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Die Puppen sind anklickbar
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WAHR IST VIELMEHR: IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., DEMENTIERT DIE DPA In dieser Angelegenheit habe ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., Medienchefexperte des Matrjoschka - Konzerns, folgendes zu erklären: Die Deutsche-Presse-Agentur (DPA), versucht dem matrjoschka-Konzern als Quelle realitätsbezogener Information über Russland Konkurrenz zu machen. Ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Das zeigt der jüngste, von vielen deutschen Zeitungen unvorsichtigerweise übernommene dpa-Bericht über den Smog in Moskau. In diesem Bericht wird behauptet, die russischen Behörden unternehmen sehr wenig für die Bekämpfung der Wald-, Wiesen- und Sumpfbrände um die russische Hauptstadt herum. Dabei seien diese Brände der Smogverursacher, unter dem die Moskauer Bevölkerung leidet. Ich, Iwan Matrjoschkin, Esq., bin ermächtigt, diesen Bericht zu dementieren. Wahr ist vielmehr, dass die Moskauer Behörden vieles gegen die Brände tun.
Jeder Mensch, der es mit der Wahrheit hält, muss jetzt einsehen, was die Berichterstattung der dpa, die behauptet hat, in Moskau rege sich nichts, wert ist. Dagegen bringt der von mir vertretene matrjoschka -Pressekonzern Wahrheit, Wahrheit und nichts als Wahrheit. Und beansprucht kein Geld dafür, was ich, von den weiblichen Holzpuppen ausgebeuteter Iwan Matrjoschkin, Esq., sehr bedauerlich finde. Geschrieben am 6.9.02. um 20.30 Uhr in der Eckkneipe „Bei Tusnelda“ im Prenzlauer Berg, Berlin.
PAWLIK MOROZOW Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern kennt die russische Geschichte keine Glaubenskriege. Ergo kennt Russland auch keine Bilderstürme in der Vergangenheit. In der Gegenwart schon, aber nicht mit kirchlichem Hintergrund. Seinem Bildersturm fallen kommunistische Ikonen zum Opfer. In diesen Tagen wurde eine der letzten entweiht. Das Runet brachte nämlich die Ergebnisse einer journalistischen Ermittlung über das Leben und den Märtyrertod eines geheiligten Knaben. Er hieß Pawlik Morozow. Auf diesen Namen waren in der Sowjetunion Strassen, Plätze und Kriegsschiffe getauft. Kaum ein Heranwachsender, der von Pawlik Morozow nichts kannte. Seiner Vita galten gefühlsvolle Bücher, Filme und Theateraufführungen. Was hat er denn vollbracht? Es hieß, er wäre ein überzeugter Anhänger des Kommunismus. Als ein solcher nahm er nicht hin, dass sein Vater, ein Bauer, die Kornvorräte versteckte, anstatt sie dem Staat abzuliefern. So schrieb er an die sowjetische Geheimpolizei einen Bericht. Der Vater kam ins Gefängnis.
Seltsamerweise begeisterte Pawliks kühne Tat seine Verwandten nicht. Sie beschlossen, den jungen Denunzianten umzubringen. Was sie auch getan haben. So lautete die Legende, die dem Jungen einen Helden- und Martyrerkranz flocht. Übrigens hat der allmächtige Diktator Stalin daran mitgeflochten. Er hatte nicht gerne, wenn seine Untertanen schwer kontrollierbare private Bindungen über die Bindung zum Staat stellten. Er sorgte für die extensive Anwendung der Sippenhaft. Fast bei jedem Behördengang musste man angeben, ob man Verwandte hat, die sich etwas Schlimmes zuschulden kommen ließen. Hatte man welche, lagen deine Chancen, eine bessere Wohnung, einen begehrten Studien- oder Arbeitsplatz zu erhalten nicht gerade günstig. Der tiefere Sinn des Verfahrens bestand darin, die verwandtschaftlichen Bindungen anzuknacken und die Denunziationen der Nächsten zu stimulieren. Was ein richtiger Sowjetmensch ist, sollte vor allem den Vater Staat verehren und Genossen Stalin, der sich nicht von ungefähr den Titel des Vaters aller Völker zulegte. Die anrührende Geschichte von Pawlik Morozow passte in die Masche ausgezeichnet. Jetzt, genau siebzig Jahre später, stellte sich heraus, sein Märtyrertod fand tatsächlich statt. Bloß die Mörder waren keine Rächer für die Denunziation des leiblichen Vaters. Es sollen zwei Provokateure gewesen sein, die im Sold der sowjetischen Geheimpolizei standen. Die Verwandten des jungen Helden, beschuldigt ihn umgebracht zu haben, taten es nicht. Das gegen sie angestrengte Verfahren hat keine überzeugenden Beweise ihrer Schuld erbracht. Trotzdem wurden sie kurzerhand erschossen. Stalin selbst heiligte es. Er brauchte eben die Legende. Um jeden Preis. Ach Du, lieber Gott! Wieder stehen Umbenennungen der Strassen und Plätze, das Abtragen von Denkmälern und die Entfernung von nicht mehr aktuellen Büchern aus den Schulbibliotheken in Russland ins Haus. Der Bildersturm geht weiter. Einst schworen sowjetische Knirps auf Pawlik Morozow als ihr Ideal. Jetzt beantworten viele die Frage nach ihrem Berufswunsch mit Gangster. Was ist denn besser? Die Holzpuppen kennen keine Antwort. 5.09.02
