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RUssEN UnTER SiCH

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1. Zum aktuellen Geschehen in Russland.

2.Zur russischen Befindlichkeit

3. Zu Armut und Reichtum in Russland

4.Worüber sich die Moskauer aufregen 

 

1. Aktuelles Geschehen in Russland 

 

DIE RUSSISCHE GENERALITÄT LEBT GEFÄHRLICH...

 

Letzte Nacht wurde in Wolgograd der Kommandeur der  20. Gardedivision der Bewaffneten Streitkräfte Russlands, Generalmajor Sergej Moissejew, ermordet.  Die russische Presse meldete zunächst, der General sei zufällig ums Leben gekommen. Später gestand die Frau des Generals, Irina Moissejewa, den Mord. 

Wie sich herausstellte, gab es Streit in der Familie. Die Generalstochter ging den Hund ausführen, kurze Zeit später hörte sie Schüsse und rannte nach hause zurück. Dort fand sie den Vater in Blut gebadet, sie alarmierte den Rettungsdienst und die Miliz. Warum es zu der Tragödie kam, ist noch ungeklärt.

Der vierzigjährige Generalmajor befehligte die 20. motorisierte Division und war der Kommandant der Garnison in Wolgograd. 

Im vorigen Jahr wurden zwei Soldaten dieser Division wegen des  Mords am Offizier Kolossow verurteilt, der gesehen hatte, wie die beiden ein gestohlenen Auto versteckten. Der Diebstahl wurde aufgedeckt, das Auto dem Besitzer zurückgegeben, der Offizier sagte gegen seine Untergebenen aus. Daraufhin beschlossen die Soldaten, den „Verräter“ zu bestrafen. Sie lockten ihn in die Kaserne, traten ihn zuerst mit den Füßen und schlugen ihm dann mit dem Hocker den Schädel ein. Um drei Uhr nachts ließen sie ihre Truppe Aufstellung nehmen, schleppten Kolossow auf den Kasernenhof und jeder Soldat musste ihm einen Fußtritt geben. Am Morgen erlag der Offizier den Schlägen. Am folgenden Tag wurde seine Leiche in einem Teich versenkt
. Andrej Kolossow hinterließ Frau und vier Kinder.

 

Jetzt ist der Divisionskommandeur ermordet worden. Der Tathergang erinnert an den Mord am General Lew Rochlin.   Der angesehene General wurde auf seinem Landsitz bei Moskau ermordet, seine Frau Tamara gestand den Mord.   

 

Nach Gazeta.ru. 1.9.03


 

PS. Von Iwan Matrjoschkin, Esq.

 

Hiermit tue ich den zuständigen Stellen in Deutschland kund, dass die weiblichen Holzpuppen des Konzerns„ matrjoschka- online.de“ Fleisch vom Fleisch jener Tamaras und Irinas sind, die ihre Männer im Generalsrang umbrachten. Deswegen fühle ich mich bedroht. Zwar trage ich keine Uniform, aber ich fühle mich wie ein General, führe mich in unserem  Team wie ein General auf und fordere von den Puppen wie ein General Disziplin, Disziplin und noch mal Disziplin.  Aus diesem Grund denunzieren sie mich als Alkoholiker, drohen mit Klapsmühle und  sparen nicht mit anderen dunklen Andeutungen. Da ich gefährlich lebe, beantrage ich hiermit beim BKA Personenschutz. Vom zuständigen Staatsanwalt verlange ich Präventivhaft für diese  Ausgeburt der Hölle: (Steckbrief).

 Iwan Matrjoschkin, Esq.  Berlin, 1.9.03 

RUSSISCHSTUNDE

Оборотень, Dt. der Werwolf. Ein Wort, das zurzeit durch die russischen Medien geistert, und zwar nicht in folkloristischen oder ethnologischen Studien, sondern in Beiträgen zum aktuellen Geschehen. Als Werwölfe werden z. B. hohe Beamten  der Moskauer Kripo bezeichnet, die überführt wurden, Geschäftsleute schwer erpresst  zu haben (Freiheitsberaubung usw.), und in einer Nacht- und Nebel- Aktion hinter Schloss und Riegel gesetzt worden sind. In Ihren Domizilen, vor allem in ihren Garagen, wurden große Dollarbeträge und Wertgegenstände sichergestellt.

Aber  die Rechtschutzorgane  sollen in Russland nicht die einzigen Institutionen des Staates sein, die mit (Pl.) durchsetzt sind. Die Medien berichten  von оборотни in anderen  Zweigen des Staatsapparates. Das sind z.B. Polizisten, die für  Geld jede Verletzung der Verkehrsordnung durchgehen  lassen und damit zur Unsicherheit auf den Straßen beitragen. Richter, die so Recht sprechen, wie der Meistbietende  will. Steuereintreiber und Zöllner, die sich schmieren lassen und damit Betrügereien  begünstigen. Käufliche Lehrer. Ärzte, die mit ihren Attesten handeln.  Und viele andere im Staatsdienst  agierende Personen, die ihre Leistungen ins Gegenteil umkehren.

Daher оборотни, ein Wort, das von оборачивать (umkehren, wenden) kommt.

Wie hoch ihr Anteil ist, sagt keine Statistik. Aber  Forscher  sprechen  im Runet davon, dass die Korruption das schrecklichste Übel des modernen Russlands sei und alle Strukturen, von der Regierung und dem Parlament bis zur kleinsten Behörde in der Provinz, durchdringe.

Wir, die Holzpuppen, glauben es nicht, obwohl... Was sollen die Staatsdiener tun?    Im Vergleich  zu jenen, die von ihnen geschröpft werden,  sind sie   stark unterversorgt. Da sie  sich, der sowjetischen Tradition gemäß, für die Elite  halten, empfinden sie  es als schreiende Ungerechtigkeit und versuchen, diese zu beheben. Indem sie ihre Machtbefugnisse auf den Markt  tragen. Wie es ihnen die hohen Tiere der Sowjetära in den Jahren der Abschaffung des Sowjetsystems vorgemacht haben. Aus demselben  Grund halten sie zueinander,  widersetzen sich  jedem Abbau der Bürokratie und vereiteln die zaghaften Ansätze des Kremls, der wuchernden Korruption beizukommen. Darf man sie denn dafür mit Verachtung strafen, dass sie keine Verlierer sein wollen?

Die Russen machen keine halben Sachen. Auch in Punkto freie Marktwirtschaft nicht. Das, was  anderswo  (noch!)  marginal  ist,  erheben sie zum Regelzustand. Sie bringen die Marktwirtschaft zur Vollendung. Spät angefangen, verhalten sie  sich wie jene alte Jungfer, die,    die süße Sünde  entdeckt, sich sagte: Also, jetzt los! Aber richtig! 

Prägen Sie sich, liebe Fernstudenten  unseres Cheflinguisten, Iwan Matrjoschkin, Esq., das Wort oборотень (oborotenj)  ein. Vermutlich wird es international. Wie das Wort Perestroika. 

30.7.03  

 

CПЕЦОПЕРАЦИЯ ПУТИНА

Von der „Спецоперация“, auf Deutsch heißt es wohl „Nacht und Nebel- Aktion“, erfuhr Russland gestern. Es geht um eine weitgehende Reorganisierung der russischen Sicherheitsbehörden und Umbesetzungen in ihrer Führung. Ohne den lieben matrjoschka-Leser mit Details zu langweilen, reicht es die im Runet vorherrschende Meinung wiederzugeben. Dieses meint, es sei damit   eine neue,  entscheidende Etappe der Straffung der russischen Staatsmacht eingeleitet worden. Der Kreml  zeige die Zähne. Immer  bedrohlicher.

Selbst der Stil der Reform spreche für die Annahme. Denn der Coup von oben wurde unter dem dicken Vorhang der Geheimhaltung vorbereitet. Sogar im Kreml wussten nur wenige Bescheid. Sie hielten dicht. Kein Sterbenswörtchen drang in die Öffentlichkeit. Die Umverteilung der Kompetenzen und die Umbesetzungen  kamen für die Betroffenen, auch für die ganz hoch in der Hierarchie angesiedelten wie ein Blitz aus heiterem Himmel. 

Manche Runetexperten unken, Russland sei dabei, zu einem autoritären Staat zu werden. Es wird der Schatten jenes Unmenschen strapaziert, der vor 50 Jahren starb.

Am lautesten lässt der Intimfeind Putins die Alarmglocke läuten, der  ihn an die Macht schob, sich dann mit ihm verkrachte und jetzt in London sitzt.  Er heißt  Boris Beresowski. Reicher Unternehmer und ambitiöser Politiker (das Letztere wurde ihm zum Verhängnis) meint, die neuesten Schritte Putins sichern den  KGB- Erben die  Machtfülle des berüchtigten sowjetischen Geheimdienstes. Sie kontrollieren bereits das politische Leben, einschließlich die Massenmedien. Jetzt schicken sie sich an, auch die Kontrolle über die Wirtschaft zu übernehmen. Ein eindeutiger Appell an Beresowskis  Geschäftsfreunde in Russland und außerhalb, der Machterweiterung der russischen Exekutive nicht tatenlos zuzusehen. 

12.3.03  

 

WOLLEN DIE RUSSEN DEN KRIEG? JA. ABER NUR ZWEI VON HUNDERT!  

Das ist das Ergebnis der neuesten Umfrage in Russland (Von der Stiftung „Die öffentliche Meinung“). Für den Krieg gegen den Irak sind nur zwei Prozent der russischen Bevölkerung. 42 Prozent meinen, der Irak sei ein Land wie viele, und verneinen, dass er eine Bedrohung ist. Sie  sind dafür,  den Irak in Ruhe zu lassen, die Inspektoren abzurufen, die Sanktionen aufzuheben. 45 Prozent sprachen sich  allerdings dafür aus, die Inspektoren in den Irak zu lassen und das Land zu entwaffnen. Aber  friedlich. 11 Prozent haben keine Meinung dazu.

Von einer Umfrage zur anderen wächst der Anteil der Russen, die den Irak für einen Staat halten, mit dem Russland  freundschaftliche Beziehungen unterhalten könnte. Vor einem Jahr glaubten 35 Prozent der Befragten, Saddams Staat hege Feindschaft gegenüber Russland. Jetzt sind es nur 22 Prozent. 49 Prozent meinen, Saddam sei bereit, sich mit Russland gut zu stellen.  

67 Prozent stehen in der Irakfrage hinter Putin. 46 Prozent  meinen, seine Ablehnung des Krieges sei gut für  Russlands  Image.

Nach Gazeta.ru. 12.3.03   

 

 

Die Mitglieder der Staatsduma lehnten  eine Gesetzesinitiative ab, wonach der sogenannte Mat* ,die spezifische russische Volkssprache,  deren Wortschatz aus höchst unanständigen Bezeichnungen intimer Vorgänge und deren Instrumente besteht, in Massenmedien und  Ämtern nicht verwendet werden darf. Die Debatte dauerte drei Stunden und verlief  unter starker Zuhilfenahme des  erwähnten Wortschatzes. Dabei zeichnete sich Wladimir Shirinowski, Vorsitzender der liberal-demokratischen Partei Russlands, aus. Sein Ruhm  als unübertroffener Lästerer fand volle Bestätigung. 

Bezeichnenderweise ließ er es nicht bei der Ablehnung der Gesetzesvorlage, sondern brachte konstruktive Vorschläge ein. Er meinte, aktuell sei die Säuberung des Russischen nicht vom Mat, sondern  von fremdsprachigen Anlehnungen. Darunter und besonders aus dem Deutschen. So stellte er fest, dass das Wort der Matsprache  хер“, was eine  unflätige Bezeichnung des männlichen Gliedes ist, von dem deutschen Wort „der Herr“ stammt. Obwohl damit die Geringschätzung der Deutschen, die er nicht leiden kann, zum Ausdruck kommt, plädierte W. Schirinowski dafür, das Wort als Auslandswort aus der Matsprache zu verbannen.  Wozu brauchen wir das deutsche Wort, wenn wir das urrussische „х..“ dafür haben, sagte er sinngemäß.**

Mehr oder weniger  solidarisierten sich mit Shirinowski  die zur Debatte eingeladenen Sprachexperten. Einer aus einem Forschungsinstitut für Russisch hob die unvergleichbare Gefühlsfülle des Mat hervor. Ein anderer warnte vor der Verflachung der vom Mat gesäuberten russischen Sprache. Ein dritter führte die hohe Geburtenrate im alten Russland auf  die Verbreitung der Matsprache zurück. Da der Mat immer an gewisse Vorgänge erinnert, stimuliere er   das Geschlechtsleben. Deshalb gebar eine Frau im alten Russland im Schnitt 10-12 Kinder.

*Den linguistischen Phänomen gelten auf der aktuellen matrjoschka-site Beiträge auch auf .

**Von nun an werden in den Berichten des matrjoschka teams die schlimmen Matworte nur mit dem ersten Buchstaben angedeutet.  Allerdings steht den wissbegierigen Lesern unser  Auskunftsdienst zur Verfügung. 

*** Mit der Säuberung der russischen Sprache von Mat waren in unserem Team alle einverstanden. Bis auf Iwan Matrjoschkin, Esq., der den angewiderten Kolleginnen zum Ärger  23 Minuten ununterbrochen im Mat fluchte, wobei er sich kein einziges Mal wiederholte.  Die weiblichen Puppen schlugen daraufhin vor, bei der nächsten Wahl Iwan Matrjoschkin in die Duma zu schicken. Er stimmte zuerst nicht zu. Er sagte, er wolle  in den Bundestag, dort seien die Diäten viel höher. Ihm wurde aber auseinandergesetzt, auch in der Duma steigen die Diäten. Es sei zu hoffen,  in Bälde würden diese sogar höher als die Bezüge der MdB.

Daraufhin versprach der von  patriotischen Gefühlen überwältigte Herr Matrjoschkin,   sein Bestes für die Pflege der geheiligten Matsprache in den Mauern des russischen Unterhauses zu tun.

 26.02.03

 

DIE RUSSEN WERDEN GEZÄHLT

 

In Russland hat die erste Volkszählung seit dem Ende der Sowjetunion begonnen. Rund 600.000 Volkszähler sind in den kommenden acht Tagen im Einsatz.

 

Ein Ergebnis der Volkszählung steht bereits fest. Die Russen in Russland werden immer weniger (seit 1992 ging die Bevölkerung der RF um etwa vier Millionen zurück). Noch schneller schrumpft der Anteil der Russen an der Gesamtbevölkerung der RF. Wenn es so weiter geht, lebt in Russland  zur Mitte des Jahrhunderts etwa die  Hälfte weniger Russen als jetzt. Dafür das Mehrfache eingewanderter Chinesen (im Fernen Osten), Angehöriger muslimischer Stammvölker (an der Wolga und im Ural), eingewanderter Kaukasier (in den Großstädten Moskau und Petersburg).

 

Warum sterben die Russen aus? Weil sie sich scheuen, Kinder in die Welt zu setzen, die Zukunft ist zu unsicher dafür. Weil sie sich schlecht ernähren. Ein Drittel lebt unter der Armutsgrenze. Weil die aus dem Ausland importierten  Lebensmittel und das Gesöff zwar attraktiv verpackt,  mitunter aber giftig sind. Einschließlich  Bushbeinchen,  Broilerkeulen aus den USA. Weil die ärztliche Hilfe, in Russland immer schon nicht die modernste, aber früher wenigstens unentgeltlich, jetzt viel Geld kostet.  Zum Teil müssen die Patienten einen Krankenhausaufenthalt nicht nur schwarz bezahlen, sondern auch Lacken und Handtücher mitbringen.  Und von den Verwandten ernährt und mit Medikamenten versorgt werden. 

 

Etc., etc.

 

Manche West- und Mitteleuropäer heften Russland gern das Etikett eines asiatischen Landes an. Es war aber ein europäisches Land. Und bleibt es, solange die Russen in der Bevölkerung dominieren. Was kommt, liegt dennoch  im Nebel. Die jetzt eingeleitete Volkszählung in Russland ändert daran jedenfalls nichts. Es sei denn, die Ergebnisse werden unter die Lupe genommen und  Schlüsse daraus gezogen. Nicht nur in Russland selbst.

 

9.10.02

 

EIN RUSSISCHER HITLER IN SICHT??

Der in Russland bekannte Menschenrechtler  Lew Ponomarjow  bejaht die Frage. Er geht davon aus, dass die Xenophobie  in Russland immer weitere Kreise zieht. Auf dem Standpunkt „Russland für die Russen“ verharren bereits 60 Prozent der Bevölkerung. Ein Teil davon neigt zur extremistischen Handhabung des Glaubensatzes. Der Geist, den Lew Ponomarjow als Faschismus bezeichnet, schlägt nicht nur untere Schichten der Gesellschaft in seinen  Bann, sondern  breitet sich auch im Establishment aus.

 

Als Gründe nennt Ponomarjow  den riesigen Abstand zwischen dem materiellen Wohlstand der Geldelite und dem Elend der übrigen Bevölkerung. Die sozialen Spannungen nehmen zu. Eine freie Presse könnte den Dampf aus dem Kessel lassen. Aber die Grenzen der Pressefreiheit werden immer enger. Im Ergebnis verschwindet die politische Opposition von der Oberfläche, nistet sich aber umso mehr in der Tiefe der Gesellschaft ein und wird zunehmend extremistisch. Der Krieg in Tschetschenien gießt Öl ins Feuer des militanten Nationalismus, dessen Spitze sich gegen die Kaukasier wendet.

 

Eine immer größere Gefahr geht von nationalistischen  Bewegungen mit deutlich  braunem Einschlag aus, die, seinerzeit von den sowjetischen Geheimdiensten als Gegengewicht zur demokratischen Opposition ins Leben gerufen,  sich verselbstständigt haben. Die Masse der russischen Bürger will die Gefahr nicht sehen, schließt  der Chef der gesamtrussischen Bewegung für die Menschenrechte seinen düsteren Ausblick auf die Zukunft Russlands. 

4.8.02

 

RABY NE MY, MY NE RABY

Auf Deutsch heißt es, Sklaven sind wir nicht, wir sind keine Sklaven. Als in Sowjetrussland die große Alphabetisierung  anlief, war es der erste  Satz, den Leseunkundige lernten. 80 Jahre später trifft er nicht mehr zu. Im demokratischen Russland gibt es Sklaven und Sklavenhandel, nicht weniger unmenschlich als der Negerhandel des XVIII . Jahrhundert und erst recht als das Leibeigentum im Zarenreich.   

Zumeist sind es illegale Einwanderer aus den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und aus  asiatischen Ländern, die zu modernen Sklaven werden. Vom Hunger getrieben, geraten sie in die Hände der Sklavenhalter. Ihr Lohn für die uneingeschränkte Schufterei läuft auf höchst schäbige Logier und Kost hinaus. Ein Versuch, wegzukommen, wird hart bestraft. Mitunter mit dem Leben.

Die russische Staatsduma  musste eingreifen. Die ca. fünf Millionen Illegalen sollen quasi legitimiert werden. Nach einem neuen Ausländergesetz erhalten sie eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis.  Oder sogar eine unbegrenzte. Oder werden abgeschoben. Je nachdem, ob sie sich etwas zuschulden kommen ließen und  Unterkunft und  Arbeitstelle haben. Für diese müssen übrigens die Arbeitgeber sorgen.

Das Gesetz ist ziemlich kompliziert (bis zu dreißig verschiedene Arten für Einreisevisa für Ausländer) und weist auch andere Mängel auf. Abgesehen davon zweifeln die Sachkundigen, ob es befolgt wird. Der kriminelle Arbeitsmarkt funktioniert nach eigenen Gesetzen, für deren Einhaltung effizientere Kräfte  sorgen als die  Staatsmacht.   

