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Matrjoschkas
deutsches Tagebuch
LÄßT
DER KALTE KRIEG GRÜSSEN?
Fast
zeitgleich mit dem Besuch von Bundeskanzler Schröder in Prag
fanden in Berlin zwei in dem Zusammenhang denkwürdige
Veranstaltungen. Die eine vom Bund der
Vertriebenen. Die andere von antifaschistischen
Splittergruppen.
Im
Wesentlichen ging es um ein und dasselbe Thema. Um die geplante Gründung
eines Gedenkzentrums gegen Vertreibungen, vom Bund der
Vertriebenen befürwortet und vorangetrieben, von den Teilnehmern
der Proteste als revanchistische Provokation gebrandmarkt.
Bekanntlich
waren Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und ähnliche Verbrechen
ein Kainsmal
des vorigen Jahrhunderts. Im großen Stil setzten sie in
Europa bereits nach
dem Weltkrieg Eins als
sogenannte ethnische Entwirrung
ein. Zur Vermeidung der Konflikte
zwischen den Ethnien sollten
sie möglichst durch Staatsgrenzen getrennt werden. Das war
aber eher ein Vorwand für die von den Siegern des Weltkrieges erwünschten
territorialen Änderungen in Europa.
Das
nationalsozialistische Regime in Deutschland trieb das Unwesen der
Zwangumsiedlungen auf
die Spitze. Insbesondere in Ost- und Mittel Europa. Die Neuordnung
des Ostens des Kontinents , im Generalplan Ost der
nationalsozialistischen Führung bis ins Detail festgelegt, sah
weitgehende Vertreibungen vor. Besonders hart sollten sie die
slawischen Völker der Sowjetunion treffen.
Als
das Kriegsglück Deutschland den Rücken kehrte, traf die Geißel der Vertreibungen mit ganzer Wucht aber die
Deutschen selbst. Und zwar in Osteuropa.
Insgesamt
mussten über zehn Millionen Deutsche die
von ihnen zum Teil seit Jahrhunderten besiedelten Gebiete
in Schlesien, im Sudetenland usw. verlassen. Zumeist in wilder
Flucht. Viele Frauen, Kinder, Greise starben unterwegs an Hunger,
Seuchen, durch Fliegerangriffe.
Zu
einer der widerlichsten Grimassen der Geschichte wurde der gewalttätige
Eingriff in die in Jahrhunderten gewachsene Bevölkerungsstruktur
seitens eines
Regimes, das sich als Gegenteil vom nationalsozialistischen
verstand. Unter
grausamen Bedingungen siedelte die stalinistische Diktatur
zahlreiche kleinere Völker der
Sowjetunion um. Als eine der ersten die der Kollaboration mit dem
Feind beschuldigte deutsche Volksgruppe.
Es
gibt also mehr als genug Gründe, das Leid
der Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen nicht zu
vergessen. Es kommt
aber auf die Objektivität der Darstellung an.
Nach
der in Deutschland vielfach geäußerten Meinung entspricht das
Projekt des Bundes der Vertriebenen nicht dieser Forderung. Es lässt
eine einseitige Fixierung auf die deutschen Opfer befürchten.
Die
Funktionäre des Bundes der Vertriebenen wollen aber die
vor allem in Polen
und Tschechien artikulierten Bedenken trotz der Mahnung des
Bundespräsidenten Johannes Rau nicht ernst
nehmen.
Erhebliche
Defizite am gesunden
Menschenverstand offenbaren
auch manche radikalen Kritiker des Memorialprojektes. Ihre
Parolen laufen oft auf die
pauschale Stigmatisierung der Vertriebenen
als Revanchisten hinaus.
Die
Auseinandersetzung, die an
Propagandaschlachten des Kalten Krieges erinnert, macht die
Politik der Bundesregierung zur Konsolidierung der Europäischen
Union nicht leichter.
Dennoch
zeugt der Besuch des deutschen Bundeskanzlers in Prag vom
Fortschritt der Versöhnungspolitik. Mit seinem tschechischen
Kollegen Vladimir Spidla wurde Gerhard Schröder einig,
die Gegenwart und Zukunft
nicht mehr mit antiquierten
Streitigkeiten zu
belasten.
Vor
diesem Hintergrund erscheint ein politischer Missbrauch
des Themas der
Vertreibung, aus welcher Ecke auch immer, zumindest
deplaziert.
Übrigens
nahmen die Berliner den larmoyanten Streit um das Zentrum gegen
Vertreibungen kaum
zur Kenntnis. Sie haben zur Zeit andere Sorgen. Sie versammelten
sich zahlreich, um die Toleranz der Behörden gegenüber der
Verunreinigung der Berliner Straßen durch ihre vierbeinigen
Lieblinge einzufordern.
