Die Puppen sind anklickbar
Matrjoschkas russisches Tagebuch
Russlands
verlorene Schwester?
In
den neunziger Jahren übernahmen sowohl in Russland als auch in der Ukraine
gleichgeartete Eliten die Macht, wurden ähnliche politische Systeme und ökonomische
Spielregeln installiert. Diese Übereinstimmung führte stets zu einem guten
Verständnis zwischen russischen und ukrainischen Politikern, sogar in
strittigen Fragen. So war der russischen Führung klar, dass die Umstände vom
ukrainischen Establishment das ständige Herausheben der Unabhängigkeit und des
Andersseins der Ukraine forderten.
In Kiew wusste man dagegen sehr gut, dass Moskau die Situation nur bis zu
einem gewissen Punkt zuspitzen würde. Beide Elite strebten Harmonie an.
Der
Durchschnittsrusse empfand die Unabhängigkeit der Ukraine als etwas Künstliches,
als Treppenwitz der Geschichte: "Stimmt schon, die Westukraine ist nicht
Russland. Aber der größte Teil, die Industriegebiete im Süden und Osten, die
Krim und Odessa unterscheiden sich in nichts von Russland. Dort wird Russisch
gesprochen und gedacht, dort möchten die meisten einfachen Bürger Russen
bleiben, dort wird den Leuten die ukrainische Sprache und die neue Auslegung der
Geschichte aufgezwungen. Und was
bleibt von der ukrainischen Unabhängigkeit, wenn wir Kiew das Erdöl und Erdgas
zu Weltmarktpreisen verkaufen? Was wird, wenn wir nicht mehr die Augen zudrücken und nicht
mehr Hunderte Tausende ukrainische Arbeiter illegal nach Russland reisen lassen?
Diese Arbeiter verdingen sich gern bei uns für Kopeken, über die Hälfte
der jungen Prostituierten in Moskau sind Ukrainerinnen, die ihre hinter der künstlich
errichteten Grenze lebende Familie nur so durchbringen können. ". Alles,
was in der Ukraine geschieht, fassen die Russen auf, als beträfe es sie selbst,
das reicht bis zu Nebensächlichkeiten. Überträgt zum Beispiel das russische
Fernsehen einen Sportwettbewerb, an dem auch
ukrainische Sportler teilnehmen, dann legen sich die Reporter für sie genauso
ins Zeug wie für die russischen Sportler.
Auf
dem Weg zur "Orange- Revolution"
Allerdings
nahmen die Beziehungen beider Länder zum Westen eine unterschiedliche
Entwicklung. Russlands Flirt mit dem Westen ging zu Ende. Die amerikanisch-europäische
Welt sah Russland nicht als Teil von sich, das zeigte sich nun deutlich. Es
stand außer Zweifel, dass Russland niemals der Nato beitreten wird, mehr
noch, es betrachtet diese Organisation noch immer wie einen gefährlichen
Nachbarn, insbesondere nach dem Jugoslawienkrieg. Russland wurde die Aufnahme in
die Welthandelsorganisation (WTO) verwehrt, auch die Aufnahme in das geeinte
Europa wird immer unwahrscheinlicher.
Zur
Ukraine hatte der Westen in den letzten Jahren eine andere Einstellung. Ihr gab
man zu verstehen, unter bestimmten Voraussetzungen
wird die Aufnahme in die WTO und in
die EU möglich.
Das
russische Business reagierte. Es verstärkte seine Geschäftsaktivitäten in
diesem Nachbarland mit der Perspektive, unter der gelb-blauen Flagge in die
Weltwirtschaft einzuziehen. Die russische Geschäftswelt finanzierte die
ukrainische Opposition.
Die
Präsidentenwahl 2004 in der Ukraine stellte aber die Frage,
ob die Ukraine in der russischen Einflusssphäre verbleibt oder ob der
Westen, allen voran die USA, diesen größten Teil des postsowjetischen Raums
vereinnahmt.
Putins
Fehler
Putins
erster Fehler bestand in der Unterschätzung der ukrainischen Opposition. Obwohl
die russische Führung von den erheblichen Summen wusste, die die USA in Viktor
Juschtschenkos Wahlkampf pumpten, wies sie den Gedanken von sich, die Opposition
könnte siegen. Es gab keinerlei Kontakte zu ihr. Keinerlei Absprachen über die
Gestaltung der Beziehung im Falle ihres Wahlsieges.
Zweitens
hängte der Kreml die prorussische Stimmung im Osten der Ukraine zu hoch. Zwar
votierte man hier gegen Juschtschenko, war aber letztlich nicht bereit, den
Konflikt mit den "Orangenen" bis zum Ende auszutragen. Im Grunde übersah
Russland, dass es eine geeinte ukrainische Nation, von der man vor zehn Jahren
nur mit Ach und Krach sprechen konnte, jetzt gibt, denn trotz aller Widersprüche
ist die Ostukraine der Westukraine doch näher als Russland,
und selbst die ethnischen Russen in der Ukraine verbinden ihr Schicksal
nicht mehr mit Russland.