EIN OFFENER BRIEF VON IWAN MATRJOSCHKIN, ESQ., AN DEN ALTBUNDESKANZLER HERR DR. HELMUT KOHL. Sehr geehrter Herr Dr. Kohl, als Chef des Protokolls im Matrjoschka- Pressekonzern und ein Mann von Welt, der immer wieder Gelegenheit hat, mit Politikern ersten Ranges zu sprechen, möchte ich Ihnen meine tief empfundene Hochachtung im Zusammenhang mit der von einigen Presseorganen gegen Sie entfesselten Hetze zum Ausdruck bringen. Ich stelle mich neben Sie, sollen die vergifteten Pfeile, die gegen Sie abgeschossen werden, auch mich treffen. Die Qual nehme ich gern auf mich. Ihretwegen. Aber wollen wir die Lage nicht dramatisieren. Wir, die im Scheinwerferlicht der Medien stehen, müssen uns an einiges gewöhnen. Diese Reportermeute... Einen Mann wie Sie wegen einer Bagatelle zu nerven, ist tatsächlich schäbig. Genauso schäbig, wie mich wegen einiger Bierchen so runterzumachen, wie die weiblichen Holzpuppen es regelmäßig tun. Aber was bleibt uns beiden übrig, als auch damit zu leben. Wir wissen, dass die Mittelmäßigkeit die Größe schwer verkraftet und versucht, immer wieder vom Sockel zu stürzen. Wenn ich mich nicht irre, ging diesmal die Hetze deswegen los, weil Sie jemanden mit Hermann Göring verglichen haben. Anscheinend meinte der Betroffene, der vielleicht vor kurzem eine Hungerkur absolvierte, Sie hätten ihm damit eine gewisse Beleibtheit zum Vorwurf gemacht und reagierte darauf allergisch. Bekanntlich sind manche Männer sehr eitel in Bezug auf ihre Figuren. Wir sind es nicht, sehr geehrter Herr Altbundeskanzler Dr. Kohl. Wir beide haben keine Wespentaillen, machen uns aber deswegen keinen Kopf. Ich verzichte nicht auf meine zwei, drei, vier... Bierchen am Abend, gesetzt den Fall, die Holzpuppen halten mich nicht zu kurz. Und Sie? Ich glaube nicht, dass Sie auf Ihren Saumagen wegen der schlanken Linie verzichten. Das wäre unmännlich! – Herr Altbundeskanzler. Wir müssen unseren Umfang pflegen. Und was ist schon ein Vergleich mit Göring! Fast ehrenvoll. War doch Göring ein gut gewachsener, gut ernährter Mensch, kein Kostverächter und ein strammer Trinker. Ich erinnere mich , dass Sie einst den weltweit gefeierten Gorbi mit Goebbels verglichen. Das war wirklich ein starker Tobak, denn Goebbels im Unterschied zu Gorbi war dünn, krumm, unansehnlich. So gesehen, war es ein historisch falscher Vergleich. Aber Gorbi machte daraus kein Drama, er ließ es über sich ergehen und bewarb sich weiterhin um Ihre geschätzte Freundschaft. Sonst wäre Deutschland- Gott behüte- unwiedervereinigt geblieben. Und übrigens: damals, als Sie Gorbi mit Goebbels verglichen, verhielt sich die Zeitungsmeute in Deutschland still! Man schrie nicht Zeter und Mordio, sondern gab dezent zu verstehen, dass ein Russe sich geschmeichelt fühlen muss, wenn er mit einem deutschen Politiker verglichen wird, sei der Politiker auch ein Goebbels. Ja, das ist es, sehr geehrter Herr Dr. Kohl. Wenn Sie schon ihren Vergleich mit Göring los sein wollten, sollten Sie sich einen Russen dafür suchen. Die schlucken alles, wenn es aus Deutschland kommt. Den Fehler müssen sie ausbügeln. Schwierig ist es nicht. Der Vorrat für geistreiche Vergleiche ist bei weitem noch nicht erschöpft. Sie können zum Beispiel noch Himmler heranziehen, den Führer der SS. Oder Ribbentrop, Hitlers Außenminister, ein wirklich eleganter Mann. Vielleicht würde sich der russische Außenminister Igor Iwanow sehr freuen, wenn Sie ihm Ribbentrop an die Seite stellen. Wenn er aber Faxen macht, können Sie ihm was zukommen lassen. Wie damals Gorbi. Dann ist die Sache erledigt und Sie haben Ihren Spaß. Versuchen Sie es. Bitte. In diesem Sinne, Ihr ergebener Iwan Matrjoschkin, Esq.