6.9.03
DIE
OMNIPOTENTE ELEKTRONIK
Nach
einer Umfrage hat jeder fünfte oder sechste Deutsche noch nicht
zur Kenntnis genommen, dass der deutsche Bundeskanzler nicht mehr
Helmut Kohl, sondern Gerhard Schröder heißt. Über mögliche Ursachen dieses Phänomens erfährt man auf der
Berliner Funkausstellung.
Als
vor etwa einem drei Viertel Jahrhundert am Horizont der
technischen Informationsmittel elektronische Medien, vor allem das
Radio, aufzogen, wurden die Erwartungen hochgeschraubt. Man sagte
die Entstehung eines weltweiten „Dorfes“ voraus, dessen
Bewohner alles voneinander wissen werden. Die Verbreitung der
Information in der Welt sollte alle Missverständnisse zwischen
den Völkern ausräumen und damit die Kriege unwahrscheinlich
werden lassen.
Die
Euphorie hielt sich
nicht lange. Die harte Realität belehrte, dass das
technische Potential das eine ist, sein Einsatz aber etwas ganz
anderes. Auch die beste Technik ist omnipotent. Auch die
Informationstechnik. Sie kann
sowohl aufklären, als auch verdummen.
Dies
ist leider auch in einem Land möglich, wo die Pressefreiheit groß
geschrieben wird und die
Staatsmacht nicht beansprucht, die Medien an der kurzen Leine
halten zu dürfen. Darauf deutet ein Trend auf dem weltweiten
Markt der Kommunikationsmittel hin, der in diesem Jahr auf der
traditionsreichen Funkmesse in Berlin besonders deutlich abzulesen
ist. Sie beeindruckt
den Besucher durch eine Vielzahl frappierender
Neuentwicklungen. Dennoch zielen
die weitaus meisten davon in
Richtung der Unterhaltung. Sie bieten dem Kunden
unbegrenzte Möglichkeiten, in den eigenen vier Wänden die
Freizeit auf das Angenehmste zu gestalten. Die Computerspiele
werden immer toller, die Ton- und Bildwiedergabe immer perfekter,
die Geräte immer komplexer und zum Teil auch preiswerter. Ohne
sein trautes Heim zu verlassen, kann der Konsument sich in das
Paradies der virtuellen Realität begeben, viel amüsanter als die
wahre Realität, die ihm immer öfter nur
Kummer beschert.
Nichtsdestoweniger
hat die Realität ohne das Beiwort virtuell auch etwas für sich.
Zwar hat der große russische Dichter Alexander Puschkin
gesagt, dass dem Menschen ein süßer Betrug willkommener
sei als bittere Lebenswahrheiten, aber er meinte es eher tadelnd.
Und tat selbst alles, was in seiner Kraft stand, um die Zeit- und
Landsgenossen aufzuklären. Was ein anderes Zitat aus seinem Werk,
an seinem Denkmal inmitten Moskaus
eingemeißelt, dokumentiert.
Zur
Internationalen Funkausstellung in Berlin zurück, will der
Verfasser, der selber ein Fan der modernen Funktechnik ist, die
weltweite Radioindustrie vom Verdacht, die Kundschaft politisch
oder sozial manipulieren zu wollen, freisprechen. Die Industrie
strebt nur eine hohe
Gewinnquote an. Und wenn sie sich auf die Vervollkommnung der Geräte
stürzt, die den Kunden von
der Wahrnehmung der Realität abhalten, dann folgt sie nun der
Nachfrage. Wie es früher in Russland hieß, sie folgt dem
sozialen Auftrag.
Dem
Auftrag der Gesellschaft, die anscheinend nicht den informierten,
sondern den uniformierten,
von Uniform
abgeleitet, Menschen bevorzugt.
Einen, der nicht weiß, mit den Worten eines anderen großen
Dichter Russlands, Boris Pasternak, formuliert , in welchem
Jahrtausend er lebt. Oder, wie die oben erwähnte Umfrage zeigt,
gar nicht zur
Kenntnis nimmt, von wem er eigentlich regiert wird.
31.8.03
DIE
ANNÄHERUNG AN RUSSLAND.