Drittens
hat Putin allem Anschein nach nicht erwartet, dass die USA die langjährige
stillschweigende Übereinkunft bricht, wonach Russland der Haupteinfluss im größten
Teil der ehemaligen UdSSR zugestanden wird. Moskau war nicht vorbereitet auf
eine derart aktive und ungenierte Einmischung in die ukrainische Wahl.
Vor
allem aber ließ Putin außer Acht, dass die ukrainischen Wähler das Verhältnis
ihres Landes zu Russland und die Position der
Ukraine im Konflikt zwischen Russland und dem Westen nur am Rande interessierte.
Die Menschen auf den Straßen protestierten gegen die ineffektiven und
korrumpierten Machthaber und in dem ehrlichen Glauben, Viktor Juschtschenko und
Julia Timoschenko bringen echte
Demokratie.
Was
weiter?
Nach
der "Orange-Revolution" stand Putin als Besiegter da, die neue
ukrainische Führung als Sieger. Selbst die anscheinend freundschaftliche Geste
wie Juschtschenkos erster Staatsbesuch ausgerechnet nach Moskau wurde zu einer
Demonstration der Stärke Kiews. Juschtschenko gab zu verstehen, die gemeinsamen
Erdöl- und Gasprojekte seien für die Ukraine gar kein so wichtiger
Wirtschaftsfaktor. Boris Tarasjuk, einer seiner engsten Vertrauten, erklärte
denn auch im Vorfeld des Besuchs, die Ukraine suche nach neuen Erdöllieferanten
in der Kaspischen Region, im Nahen Osten und in Norwegen. Die ukrainische Führung
macht kein Hehl daraus, dass ihr der einheitliche Wirtschaftsraum mit Russland
weniger wichtig ist als die Aufnahme in die EU.
Auf
der Sitzung des Europaparlaments am 13. Januar stimmten
467 Abgeordnete (19 Gegenstimmen) solchen Maßnahmen zu wie
Visumerleichterungen für Ukrainer bei Reisen in die EU, die Anerkennung der
Ukraine als marktwirtschaftliches Land und
vor allem die Unterstützung bei der Aufnahme in die WTO.
Noch ein Sieg Kiews über Moskau, wobei es nicht nur darum geht, dass die
Ukraine aufgenommen wird und Russland nicht.
Jedes Mitglied der WTO hat das Vetorecht bei der Aufnahme von neuen.
Dieweil die Ukraine wahrscheinlich vor Russland der Welthandelsorganisation
beitreten wird, kann sie Moskau verschiedene Zugeständnisse in Sachen Handel
abringen.
Das
alles ist Zukunftsmusik, die
Gegenwart wirft eine Menge Fragen auf, vor allem, ob die neue ukrainische Führung
den großen Erwartungen gerecht wird, die die Wähler an sie knüpfen. Wenn die
Ukrainer jetzt nicht Mechanismen zur Kontrolle der neuen Macht finden,
könnte diese schnell degradieren und nicht besser sein als die alte.
Tatsächlich sind Juschtschenko und seine Leute alles andere als lupenreine
Demokraten, ihre Machtkampfmethoden wohl
schwer als demokratisch und gesetzeshörig zu nennen. In punkto
Gesetzestreue gibt es etliche schwarze Flecken in
ihrer Vergangenheit.
Der
bekannte russische Polittechnologe Gleb Pawlowski äußerte sich wie folgt:
"Ich halte Juschtschenko für einen durchaus typischen osteuropäischen
Populisten, den ich weder rechts noch links ansiedeln würde. Prowestlich ist er
eher aus rein taktischen Gründen".
Wenn
es unter der neuen Administration in Kiew mit der Wirtschaft nicht aufwärts
geht, und die EU wird sich dagegen sträuben, ein bettelarmes Land mit korrupten
Politikern und halbkriminellen Wirtschaftsstrukturen aufzunehmen, wird die
Euphorie sich bald legen. Und woher will die
Ukraine die Mittel nehmen, um die Energieträger aus dem Nahen Osten und
Norwegen zu kaufen, wenn es auf die russischen Lieferungen verzichtet? Das Kalkül
mit dem Zufluss russischen Kapitals könnte sich auch als Fehler erweisen, hat
doch Putin reichlich Möglichkeiten, das zu unterbinden.
Außer
den europäischen wären da noch die spezifischen Interessen der USA. Für sie
spielt es keine große Rolle, ob es in der Ukraine marktwirtschaftlich zugeht,
ob in Kiew eine demokratische Regierung sitzt. Ihnen geht es vielmehr um die
Ukraine als geopolitischen Zugewinn
Washingtons und darum, dass die Grenze zwischen West und
Ost weiter östlich verlegt wird.
Mit
großer Wahrscheinlichkeit wird die Ukraine, die sich von den Versprechungen des
Westens locken ließ, schlussendlich das
Verhältnis zu Russland endgültig
kaputtmachen.
Obwohl
die neue Führung genau weiß , dass
die ukrainische Wirtschaft von der
russischen abhängt, weshalb man sich lieber nicht allzu weit von Russland
abkehren sollte.