PREUSSISCHE STARS AUF MOSKAUER BÜHNE So betitelte Gazeta.ru einen Bericht
über die Aufführung von Thea Dorns Stück „Marleni“ im Gogol-
Theater der russischen
Hauptstadt. Im Mittelpunkt des Theaterspiels steht
ein Treffen
von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl, bei dem sich die Damen
temperamentvoll auseinandersetzen, vor allem darüber, warum die eine
mit den Nazis und die andere mit den Amis ins Bett ging und was lohnender war.
Für die Russen sollte eigentlich die Frage nicht sehr aktuell sein.
Aber sie fasziniert anscheinend den Moskauer Theaterbesucher. Jedenfalls
hat die Aufführung einen Bombenerfolg. Das Theater saniert seine
Finanzen, das Publikum hat seinen Spaß. Der ist vermutlich umso größer,
weil das Theater, das früher mit dezenten Aufführungen russischer
Klassiker glänzte, diesmal Klamauk
präsentiert. Die beiden
Diven erscheinen als hässliche Megären auf der Bühne und agieren in
Chaos und Schmutz. Besonders widerwärtig gibt sich
„Marlene“, die einen
afrikanischen Tanz aufführt, ihren Nachttopf auf die Theaterbretter
leert und sich mit Hochprozentigem voll pumpt. So beweist das Gogol- Theater, wie produktiv der freie Austausch von ästhetischen Werten und besten Traditionen zwischen der russischen, früher eigentlich eher auf Tschechow und Stanislawski orientierten Bühnenkunst und der europäischen Moderne sein kann. Deswegen empfiehlt das matrjoschka- team der Berliner Volksbühne, das Gogol-Theater zu einer Gastaufführung einzuladen. Sie würde sich auf dem Rosa-Luxemburg – Platz ganz toll ins Repertoire einfügen. 25.8.02
NU
POGODI! Für
das Wochenende 23.8.-25.8 ist
auf der Berliner Radrennbahn in Weißensee
eine große Veranstaltung gegen Rassismus angekündigt. Die
Veranstalter haben sich einen schönen Namen für ihr Unternehmen
einfallen lassen. Das sind
die russischen Worte „Nu, pogodi!“ Sie prangern auf ihren Plakaten
und bedeuten in etwa „Na, warte!“ Sie erinnern an einen in
Russland sehr beliebten Trickfilm über einen Wolf, der einen Hasen
verfolgt und dabei immer wieder den Kürzeren zieht. Auch die jedem
Russen geläufigen Figuren des
dämlichen grauen Räubers und des schlauen
Langohrs zieren diese
Plakate, herausgegeben von einem breiten Bündnis von Vereinen und
Presseorganen, die sich im Kampf gegen
Diskriminierung der Fremden stark engagieren. In
letzter Zeit ist dieser Kampf in Deutschland
noch relevanter geworden als früher. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
werden immer aggressiver. Immer öfter berichten deutsche Medien
von rassistisch motivierten
Untaten. Es sind
nicht nur die sattsam bekannten Skinheads, in deren Mitte
rassistisches und fremdenfeindliches Gedankengut gepflegt wird.
Der Bazillus breitet sich auch in Gesellschaftsschichten aus, die früher
als immun dagegen galten.
Die politische, soziale und wirtschaftliche
Unsicherheit erhöht die
Ansteckungsgefahr. Zu
den Opfern der rassistischen und fremdenfeindlichen Übergriffen werden
immer öfter Angehörige der in Deutschland recht zahlreichen Ausländergemeinden. Darunter auch ehemalige russische Bürger,
die in Deutschland leben. Die sogenannten Russlanddeutschen nicht
ausgenommen. Vor kurzem wurden zwei
Jugendliche aus dieser Bevölkerungsgruppe, die es wagten, sich
in einer westdeutschen Stadt einem Skinheadaufmarsch in den Weg zu
stellen, schwer misshandelt. Das spricht sich rum. Im Ergebnis kapseln sich
die neuen Bürger Deutschlands ab. Trotz der Bemühungen der deutschen
Behörden, ihre Integration in die Gesellschaft zu fördern. Denn die
Erfahrungen sagen, dass ein Fremder
wenig Chancen hat, in einem von der Fremdenfeindlichkeit
infizierten Milieu Anerkennung und Aufnahme zu finden. Vor
diesem Hintergrund ist die dreitägige Veranstaltung unter dem Motto
„Nu, pogodi“ auf der Radrennbahn in Berlin-Weißensee ein
ermutigendes Zeichen. Sie ist vor allem auf die Jugendlichen
ausgerichtet. Ihnen wird eine breite Palette von Musik- und
Tanzensembles, Filmvorführungen, aber auch von Diskussionen
und Lesungen angeboten. SicheSicherlichrlich
sind die
Veranstalter nicht
mit einem Hasen aus dem russischen Trickfilm gleichzusetzen. Aber
hoffentlich werden sie dem
seine scharfen Zähne fletschenden Wolf des Rassismus eins auswischen,
wie es dem Hasen aus dem Film, der
die Stupidität der nackten Gewalt anschaulich machte,
immer wieder gelang. 16.08.02
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