Nie
brachten die deutschen Medien
so viel über Russland wie im Rahmen des laufenden
russischen Kulturjahres in Deutschland. Die neuen, aber auch die
vor mehreren Jahren gelaufenen und jetzt wiederholten
Fernseh- und Hörfunkreportagen
sind fast jeden Tag im Programm der öffentlich- rechtlichen
Sender. In ihrer Gesamtheit ergeben sie ein schillerndes Bild vom
großen Nachbarn Deutschlands im Osten. Gleichzeitig
machen sie den langen Weg der Annäherung an die russische
Realität sichtbar, den die deutschen Medien seit der Wende in
Russland zurückgelegt haben.
Er
begann mit dem Abschied von der die Optik verzerrenden Unart des
Antikommunismus. Zwar hat der
Kommunismus in Russland, oder vielmehr das, was darunter
verstanden wurde, die „Anti“- Haltung
durchaus gerechtfertigt.
Aber auch vor der Wende
lebte unter der Hülle des Kommunismus oder des
Pseudokommunismus ein
Land, das nicht darauf zu
reduzieren war. Trotzdem wurde immer wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So verkam das Russlandbild
zu einem vom politischen Zeitgeist diktierten
Schema.
Die
Medien kauten fleißig an den
Beschlüssen der kommunistischen
Parteitage und Reden der kommunistischen
Machthaber, ohne die dahinter versteckte Realität
richtig wahrzunehmen.
Als die Wahrheit in letzter Instanz galt, dass der Kreml
das Land fest im Griff hätte.
Daraus schloss man auf
den sklavischen Untertanengeist der Russen. Freiheitsliebe
wurde ihnen abgesprochen, ihre unbändige Kreativität übersehen.
So entstand das Bild eines Landes, das außerhalb der europäischen
Geschichte lebte. Ein Horrorbild, im Dienste der psychologischen
Kriegführung.
Kein
Wunder, dass die
Wende in Russland die deutsche Öffentlichkeit
überraschte. Sie
passte nicht ins vertraute Russlandbild. Deswegen kam auch danach
noch zu gravierenden Fehldeutungen. Sie sind in vielen Medienbeiträgen
aus der Zeit festgehalten. Aber auch in Äußerungen von
Politikern, die es eigentlich besser wissen mussten. Die dem
damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl unterlaufene Panne, der den
sowjetischen Präsidenten, Verkünder der Perestroika, Michail
Gorbatschew, mit Hitlers Propagandaminister Josef Goebbels
verglich, reflektierte diese
Fehlhaltung. Denn der Vergleich sollte die Wende in der
Sowjetunion als blauen Dunst disqualifizieren. Obwohl kurz danach
diese Wende die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte.
So
begann die Erkundung des wahren, jahrzehntelang hinter
potjemkinschen Dörfern der Sowjetpropaganda
verdeckten Russlands.
Die Reportagen von Gerd Ruge, Klaus Bednarz und anderen
deutschen Russlandkennern aus der Branche, die jetzt wieder
gebracht wurden, dokumentierten diese Annäherung an Russland.
Heute
fragt man sich, wie viel hat sich seitdem in der Wahrnehmung
Russlands in Deutschland geändert? Die Antwort heißt: sehr viel.
Obwohl die dem Kalten
Krieg immanenten Defizite der Berichterstattung nicht sofort
verschwanden. Und manche neue schlichen sich ein.
xxx
So
gerieten einige deutsche wie auch andere Meinungsführer im Westen
nach der Wende unter den Einfluss
der Siegermentalität. Die Wende in Russland wurde
als Kapitulation nicht allein des kommunistischen Regimes,
sondern Russlands schlechthin gedeutet.
Jetzt wartete
man ungeduldig
darauf, dass Russland
sich selbst aufgibt. Als ließe
sich die Lebensweise und die Lebensphilosophie eines großen Volkes so leicht wie ein Hemd gegen ein anderes, mit einem anderen Label und frisch
gebügelt, wechseln.
Zwar
funktionierte das
Kunststück nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland mehr oder
weniger. Aber eine Kapitulation im Kalten
ist etwas anderes als die im „richtigen“ Krieg. Außerdem
ist die Größenordnung eine andere. Und die Russen hatten weniger Grund für lähmende Schuldgefühle.
Wie
dem auch sei, spiegelte sich die Illusion von einem von Grund auf
anderen Russland mitunter in den deutschen Medien wider. Vor allem als Enttäuschung
darüber, dass Russland nicht ad hoc sein ganzes Wesen über Bord
warf. Das wurde oft als Reformunwilligkeit
ausgelegt.
