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Hier werden Beitrage des einzigen männlichen Mitglieds des Matrjoschka-teams, Iwan Matrjoschkin, Esq., präsentiert. Darunter: 1. Seine Gespräche, deren Echtheit von seinen weiblichen Kollegen stark angezweifelt wird. 2. Seine Träume, die meistens wirr sind. 3. Seine Reportagen, die dem Reporterberufsstand keine Ehre machen. 4. Seine Appelle an die deutsche Öffentlichkeit, die nicht beachtet werden sollen.

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EIN OFFENER BRIEF AN W.W.PUTIN 

Hochgeehrter Wladimir Wladimirowitsch, 

da ich weiß, wie knapp Ihre Zeit jetzt bemessen ist, will ich das meiner Wenigkeit von Ihnen zugesicherte Recht, Sie inoffiziell zu beraten, nicht missbrauchen.* So werde ich noch knapper in Ausdruck als sonst. 

Jetzt wird in der Welt debattiert, ob die Tragödie in Moskau Ihr Sieg oder Ihre Niederlage war. Mein Urteil, gefällt in der Kneipe „Sonnenschein“ (Berlin, Prenzlauer Berg) nach kühler Abwägung aller Umstände, lautet sowohl wie auch. Die Geiselnahme war Ihre Niederlage. Die Ursache derselben muss aber nicht im Kreml gesucht werden, sondern unter  Weicheiern in Russland und im Ausland. Diejenigen sind schuld, die jedes Mal, wenn Sie hart durchgreifen, ein Geschrei anstimmen und die Öffentlichkeit an die Anfänge Ihres Berufslebens erinnern. Sie ließen sich davon beeindrucken. Sonst hätten Sie für die Sicherheit in Moskau noch mehr getan. 

Allerdings haben Sie, als es um Geiselbefreiung ging, wieder zu sich gefunden. Wenn der USA-Präsident George W.Bush nach dem 11.9.2001 nur verbal einen harten Mann abgibt, haben Sie mit Taten bewiesen, dass Sie einer sind. Gegen alle Voraussagen, denen sogar ich, obwohl gewiss kein Weichei (in unserem Team gelte  ich mit Recht als Macho), das Ohr schenkte, erklomm deshalb ihr Ansehen in der russischen Bevölkerung neue, nie da gewesene Höhen.  Das sollen sich jene unter die Nase reiben, die sich einbilden, die Stunde Russlands sei geschlagen. Kein Land in der Welt kann sich einer derart totalen Identifizierung zwischen der Führung und dem Volk rühmen das gegenwärtige Russland. Wenn die Hintermänner des Coups darauf zielten, Russland politisch zu destabilisieren, haben sie sich gründlich verrechnet. 

In diesem Sinne grüßt Sie aus Berlin, 

Ihr ergebener Iwan Matrjoschkin, Esq.

*Matrtjoschkin spinnt.

 

EINE BOTSCHAFT. AN DIE GEHEIMDIENSTCHEFS DER ZIVILISIERTEN WELT.

VON IWAN MATRJOSCHKIN.ESQ. 

Liebe Kollegen, 

ich erlaube mir, Sie so zu nennen, weil ich nicht nur Terrorismus-Experte der matrjoschka- Medienholding, sondern auch ihre Sicherheitschef bin. Außerdem wollte ich wie Präsident Putin  schon im  zarten Alter  Geheimdienstler  werden. 

Wäre es so gekommen, säße ich jetzt unter Ihnen  in der Residenz des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands oder in einem schönen Gästehaus der ehrenwerten Behörde. Jedenfalls dort, wo  Chefs und andere hochrangige Vertreter  fast aller westlichen Geheimdienste in den spannenden Tagen der Geiselnahme in Moskau die russischen Kollegen  beraten haben. Gut und umfassend! 

Schade, dass  ich nicht dabei sein konnte. Aber auf den Verlauf der Geiselbefreiung hätte es kaum Einfluss genommen. Denn wie immer  war ich einer  Meinung mit Ihnen: stürmen! Und den Gaseinsatz hätte ich auch sehr anempfohlen. 

Jetzt überlege ich, ob ich nicht gegen die besonders gehässigen weiblichen Holzpuppen ( , ) auch mit Lachgas vorgehe. Sollen sie lachen bis zum Umfallen, die miesen, geifernden Weiber! 

Aber zurück zur Sache. Sie, liebe Kollegen, hatten recht: man musste  den Russen die Chance lassen, ihre Tatkraft und  Entschlossenheit im Kampf gegen  den Terrorismus  unter  Beweis zu stellen. 

Angesichts der Tatsache, dass die Spesen sowieso  Russland bezahlt, erst recht. Es schadet wahrhaftig nicht, die Welt wieder daran zu erinnern, dass die Russen das geblieben sind, was sie schon immer waren. Barbaren, die ihre eigenen Landsleute nicht schonen. Diese sogar am allerwenigsten. 

Jetzt hört man, die russischen Kollegen meinen, der Mohr hätte seine Schuldigkeit getan, er könne gehen. Mit anderen Worten, sollen  Sie, meine Freunde,   hinauskomplimentiert werden. Die Russen haben wohl Angst, Sie würden ihnen in die Karten gucken. Als sei das nicht längst schon geschehen. 

Ich hoffe, Sie bleiben in Russland, liebe Kollegen. Für immer. Wie das Militär  unserer amerikanischen Freunde im ehemals russischen Mittelasien. 

Übrigens. Erinnern Sie sich an meine optimistische Prognose des weiteren Geschehens nach der Geiselnahme?** Ich sagte nämlich voraus,  die schrecklichen Dynamit- Gürtel sind wahrscheinlich Attrappen. Gefertigt, um die Russen leichter erpressen zu können. Jetzt drängen die russischen Medien darauf, Beweise zu erhalten, es seien doch keine Attrappen gewesen. Weil sonst erscheinen die Gas - Opfer unter den Geiseln sinnlos. 

Sie drängen auch darauf, zu erfahren, warum ein Gas mit tödlicher Wirkung angewendet wurde. Und warum die Ärzte zu wenig Angaben über die angewendete Chemikalie  erhielten, um die Betroffenen effektiv behandeln zu können. Und warum nicht rechtzeitig Gegengift  an Krankenhäuser geliefert wurde. Und warum  den Angehörigen der Zugang zu den Krankenhäusern, wo die Gas- Opfer liegen, verwehrt wird.

Warum, warum, warum... Darum! Unsere Dienste, liebe Kollegen, nennen sich nicht von ungefähr Geheimdienste. Ich würde auch niemanden verraten, wie ich die weiblichen  Holzpuppen schütze. Obwohl sie mir zum Teil verhasst sind und ich immer wieder überlege,  wie ich mir einige  vom Pelz fernhalte. Würde sich ein Geiselnehmer ihrer bemächtigen, wüsste ich, wie. Dann hätten sie endlich die Quittung dafür bekommen, dass sie mich jahrelang schikanierten...     

Aber wieder zurück zur Sache. 

Gewiss, könnte die Geiselbefreiung  besser abgelaufen sein. Wenn ein führender Experte nicht gefehlt hätte. In dem Falle meine ich mich selbst,

Ihren ergebenen  Iwan Matrjoschkin, Esq. *** 

*Ob die Audienz tatsächlich stattfand, ist mehr als zweifelhaft

**Siehe den Link mit der behelmten Matrjoschka. 

*** Das matrjoschka-team insgesamt bedauert die Opfer unter den Geiseln, nichtsdestoweniger  bewundert es aber die  russischen Antiterrorkämpfer, die  wahrscheinlich anders gar nicht handeln konnten. Jedenfalls zeigten sie, wofür sie fähig sind.  

Wir distanzieren uns von  Matrjoschkins versteckten Sticheleien.  

28.10.02   

ÜBER DIE NÄCHSTENLIEBE 

im Team von matrjoschka-online. de

Iwan Matrjoschkin, Esquire, beschuldigte die Holzpuppe  sozialer Kälte. Die Ursache: Mit Hinweis auf  Ebbe in der Kasse des Konzerns schlug diese Holzpuppe die vom Esquire vorgetragene Bitte um eine kleine Spende ab.  „Marktwirtschaft, mein Lieber, sagte sie. Du musst den Gürtel enger schnallen. Sonst verlieren wir den Wettbewerb mit dem Springer- Konzern.“ 

Iwan Matrjoschkin ließ den Einwand nicht gelten. Er erinnerte daran, dass die Marktwirtschaft in Deutschland eine soziale Marktwirtschaft ist. Deshalb darf  der Hinweis auf die Zwänge des Marktes nicht missbräuchlich  verwendet werden. Der Wettbewerb soll nicht als Vorwand dienen, Leistungen an sozial Schwachen wie er abzuschaffen. 

Er drohte sogar mit Streik. Wie die Metaller und Werktätigen im Baugewerbe Deutschlands.Unter der Sowjetmacht, sagte hier die

aufgebrachte ,hättest Du das Wort „Streik“ nie in den Mund genommen. Sonst wäre  der Tatbestand der Sabotage der sozialistischen Gesellschaftsordnung erfüllt. Und ab nach Sibirien, Iwan Matrjoschkin, Esquire. 

Und Du, verdammtes Weib mit hölzernem Herz, schrie Esquire, hättest Dich im Sozialismus nie getraut, meine Bitte um eine kleine Spende abzulehnen. Sonst hätte dich die Verachtung der Gemeinschaft gestraft. Da waltete noch das Mitleid mit den  Notleidenden. 

 wurde nachdenklich. Tatsächlich, sagte sie, der sozialistische Staat war ausgesprochen gewalttätig, verstieß sogar gegen eigene  Gesetze. Aber in der Gesellschaft gab es mehr Nächstenliebe. Drollig, aber wahr. Warum?

Sehr einfach, sagte Matrjoschkin. Jeder wusste, dass das  Wenige, was er hat, ihm nicht wegläuft. Zwar fraß er die Wurst, die zu 9/10  aus Roggen und Weizen bestand, zwar musste er in einem Zimmer mit seiner Schwiegermutter wohnen, aber er bangte nicht um das Wenige, was er hatte. Erstens, weil es zu wenig war, um darum zu bangen. Zweitens, weil niemand ihm das  Wenige nahm, weil es sich nicht lohnte. Und so dachte er nicht nur daran, ob und wie er selbst über die Runden kam, sondern sah auch die anderen um sich. Die Nächsten eben. Und war mitleidender als Du, dumme Holzpuppe, die mir die kleine Spende abschlägt.

 seufzte, holte den Schlüssel, öffnete den gut gesicherten Panzerschrank, entnahm ihm einen Fünf- Euroschein und hielt diesen Matrjoschkin hin, wobei sie ihn ermahnte, Maß zu üben, damit er am nächsten Morgen  einsatzfähig ist. 

