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WAHR IST VIELMEHR: IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., DEMENTIERT DIE DPA

 

In dieser Angelegenheit habe ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., Medienchefexperte des Matrjoschka - Konzerns, folgendes zu erklären:

 

Die Deutsche-Presse-Agentur  (DPA), versucht dem matrjoschka-Konzern als  Quelle realitätsbezogener Information über Russland Konkurrenz zu machen. Ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Das zeigt der jüngste, von vielen deutschen Zeitungen unvorsichtigerweise übernommene dpa-Bericht über den Smog in Moskau. In diesem Bericht wird behauptet, die russischen Behörden unternehmen sehr wenig für die Bekämpfung der Wald-, Wiesen- und Sumpfbrände um die russische Hauptstadt herum. Dabei seien diese Brände der Smogverursacher, unter dem die Moskauer Bevölkerung  leidet.    

 

Ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., bin ermächtigt, diesen Bericht zu dementieren. Wahr ist vielmehr, dass die Moskauer Behörden vieles gegen die Brände tun.

 

  1. Die russische Staatsanwaltschaft hat 3 000 (dreitausend!) Verfahren gegen  Personen angestrengt, die verdächtigt werden, gegen das Unheil keine Vorsorge getroffen zu haben. Die ganze russische, davor auch die sowjetische Geschichte beweist, dass die strafrechtliche Verfolgung  eines möglichst breiten Personenkreises das beste Mittel ist, Probleme zu lösen. Noch besser wäre es natürlich, die Verdächtigen wie auch Unverdächtigen ohne  Federlesen einzulochen. Aber leider geht das heute in Russland nicht. Schließlich haben wir jetzt dort einen Rechtsstaat. Übrigens, stellen Sie sich vor, wie viel Ermittlungsverfahren  könnten die deutschen Staatsanwälte im Zusammenhang  mit der Flutkatastrophe einleiten, wären sie so pflichtbeflissen wie die russischen.

 

  1. Ein anderes probates Mittel der Bewältigung der Extremsituationen war in Russland seit jeher, den lieben Gott um seinen Beistand zu bitten. Das wurde auch jetzt ausgiebig getan. In großen Moskauer Kathedralen gab es extra Gottesdienste. Die gläubigen  wie auch die ungläubigen hohen Regierungsfunktionäre ersuchten den Himmel um Regenfälle, die bekanntlich jeden Brand sofort löschen. Leider bewirkten die Fürbitten wenig.  Der liebe Gott  hat anscheinend das Wasser vom Himmel an eine falsche Adresse geschickt- nach Deutschland.  Dafür aber können die Regierungsmitglieder in Moskau nichts. Sie haben zwar viel Macht, aber nur auf der (russischen) Erde, nicht im Himmel.

 

Jeder Mensch, der es mit der Wahrheit hält, muss jetzt einsehen, was  die Berichterstattung der dpa, die behauptet hat, in Moskau rege sich nichts, wert ist. Dagegen bringt der von mir vertretene matrjoschka -Pressekonzern Wahrheit, Wahrheit und nichts als Wahrheit. Und beansprucht kein Geld dafür, was ich, von den weiblichen Holzpuppen ausgebeuteter Iwan Matrjoschkin, Esq., sehr bedauerlich finde.

 

Geschrieben  am 6.9.02. um 20.30 Uhr in der Eckkneipe „Bei Tusnelda“ im Prenzlauer Berg, Berlin.

 

 

PAWLIK MOROZOW

 

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern kennt die russische Geschichte keine Glaubenskriege. Ergo kennt Russland  auch keine Bilderstürme in der Vergangenheit. In der Gegenwart schon, aber nicht  mit kirchlichem  Hintergrund. Seinem Bildersturm fallen kommunistische Ikonen zum Opfer.

 

In diesen Tagen wurde eine der letzten entweiht. Das Runet brachte nämlich die Ergebnisse einer journalistischen Ermittlung über das Leben und den Märtyrertod eines geheiligten Knaben. Er hieß Pawlik Morozow.

 

Auf diesen  Namen waren in der Sowjetunion Strassen, Plätze und Kriegsschiffe getauft. Kaum ein Heranwachsender, der von Pawlik Morozow  nichts kannte. Seiner Vita galten gefühlsvolle Bücher, Filme und Theateraufführungen.