Diese
Einstellung kam in dem Usus zum Ausdruck, Russland, ohne seine
Besonderheiten zu berücksichtigen,
mit dem Zollstock des
Westens zu messen und ihm
Noten zu erteilen. Wobei
oft davon ausgegangen wurde, dass Andersein Schlechtsein ist.
xxx
Ein
russischer Journalist weiß die Leistungen der
Russlandkenner in den deutschen Medien zu schätzen. Mit
Sympathie für Russland gehen sie an die Arbeit,
scheuen keine
langen Wege und Mühen, um das Land, in einer stürmischen
Transformation begriffen, dem deutschen Publikum näher zu
bringen. Kein leichtes Geschäft, besonders, wenn man die Defizite
der Wahrnehmung Russlands in den Jahrzehnten des Kalten Krieges
berücksichtigt.
Das
muss aber nicht heißen, dass man als Russe zu allem, was in
Deutschland nach der Wende über Russland gebracht wurde, Ja und
Amen sagt. Denn einiges davon erinnert an frühere Fehldeutungen.
So
ließ sich in manchen deutschen Medien der Gedanke als roter Faden
wahrnehmen, Russlands großes Manko sei, dass
der Konsum seiner Bevölkerung sehr weit unter dem
Niveau Deutschlands oder gar der USA liege.
Dabei
wurde geflissentlich
übersehen, dass das tatsächlich sehr niedrige Konsumniveau im
postsowjetischen Russland, noch
tiefer als in der Sowjetzeit, mit für den Westen weniger
schmeichelhaften Umständen zusammenhängt.
Zum Beispiel damit, dass die
russische Wirtschaft auf dem Höhepunkt der Transformation
von Günstlingen des westlichen Kapitals geplündert wurde. Und
auch damit, dass Russland bis jetzt nur zu den Energieträger- und
Rohstoffmärkten der Welt zugelassen wird. Seine anderen Waren stoßen
auf hohe Zollmauern.
Doch
abgesehen davon, stellt sich die Frage, ob
übermäßiger Konsum wie im Westen für Russland ein
lohnendes Ziel ist? Und ob die der russischen Mentalität
immanente Hintanstellung der materiellen gegenüber den geistigen
Werten nicht mehr den Gegebenheiten der modernen Welt entspricht
als die wilde Hatz der Amerikaner nach immer mehr Konsum?
Bereits
jetzt verschlingen die USA, um das Niveau zu halten,
30-40 Prozent der unersetzbaren Naturressourcen der Erde,
obwohl ihre Bevölkerung nur einen
Bruchteil der Erdbevölkerung ausmacht. Was wäre mit den
Ressourcen, hätte das riesige Russland einen gleich aufwendigen
Lebensstil zu seinem Ideal erkoren und vielleicht auch zu
erreichen versucht?
Zurück
zu den Reportagen der deutschen Kollegen aus Russland, möchte man
hervorheben, dass diese,
ohne die Armut in Russland zu beschönigen, auch die andere Seite
der Medaille sichtbar machten.
Zeigten sie doch die unverbrauchte Natur der fernen
Regionen Russlands, den
Lebensmut und die Strapazierfähigkeit ihrer Einwohner.
Obwohl
der Verfasser dieses Beitrags
sich, ehrlich gesagt, freuen würde, hätten sich die
deutschen Fernsehkoryphäen auch an die Darstellung
anderer russischer Gegenden als die im Hohen Norden und im
Fernen Osten gewagt. Jener, die zwar weniger exotisch wirken, wo
aber die Schnittpunkte des Geschehen liegen. Zum Beispiel
Zentralrussland oder der Ural.
Xxx
Es
wäre noch einiges zu bemängeln, wenn man die einzigartige Parade
der neuen und alten Reportagen über Russland, gebracht im Rahmen
des russischen Kulturjahres in Deutschland, sieht.
Mitte
der neunziger Jahre widmeten sich die deutschen Medien viel der
Darstellung der Kriminalität in Russland. Vielleicht
etwas zu viel. Nicht
weil das Bild der ausufernden Kriminalität den Begebenheiten in
Russland nicht
gerecht wäre. Bis auf kleine Details stimmte es schon. Die
Kriminalität in Russland griff tatsächlich um sich. Wie es wohl
anders nicht zu erwarten war, wenn man berücksichtigt, wie die
russische Wirtschaft im Zuge der Transformation geplündert wurde.
Doch
Kriminalität hin, Kriminalität her. Wenn sie ihren Platz in der
Berichterstattung haben
muss, dürfte wohl ihre Darstellung die Leistungen des sich
transformierenden Russlands nicht verdrängen. Darunter der von
den meisten Experten nicht erhofften und erwarteten friedliche
Verlauf der Transformation.
