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GENERAL MOTORS UND RUSSLAND

Im Berliner Luxushotel „Adlon“ sprach der bekannte russische   Fernsehjournalist Jewgeni Kisseljow über die Lage der Presse und die bevorstehenden Duma- Wahlen in Russland. 

Sollte der Berichterstatter den Ausführungen des Gastes aus Moskau ein Motto voranstellen, hätte er  den in den USA gängigen Spruch gewählt: „Was für General Motors gut ist, ist auch für Amerika gut“. Tauscht man die amerikanischen Bezeichnungen gegen die entsprechenden russischen, ergibt das eine Formel,  die sich mit der von Herrn Kisseljow vertretenen Philosophie deckt. Einer   Philosophie, die ihn bewog, sich in dem in Russland ausgebrochenen  Konflikt zwischen der  Staatsmacht und einem Teil des  Großkapitals eindeutig auf die Seite des letzteren zu stellen.

 

Nicht ohne Brillanz  vorgetragen, überzeugten Kisseljows Ausführungen  trotzdem  nicht alle seine Zuhörer in dem prunkvollen,  mit finanzieller Unterstützung des    Bertelsmannkonzerns gemieteten Saal. Mindestens jene nicht, die sich  noch nicht dem Glauben verschrieben  haben,  die Pressefreiheit und die Demokratie seien   auf  pralle Geldsäcke angewiesen.  In Deutschland gibt es bestimmt noch  Zeitgenossen, die eine  Demokratie und Pressefreiheit für möglich halten, die mit dem buchstäblichen Sinn der Begriffe nahtlos übereinstimmen. Auch wenn diese Übereinstimmung  in der Welt schwer zu finden ist.

 

Nach den Äußerungen  des Gastes zu urteilen, gibt es diese Naivlinge auch in Russland, und zwar zuhauf. Er rückte sie aber in die Nähe jener, die einst  Stalin  „Hosanna!“ sangen. Worauf der gewiss überzogene Vergleich zielte, war jedem Zuhörer klar, der die Ergebnisse der vorigen Präsidentenwahl und der Meinungsumfragen  in Russland kennt. Dennoch lehrt   die russische  Geschichte auch, dass die Leichtgläubigkeit der Russen  Grenzen hat. Erst recht jetzt, wo  die Russen durch die Erfahrungen mit der sowjetischen Staatsmacht  gewitzt sind.

 

So ist wohl der Pessimismus  des Gastes, der Russland eine  düstere Zukunft voraussagte, nicht  zu teilen.

 

Und zum Schluss eine nostalgische Erinnerung. Dem Berichterstatter sind noch die ersten Perestroika- Jahre in Moskau gewahr, als er für die  „Moskowskije Nowosti“ schrieb. Die Art der Liberalität, die diese Zeitung damals vertrat, schloss die  Anhimmelung des Großkapitals, noch dazu   auf eine zweifelhafte Art erworbenen, aus. Jetzt führt Jewgeni Kisseljow diese Zeitung als ihr Chefredakteur. Es bleibt zu hoffen, dass sie, wie die anderen publizistischen Flagschiffe der Befreiungsbewegung in Russland, die Zukunft des Landes  nicht in die Hände der Raubritter der  Systemtransformation legen wollen. Das  würde  dem ohnehin arg malträtierten Russland  tatsächlich keine lichte Zukunft versprechen. Denn was für  General Motors gut ist, muss für Russland nicht unbedingt gut sein. 

20.11.03                       

 RUSSISCHE FERNSEHIMPRESSIONEN 

Der erste Kanal des russischen Fernsehens. Prime Time. Es läuft ein Dokumentarstreifen über „den wichtigsten und besten Aufklärer des Ostblocks Markus Wolf“. Auf dem Bildschirm Markus Wolf selbst. Der Stasigeneral. Und  viele seiner deutschen Kollegen. Nach der deutschen Wiedervereinigung bescheinigten sie in  einer Gerichtsverhandlung, es wäre eine Freude und Ehre gewesen, unter seiner Leitung zu arbeiten.

 

Dann kommen sowjetische Freunde und Kameraden des Herrn Wolf zu Wort.  Vor Jahren  gaben sie sich stumm. Halbtot. Jetzt sind sie wieder  quicklebendig.  Selbstbewusst. Auch sie loben den Deutschen  über den grünen Klee. Wolf sei ein ehrlicher Offizier gewesen, der seinem Staat  eifrig gedient hat.

 

Daran zweifle ich nicht. Nur fehlen mir Hinweise  auf die Ergebnisse der ehrlichen Arbeit. Gab es   denn in der DDR nicht viel Verfolgung  Unschuldiger  und eine Unmenge Spitzel? Und kamen denn  in der DDR die Menschen nicht um, die woanders leben wollten?

 

Im Film wird darüber  kein Sterbenswörtchen verloren. Aber ich erinnere mich nebelhaft daran, was eine ähnlich ehrliche Arbeit in Russland einst angerichtet hat. Zwar war die DDR gegen die Sowjetunion ein harmloses Puppentheater, aber Unrecht bleibt Unrecht, auch mit unvergleichbar weniger Opfern.    

 

Daran denkend, schalte ich vom ersten Kanal zum zweiten. Da läuft  auch ein Dokumentarfilm.  Über Lenin. Genauer gesagt darüber, wie er die russische intellektuelle Elite, die er Scheiße nannte, vernichtete. Und darüber,  wie unter seinem Regime das Blut der Proletarier floss, für deren Glück er, wie uns in der Schule eingetrichtert wurde,  lebte.

 

Dann schalte ich  zum ersten Kanal zurück. Noch ein Filmdokument. Darüber, wie Lenins treuer Schüler Stalin und seine Clique  den großen proletarischen Dichter Maxim Gorki ins Jenseits beförderten.

 

Wieder grübele ich über das Gesehene nach. Also: die Kommunisten waren Schweinehunde. OK. Aber Schweinehunde seien sie nur gewesen, wenn sie keine Stasileute waren. Als diese waren sie ehrliche, gute Menschen , die ihrem Staat eifrig dienten.

 

Etwas stimmt da wahrscheinlich nicht, wenn diejenige, die Befehle gaben, verdammt und diejenigen, die diese Befehle eifrig ausführten, verherrlicht werden.  

Was aber nicht stimmt, weiß ich nicht.  Woher auch? Schließlich bin ich nur eine kleine, dumme Holzpuppe.

18.10.03

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