 16.06.02

DAS POLITBÜRO DER MATRJOSCKA-ONLINE- HOLDING SCHLÄGT VOR:

GEBT GEORGE W. BUSH UND WLADIMIR PUTIN DEN FRIEDENSNOBELPREIS!

Am Tag der Ankunft des USA- Präsidenten in Moskau versammelte sich das Politbüro der Matrjoschka-Online- Holding.  Die  Vorsitzende erteilte Iwan Matrjoschkin, Esq., das Wort.

Freundinnen, sagte er und grinste gemein. Der volle Erfolg des russisch- amerikanischen Treffens auf höchster Ebene steht von vornherein fest. Damit auch die enormen   Verdienste der größten Staatsmänner  des XXI. Jahrhunderts. George W. Busch und Wladimir Putin.  Oder Puti- Puta, wie der russische Präsident im amerikanischen Volksmund heißt. Und Жорик (Verkleinerungsform von Georg) wie Bush in Russland liebevoll genannt wird. 

Einspruch!  sagte Wofür der Ami den Friedenspreis kriegen soll, ist klar. Der weltweite Krieg  gegen  den Terror. Heute in Afghanistan, morgen im Irak, übermorgen im Iran usw. Wofür aber der Russe? Er führt nur einen lokalen Krieg. In Tschetschenien. Ist es nicht zuwenig für den Friedenspreis?

Du vergisst, entgegnete I.M, Esq., andere Verdienste der beiden Präsidenten. Wie George W. Bush am Vorabend seiner Reise nach Moskau  sagte, haben sie  einen Schlussstrich unter den kalten Krieg gezogen.  Ist das wenig?

Haben das vor zwölf Jahren nicht Bush senior und Gorbi bereits getan? Und wurde die Tat damals nicht   mit dem Preis  gewürdigt? fragte  

Quatsch, entrüstete sich  I. Matrjoschkin. Jetzt soll der Schlussstrich dicker sein. Damit wir in einer  neuen, gerechteren und friedlicheren Welt leben können.

Wie sie vor zwölf Jahren  auch versprochen wurde, sagte . Wo aber ist diese Welt? Sie ist nicht da. Sonst hätte Bush- Junior sie nicht wieder versprechen  müssen.

Politik ist die Kunst des Möglichen, sagte Matrjoschkin gewichtig. Der preiswürdige Verdienst der beiden Präsidenten besteht darin, dass sie diese Kunst  perfekt beherrschen. So holt George W. Bush das  Meistmögliche aus der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Dominanz der USA heraus.  

Und der andere?  fragte

Auch er, sagte der Esquire. Schöne, anerkennende Worte des mächtigsten Staatsmannes der Welt. Ist das nicht das Meistmögliche für einen Präsidenten des heutigen Russlands?

Eines Russlands, das  so ist, wie sie ist, weil der leibliche Vater des gegenwärtigen USA- Präsidenten und Gorbi, der geistige Vater des gegenwärtigen russischen Präsidenten,    die Politik als die Kunst des Möglichen  auch perfekt beherrschten, sagte hämisch die als verkappte Kommunistin  verdächtigte

Wie immer wurde aber auf ihre gehässigen Worte gar nicht eingegangen. 

Einhellig (mit einer Stimmenenthaltung) beschloss das Politbüro, an das Nobelkomitee  den Vorschlag zu richten, George W. Bush und W.W.Putin den Preis für  herausragende Friedensleistungen zu verleihen. I. Matrjoschkin, Esq., wurde beauftragt, die diesbezügliche Botschaft in Oslo  höchstpersönlich  zu überreichen. OK, sagte er, wenn ihr wollt, fliege ich nach Oslo. Wenn ich nicht zu knapp mit Geld ausgestattet werde. Ihr wisst schon, was ich meine.

Die vorsitzführende drohte mit dem Finger.

      24.5.02

DANKSAGUNG VON IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ.

AN ALLE BERLINER

Liebe Berliner, am 9. Mai d.J. unternahm ich mit meinem Vehikel (Siehe  Abb. auf dem Link „In eigener Sache“) eine ausgedehnte Reise durch Außenbezirke der Bundeshauptstadt. Die angenehme Überraschung: überall wurde gefeiert. Auf jedem grünen Fleck gegrillt, an jeder Theke getrunken, viel Lifemusik gespielt. Ich fühlte mich in die Umgebung von Moskau versetzt. Nicht anders feiern auch die Moskowiten den Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, dessen Jahrestage auf den 9.Mai fallen.  Und da sagen noch manche missgünstigen Leute,  die Deutschen  gönnten den Russen den Sieg nicht und  seien schadenfroh,  dass es den Siegern so schlecht geht, als  wären sie die Besiegten.

Selbstverständlich versuchte  ich  den deutschen Freunden meine Anerkennung zu vermitteln.  Dort, wo es ging, stellte ich mich den Feiernden vor: Iwan Matrjoschkin, Esquire, und sagte, dem großen Vorbild folgend: „Ich bin ein Berliner“.

Ich will es der Öffentlichkeit nicht verheimlichen, dass ich mitunter   auf Unverständnis stieß. Ich wurde angestiert, als käme ich vom Mond. Mir wurde  angedeutet, ich sollte mich entfernen. An keine einzige Tafel wurde ich  eingeladen.

Das  fand ich nicht in Ordnung. In Russland wäre es mir nicht passiert.

Auch glaube ich, herausgehört zu haben, nicht alle wussten über den Anlass des Festes Bescheid. Einige sprachen zwar von einer „Männertat“, wenn ich mich nicht verhört habe. Als ich aber freudig bestätigte, dass die Befreiung Deutschlands und Europas   tatsächlich eine beispiellose Männertat war,  wurden sie begriffsstutzig. Es gab auch welche, die mir Vogel zeigten. Angesichts meines vertrauensvollen Umgangs mit den führenden Staatsmännern der Gegenwart (siehe meine Interviews auf diesem Link) war es mir etwas peinlich.

Trotzdem kehrte ich frohen Mutes nach Hause zurück , stellte mein Fahrzeug an die Futterkrippe mit frischem Heu und ging in die Eckkneipe. Hier   setzte ich mich an den Stammtisch. Mein Vorschlag, auf den Sieg zu trinken, wurde von den Kneipenbrüdern sofort akzeptiert. Da  ich zum Fest eine (leider,  kleine) Prämie im matrjoschka- online- Konzern erhielt, bezahlte ich die Runde.

Allen übrigen Berlinern, auch denen,  die mich verletzt haben, spreche ich hiermit meinen  Dank dafür aus, dass sie den russischen Festtag mitgefeiert haben.

9.05.02, гор. Берлин.      

IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., ÜBER GEWALTDARSTELLUNGEN IM DEUTSCHEN FERNSEHEN.

EIN OFFENER BRIEF AN DEN DEUTSCHEN BUNDESKANZLER

Vorwort der weiblichen Puppen:

Iwan schrieb seinen „offenen Brief“ in einem stark angeheiterten Zustand. Da er wieder mal blank war, musste er sich nämlich längere Zeit  in Enthaltsamkeit üben.  Als er aber an die Verfassung des Briefes ging, erweichte er das Herz der , die turnusmäßig  das Geld des matrjoschka - online – Konzerns verwaltete. Er sagte, er bräuchte ein Gläschen Wodka zur Inspiration. Als die Holzschwester ihm einen Vorschuss von fünf Euro gewährte, besorgte er sich aber eine ganze Flasche und leerte sie innerhalb einer Stunde. Zuviel des Guten. Daher rührt der frivole Ton des „Offenen Briefes“. Wir bitten den Herrn Bundeskanzler, diesen  zu entschuldigen. Und jetzt der Text:

 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Eure Exzellenz!

Мелко пашете (ein russisches Idiom, in etwa: Sie greifen  zu kurz). Die furchtbare Tat im Erfurter Gymnasium ist nicht dadurch zu erklären, dass  der Täter viele  Gewaltvideos anguckte. Der Mensch, auch ein junger Mensch, ist kein Affe. In seinem Verhalten  spiegelt sich nicht so einfach das, was er auf dem Bildschirm sieht. Ich habe auch viele Aktion- Fernsehfilme  gesehen, wurde aber – Gott sei Dank-  dadurch nicht zu Gewalt verleitet.  Obwohl, ehrlich gesagt, у меня часто руки чешутся (ein russisches Idiom, in etwa: es juckt mir in den  Fingern, zuzuschlagen), wenn ich  mit der Arroganz der weiblichen Holzpuppen  konfrontiert werde.

Nun gut, Sie, Herr Bundeskanzler, können sagen: Du, Matrjoschkin, darfst Dich mit einem halbverrückten Gymnasiasten  nicht vergleichen. Du bist weltweit als eine sehr intelligente und gebildete Person bekannt. Du bist Intimfreund von mehreren großen Staatsmännern, darunter Lord Robertson von Port Ellen. (Anm. von: Die Freundschaft wurde von offizieller Seite nicht bestätigt). Schließlich bist Du, Matrjoschkin, ein friedlicher Mensch (Anm. von in unserem Team gilt Iwan als unberechenbar).

Das alles stimmt, Herr Bundeskanzler. Ich bin mit Ihnen in der Beurteilung meiner Wenigkeit weitgehend einverstanden. Und trotzdem...

Wenden wir uns der Geschichte meines Herkunftslandes zu. In der mit recht abgewickelten Sowjetunion gab es überhaupt keine Gewaltdarstellungen in den Medien. Die Krimis, wenn sie im Fernsehen oder im Kino liefen, was selten geschah, enthielten kaum Gewaltszenen.  Kapitalverbrechen wurden zumeist totgeschwiegen. Und trotzdem blühte im Lande die nackte Gewalt.

Allerdings- das muss ich zugeben- nicht so sehr von privat, sondern viel mehr von der Seite des Staates. Der Staat war ein wahrer Gewaltverbrecher. Er hat mehr Menschen qualvoll umgebracht, als alle Banditen der Welt zusammengenommen. Und das Merkwürdige dabei war: er fand in der Bevölkerung, die – notabene!  - im Fernsehen keine Gewaltdarstellungen erlebte- immer so viel Henker- und Folterknechte, wie er brauchte. Oder haben Sie, Herr Bundeskanzler, je gehört oder gelesen, dass der Sowjetstaat seinen diesbezüglichen Bedarf  nicht decken konnte?

Das darf nicht darauf zurückgeführt werden, dass die Russen gewalttätig sind. Von Natur aus sind sie es nicht. Im Gegenteil: von Natur aus sind sie mitfühlend und menschenfreundlich. 

Aber man hat ihnen eingetrichtert, dass  der Staat immer recht hat. Auch, wenn er mordet und foltert.

Man hat den Russen auch  eingetrichtert, dass große Probleme, zum Beispiel das soziale Problem, nur durch Gewaltanwendung zu lösen  sind. Das heißt dadurch, dass man die Reichen erledigt. Als Parasiten der Gesellschaft. Und die irre geführten Russen gingen eifrig daran, die „Parasiten“ zu eliminieren. Und als alle „Parasiten“ eliminiert waren, auch andere Mitmenschen, die  ins Visier der Staatsmacht gerieten.