Eine
Zeit lang ließen
viele Berichte einen
schlimmen Bürgerkrieg in Russland erwarten.
Ähnlich dem im ehemaligen Jugoslawien, aber in einem viel
größeren Rahmen und womöglich mit Atomwaffeneinsatz. Gott sei
Dank blieb er Russland und der Welt erspart. Trotz aller
Spannungen und gelegentlicher
Exzesse kam
Russland ohne großes Blutvergießen und
Terror aus. Abgesehen
vom schlimmen Konflikt im kleinen
Tschetschenien, der aber eher eine Ausnahme ist.
Die
Weltgeschichte kannte kaum eine andere Systemtransformation in
einem großen Land, die derart friedlich über die Runden ging.
Zum Beispiel war es in den USA des XIX. Jahrhunderts ganz anders,
als die Sklavenwirtschaft im Süden der Marktwirtschaft
weichen musste. Auch im Frankreich des XVIII. und im
Deutschland des XIX. Jahrhunderts erforderte der Fortschritt
seinen Blutzoll.
Dass
die Russen diesmal ihre Probleme mehr oder weniger friedlich lösten, stellt
ihnen ein Reifezeugnis aus. Schade, dass es in den deutschen
Medien keine gebührende Würdigung fand. Es wäre vielleicht
angebracht, sich weniger der Kriminalität zu widmen und mehr den
größeren Zusammenhängen, viel aussagekräftiger und wichtiger für
Europa als Geschichten über korrumpierte Staatsdiener
und Auftragsmörder, die wohl nicht nur in Russland ihr
Unwesen treiben. Aber die Medienwelt steht halt unterm Diktat der
Einschaltquoten und der Auflagenstärke. Man muss dafür Verständnis
aufbringen.
xxx
Die
Annäherung an die
russische Realität in der deutschen Berichterstattung aus
Russland hat einerseits
mit der Lernfähigkeit, dem Verantwortungsgefühl und
dem hohen beruflichen Können der deutschen Fernseh- und Hörfunkjournalisten
und andererseits mit dem Wegfall der
sehr harten, aber unsinnigen
Behinderungen ihrer Berufstätigkeit in Russland
zu tun.
Dennoch
ist die Annäherung der journalistischen Berichterstattung an die
Realitäten selbst im eigenen, erst recht
in einem fremden Land,
nie abgeschlossen. Es ist ein permanenter Prozess.
Insbesondere, wenn es um die Berichterstattung
über Russland geht. Über
ein Land, wo alles im Fluss, alles offen ist.
Ein dynamisches,
kontrastreiches und
widerspruchvolles Land.
Es
besteht aber kein Zweifel, dass die deutschen Medien
die russische Realität immer vollständiger erfassen. Auch
weil viele deutsche Kollegen, die sich damit
beschäftigen, von Russland fasziniert sind. Das zeigte sich in den meisten
im Rahmen des
russischen Kulturjahres gebrachten Sendungen.
Erfreulicherweise
wird in Deutschland jetzt mehr über Russland berichtet als über
irgendein anderes Land in der Welt. Und das ist gut so.
Je besser die Deutschen Russland kennen lernen, auch aus
den Reportagen im Fernsehen und Hörfunk, desto mehr Hoffnung darf
man haben, dass sich die Zusammenarbeit mit Russland tief im
Bewusstsein der Deutschen verankert und
dadurch den
Launen des politischen Wetters standhält.
Last
not least möchte der
Verfasser dieses Beitrages mit Bedauern noch erwähnen, dass die
Berichterstattung über Deutschland in den russischen
elektronischen Medien an die Berichterstattung über Russland in
den deutschen Medien quantitativ und qualitativ nicht heranreicht.
Sie klebt am Tagesgeschehen. Es ist hier unmöglich, sich mit den
Ursachen auseinander zu setzen, dafür fehlt dem Verfasser auch
die Kompetenz. Wollen wir aber hoffen, dass das bevorstehende
deutsche Kulturjahr in Russland die Lücken der Berichterstattung
füllt. Jedenfalls muss die Annäherung an die Realitäten des
jeweiligen Partnerlandes von beiden Seiten energisch und
konsequent betrieben werden. Die Russen brauchen es nicht weniger
als die Deutschen.
17.8.03
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VOR
ZWEIUNDVIERZIG JAHREN WURDE DIE BERLINER MAUER ERRICHTET.
Die
Mauer ist bereits 14 Jahre weg. Darüber freut sich auch jetzt
jeder vernünftige Mensch in
Deutschland. Aber auch in
Russland, einst von seinen Machthabern
ähnlich eingemauert.