15.6.02 

 

 

DAS MATRJOSCHKATEAM HAT EINEN GUTEN FREUND UND EINFLUßREICHEN GÖNNER: WLADIMIR WLADIMIROWITSCH PUTIN!

 

Im Runet gibt es zur Zeit viele Berichte über ein Treffen des russischen Präsidenten mit den Botschaftern der RF, das  in dieser Woche im Kreml stattfand. Es wird berichtet, W.W. Putin hätte den Diplomaten tüchtig Leviten gelesen. Vieles hat er ihnen vorgehalten: Trägheit, Routine, Selbstzufriedenheit, am meisten aber, dass sie sich zu wenig um die Russen im Ausland kümmern.

 

Aha! Früher hielt man uns, die im Ausland lebenden Russen, für Vaterlandsverräter. Man hat sich an uns  erinnert, nur um uns Verwünschungen zuteil werden zu lassen.  Jetzt werden wir hofiert. Richtig so! Denn wir sind die wahren Botschafter Russlands. Die anderen, die berufsmäßigen, die sich in schönen  Stadtvillen und Palais verschanzen  und ein Mal im Jahr dem jeweiligen Staatschef die Hand schütteln dürfen, was tun sie denn fürs Ansehen Russlands in der Welt? Wir aber, die wir inmitten des Lebens in den Aufenthaltsländern stehen, viel. An unserem Verhalten werden alle Russen bewertet. Sind wir gut, kooperativ, freundlich, klug, gebildet, fleißig- und das sind wir, verdammt noch mal,  wird angenommen, alle Russen sind so. So entsteht   das attraktive Image Russlands.  So! meine lieben Damen und Herrn im Kreml und anderswo. W.W.P. hat das ganz richtig erkannt.

 

Besonders wichtig sind diejenigen Russen im Ausland, die ihre Kraft und Zeit der publizistischen Darstellung Russlands hergeben. Wie wir, die Holzpuppen! Obwohl W.W.P. uns ausdrücklich nicht erwähnt hat, was ein Versäumnis ist, hatte er bestimmt  auch uns im Auge, als er den Botschaftern auftrug, sich mehr um die Auslandsrussen zu kümmern. Das sollen sich die Herren im Russischen Palais  in Berlin unter die Nase reiben. Dem Herrn Putin aber danken wir dafür, dass er an uns gedacht hat. Die Matrjoschka- online.de ist für ihn gewiss ein Begriff. Jedenfalls meint das Iwan Matrjoschkin, Esq., der behauptet, vom russischen Präsidenten empfangen worden zu sein (sehen Sie bitte den Bericht auf dem Link, den Sie erreichen, wenn Sie das Bildnis vom  Esquire ganz oben  anklicken).

14.7.02

UNTER GENERALVERDACHT IN RUSSLAND: DIE GLATZEN

Kaum hat unsere site einen Bericht über die Aktivitäten der Glatzköpfigen in Russland gebracht, eröffnete die russische Polizei die Jagdsaison. Im ganzen Land läuft  eine nie da gewesene  Polizeiaktion an. Ihr Start ist mit Hitlers Geburtstag (20. April) verknüpft, dauert aber bis zum 22.April (Lenins Geburtstag).  Da  die  Polizei sich rühmt, von ihren verdeckten Ermittlern genauere Angaben über die geplanten Krawalle der Rechtextremen bekommen zu haben, geht sie massiv vor. Jeder, der auffällt, wird einkassiert. Besonders in Moskau. Zusätzlich zu 80. 000 (wir buchstabieren : achtzigtausend)  Polizisten  wurde in der Metropole der Grenzschutz eingesetzt. Obwohl auf der Liste nur eintausend  Extremisten stehen.  Meistens Halbstarke zwischen vierzehn und achtzehn Jahren, Arbeitslose  und Azubis. Will der Kreml etwa mit einem Schlag den Rechtsextremismus in Russland erledigen? Oder soll  die Effizienz der Staatsmacht unter Beweis gestellt werden?

Die Polizei hat den Befehl, hart vorzugehen. Der rasierte Kopf wird als Indiz bewertet, das ausreicht, um die Person  einzusperren.  Ein wenig zuviel des Guten,  meint der Experte des Matrjoschka- Konzerns, Iwan Matrjoschkin, Esq. Die Holzpuppen, sagt er, empfinden nicht die geringste Affinität zu den Glatzköpfen. Aber  eine Hexenjagd in Moskau auszulösen, wollten wir nicht. Wenn die Skinheads heute tatsächlich auf den Scheiterhaufen müssen, wer folgt ihnen später?

Unschuldsannahme eingeschlossen, muss der Rechtschutz für alle gelten. Sowohl für langhaarige, als auch  für rasierte Köpfe.

Übrigens galten unter der Sowjetmacht  gerade die ersteren als suspekt. Mähnen und Bärte wurden manchmal sogar zwangsentfernt. 

Wie ändern sich die Zeiten in Russland! Oder vielmehr   ändern sie sich, wenn man von der Haarmode absieht, doch nicht ein Bisschen zu wenig?

20.4.02              

IST JETZT DIE ANASTASIA- STORY ZU ENDE? ODER FÄNGT SIE ERST AN?

Es geht um die Story der jüngsten Tochter des letzten russischen Zaren, Nikolaus des Zweiten. Im russischen Bürgerkrieg nach der Revolution von 1917  wurde er   auf Geheiß der kommunistischen Regierung  im Ural gefangengehalten, dann ermordet.  Die Mörder behaupteten,  samt der  ganzen Familie. Dennoch tauchten im Westen   immer wieder Möchtegerne auf, die sich für die Zarenkinder ausgaben.  Übrigens kein einmaliger Vorgang in der russischen Geschichte. Hier wimmelte es von Zaren und Zarensprossen, die  Historiker mit dem Präfix „лже  versahen. Das heißt „falsch“. Also Usurpatoren. Einer davon mit dem Namen Pugatschow entfachte im  Ural einen Bauernaufstand, der  die Kaiserin Katherina die Große (zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts)  fast den Thron kostete.

Für sie wäre es vielleicht nicht so schlimm. Im Falle des Falles könnte sie nach Zerbst zurückkehren. Aber Russland hätte eine sehr aufgeklärte und tatenfreudige Herrscherin verloren. Zwar ein wenig männertoll, aber sonst ... 

Die falschen Zaren  setzten den echten so zu, dass der rote Zar, Stalin, die Leiche seines Vorgängers, Lenin, im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau aufbahren ließ. Damit alle sehen, hier liegt er, verdammt noch Mal, tot. Und  derjenige, der sich eventuell für ihn ausgibt, ist ein Usurpator. Ein „лже“.

Zurück zu Anastasia. Von diesem lieben  Mädchen gab es im Westen mehrere Dutzend falsche. Vermutlich wollten sie nicht so sehr auf Romanows Thron, sondern an Romanows Konten. 

Fast alle falsche Anastasias waren Eintagsfliegen. Die im Westen lebenden Verwandten des Zaren passten schon auf, dass sie nicht zum Zuge kamen. Eine aber erwies sich als kein Flop. Von einem Polizisten 1920 in Berlin aus der Spree gefischt, danach in einem Irrenhaus einquartiert, verfügte sie über eine Suggestionsgabe, die ihr viele Bewunderer und Anhänger sicherte. Über diese „Zarentochter“ dauerte in die letzten Jahren hinein ein Streit, der nicht nur in den Massenmedien, sondern auch gerichtlich ausgetragen wurde, aber nicht enden wollte. So blieb die Frage „falsch oder echt?“ im Raum hängen. Immer neue Romane, Sachbücher und Filme kolportierten die Geschichte ihrer wunderbaren Rettung aus den Klauen der kommunistischen Meuchelmörder. Nur schade, dass die Frau vermutlich  doch  keine russische Großfürstin, sondern eine polnische Gelegenheitsarbeiterin war. Jüdischer Abstammung. Sonst ein sehr rührendes Sujet.

Aber das alles ist nur  Vorrede. Das, was die zarenfrommen Holzpuppen den Freunden vermitteln wollen, ist es nicht. Die Sensation folgt erst...

 

xxx

 

Diese besteht darin, dass in Russland jetzt die wahre (?) Anastasia entdeckt wurde. Das matrjoschka- Expertenteam hat die entsprechenden Meldungen überprüft und  glaubhaft befunden. Vor allem, weil die Quelle  glaubhaft ist Sie heißt Wladlen Sirotkin. Professor! Für Ausbildung der russischen Diplomaten verantwortlich! Wenn der Mann spinnt, wem kann man da noch glauben? 

Herr Prof. Sirotkin entdeckte die wahre (?) Anastasia in den kaukasischen Gebirgen. Unter dem Namen Natalia Bilichodse. Es ist zwar kein russischer, sondern ein georgischer Name. Tut nichts, da es der Name eines schlauen Georgiers ist, der sie vorsorglich ehelichte. Er hoffte wohl ein Prinz-Gemahl zu werden. Hätte uns gerade gefehlt...

Die wahre Geschichte von Natalia- Anastasia  soll spannender sein als alle erdachten Storys der falschen Zarentöchter. Ihre Identität, sagt der Herr Professor, bestätigen einwandfreie streng wissenschaftliche Untersuchungen. 1. die Genanalyse 2. der Handschriftvergleich. 3. der Vergleich von Fotos des Mädchens Anastasia und  der Dame Natalia. 4. Auch die Geschichte der Rettung sei überprüft und als durchaus stimmig eingestuft.

Ein Buch unter dem Titel „Ich,  Anastasia Nikolajewna Romanows“ kommt bald in Moskau heraus. Hat alle Chancen, ein Bestseller zu werden. Matrjoschka hat bereits 100 Stück bestellt. Als Rezensionsexemplare.

Jetzt werden im Runet  die praktischen Folgen des Anastasiawunders erörtert. Es ist bekannt, dass die Großfürstin nicht die Absicht hat, Wladimir Putin aus dem Kreml zu vertreiben. Sie will überhaupt nicht auf den Thron.

Einerseits schade. Vielleicht könnte Russland sein Image durch die Inthronisierung der Anastasia  aufpolieren. Wenn die Briten eine Königin haben, die die Herzen der Welt  erobert, warum sollen die Russen keine  haben?

Andererseits ist Natalia Bilichodse, alias Großfürstin  Anastasia, nicht mehr ganz frisch. 101 Jahre ist sie jung, für die Georgier kein Alter. Manche leben dort bis 150. Aber sie soll doch eine Russin sein. Und wenn nicht? Dann, nein, Danke! Georgische Herrscher bekommen Russland schlecht. (Stalin, alias Dshugaschwilli).

Nun gut.

Was kann Russland trotzdem davon haben? Nicht wenig. Das ganze Gold der Romanows! Im Wert  von mehreren Milliarden Dollar. Lagert in ausländischen Banken. Bitte sehr, zurück, an die Erbin. Und    soll diese es nicht haben wollen , an die russische Kasse.

Jedenfalls ist Prof. Sirotkin  fest entschlossen, dafür zu sorgen.  Da seine Zöglinge in vielen russischen Botschaften (darunter auch in Berlin) tätig sind, darf er wohl mit der Unterstützung der russischen Diplomatie rechnen. Eine feine Sache.

Wer weiß, vielleicht schlägt der Rubel, vom Zarenschatz gestützt,  den Dollar und sogar den Euro. Es sollen bereits erste Transaktionen auf den Börsen festgestellt worden sein. Es gibt genug vorausschauende Leute in der Welt.

Greifen Sie zu, liebe Freunde! Solange die Rubel noch billig zu haben sind.  

Wie dem auch sei, entbietet das matrjoschka- Team IHRER MAJESTÄT ANASTASIA DER ERSTEN seine untertänigsten Grüße.

Anm.:

Ich, I.M. Esq., erinnere hiermit daran, dass die  Russen schon eine Dame (bedeutend jünger als die oben genannte) haben, die kraft ihrer Abstammung, Bildung, Ausstrahlung und einwandfreier Lebensweise würdig ist, den  Thron im Kreml zu besteigen. Um ihre abenteuerliche Geschichte, Ansichten und  familiären Bindungen ging es in unserem mehrteiligen Bericht „Abenteuer einer russischen Gräfin“. ( Vielleicht wiederholen wir ihn aus aktuellem Anlass, wenn ich die Puppen dazu bringe). Möge Anastasia  noch so echt sein, ich halte zur Gräfin Lisa. 

Meine Ehre heißt Treue.

Iwan Matrjoschkin, Esq.

30.6.02        

Symbole 

In einem der größten Moskauer Ausstellungsräume wurde die vom  Regierungschef selbst angekündigte Ausstellung russischer  Staatssymbole eröffnet. In seiner Einführungsrede stellte der Präsidentensprecher Sergej Jastrshembski fest, Russland habe jetzt die  von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptierten   Symbole: das Wappen, die Hymne und die Staatsfahne. Wie in jedem wohlgeordneten Staat  soll jetzt  die Symbolik nicht nur bei feierlichen Anlässen gezeigt werden, sondern auch auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs:   Geschirr, Nickis,  Krawatten u.s.w., damit sie richtig verinnerlicht werden kann. Und tatsächlich bietet   die Ausstellung  eine breite Auswahl davon, wobei das meiste gleich auf der Stelle zu erwerben,  einiges zu bestellen ist. Z.B. eine Uhr mit Putins Bildnis, das somit auch zum Staatssymbol aufrückt. 

Staatssymbole sind bekanntlich wandelbar, sogar vergänglich wie die Staaten selbst. Die Ausstellung zeigt aber auch Gegenstände mit unvergänglichen Symbolen Russlands: der Moskauer Kreml, der Braunbär, das Honigglas   und die Wodkaflasche. Um diese Symbole wurde kein Streit geführt. Um die anderen schon. Die einen  wollten  die Musik der alten sowjetischen Hymne nicht in   die neue Zeit  retten, die anderen fanden kein Gefallen an der Wiederkehr der Trikolore und des zweiköpfigen Zarenadlers. Jetzt ist der Streit passe. Den Sieg haben jene davon getragen, die einen starken russischen Staat wollen und auf Tradition setzen. Mit dem derzeitigen Präsidenten an der Spitze. 

Den Lästerern, die Russland pflegeleicht haben wollen, wurde angedeutet, die gemäßigte und ideologiefreie Vaterlandsliebe sei durchaus angebracht. Und im Vergleich mit den USA, England  oder Frankreich, wo  die Staatsfahne von jedem Zeitungskiosk weht, bleibe Russland noch weit zurück. 

Das stimmt. 

Jetzt fehlt ihm noch eine intakte Wirtschaft und eine kampffähige Armee, um seine Größe wiederherzustellen. Denn die Symbole allein tun es nicht. Und ein  runtergekommener Bär flößt keinen Respekt, eher  Mitleid ein. 

11.06.02   

 

 

EIN MICHAEL KOHLHAAS WILL IN DEN KREML 

Er heißt Viktor Tscherepkow. Wäre er im alten Deutschland geboren, könnte er Michael Kohlhaas heißen.

Als  Oberbürgermeister von Wladiwostok, der Metropole des russischen Fernen Ostens,  startete er vor Jahren  einen Feldzug gegen Korruption, der viel Staub aufwirbelte, aber mit seiner Absetzung  endete. Doch er hörte nicht auf, sich mit spektakulären Aktionen für die Belange des kleinen Mannes einzusetzen.

Zielscheibe wiederholter (nach Meinung seiner Gegner auch selbstinszenierter) Anschläge, lebt er ein gefährliches Leben. Mehrmals schien es aus zu sein mit ihm. Aber immer wieder stieg er aus der Asche. Wie der Vogel Phönix. 

Als  Abgeordneter der Staatsduma und   Chef der kleinen, aber lauten Partei „Freiheit und Volksmacht“, bezichtigt er das Regime fortschreitender Kriminalisierung. Präsident Putin  bescheinigt er allerdings eine saubere Weste. Dessen  Pech sei   die kriminelle Umgebung.

Beim nächsten Präsidentenrennen will er auf die Rennbahn. Die Erfolgsaussichten?   Wer weiß...    Nach einem unscheinbaren Oberst Putin wird vielleicht auch ein etwas komischer  Tscherepkow das Rennen machen. Wenn sich  ein richtiger Rennstall   seiner annimmt. 

Es scheint, einen Sponsor hat er sich bereits ausgeguckt. Boris Beresowski, einer der reichsten und auch der ehrgeizigsten Männer Russlands, jetzt landesflüchtig, da sich mit Putin verkrachte.

Unkonventionelle PR- Ideen hat Tscherepkow  schon. Er will  sich dafür  einsetzen, dass die hinter Schloss und Riegel Leidenden  entlassen werden. Er rechnet mit mehreren Millionen Stimmen ihrer Angehörigen.

Seinem Ruf täte das keinen Abbruch, meint er. Weil die schlimmsten Kriminellen in Russland nicht in  Gefängnissen, sondern in  Amtszimmern sitzen. 

Ein Sitztausch wäre durchaus gerecht. Im Sinne von Michael Kohlhaas.

23.4.02.  Nach dni.ru.  

EINE MILLION CD... 

...will der aus dem Westen agierende russische Milliardär und Medienmogul Boris Beresowski nach Russland schleusen, um die russische Regierung in die Enge zu treiben. Auf den  CDs ist ein siebenminütiger  Film über die Rolle der russischen Geheimdienste bei der Vorbereitung und Ausführung der Attentate von 1999 zu sehen. Die  opferreichen  Attentate,  tschetschenischen Terroristen zugeschrieben, bereiteten psychologisch den Boden für einen erneuten Einsatz der russischen Truppen in der nordkaukasischen Republik.

 

Beresowski scheint seine Drohung wahrmachen zu wollen, Putin zu stürzen. Dem russischen Präsidenten, zu dessen Aufstieg er selbst viel beigetragen hat, kreidet er an, ein autoritäres Regime in Russland anzustreben. Die russische Staatsanwaltschaft unterstellt aber Beresowski  prosaischere Motive und droht ihm mit einem internationalen Haftbefehl.

 

Nach eigener Aussage setzt der Meuterer, der  vielleicht  einem Berlusconi nacheifert, auf die von ihm erwartete drastische  Verschlechterung der Wirtschaftslage Russlands, auf die starke Zunahme der Inflation,  den Hader zwischen den russischen Streitkräften und den Geheimdiensten und auf andere destabilisierende Prozesse in Russland. Die mit der Einschleusung von einer Million CDs betriebene subversive  Propaganda  soll den Kessel zum Überlaufen bringen.

 

Früher waren es die von Kampfflugzeugen abgeworfenen oder mit Luftballons transportierten  Flugblätter und die grenzüberschreitenden  Hörfunk- dann auch Fernsehsendungen in Fremdsprachen. Heute sind es CDs. Der technische Fortschritt liegt auf der Hand. Auch die Privatisierung der  politischen Propaganda aus dem Ausland ist ein Novum. In der Geschichte des psychologischen Krieges über die Grenzen hinweg wird ein neues Kapitel geschrieben...

 

Die Holzpuppen gucken fasziniert zu.

 

14.3.02

 

VORWORT 

Nachstehend präsentiert matrjoschka- online einen sehr seltsamen Text aus dem Runet. Er stammt aus der Feder eines eloquenten  Schnellschreibers, den viele  in Russland für eine hauseigene Variante eines gewissen Josef Goebbels halten. Er heißt Alexander Prochanow. Seine Hauspostille - „Zawtra“ (Der Morgen)- wurde mehrmals verboten, kommt aber weiter raus und ist im Runet unter demselben Namen zu finden.