Erraten Sie, Herr Bundeskanzler, wo der Matrjoschkin, Esq., hinaus will?

Ja, Sie haben es erraten. Ich meine tatsächlich, dass es nicht geht, die Gewalt selektiv zu verurteilen. Die fiktiven Gewaltszenen auf dem Bildschirm zu verbieten, die Gewaltanwendung in der Realität zu  akzeptieren. Egal,  welche Zielsetzung sie  hat. Ob die Lösung der sozialen Frage (wie im Sowjetreich), oder die   Lösung der nationalen Frage (wie im Hitlerreich), oder – mille Pardon! -  den Schutz der Zivilisation, wie unsere amerikanischen Freunde es verstehen.

Sie, Herr Bundeskanzler, werden sagen, der Matrjoschkin spinnt. Aber meine Weisheiten sind nicht auf dem eigenen Mist gewachsen. Mein Landsmann Lew Tolstoi („Krieg und Frieden“ , „Anna Karenina“), ein  großer, riesengroßer Geist, predigte Gewaltlosigkeit bis zum letzten Atemzug. Nun gut, wie wir wissen, hat seine  Predigt nicht viel genutzt, vor allem in seinem eigenen Lande nicht. Sie, Herr Bundeskanzler, werden aber nicht sagen, Lew Tolstoi hätte gesponnen. Das verbietet der Respekt vor der christlichen  Zivilisation, die Sie – zweifellos ganz ehrlich- gut beschützt wissen wollen.

 Übrigens in einer Hinsicht  hat mein großer Landsmann doch nicht umsonst gepredigt. Ich meine seine vehementen Attacken gegen die Todesstrafe, die er dem gemeinen Mord gleichstellte. Auch diesbezüglich sagte die ganze damalige Welt: Der Alte spinnt. Jetzt aber nimmt  sogar  die EU, sicherlich kein Benediktinerkloster,  keinen  Staat auf, in dem die Verbrecher hingerichtet werden. Warum darf man aber ganze Völker zur Inkarnation des Bösen erklären und hinrichten (wie unsere amerikanischen Freunde und Beschützer es ziemlich extensiv tun)?

Doch zurück zum Mord in Erfurt. Ich nehme mir die Freiheit, die Vermutung auszusprechen,  dass der Täter nicht so sehr von fiktiven Gewaltdarstellungen im Fernsehen inspiriert  wurde. Eher schon von  der Berichterstattung aus dem Irak, aus  Jugoslawien und  Afghanistan. Da sah man zwar kaum Leichen, dafür aber wurden die modernsten Mordinstrumente in aller ihrer Pracht dargestellt. Und das Morden selbst als ein Feuerwerk,  ein Fest der bunten Lichter.

Ich glaube, dass  der Gymnasiast von Erfurt  diese  Botschaft wahrgenommen hat. Der Mordwaffenfan.

Damit schließe ich meinen offenen Brief an Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler. Ich bin müde geworden. Mein Kopf  brummt. Logo: für fünf lausige Euros konnte ich  kein anständiges Gesöff besorgen. Umso weniger, dass ich mit dem  Geld noch meine bescheidene закуска  bezahlen musste. Denn ich bin ein anständiger Mensch. Wenn ich trinke, muss ich auch was essen. Was schönes. Am besten Dörrfisch. Aber den treibt man in den deutschen Läden schlecht auf. Das sollen Sie, sehr  geehrter Herr Bundeskanzler, in Ordnung bringen. Sonst verweigere ich Ihnen meine Stimme und gebe diese ihrem Rivalen, der mich an das obengenannte Produkt positiv   erinnert.

Mir vorzüglicher Hochachtung,

Iwan Matrjoschkin, Esq.

Berlin,  den 7.05.02.       

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IWAN MATRJOSCHKIN  WOHNTE DER BUNDESTAGSDEBATTE

ÜBER DIE NATO- OSTERWEITERUNG BEI

Es war eine überzeugende Bundestagsdebatte. Eine sehr überzeugende. Mit vollem Recht stellten die Redner fest, dass sich die NATO  bewährt hat. Sie hat Europa Sicherheit, Stabilität und wirtschaftliches Wohlergehen gebracht und  die schlimmen Absichten  der Sowjetunion vereitelt. Auch nach dem ersehnten Verschwinden des Sowjetimperiums hat  sich die NATO bestens empfohlen. Vor allem bei der Hinreichung der Werte des Abendlandes wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat  und freie Marktwirtschaft weiter nach Osteuropa. Auch bildet  die NATO eine unverzichtbare Brücke zwischen Europa und den USA. Und trotz mancher Unkenrufe erwies sich  die 1999  erfolgte erste Runde der NATO- Osterweiterung als sehr erfolgreich.

Stimmt alles haargenau.    

Die Kollegen des Bundestages redeten mit großem  Elan darüber. Zuerst wunderte ich mich, warum. Denn niemand widersprach ihnen. Als ich aber wahrnahm, wie schnell sich die Sitzreihen lichteten, verstand ich, dass der  Elan  die Abgeordneten an ihre Plätze fesseln sollte. Leider funktionierte es schlecht.  Bald waren im Saal    nur die Redner und ihre Gehilfen übrig geblieben.

Da muss ich sagen, dass  die lieben Kollegen am Stammtisch in meiner Kneipe anders sind. Sie harren  bis zur Polizeistunde aus. Warum die lieben Kollegen vom Bundestag  die paar Stunden nicht sitzen können, weiß ich nicht. Vielleicht  haben sie ein dünneres  Sitzfleisch?  Oder weil sie ihren Durst an den angestammten Plätzen nicht stillen können? Im Unterschied zu meinen Kneipenbrüdern?

Wenn es so ist, habe ich dafür volles Verständnis. Auch mich  zog es die ganze Zeit zum Büffet.  Ich hielt  nur aus , weil ich den Holzpuppen einen ausführlichen  Bericht versprach. Übrigens gegen ein sehr bescheidenes Honorar. Vielleicht aber kriegen die MdB noch weniger? Dann sollte dem abgeholfen werden. Sonst wird man den Laden bald schließen müssen.

Gott sei dank, saß ich nicht im Plenum, sondern oben auf dem Balkon. Ich wollte nicht auffallen. Ich wollte nicht, dass die Leute sagen, was für ein Depp sitzt dort noch, obwohl alle bereits gegangen sind.

In der Pause  erinnerte ich mich an Sitzungen des sowjetischen Parlaments, das der Oberste Sowjet hieß.  Da waren die Reihen  fest geschlossen. Kein einziger leerer Platz im riesigen Kremlsaal. Verständlicherweise. Es gab im Obersten Sowjet mehrere Parlamentarier in Zivil, die genau aufpassten, wer anwesend ist und wer unentschuldigt fehlt. Und  wie ein Volksvertreter  sich verhält. Ob er   an einer unpassenden Stelle grinst, ob er sofort aufsteht, wenn es gilt, Beifall zu klatschen  und ob er die vorgeschriebene Zeit die Hände bewegt. Und zwar kräftig genug.

Allerdings zeigen auch die MdB, dass sie was von  Disziplin verstehen. Auch sie klatschten Beifall wie auf Kommando. Aber  jedes Mal  nur ein Teil der Anwesenden. Die anderen erholten sich inzwischen. Im Obersten Sowjet war es anders. Da mussten die Abgeordneten unentwegt klatschen. Und alle auf einmal. Ein unmenschliches Regime eben.

Auch die Abstimmung erfolgt im Bundestag ganz anders. Im Obersten Sowjet wurde durch Handzeichen abgestimmt. Die Hände erhoben sich wie in einer Turnstunde. Ohne in den Saal zu blicken, verkündete der  Vorsitzende: “Einstimmig!“. Und nie hat er sich geirrt. Hier aber muss Herr Thierse mühsam zählen.  Wozu?

Hiermit fordere ich ihn auf, nachzudenken, ob die sowjetischen Erfahrungen nicht übernommen werden sollten. Es hieß nicht umsonst, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Er als Ossi muss das wissen.

Abschließend möchte ich sagen, dass  die MdB der hohen Verantwortung vor dem Wähler gerecht wurden. Nach einer tiefen und umfassenden Erörterung des Problems billigten sie die NATO- Osterweiterung.  Verständlicherweise. Ich bin auch dafür. 

P.S.   In der  Debatte wurde Russland kaum erwähnt. Auch das war richtig. Russland darf sich nicht einbilden,  die Tür der NATO stehe auch ihm offen. Und auf ein Mitspracherecht  soll es sich auch  keine  Hoffnung machen.   Estland ist   für Europa viel wichtiger. Verständlicherweise.

25.4.02

Frohe Ostern! Wünscht Ihnen Iwan Matrjoschkin, Esq. 

Die neuesten Nachrichten. Aus Russland.

In den letzten Jahren haben 200 000 Wissenschaftler Russland ade gesagt. So viel wie die Soldaten dreier Divisionen der russischen Armee.  In derselben Zeit erreichte die Zahl der Drogenabhängigen in Russland 1.500  000. Das sind viel mehr Divisionen als die ganze russische Armee Soldaten hat.

Beide Zahlen sollten mir unter die Haut gehen. Gehen mir aber nicht.  Unter meine Haut gehen sie nicht.

Warum? Weil es mich nicht juckt, was in Russland passiert?

Oh, nein! Es juckt mich schon.

Aber ich masse mir nicht an, eindeutig zwischen Gutem und Bösem zu unterscheiden.

Auf den ersten Blick ist es nämlich betrüblich, dass Russland von seinen Wissenschaftlern im Stich gelassen wird. Auf den zweiten aber...

Vielleicht kommen die Wissenschaftler mit neuem Wissen zurück. Und wenn nicht, dann wachsen andere heran, die noch klüger sind. Und wenn nicht, wozu sind  für Russland so viele Wissenschaftler überhaupt gut?

Wenn sie alle nützliche Arbeit leisten können, dann OK.  Sonst aber erfinden sie  neue Bomben. Das ist nicht OK.

Die Erfahrung  sagt mir, dass die Zahl der Wissenschaftler in Russland mit der Entwicklung neuer Bomben irgendwie Schritt hält. Ob das Eine oder das Andere die letzte Ursache ist, weiß ich nicht, wie ich auch nicht weiß, was zuerst war, die Henne oder das Ei. Ich will aber keine Henne und  kein Ei. Sollen sich die anderen, nicht die Russen, mit der Henne plagen. Und mit dem Ei.

Und die Drogenabhängigen. O ja. Schlimm. Was tun? Alle einlochen?  Und behandeln? Wissend, das hilft nicht.

Ach was. Warum sich mit ihnen rumschlagen, wenn es nicht hilft. Wir nehmen ja hin, dass die Sonne allmählich erlischt. Und tun nichts dagegen. Weil wir nichts dagegen tun können.