Allerdings mischt
sich in die Freude der Russen eine Prise
Bitterkeit. Denn die Mauer in Berlin ist abgerissen, doch
andere Mauern bleiben.
Schlimmer noch, an einigen wird
eifrig gebaut. Auch an der Mauer, die
immer näher an Russland rückt. Gemeint ist die Grenze der
Europäischen Union.
Obwohl
die positiven Aspekte der europäischen
Einigung auch den Russen bewusst sind, können sie
manche negative Folge
nicht verdrängen. Darunter die, dass ihr Vaterland, das
weitaus größte europäische Land, draußen bleibt. Gewissermaßen hinter der Mauer.
Daraus
erwachsen Russland politische,
wirtschaftliche und kulturelle Nachteile. Außerdem wird die
Reisefreiheit der Russen dadurch
eingeschränkt. Früher durften sie
nicht frei in der Welt herumreisen, weil die sowjetischen
Machthaber es nicht wollten. Jetzt sieht der Russe seine
Reisefreiheit, die übrigens der Westen für ihn
lauthals einforderte, durch denselben Anwalt der
Reisefreiheit bedroht. Besonders nach der EU- Erweiterung. Denn
gleichzeitig erweitert sich auch der Gültigkeitsbereich des Schengener
Abkommens, das zwar den EU-Bürgern
und auch den Bürgern mehrerer nicht europäischer Staaten
die Wahrnehmung des Menschenrechtes auf Reisefreiheit ungemein
erleichtert, aber einigen anderen, darunter den Russen,
erschwert.
Bereits
jetzt ist für die
Russen die Einreise in die osteuropäischen Staaten, die in die EU
kommen und wo man als russischer Bürger bis vor kurzem ohne große
Formalitäten hin durfte, zu einem Problem geworden.
Zur
Berliner Mauer zurück, erinnern wir uns daran, dass die DDR-
Staatsmacht von der
Mauer die Stabilisierung in ihrer Domäne erhoffte. Zuerst schien es,
die Rechnung wäre aufgegangen. Aber das war
ein Trugschluss. Die DDR- Bevölkerung fegte die Mauer
schließlich weg. Und mit ihr auch den Staat, der vor 42 Jahren
die Mauer errichten ließ.
Das
zeugt davon, dass die Mauern in der modernen Welt zu einer
Belastung werden. Für alle. Auch für jene Mächtigen, die diese
Mauern bauen lassen.
Wollen
wir also hoffen, dass den Mauern aus Beton, die aus Formularen auf
die Müllkippe der Geschichte folgen werden.
Und der Tag kommt, wo die letzte Mauer zwischen Ländern
und Völkern, wie sie auch beschaffen sein mag, verschwindet.
Es
wird ein Tag der ungetrübten Freude sein. Wie der Tag es war , an
dem die Berliner Mauer fiel.
11.8.03
An
einem Standort der
Moskauer Tage in Berlin, in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg,
fand am Wochenende ein Festival der russischen Popmusik statt.
Von
manchen anderen Veranstaltungen hob sich das Festival
erfreulicherweise dadurch
ab, dass es gut besucht war. Das verwinkelte Gelände der
Kulturbrauerei mit ihren vielen Veranstaltungsräumen und Gaststätten wimmelte
von jungen Menschen. Von Berlinern, aber auch von
englisch-, französisch-, spanisch-, holländischsprachigen und
anderen Gästen Berlins. Bis in die tiefe Nacht tanzte, aß und
trank die gutgelaunte und freizügige Jugend. Und
kommunizierte ausgiebig mit den zahlreich anwesenden
Russen. Ohne dies vielleicht unbedingt
zu wollen, lernten so viele bei
von russischen Klängen
begleiteten Gesprächen Russland
und seine Hauptstadt besser kennen, was wohl der Sinn der
Übung ist.
Dagegen
verfehlen einige,
zum Teil auch aufwendige
Konzerte, Theater- und Filmaufführungen,
Kunstausstellungen und andere
Veranstaltungen der Moskauer Tage in Berlin dieses
Ziel. Nicht selten sind sie schlecht besucht. Ob es daran
liegt, dass die groß angelegte Präsentation
der russischen Hauptstadt, aus welchen Gründen auch immer,
in der Urlaubszeit stattfindet.
Oder liegt es daran, dass es den Veranstaltungen oft an Dynamik, Einfällen und Attraktivität fehlt.
Oder sind die
offensichtlichen Mängel der Werbung, besonders in den Medien, die
Ursache. Wie dem auch sei, könnten die Moskauer Tage in Berlin
viel mehr Publikum erreichen. Das Festival der russischen
Popmusik in der Prenzlberger Kulturbrauerei zeigte es.