 

Im  matrjoschka - team ist umstritten, ob sein Elaborat auf der site erscheinen soll. Auch gekürzt, auch von der schlimmsten Hetze gesäubert. Aber der Standpunkt siegte, ihm doch Platz zu geben. Denn es ist ein gewisses Alarmsignal. Sollten die Prochanows in Russland siegen, ist der Weg  zu einer,  den neuen Umständen entsprechenden Wiederauflage eines Hitler – Stalin- Paktes   wahrscheinlicher, als mancher denkt. Und jetzt Prochanows – Hetze.  

DIE HINRICHTUNG, DIE RUSSLAND BRAUCHT 

Vor kurzem gab Putin seine nächste show ab. Er pflanzte sich vor den Kerlen  in den blauen Staatsanwaltsuniformen auf und rief sie dazu auf, gegen die Kriminalität härter zu kämpfen. Härter? – überlegten die Kerle. - Noch härter? Immer bereit!  Aber dann Schluss mit dem Gerede von der Abschaffung der Todesstrafe. 

Den Ball übernahm die Staatsduma. Sie nahm den Beschluss an, wonach die Todesstrafe gebraucht wird. Das Einzige, was die Gesetzesgeber entzweite, ist die Methode: Hängen lassen, erschießen, vergasen, auf Scheiterhaufen bringen, vierteln, köpfen, pfählen, im Eisloch ersaufen, oder nach dem Beispiel der Amis     elektrisch  ins Jenseits befördern. Die Diskussion nimmt kein Ende. Wieder Quatsch, Ekel, Vortäuschung, der widerliche und billige  Betrug, make up an der schrecklichen Fresse der korrumpierten Staatsmacht.        

Ihre Träger nisten sich in der Oase bei Rubljewo*, in der Siedlung der goldenen Toilettenbecken ein, hier verfressen, versaufen, verprassen  sie das dem Volk Geraubte. Das Volk aber hat nur die Wahl:  entweder elendig verhungern oder, mit  Schlagringen, Stützen, Kalaschnikows, Wurfgeschossen bewaffnet, seinerseits auf Raubzug zu gehen. Das Volk hat seine eigene „Zivilgesellschaft“  aus zahllosen Banden, Gangs und Rotten. Hier finden jene junge Menschen die wahre Heimat, die sich noch nicht  spritzen, an TBC und Aids  nicht erkrankt sind und sich nicht mit billigem Gesöff  vergiften.

 

Hier reift die kriminelle Räuberrevolte gegen die kriminelle Staatsmacht. Die Neuausgabe der Bauernkriege gegen die Zaren im XVII. und XVIII. Jahrhundert. Eine Revolte, die sich den Mauern  der Sommerpaläste von Rubljowo nähert.

 

Die Staatsmacht hetzt gegen die heutigen Pugatschjows und Razins**

 

Staatsanwälte und Ermittler bauen für sie neue Gefängnisse und KZ-s, jetzt drohen sie ihnen mit  Hinrichtungen. Leere Drohungen. Ohnehin wird jährlich eine Million hingerichtet***.  Ohne Gerichtsverhandlung.

 

Sollen jene, die blind sind, dem „harten“ Dumabeschluß  Beifall klatschen. Sollen jene, deren Gehirne vom liberalen Fernsehen ausgesaugt sind, Putin für eine neue Mutter Theresa halten, weil er die Hinrichtungen aussetzt. Solange es die von Jelzin erschaffene Monsterordnung der  Ungerechtigkeit gibt, wird in allen Hauseingängen  geschossen und der Himmel über den russischen Städten wird klebrig und rot. Vom vergossenen Blut.

 

Es hat keinen Sinn, das aussterbende Volk mit Todesstrafe in Schach halten zu wollen. Stattdessen tut eine einzige Hinrichtung not. Das Monster, das das große Reich zerstörte, das große Volk bestahl, das Parlament aus Panzerkanonen beschießen ließ, das  unsere Wissenschaften und andere  produktive Kräfte vernichtete, alle unsere Heiligtümer und Werte schändete, es muss weg. Jelzin.

 

Wenn Putin seinen Ukas über den Schutz des ersten Präsidenten Russlands zurücknimmt, wenn er das Ungeheuer  dem großen Gericht des Volkes ausliefert,  das den Kannibalen zur Todesstrafe verurteilt, kommt das ganze Russland zum Hinrichtungsort.

 

Um zu jubeln.

 

Man braucht das Monster nicht zu hängen und nicht zu erschießen. Es reicht , die Tropfflasche  mit dem Blut von russischen Babys abzuschalten, die es am Leben hält, damit der böse Geist verschwindet und Russland aufzuerstehen beginnt.

 

Dann werden die Rächer ihre Schießeisen, Messer und Granatwerfer von selbst auf einen großen Haufen schmeißen, in ihren Mützen   die fruchtbare russische Erde hinbringen und aufschütten und  Gras und Blumen säen. Und keine Staatsanwälte und Richter, sondern ein ehrlicher Pope setzt dann den Punkt.

 

*Eine Prominentensiedlung in der Nähe von Moskau.

**Führer der Bauernaufstände, die sich durch ungeheure   Wucht und Grausamkeit auszeichneten.     
*** Es wird auf statistische  Daten angespielt, wonach die Bevölkerung Russlands jährlich eine Millionen abnimmt.

27.02.

17.1.02

Die unerwünschte russische Geheimwaffe.

  Eine biologische Bombe  

So nannte ein russischer Bürgerrechtler in einem Runet-Beitrag (Vremja.ru) die russischen Gefängnisse. Der vom russischen Präsidenten initiierte Kampf gegen die Kriminalität hätte zur  Überfüllung der vergitterten Häuser geführt. Jährlich werden diese von Millionen Menschen frequentiert. Die Durchschnittszahl der ständigen Insassen nähert sich einer Million. Der Staat hat kein Geld, die vielen Knackis zu ernähren und   ärztlich zu behandeln. Geschwächt, erkranken sie massenweise an TBC und Aids. 

Wenn die Unglücklichen ins zivile Leben  zurückkehren,   stecken sie die Mitmenschen an. Daraus erklärt sich das rapide Ansteigen der Seuchen. 

Die biologische Bombe tickt. 

Eine soziale Bombe   

Eine andere Runet-Zeitung (gazeta.ru) schlägt Alarm wegen der verwahrlosten Kinder. Ihre Zahl   erreicht vier Millionen. Noch einmal so viel haben zwar ein Obdach, leben  aber auch  wie  streunende Hunde. Nach dem Sieg der Sowjetmacht im Bürgerkrieg 1918-1922 und nach dem Sieg der Sowjetunion im großen Krieg gegen Deutschland 1941-1945 gab es zwar auch viele „bessprisorniki“, aber doch nicht so viele wie jetzt, nach dem Sieg der Freiheit und Demokratie in Russland. 

Was unserer Freude über den Fortschritt selbstverständlich keinen Abbruch tut.

GRUND UND BODEN: EIN TABU FÄLLT

Am 27.1.01 erwachte Russland ein wenig verwandelt. Am Vortag nahm die Duma ein Gesetz über das Privateigentum von Grund und Boden an.

Die Einstellung der russischen Bauern zu dieser Art des Privateigentums wurzelt in der Jahrtausende alten Ethik, Grund und Boden seien wie Luft und Wasser. Sie gehörten allen und niemandem.

Die Verletzung des Grundsatzes durch den im Mittelalter entstandenen Großgrundbesitz oder liberale Reformen der späteren Zarenzeit empfand der russische Bauer als Sakrileg.

Bis zur Revolution hielt er an der Dorfgemeinschaft, der "obschtschina", fest. Die Obschtschina hatte Grund und Boden im Kollektivbesitz. Die Felder wurden regelmäßig umverteilt, je nachdem, wie viel "Münder" ein Bauernhof hatte. Handeln mit Grund und Boden durfte die Obschtschina nicht.

Die Sowjetmacht knüpfte bei der Kooperation von Bauernwirtschaften daran an. Sie war mit der feierlichen Vergabe des nun verstaatlichten Grund und Boden an staatlich gelenkte Kooperativen verbunden. Auch eine Art Obschtschina, vom Staat instrumentalisiert.

Die Geschichte bleibt relevant. Die Duma tat sich mit dem neuen Gesetz schwer. Es wurde erst in vierter Lesung angenommen. Seine Gestaltung entspricht nicht dem Verlangen der radikalen Reformer nach totaler Vermarktung von Grund und Boden. Die landwirtschaftlich genutzten Großflächen sind vorläufig aus dem Verkehr genommen.

Trotzdem kommt auch dieses Gesetz manchen lange vorgetragenen Wünschen entgegen. Darunter denen des Bankkapitals. Es drängte schon lange darauf, Grund und Boden handelbar und somit auch beleihbar zu machen. Die Bauernwirtschaften sollten ihre Felder und Wiesen als Sicherheit anbieten dürfen. Und die Banken diese behalten, wenn die Schulden nicht bezahlt werden können.

Auch die Industrieinvestoren wollten das Gesetz. Früher durften sie eine Fabrik kaufen, aber der Boden, der zu den Werkhallen gehörte, blieb ihnen verwehrt. So fehlte ihnen die Sicherheit. Oder sie taten so als ob.

Allerdings wird erwartet, dass die Ausführungsbestimmungen den Verkauf von Grund und Boden an Ausländer verbieten.

Der vor einem Jahr sanft gestürzte Zar Boris Jelzin machte mehrere Anläufe, ein Gesetz über die Grund- und- Boden-Privatisierung durchzusetzen, um seine westlichen Gönner auch hierin zufrieden zu stellen. Im letzten Augenblick kuschte er aber. Verständlicherweise, da sein Ansehen im Lande ohnehin stark lädiert war.

Sein Nachfolger Putin kann sich das Gesetz leisten. Er ist beliebt. Seine harte Hand.

Trotzdem wirbelt das neue Gesetz viel Staub auf. Bezeichnenderweise verweigerte ihm die Dumafraktion der Agrarier die Unterstützung. Die Abgeordneten verließen die Duma. Für die Zeit der Abstimmung.

Putin wird es überleben.

27.1.01

2.Russische Befindlichkeit

WAS ES HEISST, EIN RUSSE ZU SEIN

 

Vorwort der Holzpuppen:  Im folgenden Beitrag  stimmt  kein einziges Wort. Die Russen sind nicht so, wie der Autor sie  beschreibt. Die Beschreibung passt höchstens auf einen gewissen Iwan Matrjoschkin, Esq. Wäre er auf seinem Arbeitsplatz in unserer Redaktion, hätte er die Veröffentlichung verhindert. Da er aber fehlt (und sich vermutlich in der Kneipe „Sonnenschein“ zu Prenzlauer Berg, Berlin, aufhält – bereits seit Samstag!) kann er es nicht. Also...     

 


Könnten Sie sich wenigstens einmal in einen Russen verwandeln, würden Sie dieses unvergleichliche Empfinden nie vergessen: ausgeschlagene Zähne, dreckiger Kopf, lange Fingernägel, Hände und Füße ungewaschen, kein Geld, die Kinder undankbares Gesindel, die Freunde gemeine Schweine, die Zukunft ein Fehler, die Vergangenheit ein Irrtum, aber es weht ein warmes, laues Lüftchen, ein märchenhafter Sonnenaufgang, man liegt noch halb besoffen im Gras oder in  der Scheiße und denkt:“ Heimat, wie bist du schön! Ich bin so glücklich, dass ich dich habe!“ Unvergessliche Augenblicke.     
  
Das Wunderbare daran ist, dass jeder zum echten Russen werden kann, ob ein Eskimo, Mongole oder Neger. Sogar ein Deutscher. Denn Russe wird man nach einer Gehirnerschütterung. Ich bin felsenfest davon überzeugt, wenn man einem Neger mit einem Ziegelstein den Kopf einschlägt, ihn dann mit Wodka heilt und ihm das Lied von den Moskauer Abenden vorsingt, ist er nach drei Wochen auch so ein Russe, wie man ihn überall an den Hauseingängen trifft. Und man begrüßt ihn mit den Worten:

  Hallo. Iwan! Wie geht’s Frau und Kindern?

Und er antwortet:

– Verpiss dich. Mir ist auch ohne dich zum Kotzen.

Nach Gehirnerschütterung bringt der Mensch oft ein Lied raus. Wie ein Heulen. Seine Bewegungen werden chaotisch, er will was Sinnvolles tun, aber beginnt zu tanzen. Schließlich werden ihm die Menschen zur Last, besonders unbekannte Menschen. Er verspürt einen unwiderstehlichen Drang, ihnen in die Fresse zu hauen.   

  
Doch die schönste Folge der plötzlichen Vernebelung des Bewusstseins sind natürlich die Fragen, die ein Russe sich stellt, ohne sie beantworten zu können. Wer ist schuld? Da er sich nach der Gehirnerschütterung an nichts erinnert, kommt er zu dem Schluss, niemand ist schuld. Oder jeder beliebige. Oder alle. Die andere Frage: Was tun? Das ist dem Dümmsten klar: Nichts. Mit Gehirnerschütterung muss man das Bett hüten. Die Ruhe genießen. Deshalb ist einem Russen jede Tätigkeit verwehrt. Trotzdem tut er alles.  Mit vorhersehbarem Ergebnis. 
   
Das einzige, worauf  ein Russe stolz sein kann, ist seine kolossale Überlegenheit über alle anderen Völker der Welt. Denn die anderen sind scheißklug. Er nicht. Er braucht sein Gehirn, nur um mit den Beinen in die Unterhose zu schlüpfen. Plus einiges nützliches Wissen zu speichern. Wie heißt die Mama, die ihn nie im Stich lässt, und wo sind Bier und Wodka günstig zu kaufen. Hier braucht ein Russe sich nicht zu verstecken. Vor niemandem auf dem Erdball.

 

Im übrigen ist er heute ein zartes Veilchen und morgen ein Hase mit Hörnern, der wie ein Ochse brüllt. Und wenn er voller Hass an die ganze Welt , mit ausgeschlagenen Zähnen und brummendem Saufschädel im Gras oder in der Scheiße liegt, denkt er: „Heimat, wie schön du bist! Wie glücklich bin ich, dass ich dich habe!“         

18.6.03 (aus gazeta.ru, gekürzt)

 

 

EIN ARCHIPEL DER NIE ERLÖSCHENDEN LICHTER

Um in die fünfundsechzigtausend Einwohner zählende Stadt Saretschny zu gelangen, setzt man sich in einen Bus ohne Nummer. Die Haltestelle befindet sich dort, wo es keinen anderen Verkehr und nur wenige Fußgänger gibt. Sehr komfortable Busse fahren auf einer bestens asphaltierten Strasse in diese unter Geheimhaltung stehende Stadt. Eingefasst ist sie von einer drei Mann hohen Betonmauer und Stacheldraht darüber. Hinter der Mauer – eine frisch gegrabener Schutzstreifen und grimmige Wachposten mit Maschinenpistolen und Hunden. Etwas weiter noch eine Betonmauer. Zutritt zur Stadt haben nur jene, die einen nummerierten Passierschein mit Foto besitzen, den sie beim Betreten und Verlassen vorzeigen müssen.  Einen Passierschein erhält jeder Einwohner ab dem vierzehnten Lebensjahr nach strengen Einweisungen. Diese erteilen   Leute in Zivil in Diensträumen, an deren Wände  große Plakate hängen, die vor einem unsichtbaren Feind warnen. 

Bis 1994 war die Stadt auf keiner Karte zu finden. Den Einwohnern war es strengstens verboten, über sie zu reden. Die jungen Mädchen erhielten die strikte Anweisung, sich niemals nach Hause bringen zu lassen und auf die Frage, wo sie denn wohnen,  zu antworten: in einem Dorf.  

Über der geschlossenen Stadt schwebt noch immer der schwere Geist der Sowjetzeit: graue Fünfgeschosser, auf den Straßen keine Werbung. In die öffentlichen Verkehrsmittel möchte man lieber nicht einsteigen, die Passagiere schweigen angespannt. 

Zur Zeit des kalten Krieges wurden in dem gigantischen unterirdischen Bunker in dem streng geheimen Werk „Start“, dem wichtigsten Betrieb der Stadt, die Atombomben mit aller nur möglichen Elektronik ausgerüstet. Später dann wurde die Elektronik aus diesen Bomben wieder ausgebaut, denn der Vertrag über die Reduzierung von Angriffswaffen war unterzeichnet worden. In der Stadt wird erzählt, alle Bomben seien schon ausgenommen, deshalb soll das unterirdische Werk stillgelegt werden.  

 
Die letzten zehn Jahre leben die Bewohner von Saretschny in ständigem Stress wegen der Ungewissheit, ob endlich die Geheimhaltung aufgehoben wird oder nicht. Wladimir Putin erklärte, die geschlossenen „Atomstädte“ sollen geöffnet werden, denn „alle Menschen auf dem Territorium der Russischen Föderation sollen unter gleichen Bedingungen leben.“  Und tatsächlich gibt es viel solcher Menschen. Zum Archipel  geheimgehaltener Städte gehören 47 Siedlungen mit einer Gesamtbevölkerung von 1,5 Millionen Einwohnern. Doch für die Beamten solcher Städte käme ihre Öffnung dem Tode gleich. Solange die Städte unter Geheimhaltung stehen, sind die Beamten allmächtig. Sie können die Einreise, die Aufenthaltserlaubnis, die Geschäftstätigkeit, die Nutzung von Immobilien beschränken. 

Trotz aller Beamtenwillkür zogen es viele vor, hier zu wohnen.    
Ein junger Fachmann erhielt hier schon nach wenigen Jahren eine eigene Wohnung, während er anderswo
 Jahrzehnte lang warten musste. Ingenieure und Arbeiter bekamen  fast das doppelte Gehalt als sonst üblich, auch war  das Warenangebot besser. Auf Bezugsscheine konnte man in den geschlossenen Städten immer Butter, Wurst, eingelegtes Obst und Gemüse kaufen. Jetzt sind die Gehälter wie überall, werden allerdings ohne Verzögerung gezahlt.

 

Diese bescheidenen Freuden veranlassen viele, sich hinter der Geheimhaltung zu verschanzen. Die meisten sind sich sicher, dass mit dem Verschwinden der Mauer auch die sozialen Garantien verschwinden. Außerdem fürchten viele nach der langen Isolation die Außenwelt. Das Ende der geschlossenen Lebensweise wird als Ende der Welt empfunden. 

Nach Polit.ru

18.4.03

 

 

RUSSISCHE JUGENDLICHE HASCHEN WIE TOLL UND VERRÜCKT 

 


Soziologen fanden heraus, dass vier Millionen Russen im Alter von elf bis vierundzwanzig Jahren Drogen konsumieren, etwa eine Million ist drogenabhängig. Die Jugendlichen sind bestens informiert. Jeder zweite Elfjährige kennt die Wirkung von Hanf und Opiaten, bei den Dreizehnjährigen sind es zwei Drittel, bei den Sechzehnjährigen liegt die Zahl der  Wissenden bei achtzig Prozent. 

Junge Russen geben für Drogen jährlich 215 Milliarden Rubel aus, wobei die Ausgaben für die Hochschulbildung vierzig Milliarden Rubel erreichen. Weniger als ein Fünftel, also.

Auf dem russischen Drogenmarkt liegt die Gewinnspanne bei 500%, der jährliche Umsatz beläuft sich auf 5 Milliarden Dollar. Die Ausgaben für Antidrogenkampagnen dagegen liegen bei nur 90 Millionen Dollar. Weniger als ein Fünfzigstel, also.

Ein Teil davon hat ein  Fernsehmann gekriegt, der einen  Clip      gegen Drogenkonsum produzierte.

