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SCHICKSALHAFTES (FORTSETZUNG)
HOLOCAUST AN LENINGRADERN.
Darüber sinniert der bekannte russische Schriftsteller Daniil Granin, dessen Interview im Runet zu lesen ist. Der Anlass ist der sechzigste Jahrestag der Rettung Leningrads, wie die Newa-Stadt noch vor wenigen Jahren hieß. Daniil Granin ist der berufene Zeitzeuge, nicht nur weil er selbst an den Kämpfen um Leningrad teilgenommen hat, sondern weil er sich in der Nachkriegszeit gegen den Widerstand der Sowjetmacht für die Wahrheit über die Leiden der belagerten Stadt einsetzte .
Die Belagerung Leningrads begann 1941, also in dem Jahr, als das Hitlerreich die Sowjetunion angegriffen hatte. In diesem Jahr spielte die Wehrmacht den Blitzkrieg. Bereits vor Wintereinbruch umzingelte sie die zweitgrößte russische Stadt, die ehemalige Hauptstadt des Zarenimperiums. Die von Hitler gestellte Aufgabe lautete, Leningrad auszuhungern, auszurauben und vom Antlitz der Erde verschwinden zu lassen. Die Blockade dauerte neunhundert Tage und endete erst im Januar 1944, als die Wehrmacht den bitteren Weg zurück ins Reich antreten musste. Nach verschiedenen Angaben kostete sie der Leningrader Bevölkerung zwischen sechshunderttausend und einer Million Leben. Verhungert, erfroren, von Seuchen weggerafft, durch Selbstmord geschieden, weil das Martyrium unerträglich wurde.
Daniil Granin, dessen Bücher auch in Deutschland erschienen sind, beklagt sich bitter darüber, dass die Tragödie in Russland keine angemessene Würdigung fand. In der ersten Nachkriegszeit nicht, weil die kommunistische Staatsmacht den Krieg nicht als eine tragische Zeit dargestellt wissen wollte, sondern als eine Heldensage. In diesem Zusammenhang erinnert der Schriftsteller daran, dass Kriegsinvaliden mit amputierten Armen und Beinen aufgesammelt und auf einer Insel weit im Norden Russlands wie Verbannte angesiedelt wurden. Auch das schwere Los der aus der deutschen Gefangenschaft zurückgekehrten Millionen Soldaten und Offiziere der Roten Armee erwähnt er. Viele von ihnen wurden nach der Rückkehr in die Heimat als Verräter bestraft. Im Zarenreich wäre es unmöglich. Wie viele andere Staaten ging es davon aus, dass die Kriegsgefangenen geehrt und versorgt werden sollten, da sie oft mehr als die anderen Soldaten leiden mussten.
Der Zeitzeuge erhebt seine Anklage nicht nur gegen den Sowjetstaat. Auch in der postsowjetischen Zeit, als die sowjetische Vergangenheit aufgearbeitet und neu gedeutet wurde, erfuhr die Tragödie der Newastadt keine adäquate Behandlung. Daniil Granin erwähnt eine seiner Ansicht nach penetrante Diskussion der Perestroika- Jahre darüber, ob es nicht besser gewesen wäre, Leningrad dem Feind auszuliefern, um Menschen zu schonen. Also mit der Newa-Stadt so zu verfahren wie die Franzosen 1940 mit Paris, Mit Hinweis auf die Erinnerungen des Oberkommandierenden der deutschen Truppen an diesem Frontabschnitt, von Leeb, stellt er fest, dass die Aufgabe der Stadt die Bevölkerung nicht gerettet hätte, denn Hitler ging es eindeutig darum, diese auszurotten. Deswegen wurden jene Leningrader, die die Stadt verließen , von den deutschen Truppen aufgegriffen und an die Wand gestellt.
Daniil Granin hebt den Edelmut und die Leidensfähigkeit der meisten Leningrader hervor. Unter den Verhältnissen, die alle Bilder der Hölle in den Schatten stellten, blieben sie Menschen. In der Stadt, deren Einwohner von hundertfünfzig Gramm lehmähnlichem Brot pro Tag leben mussten, funktionierten Forschungslabors, Schulen, Kindergärten, Theater und Konzertsäle. Zwar gab es unter den drei ein halb Millionen Einwohnern auch Räuber, Diebe, Leichenfledderer, sogar Menschenfresser, aber sie blieben eine verschwindende Minderheit.