 

Was hat er denn vollbracht?

 

Es hieß, er  wäre ein überzeugter Anhänger des Kommunismus. Als ein solcher nahm er nicht hin, dass sein Vater, ein Bauer, die Kornvorräte versteckte, anstatt sie dem Staat abzuliefern. So schrieb  er an  die   sowjetische Geheimpolizei einen Bericht. Der Vater kam ins Gefängnis.

      

Seltsamerweise begeisterte Pawliks  kühne Tat seine Verwandten    nicht.  Sie beschlossen, den jungen Denunzianten umzubringen. Was sie auch getan haben.

 

 So lautete die Legende, die dem Jungen einen Helden- und Martyrerkranz flocht.

 

Übrigens hat der allmächtige Diktator Stalin daran mitgeflochten. Er hatte nicht gerne, wenn seine Untertanen schwer kontrollierbare  private Bindungen über die Bindung zum Staat stellten. Er sorgte für die extensive Anwendung der  Sippenhaft. Fast bei jedem Behördengang musste man angeben, ob man Verwandte hat, die sich etwas Schlimmes zuschulden kommen ließen. Hatte man welche, lagen deine Chancen,  eine bessere Wohnung, einen begehrten Studien- oder Arbeitsplatz zu erhalten nicht gerade günstig.

 

Der tiefere Sinn des Verfahrens bestand darin, die verwandtschaftlichen Bindungen anzuknacken  und die Denunziationen der Nächsten zu stimulieren. Was ein richtiger Sowjetmensch ist, sollte vor allem den Vater Staat verehren und Genossen Stalin, der sich nicht von ungefähr den Titel des Vaters aller Völker zulegte.

 

Die anrührende Geschichte von Pawlik Morozow passte in die Masche ausgezeichnet.

 

Jetzt, genau siebzig  Jahre später, stellte sich heraus, sein Märtyrertod fand tatsächlich statt. Bloß die Mörder waren keine Rächer für die Denunziation des leiblichen Vaters. Es sollen zwei Provokateure gewesen sein, die im Sold der sowjetischen Geheimpolizei standen. Die Verwandten des jungen Helden, beschuldigt ihn umgebracht zu haben,  taten es nicht. Das gegen sie angestrengte Verfahren hat keine überzeugenden Beweise ihrer Schuld erbracht. Trotzdem wurden sie kurzerhand erschossen. Stalin selbst heiligte es. Er brauchte eben die Legende. Um jeden Preis. 

 

Ach Du, lieber Gott! Wieder stehen Umbenennungen der Strassen und Plätze, das Abtragen von Denkmälern und die Entfernung von nicht mehr aktuellen Büchern aus den Schulbibliotheken in Russland ins Haus. Der Bildersturm geht weiter. 

 

Einst schworen sowjetische Knirps auf  Pawlik Morozow als ihr Ideal.  Jetzt beantworten viele die Frage nach ihrem Berufswunsch mit Gangster. Was ist denn besser? Die Holzpuppen kennen keine Antwort.  

5.09.02

 

 

EIN OFFENER BRIEF VON IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., AN DEN ALTBUNDESKANZLER HERR DR. HELMUT KOHL.

 

Sehr geehrter Herr Dr. Kohl,

 

als  Chef des Protokolls im Matrjoschka- Pressekonzern  und ein Mann von  Welt, der immer wieder Gelegenheit hat, mit  Politikern ersten Ranges  zu sprechen, möchte ich Ihnen meine tief empfundene Hochachtung  im Zusammenhang  mit der von einigen Presseorganen  gegen Sie entfesselten Hetze zum Ausdruck  bringen. Ich  stelle mich neben Sie, sollen die vergifteten Pfeile, die gegen Sie abgeschossen werden, auch mich treffen. Die Qual nehme ich gern auf mich. Ihretwegen.

 

Aber wollen  wir  die Lage nicht dramatisieren.  Wir,  die im Scheinwerferlicht der Medien stehen, müssen uns an einiges gewöhnen.  Diese Reportermeute...  Einen Mann wie Sie  wegen einer Bagatelle zu nerven, ist tatsächlich    schäbig. Genauso schäbig, wie mich wegen einiger Bierchen so  runterzumachen, wie die weiblichen Holzpuppen es regelmäßig tun. Aber was bleibt uns beiden übrig,  als auch damit zu leben. Wir wissen, dass die Mittelmäßigkeit  die  Größe  schwer verkraftet und versucht, immer wieder vom Sockel zu stürzen.