Gezeigt wird, wie zwei junge Männer  zum Aufnahmegespräch an einer renommierten Universität  gehen wollen, der eine sich aber im letzten Moment in einer öffentlichen Toilette eine Schuss setzt und nicht mit seinem Freund mitgeht. Einige Jahre später nimmt der zum Aufnahmeexamen gegangene junge Mann  mit glücklichem Lächeln den Nobelpreis entgegen, sein drogensüchtiger Freund, der seine Chance verpasst hat, liegt immer noch mit der dreckigen Spritze in der Toilette. 

Beim russischen Volksbildungsminister Filippow scheint der Clip Zustimmung gefunden zu haben. Er beklagte, für derartige soziale Werbung gebe es zu wenig Geld. Und wieder forderte die Anhebung der Steuern auf alles das, was den Drogenkonsum provoziert (Bier und Zigaretten), um für das Geld dann solche Clips  drehen zu können. Er schlug vor, im Rahmen der Drogenbekämpfung in jeder Region Fonds zu bilden, in die jene Firmen einzahlen sollen, die möchten, dass die Russen ihre Waren kaufen und lange leben und nicht im jugendlichen Alter sterben. Denn die Toten kaufen nichts.

Bekämpft die Drogen als Umsatzhemmnis !- heißt die Parole.

20.5.03  

 

 

500 000 UND 1 000

 

So viele Teilnehmer gab es bei den jüngsten Friedensaufmärschen  in Berlin und in Moskau. In Moskau waren es also nur 0,2 Prozent von der Berliner Menge. Obwohl Moskau mindestens doppelt so groß ist.

 

In der Zeit, als in der Sowjetunion der von der Regierung gesteuerte und strengstens kontrollierte „Friedenskampf“ geführt wurde, hatte dieser eine Art Hymne. Sie fing mit der rhetorischen Frage an, ob die Russen den Krieg wollen. Die Antwort hieß selbstverständlich: nein! Sie wollten keinen Krieg. Ausgenommen vielleicht einen auf Befehl von oben.    Gegen die Kriegstreiber.

 

Später gingen die Russen aus eigenem Antrieb  auf die Straße. Für die politische Freiheit, Reisefreiheit, die Freiheit, ihre Köpfe und Hände auf eine sinnvolle Weise einzusetzen. Und für den Frieden. Den echten, nicht von der Regierung vorgetäuschten.

 

So führten sie  das verheißungsvolle und wohlverdiente  Ende der Sowjetmacht herbei.

 

Aber die Launen der Geschichte... Seitdem sitzen sie in einer anderen Falle. Bereits fünfzehn Jahre sitzen sie drin. In einer Falle, in der ihnen die Lebenslust vergeht und die Lebenskraft versiegt.

 

Sie sterben jung, als führte ihr Land  Krieg. Nicht  Kugeln und Bomben töten sie, sondern  Hunger, Seuchen,  Fusel und Hasch.

 

Insgesamt kommt die Zahl der seit der Wende vor fünfzehn Jahren frühzeitig Gestorbenen  immer näher an die Verluste der Russen auf dem Schlachtfeld in den Jahren  1941- 1945 heran. Im verlustreichsten Krieg der russischen Geschichte, im Krieg gegen Hitlerdeutschland.

 

Das miese Leben und die hohe Sterberate zu Friedenszeiten mindern anscheinend die Kriegsangst und die Friedensliebe der Russen. So oder so ist man seines Lebens nicht sicher und nicht froh. Vielleicht  blieben sie deswegen zu Hause, als anderswo für den Frieden auf die Straße gegangen wurde?

 

Wenn die Russen   mal wieder massenweise auf die Straße gehen, dann  vermutlich nicht  für den Frieden. Wie schön dieses Ziel auch sein mag.

 

17. 2. 03            

DIE RUSSISCHE GESCHICHTE UND DIE NATIONALE IDENTITÄT DER RUSSEN (EIN REFERAT DES INSTITUTS FÜR SOZIOLOGIE RUSSLANDS BEIM MATRJOSCHKA-ONLINE-KONZERN. DER INSTITUTSLEITER IST IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ. ) 

In den letzten fünfzehn Jahren starrte Russland  seine eigene Vergangenheit unentwegt an.  Es vollzog sich dabei im gesellschaftlichen Bewusstein ein grundlegender Wandel, der die Vorstellungen der Russen über ihr Land radikal änderten. 

In der ersten Phase der Perestroika stand die Tragödie des Stalinismus  im Mittelpunkt. Doch das blieb nicht lange so. Als Deutungsobjekt wurde die Epoche   bald von den  tiefer in der Vergangenheit liegenden Zeiten verdrängt. Vor allem von der idealisierten Darstellung des vorrevolutionären Russlands, die zur Sowjetzeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre.

Dabei wurden auf die Realitäten des Zarismus die Augen geschlossen, die zur Revolution von 1917 führten: die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die militante Willkür und die Käuflichkeit der Machthaber, die wirtschaftliche Rückständigkeit, das Analphabetentum der Masse der Bevölkerung, die Unterdrückung von Minderheiten. In den Massenmedien der postsowjetischen Zeit erschien das Zarenreich als Hort patriarchalischen Wohlergehens. Das entsprach keineswegs der geschichtlichen Wahrheit, gab jedoch der postsowjetischen russischen Gesellschaft, die nur schwer mit dem Zusammenbruch der Supermacht  fertig wurde, ein wenig Halt.

Vor allem diente die Idealisierung des zaristischen Russlands  dem neuen, von der Enttäuschung über den Westen profitierenden russischen Nationalismus. Das russische Missgeschickt führte er auf die Heimtücke des Westens zurück, der zunächst den allen russischen Traditionen fremden Kommunismus ins Land brachte, um dann dessen Scheitern zur Ausplünderung und Isolierung Russland zu nutzen.                   

Das war übrigens nur ein Aspekt des Diskurses, denn eine Zeit lang gab es auch  die westlich ausgerichteten Liberalen. Sie meinten, der Stalinismus sei tief in der russischen Geschichte verankert, er sei die Folge der Rückständigkeit im vorrevolutionären Russland, der maroden Macht der zaristischen Bürokratie, ebenso wie der messianischen Besessenheit der Russen, die in die archaische Vergangenheit  des Landes zurückreicht. Die Liberalen versuchten, gegen das Aufleben des russischen Nationalismus anzugehen, sind damit aber, wie sich jetzt immer deutlicher zeigt, nicht erfolgreich gewesen. Mehr noch. Das Bedürfnis nach höherer Selbstschätzung, die während der Perestroika niedergetreten wurde, hatte die schleichende Rehabilitierung nicht nur des zaristischen, sondern auch des postrevolutionären Russlands zur Folge. Der Terror der Geheimpolizei und die Unterdrückung der Völker der UdSSR rückten in den Hintergrund, in den Vordergrund traten nun die Errungenschaften der Sowjetunion: der rapide Anstieg der militärischen und wirtschaftlichen Stärke, der Sieg im Zweiten Weltkrieg, der immense Einfluss in der Welt der Nachkriegszeit. Der Zusammenbruch der Supermacht, der davor auf ihre strukturelle Schwäche zurückgeführt worden war, wurde nun als ein Ergebnis der antirussischen Weltverschwörung gedeutet.

So verlor der Unterschied  zwischen dem zaristischen und den sowjetischen Russland  an Bedeutung.  Die Idealisierung der Vergangenheit weitete sich auf Stalins Herrschaft aus, sein davor milde behandelter Vorgänger Wladimir Lenin geriet dagegen in den Mittelpunkt der Kritik, wobei seine Verankerung in der westlichen Kultur und seine nicht ganz koschere Abstammung hervorgehoben wurde.        

Auf die russische Schicksalsfrage, wer sind wir Russen, wurden schmeichelhaftere Antworten als früher  laut. Wir sind nicht diejenigen, die Jahrzehntelang den Terror und die Lüge der Sowjetmacht hinnahmen und an ihren Verbrechen nicht ganz unbeteiligt gewesen sind, sondern diejenigen, die Russland auf den Gipfel der Macht gehievt haben. Und wenn Russland jetzt im Schmutz liegt, dann sind daran nicht wir, sondern seine offenen und heimlichen Feinde im Ausland Schuld.

Das ist die russische Variante des Versailler Syndroms. Wie es auch in Deutschland der Fall war, entstand es im Ergebnis der Politik, die bis zum Letzten den Sieg auskosten wollte, ohne  bei den Folgen zu verweilen.

Welche Blüten dabei gedeihen, zeigen die Umfragen in Russland. 1989 hielten  nur 12 Prozent der Russen Stalin für den größten Staatsmann aller Völker und Zeiten, 1994 bereits 20 Prozent, 1999- 35 Prozent. Heute ist der Anteil bestimmt noch viel größer.

Stalins Verherrlichung wie der ganze Wandel der Einstellung zur russischen Geschichte entspricht dem Verlangen der Russen, mit der Nestbeschmutzung Schluss zu machen. Und auch dem Verlangen, eine Vergangenheit zu haben, die mehr Selbstbewusstsein in der Gegenwart rechtfertigt. Präsident Putin fördert den Prozess.

Es gibt allen Grund zur Annahme, in Deutschland finden sich hoffnungsvolle Beobachter dieser Gemüterwandlung in Russland. Schließlich sind auch viele Deutsche satt, für die Verbrechen der Vergangenheit haften zu müssen. Außerdem verstehen diejenigen, die auf eine Partnerschaft mit Russland als Gegengewicht zum USA-Diktat in der globalisierten Welt  setzen, dass nur ein selbstbewusstes Russland ein starker Partner werden kann.

Und die vielgepriesene Demokratie? Wer versteht denn nicht, dass es mehr ein schönes Wort ist. Bestenfalls zur Rechtfertigung  der Einflussnahme auf fremde Staaten tauglich. Jedenfalls  kein Grund, auf eine nützliche Politik zu verzichten.

26.12.02  

RUSSISCHE ERFAHRUNGEN IN DIE DEUTSCHEN MASSEN !

Vorwort der Matrjoschka- Holding

Liebe Leser,

jeden Tag wird unser Team in den deutschen Medien mit der düsteren Stimmung  der Bevölkerung unserer Wahlheimat konfrontiert. Wenn man den Medien glaubt, ist diese von Zukunftsangst  geplagt.

Ehrlich gesagt, sehen wir dafür wenig Grund.  Auch wenn die neue/alte Regierung in Berlin, wie behauptet, gezwungenermaßen ein wenig tiefer in ihre Tasche  langt, bleibt ihre Lebenshaltung trotzdem himmelhoch über der der Russen und vieler anderer Völker unserer Erde. Andererseits ist es nicht überflüssig, sich rechtzeitig fürs Schlimme zu wappnen. Auch wenn sich das Horrorszenario später  als  realitätsfern, erweisen sollte. Was wir sehr wünschen.

Aus diesen Überlegungen heraus haben wir uns entschlossen, ein seltenes russisches  Phänomen zu erforschen.  Es gab nämlich  in der jüngsten Vergangenheit (seit der Einführung der Marktwirtschaft   in Russland) kein denkbares Pech, das die Russen nicht heimgesucht hätte. Der Statistik und sonstigen Erhebungen nach geht es ihnen ganz schlecht. Trotzdem leben sie weiter. Und die meisten freuen sich sogar ihres Lebens. Obwohl allerseits versucht wird, ihnen die Existenz auf dieser Erde zu verleiden. 

So haben wir dem Chefsoziologen der Holding, Iwan Matrjoschkin, Esq., aufgetragen, dem größten  russischen Rätsel des Überlebens auf den Grund zu gehen. Im folgenden werden  Ergebnisse seiner, nach allen Regel der Wissenschaft absolvierten Forschungsarbeit vorgestellt. Also, 

Iwan Matrjoschkin, Esq., berichtet darüber, wie es  die Russen unter den Verhältnissen der permanenten Krise fertig bringen, sich ihres Lebens zu freuen.

 Das geheime russische Lebenselixier heißt Datsche.*

 

*Die Datsche ist  eine kleine Parzelle mit einem Schuppen darauf.

Das ist ein nirgendwo registrierter und steuerlich nicht erfasster Familienbetrieb. Eine kleine Kolchose, wie die ländlichen  Kollektivwirtschaften auf dem Lande in der Sowjetzeit hießen. Die ländlichen Kollektivwirtschaften der Sowjetzeit und die Familienbetriebe in Russland von heute sind aber zwei Paar Schuh. Die Kolchosen sind unter einem ungeheuren Zwang des Staates entstanden. Sie  dienten der totalen  Ausbeutung der Bauern, die so hart war wie im Reich der Pharaonen.  Die Datsche- Betriebe sind dagegen  ganz freiwillig. Hier tut man nicht  so als ob, hier wird gearbeitet. Und die Arbeit bringt was. Wer leer ausgeht, ist der Staat, nicht der Schuftende.  

 xxx

Voraussetzung des Datsche- Wesens ist eine intakte Familie. Sie hat in Russland die Sowjetzeit überlebt. Obwohl die Sowjetmacht eher dafür war, dass ein Sowjetmensch  die Partei als seine Familie und den Parteichef als den Übervater akzeptierte. 

Die intakte Familie, meistens  aus drei Generationen bestehend, braucht man in einem Lande, wo die normale Rente nicht vor dem Hungertod rettet, zum Überleben. Und für den erwähnten Datschebetrieb, der am meisten das Überleben sichert und  für viele den Schwerpunkt der produktiven Tätigkeit bildet. Die intakte Familie ermöglicht eine  sinnvolle  Arbeitsteilung im Datschebetrieb, seine Funktionalität und Kontinuität.

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Die schwerste Arbeit-  Bodenvorbereitung und  Aussaat im Frühling,  Ernte im Herbst- erledigt  die mittlere Generation.  Egal welcher Beschäftigung sie sonst nachgeht. Ob Industriearbeiter, Staatsbeamter oder Wissenschaftler- mit  Spaten oder Sense in der Hand erwirtschaftet er auf der Parzelle unter dem Strich mehr als auf der eingetragenen Arbeitsstelle. Auch wenn es nur Naturalien sind, die er erwirtschaft.

Ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., bin mit einem bedeutenden Atomforscher aus der Stadt Dubna freundschaftlich verbunden. In der internationalen Fachwelt hat er einen guten Namen. Wird deshalb  von westlichen Kollegen oft zur Mitarbeit eingeladen. Den Einladungen folgt er bereitwillig. Aber möglichst nicht in der Saison. Also nicht in der Zeit, wo er auf der Datsche gebraucht wird.

xxx

Selbstverständlich  schuftet  Mann/Frau  auf der Parzelle mit mehr Elan als anderswo, da er/sie nur für sich selbst und die Familie schuftet.  Man muss nur dafür  Sorge tragen, dass die anderweitige Beschäftigung der hauptsächlichen- auf der Datsche- nicht im Wege steht. Das heißt nicht zu viel Zeit und Kraft raubt. Insbesondere, wenn  Saat und  Ernte bevorstehen.

So muss man  sich nolens volens  in der Zeit  krank schreiben lassen. Ein russischer Arzt, der die zwingenden Umstände nicht berücksichtigt und den  sehr arbeitswilligen (auf der Datsche) Menschen   nicht entgegenkommt, bestraft sich selbst. Er bleibt auf seinem kümmerlichen Gehalt sitzen. Der Obolus, auf den er unvernünftigerweise verzichtet, fehlt ihm sehr. Und der Ruf eines Idioten geht ihm voran.

xxx

Bereits aus dem Vorhergesagten ist klar ersichtlich, dass eine normale russische Familie  zwei Standbeine im Leben hat. In der Stadt und auf dem Lande, wobei die ländliche oft wichtiger ist. Aber auch die Stadt wird gebraucht. Sie beherbergt die Familie im langen russischen Winter. Da wird verzehrt, was auf der Datsche geerntet wurde. Von den Pilzen aus dem Wald bis zur Konfitüre aus dem Garten. Kartoffeln sowieso.

Mitunter auch tierische Produkte, wenn der Datschebetrieb Tierhaltung einschließt. In dem Falle kommt im Winter  Ziege,  Kalb und/oder  Ferkel auf den Balkon der Stadtwohnung. 

Für die Nachbarn ist es nicht immer angenehm. Aber sie lassen es ohne Klage über sich ergehen. Vielleicht weil sie selbst darüber nachdenken, demnächst eine Ziege zu erwerben. Tierische Produkte werden immer teuerer und  Ziegenmilch ist  gesund. 

 xxx

Unverzichtbar ist im Datschebetrieb die Mitarbeit der älteren Generation. Da diese bereits berentet ist, bleibt sie vom Vorfrühling bis zum Spätherbst draußen. Sie ist für die Sammeltätigkeit im Wald zuständig. Auf der Parzelle erledigt sie die Tätigkeiten, die ihrer Kraft angemessen sind. Z.B. das Jäten.

Auch nimmt sie den Wachdienst auf ihre Schultern.  Dieser ist unerlässlich. Denn die Erfahrung zeigt: dort, wo er fehlt, wird zwar gesät und gepflanzt, aber die Ernte holen  die lieben Nachbarn ein. Ungebetenerweise.  

Der gute Geist der Familie ist  das brave Mütterchen. Die Oma. Die Babuschka (nicht zu verwechseln mit  Matrjoschka!).

Die Babuschka pflegt die Erkrankten mit Mitteln  aus der Waldapotheke. Und sie bekocht die Familie.

Ihr  Borschtsch, Schtschi  und andere echt russische Gerichte schmecken unsagbar gut. Auch weil die Komponenten taufrisch sind und ohne Zwischenlager in die Küche kommen.

 xxx

Der Beitrag der jungen Generation zur gemeinsamen Familiensache ist zumeist eher psychologisch. Ihr prächtiges Gedeihen im Schoss der Natur erfreut die Herzen der Eltern und Großeltern und gibt ihnen die Gewissheit, dass das Leben weitergeht und immer besser wird.

xxx

Das Fazit:

Der Datschebetrieb verwirklicht den alten Traum von der Arbeit   freier Menschen auf  freier Erde. Eine  Goethe- Traum.    

Er macht auch vieles von dem  wahr, was der Sozialismus zwar versprochen, aber nie verwirklicht hat. Zum Beispiel den Grundsatz, wer nicht arbeitet, kann auch nicht essen. Oder die Überwindung des Unterschieds zwischen Stadt und Land.

Das Schöne dabei ist, dass dieser Sozialismus mit menschlichem Antlitz  nicht von einem Staat, sondern ohne staatliche Einmischung und sogar ohne staatliche Wahrnehmung** verwirklicht wird. Die Datsche- Menschen sind innerlich frei und unabhängig. Ihnen ist  schnuppe, was im Kreml ausgeheckt wird. Und die Lage im Nahen Osten auch. Wenn sie den Idiotenkasten einschalten, dann nur, um Seifenopern zu genießen. Am Abend, nach einem Tag voll von sinnvoller und gottgefälliger Beschäftigung.***

So  wäre nicht verkehrt, wenn unsere deutschen liebgewonnenen Mitbürger die russischen Erfahrungen verinnerlichten. Dann würden sie den würdevollen Bundeskanzler endlich in Ruhe lassen. Und dem befürchteten Abbau des Sozialnetzes gelassener entgegen sehen.

Anmerkungen:

  • Zur Zeit gibt es in Russland 50 Millionen Haushalte. 40 Millionen davon haben eine Datsche. Das heißt, dass fast die gesamte Bevölkerung so oder so auf die selbstbetriebene Produktion auf dem Lande zurückgreift.