Angenommen,
Juschtschenkos Kommando erzielt doch gewisse wirtschaftliche Erfolge, erreicht
wenigstens das Niveau des benachbarten Polens, dann müssen Deutschland und
andere Länder, die Kiew die Aufnahme in die EU in Aussicht stellten, ihr
Versprechen einlösen. Und da entsteht die Frage, in welcher Eigenschaft die
Ukraine der EU beitritt, als Rohstoffanhängsel oder als Industriemacht? Will
Europa wirklich, dass die Ukraine zu einem wirtschaftlich starken,
gleichberechtigten und konkurrenzfähigen Partner wird? Lautet die Antwort nein,
muss die Ukraine die Beziehungen zu Russland wiederherstellen, allerdings unter
ganz anderen Voraussetzungen, nämlich als zurückgekehrter "verlorener
Sohn".
(Nach
einem Beitrag in „Wostok).
29.
1.05
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In
Deutschland wird eine weitgehende Änderung der Kompetenzverteilung zwischen den
Bundesländern und dem Bund debattiert.
An
sich ist es nichts besonders Aufregendes . Auch in anderen Staaten mit
föderalen Strukturen wird nach
einer effektiven Verteilung der Kompetenzen zwischen den
Regionen und der zentralen Staatsmacht
gesucht. Insbesondere, wenn sich die akute Notwendigkeit abzeichnet, die
Effizienz des Staates zu erhöhen, wie es in Deutschland zur Zeit wohl der Fall
ist.
Eine der deutschen Regierung nahe Quelle definierte das Ziel der Reform in Deutschland als Modernisierung der bundesstaatlichen Ordnung. Diese müsse unter der Prämisse erfolgen, dass die Stärkung des Gesamtstaates für Deutschland gut sei und in den politischen Entscheidungsprozessen Klarheit und Wahrheit herrschen solle. Damit die Bürgerinnen und Bürger erkennen können, wer im Staat wofür verantwortlich ist.
In
Russland steht diese Aufgabe erst recht an. Unter anderem weil in den Jahren der
Präsidentschaft von Boris Jelzin die
vernünftige Machtbilanz zwischen den Regionen und dem Zentrum weitgehend
verschoben wurde. Aus populistischen Erwägungen schlug der Vorgänger von
Wladimir Putin den Regionen vor, „so viel Souveränität, wie sie tragen können,
mitzunehmen“. In manchen russischen Regionen wurde es
etwas zu wörtlich
verstanden. So agierten sie auf einigen Tätigkeitsfeldern wie ein Staat im
Staate. Darunter litten die Gesamtinteressen des riesigen Landes.
Deswegen
wurden Korrekturen in der
Gestaltung des russischen Föderalismus angeregt.
Keine, die mit seinem Fortbestand unvereinbar sind, sondern jene, die das
Abdriften des Landes in Richtung Separatismus vorbeugen.
In
Deutschland wurde es leider nicht immer richtig verstanden. Das zeigte eine, vom Verfasser dieses Berichtes
besuchte Konferenz in Berlin.
Die versammelten Russlandexperten erörterten unter anderem auch die Föderalismusprobleme
in Russland. Sie kritisierten die von
der russischen Regierung angestrebte
neue Verteilung der Kompetenzen zwischen den Regionen und der
zentralen Macht als undemokratisch. Sie empfahlen den Russen, dem deutschen
Muster des Föderalismus zu folgen.
Abgesehen
davon, dass auch der deutsche Föderalismus,
wie es die gegenwärtige Föderalismusdebatte zeigt, eine Anpassung an
die aktuellen Aufgaben des Landes braucht, lassen die Empfehlungen dieser
Art die
Besonderheit der Russischen Föderation als Vielvölkerstaat unberücksichtigt.
Eines Staates, in dessen
Grenzen mehr als
hundertfünfzig Völker
verschiedener ethnischer Herkunft und konfessioneller Bindung leben. Darunter
Millionen Muslime. Und zwar in Autonomien.
In
dieser Hinsicht ist Russland einmalig. Seine Machtvertikale muss dieser
Einmaligkeit Rechnung tragen, damit
das Land regierbar bleibt.
Mit
einer Schmälerung der Demokratie muss es
nicht zu tun haben. Ein föderaler Staat kann bekanntlich sowohl
demokratisch, als auch undemokratisch sein. Wenn sich die Machthaber in
seinen Regionen wie Selbstherrscher
gebärden, ist er undemokratisch.
In der Welt gibt es dafür viele Beispiele, da
der Föderalismus und die Demokratie zwei verschiedene Paar Schuhe sind.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Deutschland die anstehenden Probleme seiner Bundesstaatlichkeit erfolgreich löst. Wie auch daran, dass es den Russen nicht einfällt, Deutschland diesbezüglich Leviten zu lesen. Die weite bunte Welt ist keine Schulklasse, wo es Schulmeister und Schüler gibt. Und es gibt keine Patentrezepte des Föderalismus, die mit gleichem Erfolg überall angewendet werden können.
11.11.04