In
diesem Zusammenhang wird
hier das Management einer privaten deutschen Firma bemängelt, die
nach Meinung von Fachleuten ihre Aufgaben besser meistern könnte.
Die hohen Zuschüsse aus dem öffentlichen Säckel hätte sie
nicht immer effektiv
eingesetzt. Jetzt soll sie sich aus dem Geschäft zurückziehen
wollen, aber die Defizite sind
nicht nachzuholen.
In
Gesprächen mit deutschen Kollegen wird noch ein Manko der Präsentation
erwähnt. Sie verweisen darauf, dass die Vorstellungen der
Deutschen, auch der Berliner, über fremde Länder und ihre
Metropolen nur zu einem Teil, mitunter sogar zu einem geringeren
Teil aus anspruchsvollen Kulturevents bezogen werden. In einer
Konsumgesellschaft großgeworden, wollen sie sehen, was ein
anderes Land produziert. Und zwar nicht nur hinter Vitrinenglas einer Ausstellung.
Zwar
liefert Russland viel,
was für Deutschland, insbesondere Berlin
existenziell notwendig ist. Vor allem
Energieträger. Aber russisches
Erdgas, mit dem die meisten Berliner kochen und ihre Wohnräume
beheizen, so wie auch das für die deutsche Industrie so wichtige russische Erdöl fließen nach Deutschland über die
in der Erde vergrabenen Pipelines. Für den Menschen von
der Straße bleiben sie unsichtbar. In ihren Kaufhäusern aber
finden die Deutschen höchst selten russische
Waren. Im Unterschied zu den Importen aus den USA wie die
zur einheitlichen deutschen Kleidung gewordenen Jeans, die an
jeder Ecke angebotene Coca- Cola oder
Video- und Audio CD-s.
Wo
ist zum Beispiel das russische Kunsthandwerk aus Palech, Chochloma, Gshelj geblieben? – fragen
die Kollegen, insbesondere jene,
die sich an die vielen russischen Waren in der DDR noch
erinnern können. Wo der herrliche russische Kwas, die echten
sibirischen Pelmeni und vieles andere, was auch jenem Deutschen,
der für die anspruchsvolle Kunst oder hochgreifenden Vorträge
wenig zugänglich ist, Kunde von Russland bringen könnte?
Mindestens während der Moskauer Tage in Berlin, wenn schon sonst den russischen Importen die EU -Schranken im Wege
stehen.
Bleibt
zu hoffen, dass sowohl
die positiven, als auch die negativen
Erfahrungen der Präsentation
Moskaus berücksichtigt werden, um den Kultur- und
Informationsaustausch zwischen Deutschland und Russland zu optimieren.
Denn dieser gehört zur Gestaltung eines gemeinsamen
Kulturraumes auf dem Kontinent, einer Voraussetzung des
geeinten Europas, das
von beiden Ländern angestrebt wird.
6.7.03
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Mit
einem open-air- Konzert russischer Musik endete in Potsdam ein Festival, das der in schönen Klängen verkörperten
Verbundenheit Preußens zu
Russland galt. Vor dem Neuen
Palais in Sanssouci
lauschten Tausende Menschen mit Eintrittskarten und ohne (wegen
der hohen Preise) bis in die Nacht hinein
den Werken von Mussorgski, Rimski- Korsakow und Borodin und
genossen das kunstvolle Abschlussfeuerwerk. Viele besuchten davor
die nahegelegene russische Siedlung Alexandrowka, wo übrigens der
Potsdamer Bürgermeister in
einem originalgetreu restaurierten russischen Bauernblockhaus
seine Wohnung genommen hatte.
Kaum
das Potsdamer zu Ende, begann
das nächste russische Festival , diesmal in Berlin, wo die
Wochen Moskaus stattfinden, an denen
der Chef der Moskauer Stadtregierung Juri Luschkow und der
Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit teilnehmen.
So
vergeht in diesem
Sommer in Deutschland kein einziger Tag ohne Präsentationen der
russischen Kunst und Kultur. Ihre Palette ist sehr breit.
Konzerte, Theateraufführungen, Bilder- und Fotoshows , Filme
vermitteln den Deutschen, wie tief in die Geschichte
die in den Jahren der europäischen Zerrissenheit verschütteten
Wurzeln der russisch- deutschen Bindungen in Kultur und Kunst
reichen. Auch die moderne russische Kultur lernt das deutsche
Publikum kennen, die sich unter dem Zeichen der
Experimentierfreudigkeit entwickelt.