  • Obwohl die Russen ohne Datschenbetriebe   verhungern würden, sind sie in keiner offiziellen Statistik zu finden. Die einheimischen und die ausländischen Revisoren (von IWF oder der Weltbank z.B.) beschäftigen sich mit der virtuellen Realität der „richtigen“ Betriebe. Die wahre Realität der Datschenbetriebe bleibt außerhalb der Grenzen ihrer Wahrnehmung. Gott sei Dank!

  • Der kommunistische Traum setzte das Absterben des Staates voraus. In Wirklichkeit haben die russischen  Kommunisten einen totalitären Staat erschaffen, der dem Menschen keine Privatsphäre gönnte. Die Datsche vertreibt den postkommunistischen russischen Staat  in die virtuelle Realität, das heißt ins Jenseits. Ohne viel Aufhebens und Aufsehens. Vielleicht wird  die Welt doch am russischen Wesen genesen? 

           5.12.02  

 

ZUM KOTZEN!

 

Das ist der Refrain einer Publikation auf der Runet-Seite „Gazeta.ru.“ Der Verfasser heißt Valeri Panjuschkin. Was kotzt ihn so an? Vor allem die Intrigen in der politischen Elite Russlands, die immer zynischer dem goldenen Kalb huldigt. Das vorläufige  non plus ultra ihrer Verkommenheit stellt in seinen Augen das Bündnis zwischen dem linkskommunistischen und ultranationalistischen Publizisten Alexander Prochanow und dem milliardenschweren Geschäftemacher Boris Beresowski dar. Vor wenigen Tagen soll diese  widernatürliche Allianz in England bekräftigt worden sein, wo der Milliardär Schutz vor seinem Widerpart, dem russischen Präsidenten Putin, sucht.

 

Allerdings ist  das nur die spektakuläre Spitze des Eisbergs,   bestehend  aus Schmiergeldnehmern in der Regierung und der Duma,  Auftragsmördern in der Geschäftswelt, käuflichen Schreiberlingen in den verlogenen Medien. Dieser Eisklotz steht unerschütterlich in einem Land, wo die meisten darben, nur wenige sich leisten können, an einem Abend 100.000 USD in einem Casino zu lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wo Menschenrechte und soziale Sicherheit zu Wechselgeld werden, das die Herrschenden in die träge  Masse der durch die Systemtransformation  Beraubten und Erniedrigten werfen.

 

Immer wieder reitet der Verfasser verbale Attacken gegen die russischen politischen Sitten, immer wieder ertönt sein Aufschrei „zum Kotzen!“.

 

In seiner Verzweiflung bricht er mit dem vertrauten Denkmuster, wonach es Linke und Rechte gibt, Fortschrittsgläubige  und Konservative, Revolutionäre und Reaktionäre. Die Etikettierung ist obsolet geworden. Die Unterschiede gelten nicht mehr. Es gibt Menschen, die Homer lesen, und Menschen, die sich im Zirkus amüsieren. Das ist die Wasserscheide. Die letzteren dominieren. So war es, so ist es, so bleibt es.  Und trotzdem ist  das Homerlesen   besser.

 

Ein typischer Vertreter der russischen Intelligenzija ist der Autor der Runetseite „Gazeta.ru“.

 

Früher, unter der Sowjetmacht, wurde das „Zum Kotzen“  in den Küchen geflüstert. Die Flüsternden wähnten sich, den Geist des Landes zu repräsentieren, das von ihnen allerdings kaum Notiz nahm. Die hohe Meinung von sich selbst leiteten sie aus der unsinnigen Verfolgung heraus, die ihnen der geistlose Staat zuteil werden ließ.

 

Jetzt wurde ihnen sogar dieses Lebensrecht genommen. Der von ihnen mit kraftlosem Gram bedachte Mann der „Dienste“ im Kreml , nüchtern und erfahren, macht sich keine Mühe , sich mit ihnen  anzulegen. Ihr Maulaufreißen ähnelt jetzt dem eines Fisches auf trockenem Sand. Sogar der Westen, der früher jeden Pups von ihnen zu einem Donnerwetter aufbauschte,  schert sich  jetzt einen Dreck um sie. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan...

 

Die russische Intelligenzija, der vom Gründer des Sowjetstaates Lenin einst  bescheinigt wurde, der Rotz des Volkes zu sein, ist arbeitslos in der ach so freien Gesellschaft  geworden. Sowohl im direkten als auch im übertragenen Sinne. Schade. Das ist wirklich zum Kotzen. Meint Ihre  

ANGEKOMMEN

НАТАЛИЯ ГЕВОРКЯН

Die bekannte russische Journalistin Natalia Geworkjan (siehe Bild), beschreibt das im heutigen Russland am meisten verbreitete Lebensgefühl. Es kann mit einem Wort definiert werden: Angst.

Wovor?

Vor Kriminellen, Terroristen, der Staatsmacht. Kurzum vor allem.

Die Angst nimmt zu. Zwar haben die Russen die jahrzehntelang ersehnte Reisefreiheit, aber in der letzten Zeit ziehen sie es vor, zu Hause zu bleiben. Ach, nein. Wenn sie in Moskau, Petersburg  oder einer anderen Großstadt zu Hause sind, trifft es nicht ganz zu. Wenn es so ist, dann wollen sie zwar auch weg, aber nur in ein Dorf. Möglichst in ein ganz entlegenes. In einen  Krähwinkel. Wo die Mörder, Räuber, Einbrecher und Diebe nichts zu suchen haben. Terroristen schon gar nicht. Und wo die Staatsmacht sich nicht meldet. Wo es nur alte Babuschkas gibt, die von früh bis spät Tee aus einem Samowar trinken. Gesetzt den Fall, sie haben noch einen Samowar und kriegen eine Rente, die mindestens für den Tee mit Zucker (und sonst für nichts) reicht.

Die Furcht lässt die Bekannten von Frau Geworkjan ihre Wohnungen in kleine Festungen verwandeln. Mit dicken Stahltüren.

Die Angst hindert sie, neue Kontakte zu knüpfen und die alten aufrechtzuerhalten.

Am liebsten möchten sie unter die Decke  kriechen,  mit dem Kopf drunter  bleiben und Bon-Bons lutschen.

Natalia  Geworkjan  meint, es ist ein vorweggenommenes Sterben. Aber ein Patentmittel dagegen weiß sie anscheinend nicht. Denn das, was sie empfiehlt, ist recht dürftig. In ein Theater  zu gehen, wo eine tolle Komödie gespielt wird. Das hilft für zwei Stunden.

Vor Jahren wurde Natalia Geworkjan für ihre entlarvenden Veröffentlichungen über die sowjetischen Geheimdienste bekannt.   Sie geißelte die Hydra. Und stellte  dem eigenen Land den freien Westen gegenüber, wo die Menschen keine Angst haben müssen, schuldlos belangt zu werden.

Das tat sie mit vollem Recht. Kein Zweifel, es war furchtbar, die ewige Bedrohung seitens der Geheimpolizei zu spüren. Kein Leben für einen zivilisierten Menschen.

Gott sei Dank. Diese Bedrohung ist vorbei.

Aber wie aus der Glosse in der Gazeta.ru hervorgeht, nicht  die ewige Angst. Im Gegenteil. Nie war sie in Russland so akut wie jetzt. Die Ängste nicht vor der Geheimpolizei, sondern vor anderen, allen möglichen, zumeist undefinierbaren, in jeder Ecke lauernden Bedrohungen. 

Diesbezüglich ist Russland endlich im Westen angekommen.

17.10.02   

  

DIE RUSSEN SIND DABEI, DEM WODKA ADE ZU SAGEN

Jedenfalls schrieb eine neue, im Ural entstandene   Bewegung  diese Aufforderung auf ihre Fahnen.  Sie heißt „Das nüchterne Russland“. Ihre Devise lautet, „Nur ein alkoholfreies Russland wird zu einem großen Russland“. Ihre Führer geben sich sehr radikal. Unter den Spirituosen, die Russland an der Wiedergewinnung seiner Größe hindern, führen  sie auch den russischen Joghurt, Kefir, an.

So weit, so gut. Dennoch sind die Runet- Beobachter  nicht ganz sicher, dass  Russland dem Wodka und dem Bier (der Bierkonsum übertrifft zur Zeit den Wodkakonsum in Russland) und auch dem Kefir bald ade sagt. Sie erinnern daran, dass der Kampf gegen den Spirituosenkonsum in Russland bereits länger  als 150 Jahre dauert. Zu den leidenschaftlichen Abstinenzlern gehörten markante Figuren. So der weltbekannte  Lew Tolstoi, dessen Roman „Auferstehung“ und das Theaterstück „Die Macht der Finsternis“   glühende Anklagen gegen den Wodka enthielten. Auch Michail Gorbatschow startete seinerzeit einen Feldzug für absolute Nüchternheit. Unlängst erklärte der  Limonadenmischa  allerdings, einem guten Gläschen sei er  nicht mehr abgeneigt. Eine geschickte Imagepflege?

Leider ist seine Rückkehr zur Vernunft nicht mehr imstande, den von ihm zugefügten Schaden wieder gut zu machen. Dazu gehört der finanzielle Zusammenbruch der Sowjetunion infolge des Rückganges der  Spirituosenhandeleinnahmen, auch die Vernichtung von Weinbergen auf der Krim und im Kaukasus.

Die Strafe kam prompt. Boris Jelzin, der wie ein Fass soff, wurde sein Bezwinger im Ringen um die Macht in Russland.

Übrigens schlugen alle Mühen der Abstinenzler   fehl: man soff in Russland immer mehr und tut es auch jetzt ausgiebig. Zum Eldorado des freien Markts geworden, wird es von Spirituosen aus allen Ländern der Welt überschwemmt. Darunter aus Deutschland.

Außerdem wird eifrig Selbstgebrannter, Самогон, produziert, was zahlreiche Vergiftungen zur Folge hat. Der weiter gestiegene Alkoholkonsum wurde zu einer  wichtigen Ursache für das rapide Absinken der Lebensdauer der Russen, insbesondere der Männer, aber auch der Frauen, die in  letzter Zeit dabei sind, den Männern den Rang im Alkoholverbrauch abzulaufen.

Die Aktivisten der Bewegung für ein nüchternes Russland greifen  Präsident Putin an. Zwar wird verlautet, er saufe nicht, aber  er lasse sich zu oft mit einem Glas in der Hand filmen. Sollten jedoch Putins Fernsehauftritte das einzige Hindernis auf Russlands Weg zu neuer Größe sein, besteht gute Hoffnung darauf , dass es  wieder ganz groß wird. 

8.8.02  

Ist er nicht schmuck?

DAS PHÄNOMEN PUTIN... 

beschäftigt das matrjoschka-team immer wieder. Jetzt im Zusammenhang mit der neusten Ermittlung seiner  Popularität. Diese erreichte den Höhepunkt von 75 Prozent. Warum? -  fragen sich die Holzpuppen.  Was hat er geleistet, um so beliebt zu sein wie kein russischer Herrscher vor ihm? Diese Frage ist umso mehr am Platze, weil die Russen mit der Lage im Lande wenig zufrieden sind. Jeder Zweite fragt sich, wann die mehrmals angekündigte Befriedung in Tschetschenien endlich eintritt? Und warum der Lebenstandart eher sinkt, als, wie versprochen,  steigt, da die Preise schneller wachsen als die Löhne und Gehälter? Und wo bleiben die Ergebnisse des Feldzugs gegen Korruption und Kriminalität? Alles Missstände, die eigentlich keine  hohe Meinung vom russischen Staatschef begründen sollten. Warum dann setzen drei von vier Russen auf Putin?

Auf der Suche nach einer Antwort  erzählte eine Episode. In einem gemeinsamen Auftritt von  Putin und   Bush gingen diese darauf ein, was ein Volk hinter einen Staatsmann bringt. Bush erging  sich in Banalitäten:  starker Wille, Nachhaltigkeit, gute Berater  u.s.w. Putin antwortete schlicht und einfach: Ein Staatsmann muss sein Volk lieben. Schluss, Punktum. Lieben! Das ist wohl sein Geheimnis: Die Russen glauben, er liebe sie. 

Warum aber nehmen sie Putin ab, er liebe sie? –fragte . Vielleicht weil er den Eindruck macht, einer von ihnen zu sein? -sagte. Wie  Maschas Sohn von nebenan? Wie ein  Schwager oder  Schwiegersohn? Und zwar einer, der sich um die Familie sorgt, sich nicht unterkriegen lässt und anständig ist. Säuft nicht wie Jelzin, redet nicht zu viel wie Gorbatschow, ist nicht senil wie Breshnew?  

Und wenn das Land  nicht auf den grünen Zweig kommt, wird es nicht ihm in die Schuhe geschoben, sondern den anderen. Und den widrigen Umständen. 

Die Russen haben  eine feminine Seele, meinte . Vor allem wollen sie geliebt werden. Und schätzen die Liebe über alles in der Welt. 

Eine Russin kann ihr Leben mit einem Mann in den düstersten Farben malen. Aber eine Freundin, die ihr sagt, schmeiße den raus, wird sofort und für immer zu einer Feindin. Denn einer, von dem geglaubt wird, er liebt, wird nicht rausgeschmissen. Sei das Leben mit ihm noch so trost- und aussichtslos. 

Zum Schluss warf Iwan Matrjoschkin, Esq.,  den Kolleginnen vor, sie behandeln ihn nicht nach der beschriebenen feinen russischen Art.  Die Damen führten dagegen ins Feld, das Leben unter den Bedingungen der Marktwirtschaft erfordere, nicht  Liebe, sondern den Erfolg zu honorieren, und drohten  ihn noch härter anzufassen, wenn er das Saufen nicht einstellt. Trotzdem erhielt wieder eine kleine Spende und ging mit einem Hosanna auf den russischen Präsidenten schnurstracks in die neue russische Kneipe „Kalinka- malinka“, wo er seinen Bedarf an Zuwendung  stillt.         

 13.6.02      

 

TRAUER, BIERFREUDEN UND MAHNUNG

Am 22. Juni 1941  begann mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion der  Krieg, der am 8.5.1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des Angreifers endete. Wie  in den letzten Jahren wurde in Russland der Jahrestag als „Tag der Erinnerung und Trauer“ begangen. Mit Kranzniederlegungen und  ähnlichen Veranstaltungen.

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Zum Datum stellte das führende russische Meinungsforschungsinstitut WZIOM den Russen etwas provokative Fragen. Darunter eine danach, ob die Aufopferung  von 27 Millionen Leben der Sowjetmenschen  durch den Sieg geheiligt worden wäre. 76 Prozent der Befragten bejahten es. 35 Prozent meinten sogar, der oberste Kriegsherr Stalin hätte recht, als er befahl, die vor der angreifenden Wehrmacht  zurückweichenden Angehörigen der Roten  Armee ohne viel Federlesen an die Wand zu stellen. Allerdings halten 53 Prozent den Befehl „Keinen Schritt zurück“ für überflüssig, da der Sieg  ohnehin erkämpft worden wäre.

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Das Forscherteam von „matrjoschka-online.de“ ist der Meinung, es gäbe, trotz des in der WZIOM –Befragung sichtbar gewordenen patriotischen Stolzes der Russen, gesiegt zu haben,   nicht den geringsten Grund, diese des Hasses auf Deutschland zu verdächtigen. Nach anderen Umfragen haben sie trotz der Vergangenheit die Deutschen lieber als Angehörige der Nationen, mit denen der Krieg gegen Hitler geführt worden ist:  Briten, Franzosen und erst recht die Amis.

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Das deutsche Bier steht unter  ihren Prioritäten  ganz oben. Am Vorabend des Tages der „Erinnerung und Trauer“ verkündete der Moskauer OB Luschkow  das nächste Bierfestival  in der Hauptstadt. Dem bayerischen Oktoberfest nachempfunden, soll es wieder mit Förderung  des bierseligsten Bundeslandes stattfinden. Prominente Gäste aus Deutschland werden erwartet. Darunter Iwan Matrjoschkin, Esq., von der Puppentruppe, der dem Verwaltungsrat des matrjoschka- Konzerns den Antrag auf eine Spende für eine zünftige Lederhose  gestellt hat.

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Ob der bayerische Ministerpräsident auch eintrifft, steht in den Sternen: der Wahlkampf.

Es  wäre  durchaus gerechtfertigt,  diesen für die Zeit auszusetzen: die deutsche Zukunft hängt  von der Pflege der guten Beziehungen zu Russland mehr ab, als davon, wer gerade in Deutschland regiert. Daran erinnert unter anderem auch der denkwürdige 22.Juni.

22.6.41       

NICHT FÜR DIE KATZ.

Im Moskauer Norden ist der schneeweiße Lastwagen mit dem blauen Kreuz auf der Motorhaube oft zu sehen.  In dem acht Meter langen Wagen stehen Operationstisch, Narkosegerät, Medikamente und ärztliche Instrumente. Eine in Russland einmalige mobile Veterinärklinik. Hier werden Hunden und Katzen gerettet.

Mittwoch ist Operationstag. Der weiße Laster steht geparkt auf dem Gelände der „Timirjasewskaj“-Landwirtschaftsakademie, nicht weit vom Hauptquartier der „Tess“, eines Vereins, der sich der Rettung der streunenden Vierbeiner verschrieben hat.

Seit anderthalb Jahre kümmern sich die Freiwilligen von „Tess“ um Moskaus Straßenhunde oder um die Haustiere sozial schwacher Hauptstädter, die es sich nicht leisten können, ihre Lieblinge in einer normalen Tierklinik behandeln zu lassen. Das Projekt wird gänzlich von der Tierschutzorganisation „International Fund for Animal Welfare“ (IFAW) finanziert. „Moskaus Tierheime sind absolut überfüllt und lösen nicht das Problem der obdachlosen Hunden und Katzen“, erzählt die Leiterin der russischen Filiale. „Deswegen haben wir den Laster gekauft und ihn in eine mobile Veterinärklinik verwandelt.“
 

Die Tierschützer versuchen, in Kursen an einigen Hochschulen über ihre Tätigkeit informieren, und machen auf die Ignoranz gegenüber Tieren aufmerksam. „Studenten helfen uns freiwillig aus, wenn es darum geht, Hunde einzufangen oder den Laster zu reparieren“, sagen sie. „Aber wir haben noch viel Aufklärungsarbeit vor uns.“

Leichter wird es für die Tierschützer, wenn in einem Monat das gemeinnützige Projekt endlich den Status einer Wohltätigkeitsorganisation bekommt. Dann dürfen sie auch Spenden von privaten Personen annehmen.

 

Bislang geht dies nur über die IFAW, die für „Tess“ im vorigen Jahr  17 000 Euro aus der deutschen Karl-Kraus-Stiftung bekommen hat.

 

10.8.02. Nach MDZ,ru

 

P.S. Das tierliebende matrjoschka-team ruft zu Spendensammlungen für die herrenlosen Hunden und Katzen Moskaus auf. Die Forderung von Iwan Matrjoschkin, Esq., sein Reittier in diesen Aufruf aufzunehmen (siehe den Link „In eigener Sache“) wurde zurückgewiesen. Obwohl  der Kollege behauptet, der Esel schaut so traurig drein, weil ihm etwas gesundheitlich fehlt, er, der Besitzer also, kann aber  keine Mittel für eine eingehende tierärztliche Untersuchung aufbringen, da er im matrjoschka- Konzern schlecht bezahlt wird.

 

 

 

WIE SICH DIE (VOR) BILDER ÄNDERN...

