorama der
russischen Außenpolitik, wobei vor allem ihr neuer Pragmatismus,
das heißt der Verzicht auf jegliche Ideologisierung,
herausgestellt wurde. Auf die bevorstehende Osterweiterung der
Europäischen Union und der NATO eingehend, hob Alexej Grigorew
hervor, dass Russland
dieser Veränderung der politischen Gegebenheiten in Europa jetzt
zustimmend, jedenfalls aber gelassen entgegensieht. Allerdings
erwartet es, dass den gemeinsamen Interessen voll Rechnung
getragen wird. Die Integration im EU- Rahmen soll eine breitere,
sich über den ganzen europäischen Kontinent erstreckende Einheit
der Europäer nicht stören, sondern voranbringen. Mit
Ausgrenzungen sei niemanden in Europa gedient, betonte der
russische Diplomat. Er bezog dies auch
auf die
Zukunft von Kaliningrad und die Kommunikationen dieser Ostseestadt
mit Russland, die von der neuen Architektur Europas nicht bedroht
werden dürfen. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Gernot Erler, widmete einen beträchtlichen Teil seines Referats den Beziehungen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten. Er verheimlichte keineswegs die in letzter Zeit deutlich werdenden Meinungsdifferenzen zwischen der EU und den USA, insbesondere was den Stellenwert des Militärischen bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus angeht. Die militärischen Einsätze dürfen kein Nonplusultra sein, viel mehr muss es um politische, wirtschaftliche und soziale Maßnahmen gehen, die den Boden für den Terrorismus austrocknen. Zustimmend quittierten die Zuhörer ein von ihm angeführtes Zeitungszitat, wonach es eine Zumutung ist, Europa für den Wiederaufbau der von der USA- airforce zerbombten Regionen in die Pflicht zu nehmen. Gernot Erler ging ferner auf die Beziehungen zwischen den USA und Russland ein. In seinen Äußerungen ließ sich eine gewisse Sorge heraushören, dass die , wie er sagte, überraschend zügige Annäherung zwischen den beiden Staaten auf Kosten der Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU gehen könnte. Eine wohl unbegründete Sorge, da die EU und vor allem Deutschland die bevorzugten Gesprächspartner Russlands bleiben. Davon zeugt auch die Veranstaltung im Russischen Haus in Berlin , über die es noch zu berichten gibt. 16.3.02
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