Was nicht abwendbar ist, muss man hinnehmen. Ruhig und gefasst.

Also bleibe ich ruhig. Trotz der Liebe zu Russland. Und trotz des Exodus der russischen Wissenschaftler und der Vermehrung der Drogenabhängigen in Russland.

Was mir unter die Haut geht, ist das Wetter.  Ich bin richtig glücklich, wenn es im März warm ist. Und richtig unglücklich, wenn es im Mai kalt ist.  Ich liebe Wärme.

Und was ist angenehmer als ein Osterspaziergang beim schönen Wetter, das einen heiter und zukunftsfreudig stimmt. Weil man weiß, jetzt wird es immer wärmer. Trotz eventueller Wetterrückschläge. Und trotz der eigennützigen Wissenschaftler und sich vermehrender Drogenabhängiger. 

Und wenn ich auf dem Spaziergang noch von einem guten Kameraden begleitet werde...Und wenn ich in der Manteltasche noch den Flachmann habe... Ja, dann ist mein Glück perfekt und alles andere mir ganz schnuppe.

Frohe Ostern allerseits! Wünscht Iwan Matrjoschkin, Esq.

29.3.02  

IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., IST ZUVERSICHTLICH ! 

Die in Berlin erscheinende russischsprachige Zeitung Europa- Express brachte einen seltsamen Bericht aus Bonn. Wenn er stimmt, wird am 27. Juni d. J.  im  früheren Sitzungssaal des Bundestages ein Spektakel inszeniert. Es soll eine Sitzung des Bundestages in Berlin nachgespielt werden, in der die am Happening beteiligten Schauspieler die realen MdB,  ihre Worte in den Mund nehmen und ihre Mimik und Gestik  nachäffen. 

Das matrjoschka-team findet das Affentheater höchst  unangebracht.
Nach unserer Meinung ist es geeignet, das hohe Ansehen des deutschen Parlamentarismus zu beschädigen. Insbesondere angesichts  der jüngsten Kontroverse im Bundesrat über das neue Ausländergesetz, die angeblich nach einem vorher verfassten Drehbuch abgewickelt  wurde. 

Wir, die Holzpuppen, fragen uns, wo kommen wir  hin, wenn es so weiter geht. 

Wir baten unseren Experten für politische Korrektheit, Iwan Matrjoschkin, Esq.,  darauf einzugehen. Er hat das Wort:

An sich  ist eine gewisse Theatralisierung der öffentlichen politischen Vorgänge nichts Neues. Ihre, bis jetzt  höchste Stufe erreichte sie  in der ehemaligen Sowjetunion. Bekanntlich war es ein perfektes und umfassendes politisches Theater der Weltgeschichte. Seine Vorführungen füllten  den ganzen virtuellen Raum des riesigen Landes. Tagtäglich wurde etwas vorgespielt. Blühende Landschaften vor dem Hintergrund von Ruinen. Eine sozialistische Wirtschaft vor dem Hintergrund grenzenloser Ausbeutung.  Überfluss vor dem Hintergrund  leerer Geschäfte. Mitbestimmung vor dem Hintergrund  der Funktionärswillkür. Wohin man auch blickte, schöne potemkinsche Dörfer. 

Den Höhepunkt der unentwegt ablaufenden Happenings bildeten die Sitzungen des sowjetischen Parlaments, das Oberster Sowjet hieß. Jeder Auftritt in diesem Theater erfolgte nach einem vorgefertigten Szenario und unter strenger Regie. Jedes Wort von der Tribüne war vorher aufgeschrieben und von der Obrigkeit genehmigt. Die Zuhörer und Zuschauer, erst recht die Parlamentarier, wussten vorher, an welcher Stelle der jeweiligen Rede sie klatschen sollten und wie lange.  Auch Pfuirufe, wenn es um die scheinheilige westliche Demokratie und die Politik des Westens ging, waren sorgfältig in die Handlung eingearbeitet.

Die Abstimmung erinnerte an Körperertüchtigung. Nach dem Wink vom Podium erhoben sich alle Hände auf die Sekunde genau in  vorgeschriebene Höhe. Eine wahrlich beeindruckende, sogar berauschende Manifestation der  Einmütigkeit der Volksvertreter.

Die Aufführungen auf der parlamentarischen Ebene kamen der Sehnsucht der Menschen  nach Eintracht entgegen. Aber es wurde auch einem anderen Verlangen  entsprochen. Dem Verlangen nach Bestrafung des Bösen.

Das war  Sache der Rechtsprechung.

In einem    Gerichtssaal erlebten die Zuschauer einer Gerichtsverhandlung  jenen heilenden und läuternden  Zustand der seelischen Erschütterung, der in der Antike  Katharsis genannt wurde.

Wohl überflüssig zu sagen, dass auch hier die Rollen rechtzeitig verteilt, jedes Wort der Ankläger, Verteidiger und Richter, aber auch der Delinquenten vorher festgelegt und eingeübt wurde. Und besonders wichtig, auch das gerechte Urteil stand lange vor der Verhandlung fest.  Natürlich bildete es den Höhepunkt des erhebenden Schauspiels, insbesondere  wenn es auf Genickschuss hinausging.

Alles in Allem ein Ersatz fürs abgeschaffte Christentum. Und dass  die Stelle des Erlösers ein wahngepeinigter alter Georgier Dshugaschwilli einnahm, störte nicht besonders. Obwohl er, wie manche Zeitgenossen bezeugten, die Allüren und den Wortschatz eines Tbillissier Penner behielt, der er mal gewesen. 

In der ehemaligen DDR galt der Grundsatz, von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. Nun, nicht in jeder Hinsicht traff es zu, räume ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., ein. Die Wirtschaft funktioniert im Kapitalismus viel besser. Das schmecke ich , wenn ich in einer Berliner Kneipe mein Bierchen bestelle. Gesetzt den Fall, die verdammten Weiber vom matrjoschka- team verweigern mir nicht mein sauer verdientes Geld.

Aber in der Gestaltung des virtuellen Raumes kann sich die Bundesrepublik von der ehemaligen Sowjetunion tatsächlich eine dicke Scheibe abschneiden. Das Spektakel, das manch eine Institution hier dem Publikum bietet, mutet im Vergleich wie ein Laienspiel an. Leider.

Dennoch darf man daraus keine für unser Gastland unvorteilhafte Schlussfolgerungen ziehen. Trotz alledem ist es ein herrliches Land. Und was hier  noch nicht ganz in Ordnung ist, wird mit der Zeit perfekt. Ich, Iwan Matrjoschkin, Esq, glaube fest daran. Ich bin zuversichtlich!

26.03.02      

IWAN MATRJOSCHKINS, ESQ. , BERICHT VON EINER WICHTIGEN PK.

Sie fand im Berliner Hotel „Adlon“ statt und galt  einem Treffen zwischen Deutschland (BM Scharping), NATO (Generalsekretär  Robertson) und der Ukraine  (Außenminister Slenko  und Verteidigungsminister Shkidchenko) über die Zusammenarbeit in der sich verändernden Sicherheitssituation. Angesichts der hochkarätigen Besetzung und der Bedeutsamkeit des Treffens wollten die Puppen mehrheitlich nicht, dass der Esquire hingeht. Er versprach aber heilig: 1. Die Teilnehmer  nicht mit Freundschaftsbekundungen zu nerven. 2. Falls Hochprozentiges gereicht  wird, Abstinenz zu üben.

Aus dem „Adlon“ zurück, wurde I.M.,Esq. von der im Konzern "matrjoschka-online" diensthabenden Puppe    einem scharfen Verhör unterzogen.

Wie war es?

I.M. machte ein saures Gesicht.         

Warum?

Galuschki...*

?

Gab es nicht! Auch   Gorilka...**

?

Gab es nicht! 

Was gab es denn?

(Schluchzend) Säfte und Mineralka.

Zur Sache! Worüber wurde gesprochen?

Esq. machte ein klägliches Gesicht.    

Es wurde Englisch gesprochen!

Ukrainer und  Deutsche sprachen in Berlin Englisch?

!!

(Nachdenklich) Eigentlich sollten in Berlin die Ukrainer ukrainisch und die Deutschen deutsch sprechen...

Esq.:(Lebhaft) Kennst Du den?

?

Wodurch unterscheidet sich ein Bayer von einem Türken?

?

Ein Türke kann Deutsch!

Willst Du etwa sagen, die Ukrainer können kein Ukrainisch?

Esq. enthielt sich der Antwort.

Also nichts verstanden?

Doch!

Wie denn? Mit Deinen Englischkenntnissen!

Ich habe gezählt...

?

Wie oft das Wort „russian“ fiel...

 ?

37 Mal. Und  das Wort „ukrainian“...19 Mal!

Warum wurde so viel über Russland gesprochen?

 Danger...

Die russische danger? Haben sich denn die Ukrainer darüber beklagt?

No! (Lebhaft) Wir sind ja friedlich. (Die Faust vorstreckend) Die chochly*** wissen es! Seit Peter dem Grossen...

Dass ich das hässliche Wort nicht mehr höre, - sagte - Also haben sich unsere ukrainischen Brüder nicht über uns beklagt. Das ist nett. Wer hat dann über russische danger für die Ukraine gesprochen? 

Die deutschen Kollegen! Sie fragten, ob die Ukrainer sich von Russland bedroht fühlen, sehr hartnäckig...Aber die Brüder blieben standhaft. 

Von wem werden sie dann bedroht?  

Von nobody, sagten sie.

Warum wollen sie dann in die NATO?

Wegen civilisazion and culture! Sagten sie.

Ist aber kein Kulturverein... Hat man sonst über Probleme mit danger gesprochen? 

Hinter verschlossenen Türen, -sagte Esq. gewichtig.

Woher weißt Du  das?

Matrjoschkin griff sich an die dicke Nase.

Worin bestehen die Probleme?- insistierte

Das sind Sprachprobleme, erklärte Esq.-  Die Cho... Pardon! Die Ukrainer sagen „Westukraine“, die Polen „Ostpolen“. Und so geht es weiter. Mit Ungern, Rumänen , alle sieben Nachbarn haben mit den Ukrainern Sprachproble.

Wann haben sich die Ch..., das heißt die Ukrainer,   die Gebiete der Nachbarn eingeheimst?

Als sie in der Sowjetunion unterdrückt wurden, - sagte Matrjoschkin grinsend.- Teils unmittelbar vor dem großen Krieg, als Stalin mit Hitler paktierte. Teils unmittelbar nach dem großen Krieg, als Stalin mit Churchill und Roosevelt paktierte.

Du kennst dich aber gut aus in der Weltgeschichte, sagte anerkennend

Mit den Russen haben die Ukrainer ein orthographisches Problem, - setzte der geschmeichelte Matrjoschkin fort. - Wir schreiben „Крым“, sie aber „Крiм“.

Wann haben sie denn die Halbinsel gekriegt ?- fragte die Besenpuppe.