Mit viel Pomp wurde in Sankt Petersburg ein Denkmal eingeweiht, das einem Staatsmann gilt, der viele Jahrzehnte lang für einen schlimmen Verbrecher gehalten worden war. Im russischen Bürgerkrieg 1918-1921 kämpfte  der zaristische Admiral Alexander Koltschak  auf der „falschen“ Seite. Er wollte die junge Sowjetmacht stürzen. Dem Ziel kam er ziemlich nahe. Die von ihm befehligte Freiwilligenarmee besetzte zeitlang viel mehr  russischer Erde,  als der Kreml noch kontrollierte. Nur mit Anstrengung aller Kräfte gelang es Lenin und Trotzki, dem ehrgeizigen Flottenführer, der sich bereits zum obersten „Protektor“ Russlands ausrufen ließ,  Paroli zu bieten. Gefangengenommen in Sibirien, war er   erschossen. Alle Mühen seiner späten Verehrer, das Urteil posthum aufzuheben, bleiben vorläufig erfolglos. Somit wurde  einem  „Verräter“ ein Denkmal aufgestellt. Ein Novum in Russland. 

Fast gleichzeitig wurde die gleiche Ehre einem anderen erbitterten Kämpfer gegen die Revolution zuteil. Pjotr Stolypin, Gouverneur des letzten Zaren an der Wolga. Im Unterschied zu Koltschak setzte er nicht nur auf  Gewalt, sondern auch auf Reform. Er meinte, ein freier Bauernstand könnte die Revolution in Russland aufhalten. Er starb durch die Kugel einer Terroristin.

Die Denkmäler setzten Zeichen. Bislang manifestierte sich das postkommunistische Russland eher in der Zerstörung alter Denkmäler  als in der Errichtung von neuen. Die ersten, die daran glauben mussten, waren überdimensionale Abbildungen vom Genossen Stalin. Mit Schnauzbärtchen. Und in paramilitärischer Aufmachung: hohe Soldatenstiefel, Uniformhemd.

Auch die vielzahlreicheren bronzenen und marmornen Lenins  wurden nicht verschont.   Im Unterschied zu den obengenannten zeigten sie die abgebildete Person in Zivil. Mit Schlips und Kragen. Und zumeist mit der berühmten  Schirmmütze. Teils aufgesetzt, teils  in der Hand.

Dem Hörensagen nach, gab es auch ein Paar Monumente, die einen Lenin   darstellten, der das vertraute  Utensil  sowohl in der Hand als auch auf dem Kopf hatte. Als hätte sich   der Gründer des Sowjetstaates in Vorahnung der kommenden Versorgungsschwierigkeiten  mit einem  Ersatz eingedeckt.  

Übrigens war  Lenins Einstellung  zu Denkmälern sehr intensiv.   Als er an die Macht kam, befahl    er  die Zarendenkmäler zu sprengen. An der Stelle wurden neue Monumente errichtet. Sie galten Revolutionären aller Völker und Zeiten. Mit dem Italiener Campanella aus dem grauen Mittelalter angefangen.  Lenin nannte es monumentale Propaganda.

Da es damals in Russland recht unkonventionell gemeißelt wurde, nahm das Volk an,    die  neuen Denkmäler bildeten den Satan und seine Helfershelfer ab. Kaum aufgestellt, wurden manche zerstört. Allerdings die von Karl Marx wurden akzeptiert. Sie wurden für Darstellungen des Väterchen Frost gehalten.             

Die neuen Monumente von Sankt Petersburg  und Saratow frönen keinem ausgefallenen Geschmack. Sie sind jedermann verständlich. Der Reformer Stolypin ist  in der Gesellschaft von vier Personen dargestellt. Eines Popen, eines Bauern, eines Schmieds und eines Soldaten. Damit soll seiner Verwurzelung in der russischen Tradition entsprochen werden.

Zwar geifern die Linken in Saratow, es fehle noch ein Henker mit  Schlinge in der Hand, da der Verewigte  meuternde Bauern oft  aufhängen ließ. Der saratowsche Gouverneur Ajazkow, selbst ein harter Mann, nahm darauf keine Rücksicht. Es wurde gemunkelt, er rechnete mit  Billigung des Kremls.  Präsident Putin,  auch ein autoritärer Reformer, sollte für  Stolypin  ein Faible haben.        

Einige Schwierigkeit gab es auch mit dem Koltschakdenkmal. Er rief einen Widerspruch in der Marine hervor. Marineangehörige warfen dem braven Admiral eine Verschwörung mit der Entente, dem Bündnis von England, Frankreich und den USA, vor. Der Urheber der Idee, Flottenadmiral Kurojedow, sollte aber wie Ajazkow  am Vorhaben eisern festgehalten haben. Auch er rechnete mit Billigung des Kremls.

Allerdings ist das Koltschakdenkmal vorläufig recht bescheiden. Eine schlichte Gedenktafel mit einem Basrelief. Später aber soll das Provisorium durch ein anspruchsvolleres Monument ersetzt werden.

Sowohl die Aufstellung, als auch die Zerstörung der Monumente gehört übrigens zum Usus der russischen Geschichte . Die erstere Tat entspricht   dem Verlangen der jeweils Regierenden nach  Verewigung ihrer Leistungen und  der Ahnensuche. Aber  auch der  Bildersturm ist da hilfreich. Er lässt die verewigungswürdigen Taten als einmalig hervorheben.         

26.4.02  

DAS FEST, DAS FÜR VIELE KEINS IST,

 

wird am 12. Juni in Russland als  der Tag der  Unabhängigkeit gefeiert.   Vor zwölf Jahren verkündete der frisch gewählte  russische Präsident Boris Jelzin an diesem Tag, dass Russland von nun an souverän sein wird. Davor war es nur eine von fünfzehn Republiken der Sowjetunion. Alle wichtigen Entscheidungen über seine Angelegenheiten wurden zwar in Moskau, im Kreml, getroffen, aber von Ämtern, die für die  Union  verantwortlich zeichneten, so vom  Zentralkomitee der KPdSU, dem wichtigsten darunter.  

 

Nach dem 12. Juni gingen Jelzin und sein Team konsequent daran, den Unionsstrukturen die Zuständigkeit für Russland streitig zu machen. Der Trend trug maßgeblich   zum  Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 bei. Die sowjetische Supermacht existierte nicht mehr, da Russland nur  über die Hälfte der  Bevölkerung und der Fläche der ehemaligen Sowjetunion  verfügt.

 

Deswegen findet  ein beträchtlicher Teil der Russen, es gäbe keinen Grund, sich über die Unabhängigkeit ihres Landes richtig zu freuen. Von wem sind wir denn unabhängig geworden? - stellt ein kommunistischer Politiker die rhetorische Frage. - Von der Ukraine, dem slawischen Bruderstaat, wo ein großer Teil der Bevölkerung waschechte Russen ausmachen?  Von den orthodoxen Georgiern, die noch vor Jahrhunderten  bei den Russen Schutz vor dem Islam suchten?

 

Die meisten Russen denken vielleicht nicht so weit, aber auch sie sehen vor allem die Nachteile des Geschehenen. Vor allem  das oft schwere Los ihrer Verwandten, Freunde oder nur Stammesangehörigen, die in den anderen, unabhängig gewordenen Teilstaaten der Sowjetunion zu Bürgern zweiter Klasse degradiert sind.    

 

Nichtsdestoweniger sorgt die Regierung dafür, dass der Feiertag aufwendig begangen wird. Arbeitsfrei, mit vielen Veranstaltungen. In diesem Jahr auch, obwohl nicht ausgeschlossen wird, dass die Glatzköpfe, die erst vor kurzem die Moskauer Stadtmitte verunsichert haben, wieder massiv in Erscheinung treten.

 

Die russischen Meinungsforscher haben inzwischen die Einstellung der Russen zum Tag der Unabhängigkeit ermittelt. Nur 35 Prozent der Befragten stehen zu ihm uneingeschränkt positiv.  42 Prozent – eher negativ. Die übrigen wissen nicht, worum es eigentlich an dem Tag geht. 

12.6.02    

 

WIE KOMMT MAN IN RUSSLAND ZUM STUDIUM? 

Am sichersten indem man schmiert! Jedenfalls behaupten es mehrere Runet- Seiten. Sie bringen Infos, die sich zum Teil als Empfehlungen für ehrgeizige und vermögende Eltern der Abiturienten lesen. Der Tenor: Da die Korruption unter den Hochschullehrern von Jahr zu Jahr zunimmt, sei  das Schmiergeld das sicherste Mittel, Aufnahmeprüfungen (in Russland in allen staatlichen Hochschulen üblich) zu bestehen. Geizhälse laufen die Gefahr, dass ihre Kinder von den Toren der Unis  abgewiesen werden.

 

Nach Expertenprognosen wird in diesem Sommer mindestens jeder  Dritte Immatrikulierte mit Schmiergeld an die Hochschule kommen.  Eine beträchtliche Steigerung im Verhältnis zu den Vorjahren. Die Eltern werden auch  tiefer in die Tasche greifen müssen.  Der Preis hängt  davon ab, um welches Studium es geht. Wenn das durchschnittliche Schmiergeld  für wenig begehrte Studienplätze ca. 5 000 USD  beträgt, erreicht es für  zukünftige Diplomaten 25. 000 USD. Das Ärztestudium steht preislich an zweiter Stelle: 20. 000 USD Schmiergeld im Schnitt. Insgesamt werden etwa 300. 000. 000 USD als Schmiergeld von mindestens  200. 000 Abiturienten erwartet. Abgesehen von weiteren Ausgaben, wenn das Kind sich als wenig lernfähig erweist.

 

Bei dem Preis wird allerdings die soziale und ethnische Herkunft berücksichtigt. Die reichen Eltern zahlen im Schnitt das Doppelte (die Gerechtigkeit triumphiert, begrüßenswert). Nichtrussen aus den anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, wenn sie in Russland studieren möchten auch. (Ethnische Diskriminierung, verurteilungswürdig). Auch die Geschlechterdiskriminierung wird festgestellt: die Studiumsstelle für  Jungs kostet 30 Prozent mehr als für Mädchen (Warum?).

 

Die Prozedur des Schmierens verläuft in sicheren Bahnen. Es gibt diskrete Mittelsmänner, die Kontakte knüpfen, das Geld in Empfang nehmen und weiterleiten. Deshalb ist es nicht einfach, Delinquenten bloßzustellen. Allerdings geben sich die  Ermittler auch nicht sehr viel Mühe.

 

Einerseits wird  die Schmiergeldlawine als Zeichen des Fortschritts gewertet. Früher träumten die meisten Abiturienten von  Karrieren als Schutzgelderpresser, bzw. Edelhuren. Jetzt wollen sie Diplomaten, Ärzte, Physiker u.s.w. werden. Die Gesellschaft scheint also Leistungen zu honorieren, die mit dem Kopf und nicht mit anderen Körperteilen erzielt werden. Die andere Seite der Medaille: Wenn bei der Studiumszulassung nicht der Kopf, sondern das Checkbuch  entscheidet, gibt es keine richtige Auslese der Elite. Außerdem ist anzunehmen, dass diejenigen, die sich die erste Karrierestufe erkaufen mussten, später selbst käuflich werden.  

1.7.02  

DIE RUSSEN ERINNERN SICH AN GOTTES GESETZE (ZAKON BOSHIJ)

59 Prozent der Moskauer wollen Religionsunterricht in der Schule. Nur 21 Prozent sind dagegen. 

Nach einem drei viertel Jahrhundert der Säkularisierung unter der Sowjetmacht kein selbstverständliches Ergebnis. Sogar in Bayern wohl kaum erreichbar. Wie kam es in Russland dazu? 

Die Russen sind dafür bekannt, dass sie den   Lebenssinn entdecken wollen, meint  unsere Expertin für Weltanschauungsfragen.Die anderen Völker leben, die Russen grübeln nach, ob sich das Leben lohnt.

An die kommunistische Heilslehre haben die überaus meisten Russen zwar nicht geglaubt, sie sogar verspottet. Aber die Kirche blieb im Dorfe. Schließlich  gibt es nach Hörensagen auch viele Christen, die an der Bibel zweifeln und die Kirchenfürsten nicht unbedingt verehren.

Die Abschaffung der falschen Heilslehre hinterließ in der unergründlichen russischen Seele ein Vakuum. Zwar versuchten die Abwickler  dieses auszufüllen. Mit den Werten  des Abendlandes. Demokratie, freie Marktwirtschaft, Konsum.

Eine Zeitlang schien es, mit Erfolg. Bald aber ließ die Begeisterung nach. Teils weil die Lebensweise, die anderswo gut  funktioniert, in Russland vorwiegend ihre Kehrseite zeigt. Teils weil der Heilslehre des Abendlandes das Mystische  fehlt. Das feste Versprechen  des ewigen Glücks.  Wie im Christentum oder auch im Kommunismus. Für weniger geben sich die Russen nicht her.  

Das mussten   die postkommunistischen Herrscher Russlands erfahren, als sie die kommunistische  durch eine nationale Idee ersetzen wollten. Das ging nicht. Die Russen sind normalerweise keine verbissenen Nationalisten. Dafür haben sie zu lange  mit anderen Völkern des Reiches zusammengelebt und sich vermischt. Ihr Streben geht nicht dahin, andere zu beherrschen. Eher dahin, immer wieder „Drushba“ zu rufen.

Nach dem Scheitern der mühevollen Suche nach einer „nationalen Idee“ blieb dem Kreml nur eins: das fromme Gebaren. Jelzin, Putin und ihre Höflinge erinnerten sich plötzlich daran, dass  sie als kleine Kinder heimlich getauft worden seien. Die Urchristen!

Das Fernsehen zeigte sie immer wieder mit dicken Kerzen in der Hand neben dem Patriarchen.

Gorbi spielte dieses Spektakel nicht mit. Mit dem Ergebnis, dass das Gerücht verbreitet wurde, er wäre  Jude. Und  seine verstorbene Gattin Jüdin.     

Hinter dem Quatsch  steht aber ein neuer Identitätsbegriff. Ein echter Russe geht in die Kirche. Oder wenigstens bekreuzigt sich, wenn er vorbeigeht. Sonst ist man kein echter Russe.

Vor diesem Hintergrund erscheint es ganz folgerichtig, dass 59 Prozent  der Moskauer für die Einführung des Religionsunterrichts in den Schulen votieren. Grüß Gott, Iwan. 

DAS OSTERFEST UND EINE WEHRHAFTE KIRCHE

 

Die Orthodoxe Kirche in Russland muss sich wehren. Vor allem gegen die Expansion der anderen christlichen Kirchen. Der katholischen,  da der Vatikan darauf aus ist, ihre Präsenz in Russland zu verstärken. Der protestantischen, die sich auf die Gemeinde der Russlanddeutschen  stützt und der orthodoxen  Kirche, die  allen Reformen  immer Paroli bot, besonders unangenehm ist.

 

Außerdem  wühlen in Russland unchristliche Sekten aus der ultra nationalistischen  Ecke. In Sibirien sollte eine ominöse „Partei des friedlichen Willens“, geführt von einem General,  tätig sein. Sie schrieb die heidnische Religion der Urslawen auf ihre Fahne und lehnt das Christentum als eine jüdische Verschwörung grundsätzlich ab (der Nazi- Apostel Rosenberg lässt grüßen).

 

Zur Gegenwehr gezwungen, lässt sich die Russische Orthodoxe Kirche Einiges einfallen. Zum Beispiel ein Festival zum Osterfest  Das erste Festival dieser Art beginnt in Moskau am Ostersonntag    (in diesem Jahr fällt er in Russland auf den 5. Mai). Zu seinen Schirmherren gehören der Patriarch Alexij II. und der Moskauer OB Juri Luschkow. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen vom  Chefdirigenten des Mariinsker Opern -und Balletttheaters  Sankt Petersburgs  Valeri Gergiew.  Auf dem  Programm  stehen Werke von russischen Komponisten und der Kirchenmusik, interpretiert von besten Solisten und Chören Russlands. 

 

 

Ein besonderes Angebot sind Konzerte der Glockenmusik vor den größten Kirchen der Hauptstadt.

 

„Matrjochka-online“ wünscht den Russen, insbesondere den Moskauern  frohe Ostern, untermalt von herrlichen Musikklängen.

3. 05.02

   

 "KALASCHNIKOW“ UND KALASCHNIKOW 

„Kalaschnikow“ in Gänsefüßchen ist ein Begriff. Weltweit. Die sowjetische Wunderwaffe, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg konstruiert und produziert, gilt als das beste Schiesseisen  seiner Art. Mit keinem anderen wurden so viele Menschen umgebracht und verkrüppelt. Weltweit. Kein anderes erreichte die Stückzahl. Es gibt kaum ein waffenproduzierendes Land, dessen Rüstungsbetriebe Kalaschnikow nicht in ihrem Sortiment führen. Ein  Markenzeichen des Kalaschnikow- Erfolges: die Darstellung der Wunderwaffe fand, bzw. findet sich in vierunddreißig  Staatswappen. Weniger bezeichnend, aber immerhin: ein linkes Magazin in Deutschland, inzwischen eingegangen, hieß „Kalaschnikow“. Vielleicht, weil das Schiesseisen als Waffe der Befreiungskämpfe galt. Nicht  wegen der Qualität. Eher deswegen, weil sie fast umsonst aus der SU an die Rebellen in der ganzen Welt geliefert wurde. 

Als Konstrukteur der Wunderwaffe wurde ein gewisser Michail Kalaschnikow berühmt. Weltweit, aber besonders in Russland. Mit allen denkbaren Auszeichnungen dekoriert, verkörperte er die Erfolgsstory eines einfachen Bauernjungen, der als Abgänger einer Grundschule und mit dem Militärrang eines Unteroffiziers den Wettbewerb um eine neue MP- Konstruktion gewann.

Und da platzt eine kleine Bombe im Runet. Der sowjetische Militärhistoriker Sergei Smirnow gibt das geheime Wissen über die Entstehungsgeschichte der „Kalaschnikow“ preis. Danach sei die vom braven Sergeanten eingereichte Konstruktion von der Wettbewerbsjury schmählich verworfen worden. Nicht zu gebrauchen und nicht korrekturfähig. 

Im Gespräch war noch ein anderes Modell, entworfen von erfahrenen und bekannten Konstrukteuren. Die Jury aber bestand selbst aus Waffenkonstrukteuren. Nach den Bestimmungen des Wettbewerbs daraus ausgeschlossen, gönnten sie  den Fachkameraden keinen Erfolg. So beschlossen sie, das von Michail Kalaschnikow  eingereichte Modell aus eigener Kraft zu vervollkommnen. 

Eigentlich nicht ganz aus eigener Kraft, da sie sich reichlich vom deutschen Schmeisser  bedienten, einer Maschinenpistole der Wehrmacht. So entstand die unvergleichliche „Kalaschnikow“, nach dem Sergeanten benannt, der sich innerlich von der Karriere des Waffenkonstrukteurs bereits verabschiedet hatte,  dann  aber doch  von der Fortuna angelächelt wurde. 

Um die Zeit war die Sowjetführung bemüht, den Russen ein Überlegenheitsgefühl, und zwar insbesondere in technischen Dingen, einzupflanzen. Eine staatswichtige Angelegenheit, da im Krieg Millionen Sowjetbürger in Uniform und ohne eigene Technik mit ausländischer Technik vergleichen konnten. 

Die Story von einem lieben einfachen russischen Burschen,  der eine allen ausländischen Spielarten überlegene Waffe konstruierte, passte gut in die Landschaft. Sie fügte sich in die anderen  eher mythologische Geschichten über die Russen, die alles in der Welt-  von der Glühbirne bis zum Flugzeug- erfunden hätten. Mit solchen braven Jungs wie Michail Kalaschnikow  brauchte das Vaterland vor dem US-Imperialismus nicht zu kuschen. Obwohl er mit der Atombombe fuchtelte, die die Sowjetunion noch nicht besaß. 