 

Wenn ich mich nicht irre, ging diesmal die Hetze deswegen los, weil Sie jemanden mit Hermann Göring verglichen haben. Anscheinend meinte  der Betroffene, der vielleicht vor kurzem eine Hungerkur absolvierte, Sie hätten ihm damit eine gewisse Beleibtheit zum Vorwurf gemacht und reagierte darauf  allergisch. Bekanntlich sind manche Männer sehr eitel  in Bezug auf ihre Figuren. Wir sind es nicht, sehr geehrter Herr Altbundeskanzler Dr. Kohl. Wir beide haben keine Wespentaillen, machen uns aber deswegen keinen Kopf. Ich  verzichte  nicht auf meine zwei, drei, vier... Bierchen am Abend, gesetzt den Fall, die Holzpuppen halten mich  nicht zu kurz. Und Sie? Ich glaube nicht, dass Sie auf Ihren  Saumagen  wegen der schlanken Linie verzichten. Das wäre unmännlich! – Herr Altbundeskanzler. Wir müssen unseren Umfang pflegen.

 

Und was ist schon  ein Vergleich mit Göring! Fast ehrenvoll. War doch Göring ein gut gewachsener, gut ernährter Mensch, kein Kostverächter und ein strammer Trinker. Ich erinnere mich , dass Sie einst den weltweit  gefeierten Gorbi mit Goebbels  verglichen. Das war wirklich ein starker Tobak, denn Goebbels im Unterschied zu Gorbi war dünn, krumm, unansehnlich. So gesehen, war es ein historisch falscher Vergleich. Aber Gorbi machte daraus kein  Drama, er ließ es über sich ergehen und bewarb sich weiterhin um Ihre geschätzte Freundschaft. Sonst wäre Deutschland- Gott behüte- unwiedervereinigt geblieben.

 

Und übrigens: damals, als Sie Gorbi mit Goebbels verglichen,  verhielt sich  die Zeitungsmeute in Deutschland still! Man schrie nicht Zeter und Mordio, sondern gab dezent zu verstehen, dass ein Russe sich geschmeichelt fühlen muss, wenn er mit einem deutschen Politiker verglichen wird, sei der Politiker auch ein Goebbels.

 

Ja, das ist es, sehr geehrter Herr Dr. Kohl. Wenn Sie schon ihren Vergleich mit Göring los sein wollten, sollten Sie sich einen Russen dafür suchen. Die schlucken alles, wenn es aus Deutschland kommt.

 

Den Fehler müssen sie ausbügeln. Schwierig ist es nicht. Der Vorrat für geistreiche Vergleiche ist bei weitem noch nicht erschöpft.  Sie können zum Beispiel noch  Himmler heranziehen, den Führer der SS.  Oder Ribbentrop, Hitlers Außenminister, ein wirklich eleganter Mann. Vielleicht würde sich der russische Außenminister Igor Iwanow sehr freuen, wenn Sie ihm Ribbentrop an die Seite stellen.  Wenn er aber Faxen macht, können Sie ihm was zukommen lassen. Wie damals Gorbi. Dann ist die Sache  erledigt  und Sie haben Ihren Spaß. Versuchen Sie es. Bitte.

 

In diesem Sinne,

Ihr ergebener Iwan Matrjoschkin, Esq.     

 

 

PREUSSISCHE STARS AUF MOSKAUER BÜHNE

 

So betitelte Gazeta.ru einen Bericht über die Aufführung von Thea Dorns Stück „Marleni“ im Gogol- Theater  der russischen Hauptstadt. Im Mittelpunkt des Theaterspiels steht  ein   Treffen von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl, bei dem sich die Damen temperamentvoll auseinandersetzen, vor allem darüber, warum die eine  mit den Nazis und  die andere mit den Amis ins Bett ging und was lohnender war. Für die Russen sollte eigentlich die Frage nicht sehr aktuell sein. Aber sie fasziniert anscheinend den Moskauer Theaterbesucher. Jedenfalls hat die Aufführung einen Bombenerfolg. Das Theater saniert seine Finanzen, das Publikum hat seinen Spaß.