Der Zeitzeuge, der viele Jahre die Geschichte der Blockade erforschte, schreibt, dass diese lehrreich sei. Die Belagerung überlebten vor allem diejenigen, die sich nicht gehen ließen. Oft rafften sie sich zu höchster Menschlichkeit auf. Indem sie Gedichte schrieben, Musik komponierten, viel lasen, vor allem aber den anderen zu helfen versuchten, ersetzten sie die fehlende leibliche Nahrung durch jene geistige Kost, die, wie Daniil Granin glaubt, auf eine noch unerklärte Weise den Menschen auch unter unmenschlichen Bedingungen am Leben hält. Hier sieht er auch jetzt die Quelle der wahren Kraft Russlands.
27.1.04
GEGEN DIE UNGERECHTIGKEIT
In den Jahren des Zweiten Weltkrieges wurden bis zu fünf Millionen sowjetischer Soldaten und Offiziere von der deutschen Wehrmacht gefangengenommen. Drei ein halb Millionen bis drei Millionen neunhunderttausend haben die Gefangenschaft nicht überlebt. Bis zu 80 Prozent. An diese Zahlen erinnerten sich die Teilnehmer einer Pressekonferenz im Kanzleramt der deutschen Hauptstadt.
Die Pressekonferenz gab die Staatsministerin Christina Weiss. Sie stellte eine Dokumentation über das schweren Los der sowjetischen Kriegsgefangenen vor, besonders schwer, weil die gefangengenommenen Rotarmisten zumeist gezielt vernichtet wurden. Besonders schwer, weil unter allen Kriegsgefangenen sie, auch wenn sie am Leben bleiben durften, den schlechtesten Stand in den Lagern hatten. Ihr Schicksal war besonders hart auch aus einem anderen Grund, der nicht mit der Absicht der nationalsozialistischen Führung zusammenhing, die „Untermenschen“ zu dezimieren. Denn als sie die Ungeheuerlichkeiten überstanden hatten und ins Heimatland zurückkehrten, wurden sie von den sowjetischen Behörden nicht mit Blumen empfangen. Im Gegenteil. Ein Rotarmist, auch ein kampfunfähiger, galt, wenn er sich gefangen gab, als Vaterlandsverräter. Entsprechend wurde er behandelt. Das ganze ihm verbliebene Leben lang. Keine gute Arbeitsstelle, keinen guten Wohnraum, keine finanzielle Unterstützung vom Staat. Und in vielen Fällen- neue Gefangenschaft. Diesmal in Lagern in der Heimat und deshalb besonders bitter.
Sogar nach der Entstalinisierung Russlands dauerte die Diskriminierung an, auch wenn sie weniger grausam wurde. In der Historiographie des Zweiten Weltkrieges blieb das Thema oft ausgeklammert. Mitunter deswegen, weil man die zu Freunden gewandelten Deutschen nicht verstimmen wollte. Wozu Zündstoff in die vertrauensvollen Beziehungen schütten? Soll Gras über die schlimme Vergangenheit wachsen!
Vor
diesem Hintergrund erscheint es doppelt anerkennenswert, dass Deutschland selbst
die Initiative ergriff, um gegen
die Ungerechtigkeit vorzugehen. Das
Amt bon Kulturstaatsministerin Weiss initiierte
ein deutsch-russisches
Forschungsprojekt,das inzwischen auch
von Weißrussland und der Ukraine unterstützt wird.
Erste Ergebnisse der Forschungsarbeiten liegen jetzt in
dem Buch "Für die Lebenden. Der Toten Gedenken." vor, das Christina
Weiss im Beisein der Botschafter
der Russischen Föderation, der Ukraine und von Belarus
vorgestellt hat. Die Autoren haben
versucht, aus den Akten der ehemaligen deutschen Wehrmachtsauskunftsstelle die
Schicksale
sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland nachzuvollziehen.