In den sechziger Jahren, - antwortete der sachkundige Matrjoschkin. – Als Geschenk zum 300. Jahrestag der Rückkehr  ins Reich. Von Nikita Chruschtschow, der damals uns alle regierte. Selbst ein halber Cho... Pardon, Ukrainer- hat er sich mit der Gorilka vollaufen lassen, als er denen die Krim schenkte.  Der elende Säufer!

Ausgerechnet Du machst ihm den Vorwurf ... Wollen denn die Russen das Geschenk zurück?

Iwan Matrjoschin, Esq., drückte seinen dicken Finger an seine dicken Lippe und flüsterte, wie es die Russen tun: Tsss... Dann sagte er: „Wenn wir in der NATO sind, lässt  sich darüber reden. Warum denn sollen die... Ukrainer        unser Erholungsparadies behalten? Von unserem Fürsten Potjomkin, dem Feldherrn unserer deutschen Zarin Katarina, den Beschnittenen abgetrotzt?

Hm!- sagte    Und wenn die Polen, die Ungarn, die Rumänen auch... Was bleibt dann von der Ukraine?

Mehr als genug! - sagte Matrjoschkin missgünstig. - Aber so weit kommt es wohl nicht. Mein Freund...

  zeigte dem Esquire ihren Besen...

... seine Lordschaft, - setzte Iwan unbeirrt fort, - würde schon alles regeln. Er  hat sich übrigens in der PK wieder von seiner besten Seite gezeigt: jovial, liebenswürdig, witzig. Ein anderer Prominenter...

drohte wieder mit ihrem Besen...

  schluckte den Namen herunter :- gab sich dagegen etwas verkrampft und besorgt und weigerte sich, eine indiskrete Frage nach  der Bundeswehr in Afghanistan zu beantworten...“

Trotzdem ist er ein Mann von Format, -sagte . - Ich träume davon, einmal mit ihm baden zu dürfen. Aber Schwamm drüber...

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*Ukrainische Teigtaschen, sehr bekömmlich. Gut gemacht, springen sie nach dem Zeugnis des großen russischen Dichters ukrainischer Abstammung, N.W.Gogol, selbst in den Mund. 

**Ukrainischer Wodka. Es empfiehlt sich die Sorte mit einer Paprika- Schote in der Flasche.

***So nennen die Russen die Brüder am Dnjepr, wenn sie das andere große slawische Volk erniedrigen wollen. Das matrjoschka-team will es nicht.

5.3.02

OFFENER  BRIEF ANS NORWEGISCHE KÖNIGSHAUS

VON IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ.

Eure Majestät! 

Mit großer Genugtuung habe ich,  Iwan Matrjoschkin, Esquire, erfahren, dass in  Oslo der Gedanke reift, dem Nobelfriedenskomitee nahe zu legen, den fälligen Friedenspreis an den  Präsidenten der USA, George W. Bush zu verleihen. Damit  soll das umsichtige, menschenfreundliche, aber auch entschlossene Vorgehen des Präsidenten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, den gemeinen Anstifter des neuartigen Krieges, gewürdigt werden.

Davon ausgehend, dass Sie meine prinzipienfeste Haltung in weltpolitischen Fragen und die Verehrung, die ich der derzeitigen USA-Führung entgegenbringe, kennen und im Vertrauen darauf, dass Ihnen   meine innige Beziehung  zum Herrn NATO- Generalsekretär Lord Robertson of Port Ellen, sowie dem russischen Präsidenten W.W. Putin nicht verborgen blieb, erspare ich Eurer Majestät weitere Ausführungen zu diesem Gegenstand. Nur eins: die Urheber der Demarche können voll mit meiner tätigen Unterstützung rechnen. Ich bin entschlossen, alles in meinen Kräften stehende zu tun, damit Herr Präsident Bush die wohlverdiente Auszeichnung erhält.

Ich will aber vor Ihnen nicht verheimlichen, dass die hochlobenswerte Initiative der norwegischen Adelsleute in meiner, auch in der Fremde russisch gebliebenen  Seele gewisse nostalgische Gefühle weckt. Warum?

Weil in meinem Ursprungsland Russland der Friedensgedanke stets hochgehalten wurde. Uns damaligen Sowjetbürgern lag der Weltfrieden sehr am Herzen. Von früh und bis spät, alle 365   Tage im Jahr, hatten  wir  gegen die Kriegsbrandstifter  zu kämpfen.

Es war unsere erste Bürgerpflicht.

Daran erinnerten uns unsere Führer bei jedem Anlass. Besonders aber wenn wir  ein bisschen aufmuckten. Wenn wir  über die Wohnungsnot, ungenießbare Wurst oder zu teuren Wodka meckerten (mich persönlich traf das letzte Ungemach besonders hart). Dies alles seien Bagatellen, hörten wir auf Schritt und Tritt.  Die Hauptsache, dass der Frieden  erhalten bleibt. Dank der Stärke und der Kampfeinsätze  unserer glorreichen Streitkräfte, die jeden samt der näheren und weiteren Umgebung auf die Birne schlagen, der es wagt, den Frieden zu bedrohen.

Gottlob verstanden unsere Führer die Dialektik der friedenserhaltenen Tätigkeit. Dass nur derjenige Frieden schaffen kann, der dauernd Krieg führt.

Jetzt frage mich, woher hat der zukünftige Nobelfriedenspreisträger die edle  Friedensgesinnung? Die Werke des   Generalissimus Stalin,  der uns immer den Friedenskampf  bis zum letzten Tropfen Blut predigte, hat er bestimmt nicht studiert.  Wie ich auch nicht glaube, dass er die Mühe auf sich nahm, die Reden von  Stalins Nachfolger zu studieren, die im Sinne des weisen Lehrers handelten.  In der DDR 1953, in Ungarn 1956, in  Tschechien 1968, auch in Afghanistan von 1979 bis 1988.

In dem Zusammenhang könnte ich fragen, warum denn die dem Präsidenten Bush bevorstehende  Anerkennung den sowjetischen Staatsmännern versagt blieb? Warum wurde keiner von ihnen in Oslo als Friedensheld gefeiert und durfte sich ein Milliönchen in die Tasche stecken? Das finde ich ungerecht, Eure Majestät.

Erst Michail Gorbatschow wurde die Ehre zuteil. Ausgerechnet ihm, der  Panzer nur in den eigenen  Grenzen und nur gegen eigene Ruhestörer in Bewegung setzte. Keine Friedenseinsätze in der weiten Welt!. Der Feigling!

Aber ich glaube, ich bin vom eigentlichen Thema weit abgeschweift. Das passiert mir immer, wenn ich Durst habe. Und ich habe ständig  Durst, weil die matrjoschka- Weiber geizig sind.

So muss ich wohl meinen Brief an Eure Majestät abschließen. Bevor ich mich aber von Ihnen verabschiede, bitte ich Sie, dafür zu sorgen, dass ich zum Festessen anlässlich der Verleihung des fälligen  Nobelpreises  an den hochgeehrten US- Präsidenten eingeladen werde. Denn ich trinke das dänische Bier gern und nehme an, das norwegische ist auch nicht von Übel.

     Ergebenst,

I. Matrjoschkin, Esq.,

Diener  Eurer Majestät.

P.S. Da fällt mir noch etwas ein. Einmal wurde im Kreml die Frage diskutiert, wer denn der größte Feind des Sowjetvolkes ist. Die USA? Nein, sagten die Teilnehmer der internen Beratung. Die USA nicht. Sie sind zwar stärker als die SU, aber es kommt nicht darauf an. Auch wenn sie uns besiegen, ist es nicht so schlimm. Denn dann werden sie uns ernähren müssen. Und dafür reichen ihr wheat  und pork und was sie sonst noch an Essbarem haben nicht.

Wer sind also unsere gefährlichsten Feinde? Die Chinesen! Die sind schwach. Wir werden sie besiegen müssen und nach dem Sieg  ernähren. Wer kann aber die Chinesen ernähren, ohne selbst den Hungertod zu sterben?

Warum teile ich Ihnen,  Majestät,  die Parabel mit? Damit Sie den amerikanischen Freunden einschärfen, die Schwarzarschigen nicht einfach zu jagen, sondern möglichst auch zu vernichten. Sonst werden wir alle sie ernähren müssen.

Nein, bitte nicht. Auch jetzt muss ich hart um mein Überleben  kämpfen. Mit den Weibern des matrjoschka- teams.  Um meine flüssige Nahrung. Was würde  mir erst blühen, wenn wir die zwei Milliarden  Muslime zu unseren Kostgängern zählen? 

I.M., Esq.     

EIN OFFENER BRIEF VON IWAN MATRJOSCHKIN. ESQ.,

AN USA- PRÄSIDENT GEORGE W.BUSH

Глубокоуважаемый господин президент,

erlauben Sie mir bitte, meine zutiefst empfundene Dankbarkeit  zum Ausdruck zu bringen. Ich meine hiermit speziell Ihren Befehl an die in Afghanistan für die westlichen  Werte und die Sicherheit all unserer Länder kämpfenden  US- Bomberflieger, für jeden versehentlich  getöteten  zivilen Afghanen  den Hinterbliebenen 1000 USD zu zahlen.

1000 USD sind viel Geld. Auch ich möchte sie gern haben. Leider habe ich keine Verwandten in Afghanistan. Sonst hätte ich hoffen dürfen, dass  einer von diesen  von einer Bombe erwischt wird. Dann wäre mir die Prämie sicher. Mit 1000 USD könnte ich in den nächsten drei Jahren täglich in meiner Kneipe ein Bierchen genießen, ohne mich vor den verdammten Weibern  aus dem matrjoschka- team mit Betteln erniedrigen zu müssen.

Vielleicht hätte ich nur die Hälfte von der Prämie haben wollen, die andere Hälfte aber in die US- Kriegskasse  gespendet. Schließlich kostet der Einsatz der US-Air- Force etwas. Eine Milliarde Dollar pro Tag, habe ich gehört. Es zeugt tatsächlich von einer umwerfenden Großzügigkeit, diese gewaltigen Ausgaben noch durch die oben erwähnte Geberfreudigkeit   zu vermehren. Vielleicht sollten Sie es lassen? Umso mehr, dass ich, wie gesagt, niemanden in Afghanistan habe  und deshalb auf die Prämie nicht hoffen darf.

Russland wäre was anderes. In Russland habe ich einige Verwandte. Würden Sie die Bomber nach Russland schicken, hätte ich hoffen dürfen. Auch in Deutschland habe ich inzwischen ein paar verwandte Kreaturen, deren Verlust  ich  leicht verschmerzen würde. Bitte berücksichtigen  Sie das, Mister Präsident, in Ihrer langfristigen Planung des Krieges gegen den Terror.

Sincerely,

I.Matrjoschkin, Esq. 

Geschrieben am 5.2.02 in der Kneipe  „Unter dem Sternenbanner“ in Prenzlauer Berg zu Berlin.