(nach drugoi.ru)

P.S. Matrjoschka-online.de legt für die Authentizität der Story keineswegs die Hand ins Feuer. 

15. 3. 02  

Lieber Lenins Geburtstag feiern, als...

 

Der liebe Gott hat in seinem Kalender  zwei Geburtstage von ganz (??) verschiedenartigen Menschen nebeneinander placiert. Von einem (Lenin), der die Menschen nach ihrer sozialen Herkunft gegeneinander ausspielte. Und dem anderen (Hitler), der diese nach ihrer ethnischen Herkunft gegeneinander ausspielte.

 

Lenins Geburtstag  verursacht dem Kreml jetzt kein Kopfweh. Er wird zumeist von den zahnlos (im übertragenen, aber auch im direkten Sinn) gewordenen Kommunisten begangen, die am Mausoleum auf dem Moskauer Roten Platz  artig Kränze niederlegen. Und dann nach Hause gehen, um Tee zu trinken.

 

Anders mit Hitlers Geburtstag. Viele Tausende Kahlköpfige im ganzen russischen Lande nehmen ihn zum Anlass, zur Jagd auf Dunkelhäutige zu blasen und gelegentlich auch Synagogen anzuzünden. Die Zahl der Opfer steigt von Jahr zu Jahr.

 

Heuer soll es besonders bunt zugehen.  Den Vorgeschmack haben Hitlers Verehrer in Russland  bereits geliefert. In Moskau wurden farbige Studenten totgeprügelt, auf den Bauermärkten,  wo Kaukasier und Mittelasiaten handeln, Pogrome  veranstaltet. Auch weißhäutige  Moskauer wägen bereits gut ab, ob sie bestimmte Gegenden zu bestimmten Tageszeiten frequentieren.

 

Die USA- Botschaft gab Warnungen an ihre Angehörigen und andere USA- Bürger heraus. Einige afrikanische Vertretungen legten Protestnoten ein.

 

Die russischen Behörden aber unternehmen wenig. Sie können oder wollen es nicht. Eine resolute Dame aus dem Runet (Natalja Geworkjan, den Gerüchten nach aus dem Team vom Oligarch Beresowski, kalten Krieger gegen den Kreml) , die sich darauf spezialisierte, die Untaten gewisser Dienste ins helle Licht zu rücken, meint, das sei Politik. Nach bewährter Art  der zaristischen Ochrana soll der soziale Protest an die falsche Adresse  umgeleitet werden.

 

Ob es stimmt oder nicht, jedenfalls kann der Führer in der Hölle an seinem Geburtstag zufrieden grinsen. Lenin nicht. Sein Werk ist zur Mumie geworden wie der im Mausoleum aufgebahrte Körper. Von Hitlers Körper  ist zwar nichts geblieben, aber sein Werk lebt. Heil! - verdammt noch mal.

14.04.02  

       

BLAGOWESCHTSCHENSK.

Die Stadt liegt am Amur im Fernen Osten Russlands, ganz dicht an der chinesischen Grenze.

Der für das deutsche Auge etwas schwierige Name der Stadt heißt übersetzt die Stadt der frohen Kunde. Er wird auf die Vorkommnisse im 17. Jahrhundert zurückgeführt, als die russischen Kosaken zu dem Amur vorrückten und das Land, früher unter chinesischer Kontrolle, dem russischen Reich einverleibten.

Jetzt schlagen die Chinesen zurück. Auf ihre chinesische Art und Weise. Indem sie die dünnbesiedelte Region infiltrieren.

Sie kommen legal, zumeist aber illegal als Händler, Schmuggler, Handwerker und sogar Heiratswilligen. Sie nutzen die Käuflichkeiten der Behörden, das Elend der Bevölkerung und die Sehnsucht der Mädchen, unter die Haube zu kommen. Notfalls auch unter eine chinesische.

Der Handel (und der Schmuggel) über die Grenze hilft den 250 000 Einwohnern, über die Runden zu kommen.

Ansonsten fällt die Stadt durch nichts auf. Zwar votierten seine Wähler mehrheitlich für kommunistische Bewerber um die Pöstchen in der Verwaltung, aber im postkommunistischen Russland ist das keine große Ausnahme.

Vor wenigen Tagen nun geriet die Stadt in die Schlagzeilen. Und zwar dadurch, dass hier die örtliche Abteilung der neonazistischen Partei "Die russische nationale Einheit" alle anderen politischen Gruppen zurückschlug. Obwohl- oder vielleicht auch deswegen- die Equipe sich ganz einschlägig gibt. In Uniform mit kaum abgewandelten Hakenkreuzen, Hitlergruss und entsprechender Phraseologie.

Am 9.Mai, dem Tag, an dem in Russland der Sieg über Hitler gefeiert wird, legte eine Abordnung am Denkmal für die gefallenen Rotarmisten einen Kranz mit Hakenkreuz nieder. Über eine solche Revanche lacht der Führer in der Hölle!

Allerdings hätte er den Slogan der braven Burschen "Russland den Russen!" wohl nicht akzeptiert.

Die Erfolge der Nazinachahmer in Blagoweschtschens werden zum Teil darauf zurückgeführt, dass der reichste Unternehmer der Stadt Migulja sie großzügig fördert. Sinnfälligerweise ist Migulja Besitzer der größten Bierbrauerei der Region.

Die Wiedererstehung der Hitlerei ausgerechnet in Blagoweschtschensk. In der Stadt, deren Name der Führer sicher nicht aussprechen konnte. Und die etwa 15.000 Werst von der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" liegt.

Da wundert sich die Holzpuppe. Und weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

8.11.00

SHIRINOWSKI SCHOß WIEDER DEN VOGEL AB

Der Chef der russischen Freien Demokraten (mit der zahmen FDP wenig gemeinsam) reichte in der Duma eine Gesetzesvorlage ein, wonach den Russen die Vielweiberei ermöglicht werden soll. Allerdings soll die Zahl der Ehefrauen auf vier begrenzt werden und der Ehemann muss einen Ärztebefund über seine Zeugungsfähigkeit vorlegen. Der Zweck der Vielweibereizulassung bestünde darin, der Gefahr des weiteren Absinkens des Anteils der ethnischen Russen in der Russischen Föderation vorzubeugen. Denn die muslimischen Völkerschaften Russlands (etwa 20 Prozent der Bevölkerung) produzieren dank der nach dem Koran zulässigen Vielweiberei viel mehr Kinder als die monogamen Russen.

Gazeta.ru. 30. 9.2000

Anm.v.M.: Als überzeugte Frauenrechtlerin verurteilt die Holzpuppe die Gesetzesinitiative des russischen Enfant terrible, der mit seiner von Kennerinnen stark angezweifelten Lendenstärke prahlt.

Liebe Matrjoschka,

der Gesetzentwurf des Herrn Schirinowski (siehe den folgenden Bericht.-M.) ist genial, aber sollte ergänzt werden. So durch die schlagartige Erhöhung der Löhne der russischen Ehemänner. Manch eine Frau kann einen Ehemann arm machen (weiß dies aus Erfahrung), erst recht drei.

Dann darf gegen die Geschlechtergleichheit nicht verstoßen werden Wie wäre es mit Vielmännerei für Frauen? Drei Gatten - Haupt -Lieblings -u. Nebengatte?

Ja, manche russischen Politiker kommen schon auf skurrile Gedanken. Sogar in der Zeit, wo die Vernunft mehr denn je gefragt wird.

M.-Freund

 

BILDER AUS DEM VOLKSLEBEN AUS PERM

( Anm v. m.: Perm- eine Industriestadt westlich des Urals).

1.An der Bushaltestelle. Eine Riesenschlange. Ein stattlicher Herr im exquisiten bodenlangen Ledermantel sticht aus der Menge einfacher Leute ab. Der überfüllte Bus kommt. Mit aller Gewalt quetschen sich noch ein paar Menschen hinein. Als Letzter versucht ein schlottriger Obdachloser in zerschlissener Wetterjacke, sich in die gepresste Volksmasse hineinzuwinden. Der Fahrer lässt die Tür offen und wartet, bis der arme Schlucker es schafft oder auf den Bürgersteig fällt.

Da packt der stattliche Herr im Ledermantel, der seine teure Zigarre zu Ende geraucht hat, plötzlich den Obdachlosen am Kragen und schleudert ihn einige Meter weit von der Bustür, schiebt mit der Kraft seines gewaltigen Körpers die Passagiere enger zusammen und stellt sich in die freigeräumte Lücke.

Die Tür schlägt zu. Der arme Schlucker winselt vor Schmerz, flucht, was das Zeug hält. Dann sieht er, dass ein großes Stück vom teuren Ledermantel des stattlichen Herrn aus der zugeschlagenen Bustür heraushängt. Rasch kramt er sein Taschenmesser hervor und zerschneidet sichtlich begeistert den Mantel des Beleidigers. Er schneidet ziemlich lange und produktiv, denn der Bus steht immer noch, weil der Fahrer diese gerechte Volksrache im Rückspiegel genüsslich beobachtet und Zeit lässt, sie zu Ende zu führen...

2. Auf dem Bauernmarkt. Eine in teurem Pelz gehüllte Dame sucht an Verkaufstischen sorgfältig Obst aus. Ein Jeep fährt vor. Heraus springt ein ortsbekannter Dieb in Trainingshosen. Selbstvergessen knackt er Sonnenblumenkerne zwischen den Zähnen. Die Schalen spritzen nach allen Seiten wie Scheiße von Vögelchen am Himmel. Der Dieb drängelt sich zum Stand, wo die feine Dame einkauft. Eine Schale landet auf den Pelz.

Die Dame nimmt mit ihrem Spitzentuch die Schale, als wäre es eine Kakerlake oder eine Wanze und wirft sie in den Müllcontainer. Mit dem Tuch zusammen, versteht sich.

Der Dieb reagiert sofort. Mit dem rechten Fuß versetzt er der Dame einen Stoß, nicht stark, aber theatralisch Dann zieht den rechten Sportschuh aus und schmeißt ihn in denselben Müllcontainer. Auf einem Bein hüpft zum Jeep, springt rein und schleudert auch den linken Schuh aus dem Fenster.

(Wladimir Tutschkow. Vesti. ru. 16.12.2000)

 

3. Armut und Reichtum in Russland

 

 

WAS IST EIN OLIGARCH IN RUSSLAND ?

Eigentlich ist er ein Gauner, der es fertig gebracht hat, während der Abschaffung der pseudosozialistischen Wirtschaft der Sowjetunion ein Stück davon unter die Nägel zu reißen. Wenn er geschickt genug war, hat er jetzt einige Milliarden Dollar in Russland und auf den Konten in Luxemburg, Lichtenstein etc.

Eine russische Webseite brachte eine Beschreibung des Lebensstils eines echten russischen Oligarchen.

Die Oligarchen werden jetzt auch  Alligatoren genannt. Weil sie viel Ähnlichkeit mit diesen haben.

Keiner mag sie. Meistens sind sie hässlich und dick. Die Alligatoren sind die Oligarchen der Seen, die Oligarchen sind die Alligatoren der Wirtschaft.  

Äußerlich besteht der Oligarch aus Statussymbolen, wobei das Auto das wichtigste ist. Welche Marke ist toller? An erster Stelle stehen Mercedes S-Klasse, BMW 700, Audi A 8. Reicht die einfache  S-Klasse nicht aus, kauft er sich eine gepanzerte, ist die zu wenig, muss es  die „Pullman“ -Version sein. Der Audi A 8 muss unbedingt W12 6.0 Lang sein. Das ist die schnellste Limousine auf dem Markt.      

In den letzten Tagen nun erfuhren die echten Oligarchen, dass sie von Tag zu Tag auf den Moskauer Strassen  immer weniger angeben können. Eine Bombe tauchte auf. Anders kann man diesen Wagen nicht nennen. Ein neuer Mercedes mit alter Bezeichnung. Er sieht aus wie eine Bombe, von ihm spricht man wie von einer Bombe, er fährt wie eine Bombe – der neue Maybach.

In den Moskauer Autosalons sind in wenigen Tagen des offiziellen Verkaufs rund ein Dutzend Maybachs geordert worden. Wahrscheinlich so viel, haben noch  die jugoslawischen Brüder aus dem Interpol – Europa rübergeschafft, noch ein paar Stück  andere illegale Dealer verkauft. 

Das höchste Statussymbol – Maybach muss als Ergänzung einen Porsche Cayenne Turbo haben. Für die Leibwächter. Der Maybach hat Blaulicht auf dem Dach. Dieses Licht funktioniert mit Gas, der neuste Schrei der Technik – und hat dreimal größere  Signalfrequenz  als üblich. Der weiße Porsche Cayenne mit dem blauen Milizstreifen hat auf dem Dach einen richtigen Lüster mit  Blaulichtern. Im Wagen Scharfschützen in Tarnuniformen. Ragt aus dem Fenster bedrohlich ein Knüppel, wissen alle, jetzt fährt ein Oligarch.     

Nur  manchmal muss auch ein Oligarch  aussteigen. Worauf achten dann die Leute? Auf den Anzug. Welchen sucht er sich aus? Am besten eignen sich Brioni, Kiton, Zilli und Zegna. Und worauf kommt es noch an? 

Auf die Uhrenmarke. Ideal ist Skeleton – alle sollen den komplizierten Mechanismus der Handarbeit  durch Glas des Rückendeckels sehen können.

Plötzlich klingelt das Telefon. Jetzt holt der Oligarch sein Handy aus der Tasche, das sich natürlich von anderen unterschieden muss. Am besten eignet sich dafür de Grisogono, der das neuste Modell von Ericsson mit Brillanten besetzte.

Sehr wichtig ist auch die Tussi, die er bei sich hat. Tussi das ist auch ein Statussymbol – wenn es sich um ein bekanntes junges Fotomodell handelt. Spielt keine Rolle, wenn sie blöd ist. Seltsam, aber die meisten Oligarchen strotzen ungeachtet ihres Reichtums auch nicht gerade vor Intelligenz. Und was die Tussi trägt, ist das Wichtigste. Da dürfen nicht fehlen Sachen von Voyage, D&G, Chanel, Gucci usw. Ein teures Kollier von Graff oder Bulgari. Die Uhr sollte möglichst von Alain Silberstain sein.    

Alles hier Beschriebene kann man, wenn man sich Mühe gibt, für 500.000 Dollar haben. Dann brauchen Sie noch 1.500.000 Dollar für ein Haus an der Rubljowo-Uspensker Chaussee. Dann kann man sogar am Kauf einer Wohnung sparen. 200.000 Dollar im Jahr gehen für Sicherheitsmaßnahmen drauf. 500.000 Dollar kostet das Büro. 3.000.000 Dollar jährlich sollten für Taschengeld und Repräsentation kalkuliert werden. Dumm wird er Oligarch angeschaut, der das ganze Jahr über immer mit derselben Tussi auftaucht. Wenn Sie also aussehen wollen wie ein Oligarch, brauchen Sie in etwa so viel.

Gut machen sich Kontakte zur Medienwelt, auch Aktien von Metall- oder Erdölfirmen, zuverlässige Banken, und vor allem ein sicheres Dach für alle möglichen Konkurrenten und prüfenden Instanzen.  

Werden Sie ein Oligarch in Russland, lieber Leser.

9.6.03  

 

ÜBERLEGUNGEN EINES RUSSISCHEN AUTORS, DIE ZU  PFINGSTEN PASSEN.

Erstaunliche Veränderungen erlebt die russische Sprache. Worte wie Ehrlichkeit, Anständigkeit, Gerechtigkeit, Großmut oder Gnade sind  verschwunden. 

„Ehrlicher Politiker“, „Anständiger Beamter“, „Gerechter Richter“, „Ehrenhafter Offizier“. Heute klingen diese Wortbildungen ebenso seltsam wie „Milder Henker“.

Zum Teil ist das ein Erbe der Sowjetzeit.

Sie hatte nichts im Sinn mit Milde und Gnade. Sie wusste, in einer gnädigen Gesellschaft gibt es für sie kein Überleben. 

In den sowjetischen Wörterbüchern und Nachschlagewerken wurden diese Wörter nicht erklärt, denn die Begriffe hatten keinen Platz in der Realität.

Im russischen Volk aber lebte immer der Traum von Mildtätigkeit und Gnade. 

In Russland war es immer schon so: Wenn ein Polizist versuchte, einen krakeelenden Besoffenen auf der Straße zur Räson zu bringen, sammelte sich schnell eine Menge Mitleidender für den Randalierer.

Weil viele Russen meinten,  Gnade geht vor Recht. Sehr weit vor, da sie die Sitten bessert.  Recht   ohne Gnade wird zum Unrecht. Und verdirbt die Sitten.

Die Sowjetmacht trieb ihren Untertanen die Mentalität  aus. Einmal stellte ich meinem Mädchen die provokante Frage: „Wenn ich zum Trinker werde, herunterkomme, krieg ich dann ein paar Rubelchen von Dir für einen Schluck gegen Kater?“ Sie überlegte ein Weilchen und antwortete mit nein. Aber ich werde alles tun, dich von der Alkoholsucht zu heilen, fügte sie hinzu. Das enttäuschte mich. Ich hätte eine andere Antwort erwartet.

Kurz nach Beginn der Perestroika zeigte das Fernsehen die erste Fernsehbrücke mit dem Westen. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, ihre Vorbilder aufzuzählen. Die Russen nannten Lenin und andere gnadenlose  Kämpfer für das Wohl des Volkes. Die jungen Leute im Westen nannten Jesus Christus, Martin Luther King und Albert Schweitzer.  

Die neuen Marktverhältnisse haben in Russland viel verändert, die Sucht nach Gnade und Hingabe aber nicht ganz ausgerottet.

Am Morgen nach einer Explosion in Moskau, als dringend Blut für Transfusionen gebraucht wurde, stand vor dem Krankenhaus, in das die Verletzten eingeliefert wurden, eine lange Schlange von Menschen, die zum Blutspenden kamen. Da gar nicht alle angenommen werden konnten, rief jemand aus dem Fenster, sie sollen in ein anderes Krankenhaus fahren, das mehr Kapazitäten zur Blutabnahme hat. Die meisten fuhren mit der Metro. Wer mit dem Auto gekommen war, nahm andere mit. Teure Mercedes oder Audi gab es darunter nicht.

Und trotzdem,  welche Vorbilder  haben unsere Kinder jetzt, wo alles vom Markt beherrscht wird?

Anfang der neunziger Jahre wollten die Jungs Killer, die Mädchen Dollarnutten werden. Jetzt scheint sich das ein wenig zum Besseren zu verändern. Jetzt will man nicht mehr Killer sein, sondern Geschäfte machen. Nicht mehr Nutte, sondern Fotomodell werden. Und  Arzt oder Lehrer? Will niemand werden. Wer setzt sich schon freiwillig dem Sterben vor Hunger und Kälte aus?

Die Marktwirtschaft in Russland ist alles andere als von Gnade gezeichnet. Sie will mehr Fotomodelle und nicht Lehrerinnen.

Der Sowjetstaat erklärte die Moral immer zur Grundlage unserer Existenz. Das war natürlich Heuchelei. Der jetzige marktwirtschaftliche Staat ist zynisch. Er kommt ohne Heuchelei aus. Er hält es nicht einmal für nötig, so zu tun als ob.  