 

Der ist vermutlich umso größer, weil das Theater, das früher mit dezenten Aufführungen russischer Klassiker glänzte, diesmal  Klamauk präsentiert.  Die beiden Diven erscheinen als hässliche Megären auf der Bühne und agieren in Chaos und Schmutz. Besonders widerwärtig gibt sich  „Marlene“, die  einen afrikanischen Tanz aufführt, ihren Nachttopf auf die Theaterbretter leert und sich mit Hochprozentigem voll pumpt.

 

So beweist das Gogol- Theater, wie produktiv der freie Austausch von ästhetischen Werten und besten Traditionen zwischen der russischen, früher eigentlich eher auf Tschechow  und Stanislawski orientierten  Bühnenkunst und der europäischen Moderne sein kann. Deswegen empfiehlt das matrjoschka- team  der Berliner Volksbühne, das Gogol-Theater zu einer Gastaufführung einzuladen. Sie würde sich auf dem Rosa-Luxemburg – Platz  ganz toll ins Repertoire einfügen.

25.8.02         

 

NU POGODI!

Für das Wochenende 23.8.-25.8  ist auf der Berliner Radrennbahn in Weißensee  eine große Veranstaltung gegen Rassismus angekündigt.

 

Die Veranstalter haben sich einen schönen Namen für ihr Unternehmen einfallen lassen. Das  sind die russischen Worte „Nu, pogodi!“ Sie prangern auf ihren Plakaten  und bedeuten in etwa „Na, warte!“ Sie erinnern an einen in Russland sehr beliebten Trickfilm über einen Wolf, der einen Hasen verfolgt und dabei immer wieder den Kürzeren zieht. Auch die jedem Russen geläufigen Figuren  des dämlichen grauen Räubers und des schlauen  Langohrs zieren  diese Plakate, herausgegeben von einem breiten Bündnis von Vereinen und Presseorganen, die sich im Kampf  gegen Diskriminierung der Fremden stark engagieren.

 

In letzter Zeit ist dieser Kampf in  Deutschland noch relevanter geworden als früher. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit  werden immer aggressiver. Immer öfter berichten deutsche Medien von  rassistisch motivierten Untaten.  Es sind  nicht nur die sattsam bekannten Skinheads, in deren Mitte    rassistisches und fremdenfeindliches Gedankengut gepflegt wird. Der Bazillus breitet sich auch in Gesellschaftsschichten aus, die früher als  immun dagegen galten. Die politische, soziale und  wirtschaftliche Unsicherheit  erhöht die Ansteckungsgefahr.

 

Zu den Opfern der rassistischen und fremdenfeindlichen Übergriffen werden immer öfter Angehörige der in Deutschland recht zahlreichen  Ausländergemeinden. Darunter auch ehemalige russische Bürger, die in Deutschland leben. Die sogenannten Russlanddeutschen nicht ausgenommen. Vor kurzem wurden zwei  Jugendliche aus dieser Bevölkerungsgruppe, die es wagten, sich in einer westdeutschen Stadt einem Skinheadaufmarsch in den Weg zu stellen, schwer  misshandelt. Das spricht sich rum. Im Ergebnis kapseln sich die neuen Bürger Deutschlands ab. Trotz der Bemühungen der deutschen Behörden, ihre Integration in die Gesellschaft zu fördern. Denn die Erfahrungen sagen, dass ein Fremder  wenig Chancen hat, in einem von der Fremdenfeindlichkeit  infizierten Milieu Anerkennung und Aufnahme zu finden.

 

Vor diesem Hintergrund ist die dreitägige Veranstaltung unter dem Motto  „Nu, pogodi“ auf der Radrennbahn in Berlin-Weißensee ein ermutigendes Zeichen. Sie ist vor allem auf die  Jugendlichen ausgerichtet. Ihnen wird eine breite Palette von Musik- und Tanzensembles, Filmvorführungen, aber auch von Diskussionen  und Lesungen angeboten.

 

SicheSicherlichrlich sind  die  Veranstalter  nicht mit einem Hasen aus dem russischen Trickfilm gleichzusetzen. Aber hoffentlich  werden sie dem seine scharfen Zähne fletschenden Wolf des Rassismus eins auswischen, wie es dem Hasen aus dem Film,  der die Stupidität der nackten Gewalt anschaulich machte,  immer wieder gelang.

16.08.02

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