Die
zentralen Ereignisse des russischen Kulturjahres in Deutschland
stehen allerdings noch bevor. Dazu gehören
die russischen Veranstaltungen auf der Frankfurter
Buchmesse, zu der in diesem Jahr mehr als hundert russische
Autoren erwartet werden, sowie das Festival der russischen
klassischen Oper im Haus der Deutschen Oper zu Berlin, gestaltet
vom Ensemble des Mariinsker Theaters aus Sankt Petersburg unter
der Leitung des weltberühmten Gergiew und selbstverständlich die
Ausstellung Moskau- Berlin im Gropius- Bau der deutschen Hauptstadt.
------------
Im
Berliner Roten Rathaus fand eine Konferenz über die Rolle der
Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa im Leben der deutschen Hauptstadt statt.
Mehr
als jede andere deutsche Stadt
zieht Berlin die Osteuropäer an. Das hat viele Ursachen,
darunter die Toleranz
gegenüber dem Fremden, deren Wurzel
in die Zeit der ersten
preußischen Könige zurückreichen. Aber eine noch
wichtigere Rolle spielt da jene
Weltoffenheit und Multikulturalität, die das geistige Leben an
der Spree in unserer Zeit, insbesondere nach dem Mauerfall, prägen.
Darüber
sprach in seinem Vortrag der bekannte Berliner Ethnologe Wolfgang
Kaschuba. Professor an der Humboldt Universität zu Berlin, hob er
das noch unzureichend genutzte kreative Potenzial
der Berliner Ausländergemeinden hervor, denen sich immer
mehr junge und
hochgebildete Menschen zugesellen. Die Referenten aus Polen,
Ungarn und Deutschland ergänzten seine Ausführungen.
Allerdings
fiel auf, dass die russische Gemeinde auf der Konferenz etwas
stiefmütterlich behandelt wurde. Ihr extra galt
kein Referat, das ihre Geschichte, Zusammensetzung und die
Rolle im Leben der deutschen Hauptstadt umfassend behandelt hätte. Dabei verfügt sie im
Vergleich mit den anderen über die meisten Voraussetzungen einer
positiven Beeinflussung der wirtschaftlichen und kulturellen
Entwicklung der deutschen Hauptstadt. Sie ist nicht nur zahlenmäßig
stark, sondern hat ein hohes
Bildungsniveau. Unter den nach Berlin
eingewanderten Russen gibt es hervorragende Fachleute, die
ihr Können in der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst bereits im
Herkunftsland unter Beweis stellten.
Auch
in Berlin haben die Russen, wenn wir unter diesem Begriff alle
russischsprachigen Einwanderer
zusammenfassen, viel geleistet. Sie gründeten hier Betriebe,
geben Zeitungen heraus, spielen Theater. Russische Gaststätten,
Diskotheken, Bildergalerien erfreuen sich vieler deutscher
Besucher, nicht nur aus Berlin.
Kurz
und gut hätte ein Referent keinen Mangel an aussagekräftigen Fakten. Erst recht nicht,
wenn er einen Exkurs
in Berlins Kulturgeschichte unternommen hätte, die in den
zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der russischen
Emigration aktiv
mitgeschrieben wurde. Im Jahr der deutsch- russischen
Kulturbegegnungen wäre eine stärkere Erinnerung daran wohl am
Platze.
Es
wäre dennoch total
ungerecht, den Veranstaltern der Konferenz irgendwelche
Russenfeindlichkeit unterstellen zu wollen. Vermutlich
reflektierte die Tagesordnung jene besorgniserregende
Situation, die im Zuge der Osterweiterung der EU einkehrt.
Denn
allen Nachbarn
Deutschlands im Osten eröffnet die EU- Erweiterung
neue Möglichkeiten, einschließlich die
des freien Personenverkehrs und der Migration. Allen außer
Russen, die, wie beim
jüngsten EU-Gipfeltreffen in Sankt Petersburg festgestellt,
mit neuen
Schwierigkeiten konfrontiert werden, wenn sie in den Westen
wollen. Zwar erweitert sich Europa,
wie es in der bürokratischen Vorstellungswelt existiert, ostwärts,
aber Russland und auch andere, Jahrhunderte lang
mit Mittel- und Westeuropa verbundenen slawischen
Nachfolgestaaten der Sowjetunion
bleiben außen vor.
Ein
Manko der europäischen Integration, von dem nicht nur die Ausgeschlossenen betroffen
sind. Die Konferenz
in Berlin gibt Anlass,
wieder einmal darüber nachzudenken.
25.6.03
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