DER LETZTE APPELL:

IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ. APPELLIERT AN DIE WELTÖFFENTLICJKEIT :

DIE AMIS FÜHREN EUCH ALLE AN DER NASE HERUM!

Liebe Weltöffentlichkeit,

Du machst Dir über das Schicksal der Afghanen, die aus den heimatlichen Bergen auf einen USA- Stützpunkt  auf Kuba gebracht worden sind, schlimme Gedanken. Die Afghanen sollen in Ketten geschlagen sein und gefoltert werden.

Quatsch!

Ich will meine Quellen nicht verraten (ich habe es Lord Robertson von Port Ellen, meinem Freund und Wohltäter, ausdrücklich versprochen), nur soviel:

Die gefangengenommenen afghanischen Terroristen sind bestens untergebracht. Jeder hat eine zwar kleine, aber gemütliche Wohnung. Die Verriegelung der Türen und Vergitterung der Fenster dient nur einem einzigen Zweck. Die Gäste der USA- Regierung vor eventuellen  Zugriffen  der kubanischen Kommunisten zu schützen.  Also ihre Freiheit zu bewahren.

In den Wohnungen gibt es künstliches Klima; und wenn die Geräte mitunter falsch funktionieren, indem sie nicht kühlen, sondern heizen  (bei den aktuellen Temperaturen auf Kuba eine reine Stromverschwendung), dann nur weil die Amis so großzügig sind: zuviel des Guten. 

Es wird verbreitet, die Afghanen werden geschlagen. Meine Quelle hat das nicht bestätigt. Sie räumte aber ein, auf dem USA-Stützpunkt werden  ab und zu Boxmeisterschaften ausgetragen. Möglich, dass auch ein  Afghane - auf Wunsch, nur auf Wunsch !- daran teilnimmt. Sicherlich boxen die Amis   besser, was  können sie aber dafür?

Es wird verbreitet, die Afghanen sind in Ketten. Ja, aber die sind nur aus Pappe! Und werden nur zu Fototerminen angelegt!

Es wird verbreitet, sie müssen  die orangefarbene  Kluft der Todgewehten tragen. Ja, aber wie fein diese geschneidert ist! Von Armani!                       

Um die freie Zeit  der Afghanen  angenehmer zu gestalten, haben die Amis ihnen vorgeschlagen, in allen Räumen USA- Fernsehen zu installieren. Die sturen Schafhirten haben aber abgelehnt! Sie sagten, das sei die schlimmste Folter! Aus demselben Grund wollten sie auch das deutsche Fernsehen nicht haben.

Jetzt ist ein  Laienorchester im Gespräch. Ein schnellstens herbeigeholter Experte  für Freizeitgestaltung unter besonderen Verhältnissen billigte das Vorhaben. Er erinnerte  daran, dass es  in Auschwitz auch einen Gefangenorchester gegeben hätte. „Sollt ihr weniger großzügig sein, als wir es waren?“  fragte er,  als er  darauf hingewiesen wurde, dass die Afghanen  kein Saxophon  spielen können.  „Beschafft ihnen Geigen!“.

The frends waren entzückt. „Ihr Krauts lasst Euch immer was tolles einfallen“, sagten sie. Die Geigen werden gesucht. Da es nur echte Stradivaris sein sollen, dauert es  mit dem Orchester noch ein Weilchen.

Zum Punkt Verpflegung, die angeblich wenig abwechslungsreich ist, wurde mir aus sicherer Quelle verraten, die Afghanen sind zu wählerisch. Fastfood  lehnten sie ab: sollen die Deutschen es fressen, haben sie gesagt.

Cola wollen sie auch nicht. Sie wollen Stutenmilch. Da ihnen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird,  diskutiert man jetzt im Pentagon  darüber, wie viele Stuten und woher  gebracht werden sollen. Nach  vertraulichen Infos habe Präsident Bush angeboten, ein paar von seiner Ranch abzugeben. Auch eine Lieferung von Brezeln, die ihm so gut schmecken. Was wollt Ihr noch?!

Das ganze Geheule um die Afghanen  ist dämlich. Die verdammten Schwätzer von Amnesty International u.s.w. müssten sich die Frage stellen „Wem nutzt es?“. Nur der CIA, die will, dass die ganze übrige Welt aus Angst vor den USA in die Knie geht!

Eine typische Rechnung ohne Wirt. Denn alle aufgeklärten Menschen wissen, was sie von der Menschenfreundlichkeit der USA zu halten haben. Deswegen  lassen sie sich nicht von fingierten Meldungen und gestellten Fotos beeindrucken. Die CIA hat sich wieder verrechnet!

Matrjoschkin, Esq.

1.GESPRÄCHE

Volker ahnt die Signale!

I.MATRJOSCHKIN, ESQ., INTERVIEWT EINEN DEUTSCHEN POLITIKER.

Vorwort des Interviewers

Unter den deutschen Politikern geniesst einer meine besondere Hochachtung. Nicht nur wegen seiner grossen Verdienste im Bereich der Verteidigung meines geliebten deutschen Vaterlandes (zwar stammte mein Vater nicht aus Deutschland, aber egal). Es gibt noch etwas, was ihm meine besondere Hochachtung sichert. Er ist nämlich ein alter und guter Freund des Herrn Robertson, Lord of Port Ellen. In einer Veranstaltung in Berlin, der ich beizuwohnen die grosse Ehre gehabt habe, versicherte er in sehr bewegten und ausdrucksvollen Worten den Lord, seine Tätigkeit, vom Geist der Freiheit, Demokratie und Friedensliebe durchdrungen, hochzuschätzen. Und Lord Robertson blieb ihm nichts schuldig. Auch er rühmte, trotz des sprichwörtlichen britischen Hangs zu Understatements, das frühere und gegenwärtige Wirken des Herrn, vor allem seinen Beitrag zur transatlantischen Zusammenarbeit.

Als ich mir das alles anhörte, stellte ich mir vor, wie Herr Rudolf Scharping, wäre er im Versammlungsraum gewesen, sich vor Neid in die Lippen gebissen hätte. Dann aber besann ich mich darauf, dass in Deutschland auch zwischen in einigen anderen Fragen zerstrittenen Politiker in der Einstellung zur NATO totale Harmonie herrscht.

Aber zurück zum Herrn, den ich  verehre, weil er ein treuer Freund des Lord Robertson ist. Nach dem Motto "Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund". Meine warmen Gefühle zu ihm  sind so stark, dass ich manchmal von ihm träume. Und dann erscheint mir seine kräftige Gestalt, sein bulliges Gesicht und ich höre seine rauhe Stimme, die Stimme eines geborenen Feldherrn. Obwohl er ein Zivilist ist, da in einem demokratischen Staat (im Unterschied zu Russland) ein Verteidigungsminister nur ein Zivilist sein darf.

Wie meine Bewunderer bereits wissen, erlebe ich ab und zu (die Häufigkeit hängt von Zahlungen aus dem Honorarfond des Matrjoschka-Online-Konzerns ab) Zustände, wo der Traum und die Realität sich vermischen. Deswegen kann ich nicht mit gebührender Sicherheit sagen, ob das folgende Interview mit dem hochgeachteten Mann tatsächlich stattfand. Aber egal. Wir haben im Konzern eine Dame, die alle Veröffentlichungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Und die Überprüfung meines Textes ergab, die Gedankengänge meines (erträumten?) Gesprächspartners stimmen. Also bringen wir das Interview.

DAS INTERVIEW:

Ich: Wo sehen Sie bitte die Schwerpunkte deutscher Sicherheitsinteressen?

Er: Es gibt viele – und es werden immer mehr. Einer liegt im Kaukasus.

Ich: Wer bedroht uns im Kaukasus? Nicht etwa die Tschetschenen?

Er: Ach wo... Im Gegenteil: Russland.

Ich: Russland. Immer wieder Russland. Der notorische Störenfried! Womit bedroht es uns im Kaukasus?

Er: Russland behauptet, es läge ihm mehr als anderen Ländern am Kaukasus.

Ich: Auch als Deutschland?

Er: Eben!

Ich: Perfid... Wollen die Russen etwa das Vorzugsrecht geniessen, in Sotschi zu baden und auf den Elbrus zu steigen?

Er: Es geht um viel mehr: um kaspisches Erdöl.

Ich: Ist das Erdöl so wichtig?

Er: Und ob. In der Zukunft. Wenn die Quellen in der Nordsee ausgeschöpft sind. Dann können wir nicht umhin, am Kaspi kräftig zuzugreifen. Auch und vor allem die Briten.

Ich: Aha, Lord Robertson of Port Ellen lässt grüssen...

Er: Lord Robertson steht über den nationalen Interessen. Er ist ein Hüter der Solidarität der freien Welt..

Ich: Zweifellos. Selbstverständlich. Was unternimmt denn Russland, was unsere Existenz gefährdet?

Er: Es schmiedet die Achse Moskau- Jerewan-Teheran. Also, Russland- Armenien- Iran... Wenn noch das labile Georgien dazukommt, wie holen wir dann das kaspische Erdöl?

Ich: Wie hartnäckig klammert sich Russland an den Kaukasus, das ist tatsächlich empörend! Die Macht der Gewohnheit... Immerhin sind es dreihundert Jahre, die es uns aus den Gebirgen bedroht!

Er: Höchste Zeit, der Bedrohung ein Ende zu setzen.

Ich: Wird wohl nicht ganz einfach sein. Mehrmals versucht, da kam aber immer etwas dazwischen...

Er: Jetzt kommt nichts dazwischen.

Ich: Ein mächtiger deutscher Schlag auf den Tisch?

Er. Wo denken Sie hin, Esquire? Verhinderung einer humanitären Katastrophe! Zusammen mit den Verbündeten.

Ich: Wie in Kosovo?

Er: In etwa.

Ich: Bomben? Krieg?

Er: Friedenseinsatz.

Ich, in Erinnerungen schwelgend: Friedenskampf, den wir so lange führen, bis alles aus ist.

Er: Sie vergessen sich, Esquire!

Ich: Tut mir leid. Entschuldigung. Grüssen Sie bitte Lord Robertson.

Anm. von I. Matrjoschkin: Seitdem das Gespräch stattfand, sind einige Monate vergangen. Und heute muss ich mit grossem Bedauern feststellen, dass die Äusserungen meines Gesprächspartners  nicht gerade von seiner Weitsicht zeugten. Denn es hat sich inzwischen herausgestellt, der Schwerpunkt der deutschen Interessensphäre liegt nicht im Kaukasus, wie er behauptete, sondern in Afghanistan. Und Russland, das für Deutschland eine akute Bedrohung darstellen sollte, erwies sich inzwischen als ein Retter der zivilisierten Welt. So leicht irrt man sich eben, wenn man ehrlich ist...