Das kriminelle Russland schafft es nie  gnädig zu sein. Jede Reform, jede Ankündigung von Veränderungen zum Besseren kehren sich bei uns genau ins Gegenteil. Wir wollten eine unabhängige Gerichtsbarkeit und haben nun ein korrumpiertes Gerichtssystem. Allerdings hängt es nicht vom Staat, sondern von den Kriminellen ab. Wir wollten wirtschaftliche Freiheit, aber ein ehrlicher Geschäftmann ist zum Bankrott verurteilt. Nur die haben Erfolg, die sich die Gesetzeshüter kaufen und auf die Gesetze pfeifen.

Städte und Dörfer im Winter ohne Heizung, baufällige Schulen – das sind die unausbleiblichen Folgen. Die für die Verbesserung der Zustände verteilten Mittel werden gestohlen. So wie die Gelder für die Restaurierung Petersburgs zum Jubiläum oder  für die Behebung von Überschwemmungsschäden. Nun könnte man Geld für die Verhinderung des Klauens zur Verfügung stellen, aber auch das hätte keinen Sinn, es verschwände auch in irgendeiner Tasche.  

Zu wie viel Gnade eine Gesellschaft bereit ist, erkennt man an ihrer Einstellung zu den Schwächsten und Schutzlosesten. Doch wie kann davon die Rede sein bei der ihnen feindlich gesinnten russischen Marktwirtschaft. Diese hat nichts übrig für Arme und Hilflose. Sie bekommen  keine Wärme, kein Licht, weil sie dafür nicht zahlen können, Sie stören, sind eine Last, so jedenfalls denken die Erfolgreichen.

Eine solche Gesellschaft geht unter. Gibt es wirklich keine Hoffnung mehr?

 

Doch es gibt sie. Sie kommt eben von den Menschen, die zum Blutspenden Schlange stehen. Und solche gibt es noch viele in Russland. Vielleicht liegt die Zukunft Russlands nicht in der Hand der Geschäftemacher , sondern  derer, die bereit sind, dem Nächsten ihr Blut zu geben? Zu Pfingsten darf man wohl noch davon wenigstens träumen. 

Anm. v. : Die pfingstliche Kritik des Kapitalismus bezieht sich nur auf seine russische Variante. 

7. 6.03  

 

                             

TRAGÖDIE  IM DORF PARSCHOWO

 

Vorwort des matrjoschka-teams.

 

In den riesigen  Weiten Russland gibt es seit jeher Dörfer, die von den Segnungen der Zivilisation kaum etwas mitkriegen. Die nächste Eisenbahn liegt Hunderte Kilometer weit. Die Strassen sind  die meiste Zeit  unpassierbar und meterhoch mit Unkraut bewachsen.  Die Telefonleitungen hängen, wenn es sie gibt, durch und funktionieren kaum. Strom fehlt. Kurzum, Mittelalter.

 

Keine Regierung konnte damit fertig werden. Da in diesen Dörfern meistens nur wenige alte Menschen wohnen, die sich  aus dem Wald und Gemüsegarten versorgen, heißt es, die Investitionen in die Infrastruktur würden  sich hier nicht lohnen. Und die Einwohner selbst wollen um keinen Preis weg, da sie hoffen, hier überleben zu können, und  vor dem Wechsel bangen.

 

In der Sowjetzeit wurde versprochen, die  amtlich als aussichtslos eingestuften Dörfer  zusammenzulegen. Von „sozialistischen Agrostädten“ hat man sogar gefaselt, wo Bauern in Hochhäusern leben sollten. Eine  Seifenblase.

 

Wie es jetzt in manchen „aussichtslosen Dörfern“ zugeht, lässt ein Bericht von Gazeta.ru über eine Tragödie  ahnen, den wir bringen, nicht zuletzt, um vielen Menschen in Deutschland,  die den Russen helfen oder helfen wollen,   Orientierungshilfe anzubieten. Es ist wohl nicht ganz überflüssig, weil sich die Hilfeleistungen  zumeist auf große Städte, wenn nicht auf die Metropole fokussieren. Und wenn  die barmherzigen Samariter hinkommen und die Juweliergeschäfte sehen, wo  Dämchen der „neuen Russen“ sich „Kleinigkeiten“ für mehrere  Tausende Dollar kaufen, fragen sie sich, wer wem helfen soll.  Also...

 

Es passierte in der Nacht vom 5. zum 6. Januar in dem halb verlassen Dorf Parschowo mit 14 Einwohnern. Die Bahnstation liegt weit, die Autostraße ist zehn Kilometer entfernt. Einmal in der Woche kommt das Brotauto. Wenn es denn kommt. Manchmal lässt sich auch der Postbote blicken. Er war der erste, der von dem Vorfall erfuhr, als er durch das Fenster eines der Häuser schaute. Auf dem Fußboden sah er Tote und Blut.

In drei Häusern lagen Getötete. Insgesamt sechs Leichen. In einem Haus die siebenundfünfzigjährige Besitzerin, ihr neunundsiebzigjähriger Verwandter und ein fünfundfünfzigjähriger Gast. Im zweiten Haus zwei alte Leute. In dritten Haus die vierzigjährige Eigentümerin. Jedes Opfer trug zahlreiche Verletzungen, die mit Messer und Axt zugefügt wurden. Die Sachen waren durchwühlt. Offensichtlich suchte der Mörder nach den am Tag davor ausgezahlten Renten. Mitgenommen hatte er auch Brot, das einzig Essbare. Außer Zwiebeln und Kartoffeln kommt hier nichts auf den Tisch. Tatverdächtig ist ein wegen Schlägerei und schwerer Körperverletzung mehrmals vorbestrafter  Vierzigjähriger aus Parschowo. Er ist unverheiratet. Zu viel  Zeit im Knast,  um eine Familie gründen zu können. Er lebte bei seiner Mutter. Nach dem Verbrechen verschwand er, obwohl er niemanden hat, bei dem er unterkommen könnte.  Auf die Frage, ob er zur Tatzeit betrunken gewesen sein könnte, kam die Antwort, nach Auszahlung der Rente sind im Dorf alle besoffen.

9.1.03  

EINE STATISTISCHE FUßNOTE 

So bezeichnet ein neurotischer Intellektueller, der sich  auf der Site Gazeta.ru  breit macht, seine soziale Schicht in Russland. Die viel beschworene Mittelklasse.

 

Er meint, diese sei in Russland marginal. Untypisch schon deswegen, weil ihre Vertreter von  früh bis spät  arbeiten, anstatt saufen, von Wundern träumen und  politisieren.   

 

Die Domänen der Mittelklasse – Moskau,  Petersburg, einige wenige  andere  Großstädte- seien nicht das wahre Russland. Das wahre Russland   seien Slums,  schmuddelige Herbergen, Gaststätten, wo Essen und  Getränke lebensgefährlich sind, unpassierbare Landesstrassen, Eisenbahnzüge, voll von Unrat. Das wahre Russland sei seit 1991(als die expressartige, schocktherapeutische Einführung der „Marktwirtschaft“  die noch funktionierenden Überbleibsel der Sowjetmacht  in Chaos und Elend ersäufte), kaum vorangekommen.

 

Das wahre Russland seien dämliche und korrupte Gouverneure, denen       kein Schweinestall anzuvertrauen ist. Es sei ein Land, wo Frauen und Kinder grausam misshandelt werden, wo Tripper nicht kuriert wird. Wo man mit fünfzig an Magenblutung stirbt und Schwangerschaft nicht verhütet, da  Abtreibungen als einfachere Lösung gelten. Ein Land, wo man nach einem Toilettenbesuch die Hände nicht wäscht und morgens die Zähne nicht putzt.

 

Und dann wendet sich  der Arrogante  an seinesgleichen, die, wie er schreibt, ihre Einkünfte in Dollar zählen und eine PC-Maus  bedienen können. Diejenige, die  Broilerkeulen  aus den USA  nicht unbedingt für den höchsten  Gaumengenuss halten. Die zwischen Essig und Wein unterscheiden. Er wirft ihnen vor, sie  tischten  im Ausland  die Mär von einem veränderten Land auf.

 

Die überaus meisten Russen trinken aber Essig. Wie je und eh. Und machen sich besoffen, damit sie nicht kotzen, wenn sie mit ihren Mädchen  vögeln.

 

Die Mittelklasse, die anders lebt, sei  nichts anderes als eine statistische Fußnote in diesem Land. Eine verschwindende Minorität. Sie ist  vom Privatfernsehen eines Milliardärs erfunden, der dem Westen was vormachen will. Und von jenen im Westen, die vormachen, „Marktwirtschaft“ und „Demokratie“ hätten Russland  verändert.

 

Anmerkung von Iwan Matrjoschkin, Esq.: Schmutzfink! Nestbeschmutzer! Warte mal...

20.10.02

4.WORÜBER DIE MOSKAUER SPRECHEN

MOSKAU WURDE ZUR METROPOLE DER KRIMINELLEN,

schreibt KP.ru

Die Kriminalchronik der letzten Woche beweist, Moskau wird zum Mittelpunkt spektakulärer, eindeutig politisch motivierter Morde. Die Moskauer erleben eine „Killerparade“. Der schaurige Eindruck entsteht, die gekauften Mörder gehen frank und frei am Kreml spazieren und nehmen die Büros großer Firmen, bekannter Parteien und Kulturzentren aufs Korn und legen planmäßig die Chefs um.     

An die Wortverbindung „bestellter Mord“ haben sich alle längst gewöhnt. Doch kommt in Moskau offenbar ein qualitativ neues Phänomen auf, das sich von den banalen Auseinandersetzungen zwischen Geschäftsleuten, wie sie Anfang und Mitte der neunziger Jahre üblich waren, unterscheiden.

Noch vor kurzem gab es zwischen Moskau und Sankt Petersburg eine stillschweigende Rollenverteilung. In der ersten Hauptstadt wurde Realpolitik gemacht, in der zweiten politische Rechnungen beglichen – mit Schüssen und Explosionen. Jetzt hat man den Eindruck, als hätte man an den Zug von Sankt Petersburg nach Moskau, wo die Putin nahe Elite in der ersten Klasse sitzt, heimlich noch einen Wagen angehängt, in dem die Mafiosi mit großer Suite in die Hauptstadt einreisen.   

So kommt es zum Zusammenspiel der offiziellen Politik  und der kriminellen Aktivitäten. Die legalen Beschlüsse, Erklärungen und Veranstaltungen werden ergänzt  mit Aktionen, die außerhalb der Gesetze stehen.

Der Begriff „Serienmord“, der bislang nur  Sexualverbrechen betraf, hat  nun eine neue, grausige Dimension angenommen. Mit  Sexualverbrechern kann man noch fertig werden. Doch wie kriegt man diejenigen, die die Führung eines strategisch wichtigen Militärkonzerns niederstrecken? Hinter diesen stehen meistens zu mächtige Kräfte. Deshalb laufen die Ermittlungen ins Leere.   

Die Geographie der Auftragsmorde erweitert sich stetig, bezieht immer neue Sphären in die kriminelle Zone  ein. Wurden Verbrecherkriege früher wegen Erdöl und Metall geführt, dann geht es jetzt um Ausfuhrlizenzen für Waffen.

Es ist  Neuaufteilung des Eigentums und der Macht. Diejenigen, die sich bei der Aneignung des „sozialistischen“ Eigentums übergangen fühlen, fordern Kompensation. Das läuft synchron mit Erklärungen gekaufter Politiker, die eine Neuordnung der Privatisierung von Staatsbetrieben vorschlagen. Vorerst allerdings nicht in den Wirtschaftszweigen, wo die Killerpatronen schon längst das Tüpfelchen auf I gesetzt haben, sondern in den Bereichen, die noch nicht von der  kriminellen Revolution erfasst sind.

 

Vor einigen Tagen verkündete eine Gruppe mächtiger Geschäftsleute die Gründung einer Stiftung, die die Ermittlungen der Morde an Geschäftsleuten finanzieren soll. Das nennt man Selbstschutz. Ein schwacher Trost, besonders für diejenigen, die in  Moskau leben und arbeiten müssen. 

 

PS.  Unser  Allroundexperte  Iwan Matrjoschkin, Esq. schreibt dazu:

 

Etwa 85 Jahre lebt Russland unter der Devise „Eigentum ist Diebesgut“. Dem Schlagwort angemessen, wurden 1917 alle ausgerottet  oder vertrieben, die die Unvorsichtigkeit begangen, Wertvolles anzuhäufen. Ihr Eigentum heimste der neue Staat ein. Allerdings gelang es ihm nicht, das so entstandene sozialistische Eigentum gegen die Begehrlichkeit seiner Funktionäre zu schützen. Im trauten Bund  mit gewöhnlichen Kriminellen schufen sie in der Sowjetunion die zweite, die Schattenwirtschaft. Als in den achtziger  Jahren die Perestroika von Gorbi eingeläutet wurde, waren die Täter logischerweise die Erfolgreichsten. Sie rissen sich das Meiste unter die Nägel. Und sie zierten sich übrigens nicht, als es darum ging, die Konkurrenz auszuschalten.

 

Jetzt kommt anscheinend die neue Umverteilung. Da viel inzwischen tief verinnerlicht haben, dass  Eigentum Diebesgut ist, wäre es verwunderlich, ginge die Umverteilung unblutig vor sich. Das Geraubte wird mit Krallen und Zähnen verteidigt, aber jene, die daran wollen,   sind auch keine Benediktiner.

 

Die wirklich Benachteiligten, die wahren Betrogenen,  Bestohlenen und Erniedrigten sind aber nur Zaungäste beim Kampf der Milliardäre und jener, die es von heute auf morgen werden möchten.   Diese Zaungäste können und wollen keine Killer bezahlen. Sie sind  sanft  und jeder Begehrlichkeit bar. Wenn ein richtiger Russe seinen Durst stillen und seine Liebste umarmen kann, ist er eben zufrieden.

 

Auch ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., der ich , trotz der giftigen Gerüchte meiner Neider, ein echter Russe bin, begehre  nicht viel. Wenn die verdammten weiblichen Holzpuppen in meine devot ausgestreckte Hand ein paar Euro legen, damit ich in der Kneipe „Sonnenschein“, zu Berlin, Prenzlauer Berg,   meinen deutschen  Stammtischbrüdern eine Runde spendieren kann, bin ich schon wunschlos glücklich.

 

Aber hiermit  warne ich die geizigen Weiber, verweigern sie mir   das bisschen Geld, bestelle auch ich einen Killer. Aus Moskau.  Bin ich denn dümmer , als die Oligarchen ?  

11.6.03  

ENDLICH HAT EUROPA EINEN PLATZ IN MOSKAU.

 

Buchstäblich. Denn fast in der Stadtmitte wurde feierlich ein neuer Platz eingeweiht, der Europaplatz heißt. Die Einweihung verlief nach allen Regeln der Kunst. Mit Regierungsvertretern  und hochrangigen EU-Diplomaten. Der Moskauer OB Juri Luschkow  hielt eine feurige Rede. Er teilte dem Publikum mit, der neue Platz symbolisiere die endgültige Placierung Russlands in Europa. Es ist wohl auch so, weil der Platz mit einer originellen Plastik eines belgischen Künstlers geschmückt ist, die den mythischen Raub Europas darstellt.

 

Böse Zungen munkelten in diesem Zusammenhang von einer anderen Initiative des rührigen OB. Kurz von der Einweihung des Europa- Platzes trat er nämlich dafür ein, ein berühmtes Denkmal, das im Zuge der Wende der neunziger Jahre von seinem angestammten Platz vor dem Lubjanka- Komplex des sowjetischen Geheimdienstes KGB entfernt wurde, wieder hinzubefördern. Die Opposition läuft Sturm, aber der OB bleibt eisern, wie der in Bronze gegossene Felix Dzershinski dem Vernehmen nach war, als es galt, die Feinde der Sowjetmacht auszurotten.

Will der OB Lushkow nach Europa mit dem KGB im Gepäck? - fragen die Spötter.

16.9.02

 

POGROM AM ROTEN PLATZ IN MOSKAU

100 Verletzte, ein Toter. Die Bilanz der Krawalle in Moskau am Sonntag. Veranstaltet von den Fans der Fußballweltmeisterschaft, aufgebracht durch das Spiel Russland- Japan.

Außerdem wurden ca. 20 Autos umgekippt, bzw. in Brand gesteckt.

Ein Japaner oder ähnlich aussehender ging man ein Risiko ein. Fünf Studenten aus dem Land der aufgehenden Sonne wurden misshandelt. Mehrer Suschi- Gaststätten demoliert. Die Besucher mussten auch daran glauben. Vor dem KGB- Gebäude versuchte ein Siebzehnjähriger, sich das Leben zu nehmen.

Und da sagt man noch, Russland sei kein Europa!

 9.6.02. Lenta.ru

LEBENSLÄNGLICH 

In Moskau fanden zwei bemerkenswerte  Gerichtsprozesse statt. Auf der Anklagebank saßen russische Spione. Eigentlich  saßen sie  nicht, da sie der entsprechenden Vorladung des Gerichts vorsichtigerweise nicht folgten. Des Verrats angeklagt, halten sie sich im Ausland auf. Einer in England, der andere in den USA. 

Dieser andere heißt Oleg Kalugin. In der sowjetischen Spionagehierarchie stand er als General ganz oben. Entsprechend  bedeutsam waren seine, wie das Gericht befand, verräterischen Mitteilungen an den amerikanischen Rivalen des früheren,  russischen Arbeitgebers. 

Darunter waren  Auskünfte, die zur Verhaftung und harter Verurteilung von sowjetischen Agenten unter den USA- Geheimdienstlern führten.

Kein schöner Verrat also. Hat doch  der Mann die in den USA mit seiner Beihilfe Eingelochten  mitangeworben. 

Erstaunlich ist nicht seine Verurteilung in Moskau, sondern etwas ganz anderes. Bis dato durfte Kalugin seinen Generalstitel  führen und seine hohe Generalsrente aus Russland beziehen. Früher wäre er den Titel und die Rente  sofort los gewesen. Abgesehen von anderen Unannehmlichkeiten, die ihm vermutlich auch ohne ordentliche Verurteilung nicht erspart geblieben wären. Die Geheimdienste pflegten bekanntlich mit Verrätern nicht unbedingt in einem Gerichtsverfahren abzurechnen.  

Allerdings fiel das Gerichtsurteil auch nicht ganz mild aus. 15 Jahre verschärftes Arbeitslager ist kein Vergnügen (die Höchststrafe wäre zwanzig). 

Kalugin bleibt aber in Freiheit, da er, trotz neuer Freundschaft zwischen Russland und den USA, nicht die Gefahr läuft, ausgeliefert zu werden. Wäre noch schöner: die Zusammenarbeit schließt sicherlich  die Gegeneinanderarbeit nicht aus.  Die riesigen Apparate müssen sich nicht unbedingt  ausschließlich der Suche nach  bin Laden widmen. Was würden sie zu tun haben, wenn der bärtige Alte mit den traurigen Augen endlich gefasst wird?

So aber haben sie in jedem Fall viel anderes zu tun. Дружба дружбой, а табачок врозь. Freundschaft in Ehren, aber jeder raucht  seine Pfeife. Sagen die Russen.*

Was die Gerechtigkeit  angeht,  bleibt den über Kalugins Verrat empörten Landsleuten nur, sich damit zu trösten, dass er ohne Generalspension auf seinen  neuen Beruf angewiesen ist. Den eines Reiseführers in Washington. Hier zeigt  er Touristen Stätten seines früheren, gewiss besser dotierten Wirkens.

Lebenslänglich in einem Bus, schreibt hämisch gazeta. Ru

Wenn das kein Trost  ist... 

* Das Sprichwort soll nicht wortwörtlich verstanden werden.  Schlauchen ist unter den Russen eine gute Sitte. Im Unterschied zu den geizigen Deutschen. (Anm. von Iwan Matrjoschkin, Esq.)  

27.6.02                             

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