Das Buch steht am Anfang des Forschungsvorhabens, das insgesamt zehn
Jahre dauern soll, da bis zu einer Million Unterlagen in den Archiven
vermutet werden. Bei der Durchsicht arbeiten die deutschen Historiker und
Archivare mit ihren Kollegen in Russland, Belarus und jetzt auch der Ukraine
zusammen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und das
Bundesministerium des Innern fördern das Projekt mit jeweils 80.000
Euro jährlich.
In den nächsten Jahren werden Tausende Familien in Russland und den anderen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine Nachricht über das
Schicksal der bislang Vermissten erhalten können.
Es ist nicht zu unterschätzen, dass auch der diskriminierten Opfergruppe des national-sozialistischen und kommunistischen Terrors gedacht und den bis jetzt Namenlosen und Vergessenen ihre Würde wenigstens postum zurückgegeben wird. Noch tröstender wäre es allerdings, könnten sich die wenigen noch am Leben gebliebenen Kriegsgefangenen ihre letzten Lebensjahre durch ein bisschen Wohlstand verschönern. Einige russische Initiativgruppen und ihre deutschen Partner versuchen, die ehemaligen Sklaven des Hitlerreiches in Soldatenmänteln der Roten Armee in den Kreis der Entschädigungsberechtigten einzureihen. Bis jetzt erfolglos. Vielleicht aber ist das Buch "Für die Lebenden. Der Toten Gedenken" ein erster Schritt auf dem Wege zu diesem lohnenswerten Ziel.
18.11.03
Am 60. Jahrestag der Beendigung der Leningrader Blockade brachte das Zweite Deutsche Fernsehen eine Reportage aus der Newa- Stadt.
Im Bewusstsein eines russischen Zeitzeugen blieb die Leningrader Tragödie in der ganzen Nachkriegszeit eine aufgerissene und nicht heilende Wunde. Auch weil die Opfer in der Heimat keine gebührende Würdigung fanden. Unter Stalin nicht, da er die Newa- Stadt, verdächtigte, Moskau den Rang ablaufen zu wollen und Eigensinnigkeit zu pflegen. Unter seinen Nachfolgern nicht, da sie den Krieg gegen die deutschen Invasoren als eine einzige Heldensaga dargestellt und deswegen seine Opfer runtergespielt haben wollten.
Kein Wunder also, dass auch im Ausland die Leningrader Blockade nicht richtig wahrgenommen wurde. Erst recht in Deutschland nicht, wo man ohnehin lange Jahre Mühe hatte, sich die ganze Tragweite des nationalsozialistischen Verbrechens an Russland bewusst zu machen.
Vor diesem geschichtlichen Hintergrund beeindruckte die Reportage aus der Newa- Stadt in einer der meist gesehen ZDF- Sendungen besonders stark. An dieser publizistischen Leistung ist nichts auszusetzen. Nicht an der Darstellung des Martyriums der Leningrader. Nicht an der Vorführung der Täter.
Der übliche Terminus für das, was den Leningradern widerfuhr, verniedlicht das Geschehen – so die klare Aussage der Reportage. Es war keine Belagerung. Es war Massenmord. Es war ein Genozid. Geplant und befohlen von Hitler und seinem verbrecherischen Klüngel . Ausgeführt von der Wehrmacht, die sich selbst nicht nur hier, aber hier besonders entehrte. Daran rütteln zu wollen, wäre Besudelung des Andenkens von Verhungerten, Erfrorenen, von den durch Seuchen Hingerafften. Von einer Million unschuldiger und elendig gestorbener Menschen, vor allem Kinder, Frauen und Greise.
Für die deutlichen Worte ist zu danken. Auch weil sie das Fundament der Versöhnung zwischen Russland und Deutschland zementieren. Jener Versöhnung, die sich darauf gründet, dass man nichts verschweigt, nichts verdrängt, sondern die Vorgeschichte ehrlich und offen verarbeitet. Sei sie noch so schlimm gewesen. Und zwar auf beiden Seiten.
28.1.04
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