2.TRÄUME 

3.REPORTAGEN

 

VADIM RABINOVICH, VON IWAN MATRJOSCHKIN

BEOBACHTET UND BEWUNDERT

Im Literaturhaus zu Berlin trafen sich zahlreiche Vertreter der deutschen und ausländischen Presse mit einem der reichsten Geschäftsmänner der Ukraine, Vadim Rabinovich. Anlass war das Erscheinen von Rabinovichs Vita aus der Feder des Bestsellersautors Jürgen Roth unter dem Titel "Der Oligarch".

"Matrjoschka-Online" war bei der Buchpräsentation durch Iwan Matrjoschkin vertreten. Nach seiner Rückkehr ins Redaktionshaus musste er dem Kollektiv Rede und Antwort stehen.

Wie gefiel Dir der Oligarch Rabinovich?- wurde er gefragt.

Ein prima Bursche. Ein Rothschild, wie er leibt und lebt, antwortete Matrjoschkin.

Wo hast Du denn einen Rothschild gesehen?

Nirgendwo. Jetzt weiss ich aber, was ein Rothschild ist. Und wie er spricht. So wie Vadim Rabinovich.

Wie spricht er denn?

Selbstbewusst, klug und witzig. So wie Vadim Rabinovich

An der Stelle schnupperte eine Matrjoschka die Aura von I. Matrjoschkin und sagte vorwurfsvoll: Matrjoschkin hat wieder einmal der Versuchung nicht widerstehen können. Er kam blau aus dem Literaturhaus.

Was?- empörte sich Matrjoschkin.- Ich bin blau? Hast Du mir etwa ein Glas Wodka spendiert?

Ich nicht,- sagte die matrjoschka. – Vielleicht aber Herr Rabinovich?

Denkste, Puppe, -sagte I.M.- Nichts gab es. Ausser dünnem Kaffee und Orangensaft.

Und jetzt bist du sauer?

Keinesfalls, -sagte Matrjoschkin.- Ich verstehe, dass es kein Geiz, sondern die Routine eines Milliardärs ist. Er ist gewöhnt, seine Spendabilität in Grenzen zu halten. Wie kommt er sonst zu seinen Milliarden? Jahrelang eisern sparen. Pfennig zu Pfennig legen- so und nur so entstehen grosse Vermögen.

Tatsächlich?- sagte düster eine kommunistisch verseuchte matrjoschka. – Dann rate ich auch dir, dich in Sparsamkeit zu üben. Wandere abends nicht mehr von einer Kneipe zur anderen, sondern geh schnurstracks nach Hause, ins Bett. Und melde es mir, wenn du deine erste Milliarde zusammengespart hast. Dann pumpe ich dich an.

Zwecklos,- sagte I.M.- Als Milliardär muss ich erst recht geizig sein. Herr Rabinovich unterhält z.B. mehrere Zeitungen in der Ukraine, kannst du dir vorstellen, was das kostet?

Warum tut er das?- fragte die giftige Puppe.

Wegen der Freiheit und der Wahrheit,- sagte I.M.- Im Unterschied zum Rest der ukrainischen Presse bringen seine Zeitungen die Wahrheit. Vor allem über ihn selbst.

Und die anderen verleumden ihn?

Eben!- bestätigte I.M.- Sie behaupten, Herr Rabinovich kam auf nicht ganz koschere Weise zu seinen Milliarden. Und beziehen sich auf Interpol, die Kripos der USA, Israels und der Ukraine selbst, als wären das vertrauenswürdige Quellen.

Kein Wunder, dass Herr Rabinovich gezwungen ist, die europäische Presse zu bitten, sich für die Pressefreiheit in der Ukraine einzusetzen.

Obwohl der Einsatz nicht billig ist.

Ausserdem muss er viel als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in der Ukraine ausgeben. Jeder Jude, der unverschuldet in Not gerät, erhält grosszügige Unterstützung von ihm.

Jeder Jude? Du hast also keine Chance, Matrjoschkin!- sagte die Puppe schadenfroh.- Oder bist du etwa auch einer?

Mein Vater war Jurist,-sagte I.M. diplomatisch.

Kennt ihr den alten sowjetischen Witz? -sagte hier die matrjoschka.- Zu einem sowjetischen Kaderchef kommt ein Arbeitssuchender. "Dein Name?- fragte der Kaderchef streng. "Rabinovich!- sagt der Abreitssuchende. "Ethnische Zugehörigkeit?" "Russe!" "Abgelehnt!- sagt der Kaderchef. - Mit dem Namen stelle ich lieber gleich einen Juden ein.

Sie lachte. Die anderen Holzpuppen starrten sie verständnisvoll an.

Bleiben wir sachlich,- mahnte die vorsitzführende  Puppe.

Ich wollte nur erklären, warum ich Herrn Rabinovich die Sparsamkeit nicht übelnehme, obwohl ich Orangensaft hasse wie die Pest ,- gab Matrjoschkin von sich.

Was gab es noch Bemerkenswertes?- fragte die Puppe.

Tief beeindruckt hat mich die Mitteilung, dass Herr Rabinovich acht Jahre in einem sowjetischen KZ schmachten musste, weil er die freie Marktwirtschaft als ein fait accompli in der Sowjetunion einführen wollte. Da sehen wir die ganze Barbarei der sowjetischen Kommunisten.

Im Buch "Der Oligarch" sollte der Leidensweg des überzeugten Demokraten unter den kommunistischen Herrschern beschrieben werden. Auch das Menschliche an der Figur des Herrn Rabinovich kommt dort nicht zu kurz. Der Verfasser hat in dem Zusammenhang gesagt, die zahlreichen Treffen mit dem Helden hätten ihm geholfen, die ganze Primitivität der Schwarz-Weiss- Malerei nach dem Grundsatz- hier die ehrlichen Geschäftsleute, dort die Mafiosi- zu begreifen.

Die Grenze ist tatsächlich fliessend, -hakte die Puppe ein. –Wenn überhaupt vorhanden. Also ist es ein rabinovichfreundliches Buch?- .

Ein wahrheitverpflichtetes!- antwortete Matrjoschkin.

Was musste der Oligarch für die Wahrheit rausrücken?

Keine müde Mark!- antwortete Matrjoschkin wie aus der Kanone geschossen. – Der Verfasser, Herr Jürgen Roth, ist nicht käuflich. Er hat es selbst gesagt. Und bewiesen. Denn ihm wurde viel mehr als eine halbe Million geboten, wenn er das Buch nicht herausgibt. Und er wies das Angebot mit Empörung zurück!

Eine halbe Million!- sagte seufzend die Puppe. – Ich würde es gut gebrauchen können... Für die Reise zu den Papuas. Das ist nämlich das einzige Volk, das kein Geld kennt. Einen Herrn Rabinovich würden sie schön braten und mit Appetit verspeisen...

Es gibt anscheinend auch andere, die ihn gern braten und verspeisen würden,- sagte Iwan Matrjoschkin.- Jedenfalls kam er in seinen Ausführungen immer wieder auf den Punkt. Er meinte, nach dem Erscheinen des Buches, in dem viele Tricks der Mafia offengelegt werden, blühe ihm nichts Gutes. Er würde mit Kübeln voll Schmutz übergossen. Auch ein Attentat schliesse er nicht aus...

In dem Augenblick rasten am Verlagshaus "Matrjoschka-online" mehrere Polizeiautos mit "tü-tü-ta-ta" vorbei.

"Es ist so weit!"- sagte Matrjoschkin erbleichend- und zog ein Foto aus der Tasche.

Das letzte Konterfei von Rabinovich, - verkündete er stolz. – Zehn Mark aus der Redaktionskasse und ihr habt es.

"Ach, Iwan, Iwan, -sagte die Puppe. – Wieder willst du uns deine zweifelhaften Rückansichten andrehen..."

Dann guckte sie in die durstigen Augen des Mitarbeiters, lächelte und schloss den Panzerschrank mit dem Redaktionsgeld auf...

 

MATRJOSCHKINS REISE NACH MOSKAU

Iwan Matrjoschkin wurde vom Medienkonzern "Matrjoschka-online" nach Moskau geschickt. Trotz hoher Reisekosten. Und wegen einer einmaligen Ausstellung in der Metropole an der Moskwa. Sowjetische Agitationsplakate gegen Trunkenheit.

In der Sowjetunion war nämlich jedwede Popularisierung von Alkoholgetränken strengstens untersagt. Sogar ein beschwingtes Puschkingedicht, in dem der junge Dichter seine Freunde zu einem fröhlichen Sektfrühstück einlädt, durfte im Radio nicht rezitiert werden. Obwohl sein Refrain lautet: "Es leben die Musen, es lebe der Verstand". Die Musen, der Verstand- bitte sehr. Aber ohne Sekt, erst recht ohne Wodka, lautete die Begründung der Zensur.

Als im Redaktionsteam von "Matrjoschka-online.de" der Auftrag für Matrjoschkin diskutiert wurde, wiesen die Diskussionsteilnehmer auf den hohen erzieherischen Wert des avisierten Ausstellungsbesuches. "Matrjoschkin hat es bitter nötig,- sagten die weiblichen Puppen,- mit den schlimmen Folgen des übermässigen Alkoholgenusses konfrontiert zu werden."

Die eine scheisskluge matrjoschka hatte Bedenken. Sie führte ins Feld, dass die Sowjetmacht gar nicht ernsthaft gegen die Trunkenheit vorgegangen war. An Wodkaproduktion verdiente sie ja das Meiste. Mehr als an Erdöl. Jede Flasche brachte bis zu 95 Prozent Gewinn. Ohne die Einnahmen wäre der Staat viel eher pleite gewesen. Oder müsste die Waffenfabriken stoppen, was eine riesige Arbeitslosigkeit zur Folge hätte.

So hielt sie die  in Moskau ausgestellten sowjetischen Plakate für eine zynische Augenwischerei der gewesenen Staatsmacht. Eine positive Wirkung sei von der Ausstellung nicht zu erwarten. Auf die Stamm-Moskauer nicht, die jetzt, vor Ärger über die Zustände getrieben, womöglich noch mehr als ihre Landsleute von damals saufen.

Und speziell auf Matrjoschkin auch kaum.

Zumal der Kollege, der sich nach einem angeblichen tete-a-tete- Gespräch  mit dem NATO-Generalsekretär, Lord Robertson of Port Ellen, selbst adelte und Esquire nennt, bereits einige Entzugskuren unbeschadet überstand.

Recht sollte sie behalten. Das war zu sehen und zu riechen, als Matrjoschkin nach kurzem Besuch in der russischen Hauptstadt wieder in Berlin eintrudelte.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war er voll Lob für die Ausstellung. Sein Bericht leitete er mit der Beschreibung eines Plakats aus dem Jahre 1930 ein. Dieses zeigt einen total verbiesterten Muschik und seine verhungerte Familie . Drunter der Satz: "Du versäufst alles und deine Nächsten verhungern!". Sehr ausdrucksvoll, sagte Matrjoschkin.

Merkt Euch das Datum: 1930! Das Jahr, in dem Russland von einer Hungersnot heimgesucht wurde. Die Ursache wurde in der Vernichtung des traditionellen Bauernbetriebs und die Einführung der "sozialistischen" Kollektivwirtschaft gesucht. Das Plakat stellte das richtig:  die Bauern waren selbst an ihrem Unglück schuld. Zu viel gesoffen!

Was hast Du, Esquire, noch in der Ausstellung gesehen, wandte  sich eine Puppe, die Stirn runzelnd, an Matrjoschkin.

Unvergessen bleibt mir, sagte er ein wenig verwirrt, das Plakat, wo bildlich dargestellt wird, wieviel Korn durch die Wodkaproduktion verloren geht. 2,4 Millionen Tonnen im Jahr. Ein Berg von Korn, der reichen würde, um fünf Millionen Menschen zu ernähren.

Das Datum des Plakats?

1933,- sagte Matrjoschkin, nachdem er im mitgebrachten Katalog geblättert hatte.

In dem Jahr befahl Stalin, 5.000.000 Tonnen Weizen nach Deutschland auszuführen, sagte die geschichtsbewusste Puppe. Und in der Ukraine starben etwa 2,4 Millionen Menschen vor Hunger. Wieder also die Schuldzuweisung an die Opfer... Weiter, Matrjoschkin!

Sehr lehrreich auch ein Plakat aus dem selben Jahr, worauf eine Wodkaflasche neben einem Käsekopf abgebildet ist,- sagte Esquire.- Die Unterschrift teilt mit, der Käsenährwert sei 78 mal höher.

"Ha-ha,-kicherte die Puppe.- Trinkt keinen Wodka, esst Käse! Das erinnert mich an den Rat der französischen Königin Marie- Antoinette an ihre hungernden Landsleute: Wenn Ihr kein Brot kriegt, esst brioche!"

Die anderen Matrjoschkas fanden das keineswegs komisch. Nur Matrjoschkin lachte blöde.

Aber am meisten gefiel mir das Plakat mit zwei KGB-Männern,- sagte er, wieder ernst geworden.- Beide sehr adrett. Der eine fröhlich, der andere traurig. Warum ist er traurig? Weil er vor den Schiessübungen getrunken hat. Nur ein Glas Wodka. Aber es hätte gereicht, um seine Zielsicherheit um das Dreifache zu senken. Das Jahr 1936,- teilte er mit, der Frage der geschichstbewussten Puppe zuvorkommend.

"Ach so.1936, der grosse Terror, - sagte sie.- Komisch. Wozu brauchten die KGB-Männer um die Zeit Zielsicherheit. Für Genickschüsse in den Hinrichtungskellern? Das geht auch ohne Zielsicherheit".

"Alles, was ich berichte,- sagte Matrjoschkin indigniert,- wird durch den Kakao gezogen. Habe ich etwa umsonst die Strapazen der Reise auf mich genommen?"

"Keineswegs,- sagte die Puppe.- Insbesondere, wenn Du das eigene Verhalten einer strengen Überprüfung unterziehst".

"Ab Morgen tue ich das,- sagte Matrjoschkin.- Heute aber muss ich mich entspannen. Deswegen beantrage ich hiermit eine Prämie von 50 DM, bzw. 26 Eur."

Wofür willst die Prämie haben?- fragte die Puppe, die die Kasse betreut.

Für einen unfreiwilligen Entzug während drei qualvoller Tage , -erklärte Matrjoschkin.

Die Puppe seufzte und ging zum Geldschrank.

 

DIE POLITIK IM XXI.JAHRHUNDERT

Das war das Thema einer Podiumsdiskussion der SPD über "Internationale Politik im 21. Jahrhundert". Ich ging hin, weil ich den Vorsitzenden der SPD, Herr Bundeskanzler Gerhard Schröder, erleben wollte. Leider konnte er aber die Konferenz nicht eröffnen, da er in Nizza im EU-Stau steckengeblieben war, und so vertrat ihn der Präsident der Sozialdemokratischen Partei Europas Herr Bundesminister Rudolf Scharping.

 

Neben dem Generalsekretär der OECD Herrn Donald J. Johnston waren als Podiumsdiskutanten noch der Vorsitzende des Vorstandes der Renault S.A., Paris, Herr Louis Schweitzer (Enkel des gleichnamigen Albert) und der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG Dr. Heinrich von Pierer mit von der Partie. Moderiert wurde die Diskussion vom Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Dr. Christoph Bertram. Die SWP versteht sich als Beratungsorgan der Bundesregierung (obgleich der Herr Bundeskanzler ja eigentlich als Berater "den Steiner" hat, was ihm laut seiner eigenen Auskunft reicht).

Ich war nun sehr gespannt, was das erlauchte Podium zum Thema "Internationale Politik" zu sagen hätte.

Am meisten sprach Herr Dr. Heinrich von Pierer. Eloquent, witzig und selbstbewusst, streifte er die Ereignisse in der unruhigen Welt. Ein echtes Engagement merkte man ihm erst an, als er gegen das "robuste", wie er sagte, Verhalten der Amis im Wettbewerb mit den Deutschen loszog. Unter anderem empörte er sich darüber, dass Washington den USA-Konzernen mit verdeckten Subventionen (lukrativen Rüstungsaufträgen, z.B.) Wettbewerbsvorteile sichert. Sonst beteuerte er, die deutschen Spitzenunternehmer würden schon ihren Mann stehen. Natürlich wenn ihnen keine Knüppel vor die Füsse z.B. in Form von Mitbestimmung der Arbeitnehmer oder des staatlichen Dirigismus geworfen werden. Will ich, Iwan Matrjoschin, Esq., sehr hoffen.

Die anderen Teilnehmer sprachen zwar die in verschiedenen Weltteilen lauernden Gefahren an, aber in der Substanz kaum anders, als es in einer üblichen Talk Show tagtäglich geschieht.

Von Visionen für das 21. Jahrhundert keine Spur.

Das enttäuschte mich sehr. Und nicht nur mich. Kein Wunder, dass sich der Saal allmählich lichtete. Die Übriggeblieben gaben keinerlei Zeichen echter Anteilnahme . Sie wurden erst richtig wach, als Herr Dr. Heinrich von Pierer das neue Handy von Siemens vorführte. Er versprach, das Ding komme demnächst in die Läden, damit es noch rechtzeitig auf Weihnachtsgabentischen landen kann. Die Anwesenden lachten laut und vergnügt und klatschten Beifall. Ich auch. Insgeheim hoffte ich, jeder Zuhörer würde jetzt das Wunderding geschenkt kriegen. Keine Spur. Die Geizhalse von Siemens dachte daran nicht. Sie denken anscheinend nur an sich selbst.

Besonders enttäuschte mich aber der Abschluss der Veranstaltung. Und zwar ließ Moderator der Debatte Herr Dr. Bertram am Ende ein wichtiges Statement hören ("Ich glaube, Sie- also die Gäste- kriegen jetzt was zu essen"), das sich als arglistige Täuschung erwies. Außer Kaffee und Tee wurde nichts angeboten. Und das nach einer dreieinhalbstündigen Behandlung mit Allgemeinplätzen.

Somit hat die II. Internationale in meinen Augen an Ansehen verloren.

Vielleicht ist es an der Zeit, die III.zu reaktivieren, deren Veranstaltungen reichlich mit Wodka- und Kaviargenuss begleitet wurden? Wenigstens als Gen. Sinowjew (ein Lebemann durch und durch!) noch den Vorsitz führte.

Leider wurde er später auf Stalins Befehl erschossen ( der Dshugaschwili zog dem russischen Wodka den georgischen Wein und dem Kaviar getrocknete Feigen vor). Dann kam der langweilige Gen. Manuilski und noch später der würdige Bulgare Dimitroff.

Der genoss im ZK der WKP (b) wenig Ansehen. So wurde das Etat der III. Internationale drastisch gekürzt- mit verheerenden Folgen für die Speise- und Getränkekarte der Veranstaltungen.

Das war ein Omen. Bereits 1940 erwog Stalin die Abwicklung der III. Internationale als eine kleine Aufmerksamkeit für den damaligen Freund Adolf.

Dennoch wollte er zuerst mit dem Gen. Dimitroff abrechnen, den er insgeheim für einen Verräter hielt. Der Vater aller Völker der Welt konnte sich nämlich gar nicht vorstellen, das Reichsgericht in Leipzig hätte 1934 die Anklage gegen den Bulgaren, den Reichstag angezündet zu haben, tatsächlich mangels Beweise fallen gelassen. Denn in der SU kam damals eine Anklage dem Urteil gleich und so etwas wie Beweisführung wurde für eine bürgerliche Marotte gehalten.

Also verzögerte sich die Liquidierung der III. Internationale. Sie wurde erst 1943 vollzogen- als eine kleine Aufmerksamkeit für die neuen Freunde, Franklin und Winston.

Die meisten Damen und Herrn aus dem ehrenwerten Verein mussten sich vorher mit der äußerst schmalen Kost auf dem Archipel Gulag zufrieden geben- soweit sie von Stalins Schergen noch nicht erledigt worden waren.

Das ist also die kurze kulinarische Geschichte der III. Internationale.

Es gibt noch eine IV., deren Gründer L.D. Trotzki nicht so sehr hinter guten Köchen, sondern eher hinter liebeshungrigen Revolluzerinnen her war.

Womit seine Verehrer, die Trotzkisten, jetzt ihren weltrevolutionären Hunger stillen, entzieht sich unserer Kenntnis. Vermutlich mit fastfood.

Zum Ausgangspunkt zurück: Ich habe nicht erwartet, dass die II. Internationale, die einzige, von der ich Gutes erhoffe, ihre Gäste derart hinters Licht führen konnte. Schließlich ist sie nicht arm. Und "Adlon" hat eine wunderbare Küche und ein sehr schönes Ambiente...

Vielleicht wäre das Malheur nicht passiert, wäre Herr BK in Nizza nicht aufgehalten worden.

Wie teuer uns die Streitigkeiten in der EU kommen!

Allerdings wurde ich am Abend des Tages für die schlechte Behandlung im "Adlon" entschädigt. Es gab nämlich einen Empfang in der Russischen Botschaft. Aus Anlass der Preisverleihung an Deutsche, die sich für leidende Russen engagieren. Nach beeindruckender Schilderung der russischen Nöte und deutscher Barmherzigkeit durch Alt-Bundespräsident Weizsäcker und die Kollegin Krone-Schmalz (die mit der komischen Frisur) gingen vielzählige Gäste ans Werk.

Mir stockte der Atem. Wie sollte ich Berge von Bliny mit Kaviar (allerdings dem roten) und erstklassigem Lachs schildern. Und das war bei weitem nicht alles...

Es lebe die russische Gastfreundschaft! Да здравствуют хлебосольные русские!

12.12.00

 

4. APPELLE

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